Mein Fahrradweltreise- Blog


Ein Blog über Abenteuer, Reisen und persönliche Erlebnisse. Hier teile ich meine Geschichten, Entdeckungen und Gedanken aus verschiedenen Teilen der Welt und lade dich ein, die Vielfalt des Lebens durch meine Augen zu sehen.




Es kommen ab Tag 196 nur noch Textberichte. Bilder sind nicht zu sehen, da ich gerade eine neue Website nur für mein Radreise-Thema erstelle. Ende  des Jahres zieht dann der Blog auf diese neue Website um. Ich bitte um Verständnis.

Tag 234

Ankunft in Kuala Lumpur bei meinem Warmshowers-Host


Am heutigen Morgen wachte ich wieder früh auf, begleitet vom Vogelgezwitscher rund um meine Bikepacking-Unterkunft. Da ich in meinem Zelt im überdachten Bereich geschlafen hatte und der Ventilator die Zellwand nicht durchdringen konnte, war die Nacht sehr heiß und extrem feucht. Am Morgen war alles noch klamm und teilweise noch nasser als zuvor – die Luftfeuchtigkeit hier ist wirklich enorm.

Nachdem ich mir Instant-Nudeln gemacht und ein paar Nüsse gegessen hatte, packte ich alles wieder zusammen und montierte meine Taschen am Fahrrad. Dann verabschiedete ich mich herzlich und fuhr auf den Highway, der mich Richtung Kuala Lumpur bringen sollte. Da es keine Alternativstraßen gab, fuhr ich 80 km auf dem Highway, der zunehmend befahren und unübersichtlich wurde.

Nach etwa 50 km legte ich meine erste Pause bei einer Tankstelle ein. Endlich konnte ich mich in einem gekühlten Raum kurz erholen, denn die Kombination aus Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit war wirklich drückend – besonders beim Stehen an Ampeln merkt man das deutlich. Während der Fahrt half immerhin der Fahrtwind etwas, aber sobald man stehen bleibt, wird die Hitze gnadenlos.

Später gab es nur noch Express-Highways, auf denen Fahrräder offiziell nicht fahren dürfen. Glücklicherweise führte die Auffahrt direkt zu einem extra Motorradweg, den ich gut für mein Fahrrad nutzen konnte. Die Motorräder selbst benutzten diesen Weg kaum, sodass ich zumindest sicherer vom LKW-Verkehr getrennt unterwegs war.

Um 14:00 Uhr kam ich schließlich bei meinem Warmshowers-Host Chad an. Er lebt in einer umzäunten Wohnanlage, was mich zuerst überraschte. Ich hatte angenommen, dass dies ein Gebiet mit Luxusvillen sei, aber offenbar ist diese Art von Wohnsiedlung hier für die Mittelklasse normal. Sie ist umzäunt, gesichert, schützt vor Straßenhunden, Affen und ungebetenen Besuchern – Kriminalität ist hier generell niedrig.

Ich machte zunächst einen kurzen Abstecher zu einem Supermarkt in der Nähe, besorgte Vorräte für die kommenden Ruhetage und aß etwas Reis mit Ei. Danach kehrte ich zurück zu Chad und seiner Frau. Während Chad das Abendessen vorbereitete, unterhielten wir uns lange über Gott und die Welt. Als seine Frau, eine Lehrerin in der Nähe, nach Hause kam, aßen wir gemeinsam und führten noch intensive Gespräche.

Den Abend ließ ich anschließend in meinem eigenen Gästezimmer ausklingen. Dank der Klimaanlage war der Raum ein wahrer Segen, denn bei 35° tagsüber und 30° nachts mit extrem hoher Luftfeuchtigkeit ist eine kühle Unterkunft wirklich Gold wert.



Tag 233

 
Ein Tag auf den Highways Malaysias – Begegnung mit Naim 
 
 
Heute Morgen startete ich wieder früh auf die Straße. Da es auf diesem Abschnitt keine kleineren Straßen gab, musste ich den ganzen Tag über die Highways fahren. Das war etwas ermüdend, auch wenn ich zum Glück etwas Rückenwind hatte, der die Fahrt erleichterte. 
 
Nach 50 km legte ich meine erste Pause bei einem kleinen Supermarkt ein. Bei 70 km traf ich dann auf einen anderen Radfahrer, der in die gleiche Richtung unterwegs war. Er hieß Naim und war Malaysier. Da ich gerade nach einem Ort suchte, um Mittag zu essen, schlug er vor, im nächsten Dorf gemeinsam etwas zu essen. Wir unterhielten uns nett über meine bisherige Reise und unser Leben im Allgemeinen. Als ich dann bezahlen wollte, sagte er einfach, dass er schon bezahlt habe – eine wirklich nette Geste. 
 
So fuhren wir weiter, immer entlang des Highways. Naim war deutlich schneller unterwegs, da sein leichtes 14-Kilo-Klapprad im Vergleich zu meinem vollgepackten Reiserad leichter war. Wir trafen uns jedoch immer wieder bei Tankstellen, um eine kleine Pause einzulegen. Die Sonne brannte unerbittlich, die Hitze und der Asphalt machten die Fahrt besonders schweißtreibend. 
 
Als ich Naim erzählte, dass ich heute Nacht wahrscheinlich am Strand schlafen würde, riet er mir dringend davon ab. Kurz darauf teilte er mir mit, dass er eine Unterkunft für mich organisiert habe – ein Ort, der speziell für Radfahrer gebaut wurde. Gemeinsam fuhren wir dorthin, und ich konnte mein Zelt in einem überdachten Raum aufstellen, sodass die Moskitos mich in der Nacht nicht quälen würden. 
 
Später kam Naim mit seinem Auto vorbei, brachte mich zum Supermarkt, damit ich Vorräte für den nächsten Tag kaufen konnte, und ging anschließend mit mir Abendessen essen. Auch hier übernahm er wieder die Kosten – seine Gastfreundschaft war einfach unglaublich. 
 
Nach einem langen Tag mit 163 km auf dem Tacho ging ich in mein kleines Baumhaus-Zelt zurück und genoss einen wohlverdienten Schlaf. 



Tag 232

Ein regnerischer Start und weiter nach Süden


Heute Morgen startete ich aus meiner letzten Unterkunft im strömenden Regen. Auf der Veranda befestigte ich meine Fahrradtaschen, musste aber noch etwa eine Stunde warten, da der Regen so stark war. Schließlich zog ich meine Regensachen an und machte mich auf den Weg. Kaum 50 Meter von der Unterkunft entfernt, sah ich drei Affen, die auf einer Stromleitung herumtollten – ein schöner Start in den Tag, trotz des Regens.

Es ging zunächst wieder auf Straßen durch den Dschungel Richtung Küste. Nach etwa zwei Stunden ließ der Regen nach, und ich konnte meinen großen Regencape ausziehen, den ich vorsichtshalber über alles gezogen hatte, um meine guten Regensachen trocken zu halten. Da ich am Morgen nur ein wenig Toastbrot gegessen hatte, stoppte ich beim ersten Seven Eleven Supermarkt und kaufte ein Brötchen und Kekse, um Energie zu tanken.

Auf der Hauptstraße war kein Ausweichen auf kleinere Wege möglich. Die drückende Hitze in Kombination mit der hohen Luftfeuchtigkeit machte mich schnell müde. Nach 50 km legte ich eine Mittagspause ein, aß meine mitgebrachten Vorräte und etwas abends Instant-Nudeln mit Keksen. Anschließend fuhr ich weitere 40 km auf der größeren Straße, bis ich endlich wieder auf kleinere Küstenstraßen ausweichen konnte.

Die großen LKWs und Autos waren oft rücksichtslos und fuhren sehr nah an mir vorbei, was gefährliche Situationen erzeugte. Auf den kleineren Straßen fuhr ich durch endlos lange Palmölplantagen. Die Biodiversität hier ist gering, dennoch leben einige Affen und Vögel darin. Es ist jedoch erschreckend zu sehen, wie hier Regenwälder abgeholzt werden, nur um Platz für Palmölplantagen zu schaffen, das vor allem für den europäischen, insbesondere den deutschen Markt, produziert wird. Zudem fiel mir der viele Müll entlang der Straßen auf.

Die Menschen in den kleinen Dörfern, an denen ich vorbeifuhr, waren sehr nett und grüßten mich häufig. Viele fahren kleine Motorroller, oft mit Beiwagen, auf denen sie Waren transportieren.

Nach 140 km erreichte ich ein Dorf mit einem Schild, das auf einen Homestay hinwies. Am Haus angekommen, kam nur der Sohn der Familie heraus. Da er kein Englisch sprach, verstand er nicht, dass ich eine Übersetzungs-App benutzen wollte, um mich zu verständigen. Kurz wurde er etwas aggressiv, da er sich wahrscheinlich nicht ernst genommen fühlte. Ich beschloss, nicht weiter Zeit zu verlieren, und fuhr in die nächste Kleinstadt, etwa 15 km weiter.

Am Ende hatte ich 160 km auf dem Tacho und kam in einem Hotel an. Ich verhandelte den Preis von 20 € auf 15 € herunter, da ich bei der Hitze und Feuchtigkeit unbedingt eine Klimaanlage für einen guten Schlaf benötigte. Direkt gegenüber vom Hotel aß ich noch sehr lecker, und in einem kleinen Supermarkt kaufte ich Vorräte für den nächsten Tag.

Abends hatte ich einen Telefontermin mit dem Darmstädter Echo, die regelmäßig über meine Reise berichten. Nachdem ich meine Abendroutine erledigt hatte, ging es schließlich ins Bettchen.



Tag 231

Erste Eindrücke in Malaysia


Heute Morgen startete ich früh aus meiner Unterkunft. Ich entschied mich nicht für den schnellsten Grenzübergang, der mich direkt zur nächstgrößeren Stadt gebracht hätte, sondern für einen alternativen Übergang, der mir noch ein Stück Natur in Malaysia ermöglicht. Nach etwa 15 km überquerte ich die Grenze – problemlos, und die Beamten auf beiden Seiten waren freundlich und hilfsbereit.

Nach der Einreise begann das übliche Prozedere: einen Geldautomaten finden, trotz der hohen Gebühren, und in der nächstgrößeren Stadt eine Simkarte besorgen, um überall Internet zu haben. Glücklicherweise hatte ich in Thailand noch Vorräte gekauft, da die Preise in Malaysia deutlich höher sind.

Die Landschaft am Anfang war hügelig, mit Karstfelsen und großen, überfluteten Reisplantagen, die sich links und rechts der Straße entlangzogen. Ich fuhr vor allem auf kleineren Küstenstraßen, fernab der großen Straßen, um die Natur besser genießen zu können.

Nach 80 km legte ich eine Pause in einem klimatisierten Seven Eleven ein und aß mein zweites Lunchpaket, das mir die Gastgeberin aus Thailand gepackt hatte. Die Hitze und Feuchtigkeit waren extrem drückend, und ein starker Seitenwind bremste mich zusätzlich immer wieder. Ich hoffte, dass in den kommenden Tagen der Rückenwind zurückkehren würde.

Entlang der Reisfelder wurden manche Felder von Traktoren mit Planierraupenaufsätzen bearbeitet. Hunderte Reiher – Silberreiher, Kuhreiher, Nachtreiher und einige exotische Arten – suchten dort nach Nahrung. Die Kombination aus Vogelvielfalt, Landwirtschaft und Natur hinterließ einen ersten sehr positiven Eindruck von Malaysia. Dazu winkten mir viele Menschen freundlich zu und feuerten mich an – solche Begegnungen motivieren mich immer sehr und zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht.

Bei einer kleinen Pause kaufte ich mir noch eine kühle Fanta, um den Zuckerverlust durch die Hitze auszugleichen. Ein Einheimischer kam ins Gespräch und zeigte großes Erstaunen über meine Reiseroute. Auch mir erschien manchmal unvorstellbar, welchen langen Weg ich bereits hinter mir hatte – fast schon abstrakt.

Nach etwa 145 km erreichte ich Tanjung Dawai. Hier endete der Straßenweg, und ich hätte nur über einen großen Umweg zur nächsten Brücke den Fluss überqueren können. Glücklicherweise lag bereits ein kleines Boot am Anleger, und ich handelte einen Preis für eine private Bootstour aus. Für etwa 8 € brachte mich der 24-jährige Bootsführer samt Fahrrad sicher auf die andere Seite.

Da es schon dämmerte und die Nacht Regen bringen sollte, wollte ich nicht mein Zelt aufbauen. Zunächst versuchte ich, ein Homestay zu finden – die meisten Unterkünfte waren entweder ausgebucht oder viel zu teuer, wie ein Resort am Strand mit 60 € pro Zimmer, das sich an wohlhabende Touristen richtet.

Schließlich fand ich doch noch ein freies Homestay-Zimmer, und konnte den Preis von 20 € auf 16,50 € herunterhandeln. Für Malaysia ein fairer Preis: Klimaanlage, eigenes Bett und Bad inklusive. Müde nach einem langen Tag ging es dann in mein erstes Bett in Malaysia.



Tag 230

Abschied aus Südthailand und der Übergang zum Islam


Heute Morgen wachte ich vom Vogelgezwitscher der Dschungelatmosphäre auf. Ich packte zügig meine Sachen, zog mich um und machte mich startklar. Während ich die Fahrradtaschen montierte und die Kette frisch schmierte, kam schon die Besitzerin der kleinen Kochstube, die mir am Vortag angeboten hatte, ein Frühstück zuzubereiten. So bekam ich stärkenden Reis mit Gemüse und Ei – genau das, was ich nach den letzten Tagen brauchte.

Eine ältere Dame verpackte mir außerdem mehrere kleine Dschungelbananen, deutlich kleiner als die Bananen, die man in Europa kennt. Überraschenderweise packte die Köchin auch zwei Portionen meines Frühstücks als Wegzehrung ein. Ich unterhielt mich noch kurz mit ihr und verabschiedete mich herzlich. Sie hatte mir kostenlos einen Raum mit Matratze zur Verfügung gestellt, Abendessen, Frühstück und Verpflegung organisiert – einfach unglaublich. Diese herzlichen Begegnungen erinnerten mich sehr an Zentralasien, wo ich Ähnliches erlebt hatte.

Nach diesem berührenden Abschied ging es für mich weiter entlang der Küstenstraße. Anfangs kam ich noch nicht richtig in den Flow, da ein stetiger Gegenwind von der Küste mir entgegenblies – besonders spürbar heute. Also hieß es: Zähne zusammenbeißen und kämpfen. Nach 50 km legte ich meine erste Pause bei einem Seven Eleven Supermarkt ein, gönnte mir einen Softdrink und etwas zu essen.

Kurz darauf entdeckte ich einen wunderschönen Tempel mit einer riesigen Buddha-Statue auf der anderen Straßenseite. Ich hielt sofort an, um mir alles anzuschauen. Die Statue war beeindruckend – mit einem Kranz aus offenen Schlangenmündern um den Kopf, vielen kleineren Statuen und zwei imposanten, reich geschmückten Wachen am Eingang.

Bei Kilometer 85 machte ich Mittagspause. Dank des Frühstückspakets der Gastgeberin musste ich nicht kochen, sondern setzte mich auf eine Bank vor dem Seven Eleven und aß mein Essen in Ruhe. Anschließend ging es über eine größere Straße durch die Stadt Songkhla. Hier nahm der Verkehr wieder zu, die Straßen wurden breiter, und ich sah immer wieder verzierte Tempel. Gleichzeitig tauchten immer mehr Moscheen auf, und viele Frauen trugen Kopftücher. Ich merkte, dass ich mich geographisch dem Übergang vom buddhistischen Süden Thailands hin zu muslimisch geprägten Regionen näherte – ein Vorgeschmack auf Malaysia.

Nach 155 km kam ich schließlich in Sadao an. Nach dem Einchecken in eine kleine Unterkunft machte ich mich auf die Suche nach einem Restaurant, in dem ich wieder stärkenden Reis bekommen konnte. Ich lief zunächst in die falsche Richtung, bis mir ein freundlicher Einheimischer erklärte, dass das gesuchte Restaurant auf der anderen Straßenseite sei. Er bot mir sogar an, mich dorthin zu fahren. Zwei Minuten später saß ich in der Kochstube und konnte mein wohlverdientes Essen genießen.

Zum Abschluss kaufte ich beim Seven Eleven noch ein paar Snacks für morgen früh, da ich nur noch 14 km bis zum Grenzübergang nach Malaysia habe.



Tag 229

 
Erste thailändische Gastfreundschaft am Meer 
 
 
Heute Morgen packte ich meine Sachen, frühstückte noch kurz und verließ die Stadt Sichon. Schon bald führte mich der Weg über kleine Nebenstraßen entlang von Palmölplantagen, dichtem Dschungel und wunderschöner Küstennatur. Je weiter ich nach Süden kam, desto mehr Moscheen sah ich, und viele Frauen trugen Kopftücher. Das zeigte mir, dass der Einfluss des Islams hier immer stärker wird – ein Zeichen, dass ich Malaysia und damit meinem Ziel immer näherkomme. Trotzdem begegnete ich auch noch einigen buddhistischen Tempeln, die sich zwischen den Palmen versteckten. 
 
Auf diesen kleineren Wegen erlebe ich die Natur viel intensiver als auf den großen Highways. Ich sah indische Zwergkormorane, Kuhreiher und sogar einige Paradiesvögel. Immer wieder überquerte ich Brücken, die über Kanäle führen, die ins Meer münden. Von dort oben bot sich ein weiter Blick über Plantagen, Mangobäume und Bananenhaine – ein Anblick, der mich jedes Mal aufs Neue begeistert. 
 
Am Abend zogen dunkle Wolken auf, und ich hatte bereits rund 140 Kilometer hinter mir. Ich begann, nach einem Restaurant zu suchen, um etwas zu essen, doch weit und breit war keins zu finden. Erst nach weiteren zehn Kilometern entdeckte ich schließlich eine kleine offene Kochstube, wie sie hier so typisch ist. Dort bekam ich eine große Portion Reis mit Gemüse und Ei – genau das, was ich nach einem langen Tag brauchte. 
 
Während des Essens kam ich mit den Besitzern ins Gespräch. Zu meiner Überraschung boten sie mir an, bei ihnen zu übernachten. Da für die Nacht Regen angekündigt war, nahm ich dieses Angebot dankbar an – so musste ich mein Zelt nicht wieder im Nassen aufbauen. Die Familie war unglaublich herzlich: Der Sohn räumte sogar sein Zimmer für mich, während er selbst mit seiner Familie gemeinsam in einem anderen Raum schlief. 
 
Das Haus war einfach, aber liebevoll eingerichtet – genau das, was man wirklich braucht. Die Frau des Hauses, 32 Jahre alt und mit ein wenig Englischkenntnissen, zeigte mir später zusammen mit ihrem Bruder den Strand, der nur 100 Meter entfernt lag. Zwar wurden wir dort von unzähligen Moskitos attackiert, doch die Abendstimmung mit dem Blick auf das Meer, das aufleuchtende Gewitter und die Blitze am Horizont war einfach magisch. 
 
Zurück im Haus durfte ich duschen, machte meine Abendroutine und legte mich schließlich auf die Matratze in meinem kleinen eigenen Zimmer. Es war ein einfacher, aber unvergesslicher Abend – meine erste echte Gastfreundschaft in Thailand, und eine Erfahrung, die ich so schnell nicht vergessen werde. 


Tag 228

 
Ein Tag zum Durchatmen am Meer 
 
 
Heute gönnte ich mir nach den anstrengenden letzten Etappen einen wohlverdienten Ruhetag. Ich schlief aus und frühstückte die Instantnudeln, die ich mir am Vortag im Seven Eleven gekauft hatte. Danach kümmerte ich mich zunächst um etwas Praktisches: Ich machte ein Backup meiner Filmaufnahmen vom Kameraequipment – sicher ist sicher. 
 
Als ich gerade damit fertig war, bot mir die Angestellte der Unterkunft an, den Tag in einem anderen Resort derselben Familie zu verbringen, das rund sechs Kilometer entfernt direkt am Strand lag. Dieses Angebot nahm ich natürlich dankend an. Ich schwang mich aufs Fahrrad, machte noch einen kurzen Stopp beim Supermarkt, um etwas zu essen zu besorgen, und fuhr dann zum Resort ans Meer. 
 
Bevor ich mich jedoch ins Wasser stürzte, nahm ich mir die Zeit, mein Fahrrad gründlich zu reinigen – besonders den Antrieb, der durch die letzten regnerischen Tage ziemlich verschmutzt war. Nachdem das erledigt war, ließ ich endlich die Seele baumeln: Ich entspannte am Strand, ging immer wieder schwimmen, aß etwas, telefonierte mit meiner Familie und organisierte über Warmshowers kostenlose Unterkünfte für die nächsten großen Städte. 
 
Es tat unglaublich gut, einfach mal nichts zu müssen und den Tag ohne Zeitdruck zu genießen – nur das Rauschen des Meeres und der Wind in den Palmen. Es ist schon ein seltsames Gefühl zu wissen, dass mein großes Ziel nicht mehr allzu weit entfernt ist. Die letzten Kilometer werden wohl schneller vergehen, als mir lieb ist. 
 
Am Abend ging ich noch in ein kleines Restaurant, in dem auch die Locals aßen – das Essen war günstig und lecker. Auf dem Rückweg vom Supermarkt erwischte mich dann ein Tropensturm, der mich völlig durchnässte. Doch das störte mich kaum, denn der Weg zur Unterkunft war kurz, und drinnen ließ ich den Tag mit einer Dokumentation gemütlich ausklingen. 


Tag 227

Regen, Gegenwind und das ersehnte Meer


Am Morgen wachte ich erholt in meiner Unterkunft auf. Ich packte meine Sachen zügig zusammen, befestigte alle Taschen am Fahrrad und startete in den neuen Tag. Da für heute wieder viel Regen angesagt war, zog ich direkt meine komplette Regenausrüstung an – und das war auch nötig. Schon am frühen Morgen begleitete mich leichter Nieselregen in Kombination mit Gegenwind, der das Vorankommen etwas anstrengender machte.

Die Route führte mich zunächst über kleinere Wege durch die Natur und Palmölplantagen. Dort konnte ich das einfache Leben der Palmölbauern gut beobachten, die mit ihrer Ernte beschäftigt waren und ihrem alltäglichen Rhythmus nachgingen. Immer wieder kam ich auch an prächtigen buddhistischen Tempeln vorbei, die wie farbenfrohe Inseln aus der grünen Landschaft herausragten.

Gegen Mittag erreichte ich die Stadt Surat Thani. Um dem dichten Stadtverkehr zu entgehen, nahm ich eine Umfahrung über den Highway, die mich über mehrere Brücken und Kanäle wieder zurück auf meine südlich verlaufende Route brachte.

Da ich beschlossen hatte, mir bald einen Ruhetag am Meer zu gönnen, um die Strände Thailands noch etwas zu genießen, bevor ich weiter nach Malaysia fahre, bog ich schließlich Richtung Osten ab. Auf dem Weg nach Sichon wartete ein größerer Hügel mit rund 120 Höhenmetern, der mir die letzten Kraftreserven des Tages abverlangte. Am Himmel zogen schon dunkle, beinahe pechschwarze Wolken auf – die den ganzen Tag über gedroht hatten –, doch glücklicherweise blieb ich trocken.

Zum Mittag fand ich diesmal nichts Vegetarisches in den kleinen Straßenrestaurants, also holte ich mir eine Portion Instantnudeln beim Seven Eleven – nicht gerade ein Festmahl, aber ausreichend, um wieder Energie zu tanken. Danach ging es die Abfahrt hinunter in Richtung Küste.

Nach 165 Kilometern erreichte ich schließlich Sichon, eine kleine Stadt direkt am Meer. Ich suchte mir dort die günstigste Unterkunft, die ich finden konnte – 11 Euro pro Nacht – und entschied, zwei Nächte zu bleiben, um einen wohlverdienten Pausentag einzulegen.

Von Bangkok bis hierher bin ich in nur fünf Tagen rund 750 Kilometer gefahren – da darf man sich eine kleine Auszeit am Meer wirklich gönnen.



Tag 226

 
Regen, Reparaturen und ein langer Tag auf der Straße 
 
 
Heute wachte ich im Zelt bei Regen auf. Eigentlich hatte ich gehofft, dass es am Morgen trocken sein würde und erst am Mittag wieder anfängt zu regnen – aber daraus wurde nichts. Also blieb mir nichts anderes übrig, als alles im Zelt zu verpacken, während es draußen weiterregnete. Eine ziemlich ungemütliche Angelegenheit, da ich versuchte, so wenig Nässe wie möglich ins Innere zu bringen. Das Überzelt war ohnehin schon völlig durchnässt, und trotz aller Vorsicht wurde schließlich auch das Hauptzelt feucht. Ich wusste, dass ich beides am Abend unbedingt trocknen müsste. 
 
Nachdem ich im Regen alles abgebaut hatte, blieb ich noch einen kurzen Moment stehen, um den Blick auf den malerischen Strand, an dem ich allein übernachtet hatte, zu genießen. Dann ging es – komplett in Regenkleidung – wieder auf die Straße. 
 
Der Tag begann mit vielen Kilometern auf kleinen Straßen durch Dschungel, Palmölplantagen und wilde Natur. Später, ab der Stadt Chumphon, führte der Weg wieder über größere Straßen. In der Stadt suchte ich zunächst einen Fahrradladen, den ich im Vorfeld recherchiert hatte, da er angeblich ein gutes Sortiment an internationalen Ersatzteilen führen sollte. Doch dort bekam ich eine Absage – kein passendes Tretlager auf Lager. Obwohl mein Tretlager ein universelles Modell ist, hatte er nichts Passendes. Er empfahl mir einen anderen Laden, doch auch dort blieb die Suche erfolglos. 
 
So verlor ich rund anderthalb Stunden mit Warten und Suchen. Etwas enttäuscht setzte ich meine Fahrt fort. Ich hoffe nun, dass mein Tretlager die nächsten Etappen ohne Probleme durchhält. Spätestens in Kuala Lumpur sollte sich eine Lösung finden – bis dahin werde ich einfach in jeder größeren Stadt erneut mein Glück versuchen. Irgendwo wird sicher jemand das passende Teil haben. 
 
Auf meinem weiteren Weg fuhr ich durch viele Palmenplantagen und kam an prächtigen Tempeln vorbei, die mitten im Nirgendwo standen. Plötzlich hielt ein Auto neben mir an, während ich auf einem abgelegenen Weg durch die Plantagen fuhr. Der Fahrer fragte mich, ob ich Proteinkapseln kaufen möchte. Ich lehnte freundlich ab, doch nach kurzem Überlegen drückte er mir trotzdem eine Schachtel in die Hand. Ob ich jemals eine davon nehmen werde, bezweifle ich – schließlich weiß ich weder etwas über die Produktionsbedingungen noch über die Inhaltsstoffe. 
 
Unterwegs sah ich wieder viele Vögel, darunter Braunlieste, Zwergspinte und sogar einige Bienenfresser. Diese Begegnungen erinnerten mich an meine Zeit in meiner Heimatstadt, als ich über drei Jahre lang dort die heimische Vogelwelt filmte und dokumentierte. 
 
Nach einiger Zeit endeten die naturbelassenen Wege, und ich musste zurück auf den Highway. Dort fuhr ich dann den Rest des Tages, um die durch das Warten verlorene Zeit aufzuholen. Nach 140 Kilometern erreichte ich bei einsetzender Dämmerung die kleine Stadt La Mae. 
 
Ich suchte mir eine Pension, die mit 490 Baht zwar die günstigste im Ort war, aber immer noch über meinem Zielbudget lag. Ich versuchte, den Preis herunterzuhandeln, doch die Besitzerin blieb hart. Schließlich bezahlte ich den Betrag – rund 13 Euro – und bekam dafür immerhin ein großes Zimmer im Erdgeschoss, das den Preis am Ende durchaus wert war. 


Tag 225

Zwischen Dschungel, Regen und Meeresrauschen – ein Tag voller Kontraste


Der Tag begann mit einem wunderschönen Sonnenaufgang über dem Meer. Während ich mein Frühstück aß und dabei am Strand entlanglief, beobachtete ich kleine Krebse, die in Windeseile in ihre Löcher flüchteten, sobald ich näherkam. Ein friedlicher Moment, bevor das Abenteuer des Tages begann.

Nachdem ich mein Zelt und die gesamte Ausrüstung wieder ordentlich zusammengepackt hatte, machte ich mich auf den Weg. Zunächst führte die Strecke noch einige Kilometer über den Highway, doch nach rund 30 Kilometern bog ich – wie zuvor auf Komoot geplant – auf kleinere Wege durch den Dschungel ab.

Dort eröffnete sich mir eine beeindruckende Vogelvielfalt: Ich sah Braunlieste (Verwandte der Eisvögel), bunte Pirole, verschiedene Reiherarten wie den Kuhreiher und kleine, farbenprächtige Zwergspinte, die zu den Bienenfressern gehören. Immer wieder fuhr ich durch Palmen- und Palmölplantagen, in denen Landwirte auf Rollern mit extrem langen Bambusstangen und befestigten Macheten vorbeizogen, um Kokosnüsse zu ernten.

Ein besonders skurriler Anblick war ein Affe auf dem Beiwagen eines Motorrads. Zunächst wusste ich nicht, was das zu bedeuten hatte – bis ich wenig später mehrere Affen an Leinen sah, die für die Landwirte die Palmen hochkletterten, um die Kokosnüsse zu lösen und herunterzuwerfen. Einerseits war es faszinierend, diese Szene zu beobachten, andererseits auch traurig, da die Tiere in der großen Hitze hart arbeiten müssen.

Nach etwa 50 Kilometern wurde das Gelände zunehmend hügeliger, was mir spürbar Energie raubte – vor allem bei der extremen Hitze und hohen Luftfeuchtigkeit. Nach rund 100 Kilometern hielt ich an einem kleinen Kiosk neben der Straße, um mir einen Softdrink zu gönnen und kurz auszuruhen. Kaum hatte ich mich gesetzt, begann es – zunächst leicht, dann heftig – zu regnen. Ich hatte wirklich Glück, genau im richtigen Moment eine Pause eingelegt zu haben.

Nach etwa 45 Minuten ließ der Regen nur minimal nach, also fuhr ich weiter – und wurde prompt komplett durchnässt. Bis auf die Knochen nass, suchte ich schließlich einen Schlafplatz an einem wunderschönen, einsamen Strand. Auch wenn der Regen die Stimmung etwas trübte, war der Ort an sich traumhaft. Ich stellte mein Zelt so schnell wie möglich auf, bevor der nächste Schauer kam, und nutzte eine kurze Regenpause, um den gesamten Strand entlangzugehen, Muscheln zu sammeln und die Abenddämmerung zu genießen.

Später im Zelt zog ich das Regencape über, damit es trocken blieb – was es im Inneren allerdings deutlich heißer machte. Da in der Nacht weiterer Regen angekündigt war, blieb mir jedoch keine andere Wahl. So lag ich schließlich, eingehüllt in warme, feuchte Luft, und ließ mich vom Rauschen des Meeres in den Schlaf wiegen.



Tag 224

Von der Panne zum Paradies – ein Tag zwischen Highway und Meeresrauschen


Heute wurde ich früh von bellenden Hunden aus dem Nachbarhaus geweckt. Also stand ich auf, trat aus meinem Zelt und wurde direkt mit einem atemberaubenden Sonnenaufgang über dem Meer belohnt – ein perfekter Start in den Tag. Ich aß mein Frühstück, das ich mir am Vortag schon im 7-Eleven gekauft hatte, packte mein Zelt und die gesamte Ausrüstung wieder ordentlich zusammen und machte mich auf den Weg zurück auf die Straße.

Die ersten Kilometer verliefen ruhig, bis nach etwa 45 Kilometern plötzlich die Kette nicht mehr rund lief. Beim genaueren Hinsehen bemerkte ich, dass eines meiner Schaltröllchen – das kleine Zahnrad, das die Kette spannt – nahezu kaputt war. Es hatte sich gelöst, und im Inneren des Lagers konnte ich die kleinen Kugeln sehen – völlig trocken, ohne Fett.

Ich suchte direkt auf der Karte nach einem Fahrradladen und fand einen etwa 15 Kilometer entfernt. Um dorthin zu kommen, gab ich etwas Kettenöl ins Lager, damit es wenigstens provisorisch weiterlaufen konnte. Zum Glück funktionierte das – und ich erreichte den kleinen Fahrradladen ohne größere Probleme.

Dort schauten wir uns das defekte Teil gemeinsam an. Das Lager war komplett hinüber. Doch der Mechaniker hatte zufällig ein Ersatz-Schaltröllchen, wenn auch von deutlich schlechterer Qualität. Es war die einzige Option, also bauten wir es ein – in der Hoffnung, dass es mich noch bis Singapur bringt.

Nach der erfolgreichen Reparatur fuhr ich wieder auf den Highway, um mein heutiges Ziel – einen besonderen Strand – rechtzeitig zu erreichen. Die kleinen Küstenstraßen wären zwar schöner gewesen, hätten aber zu viele Kilometer bedeutet. Also entschied ich mich für die schnellere, aber lautere Variante.

Mittags hielt ich an einem kleinen Straßenrestaurant direkt am Highway, um zu essen. Die Umgebung war wenig spannend – viele kleine Ortschaften, Lastwagen, Verkehr und Hitze. Heute war es extrem warm, und ich musste regelmäßig bei 7-Eleven Supermärkten Wasser nachkaufen, da ich unglaublich viel schwitzte.

Nach rund 150 Kilometern erreichte ich endlich den Hat Wanakorn Nationalpark. Ich wollte dort übernachten und direkt am Strand zelten. Kurz vor dem Park suchte ich noch etwas zu essen, fand aber lange kein Restaurant. Erst 200 Meter vor der Parkabzweigung entdeckte ich eine kleine Garküche direkt am Highway. Zwei freundliche Frauen kochten mir dort für gerade einmal 20 Baht ein einfaches, aber köstliches Gericht – Reis mit etwas Sauce und Tofu.

Gestärkt fuhr ich weiter in den Nationalpark (Eintritt 100 Baht) und kam schließlich am traumhaften Strand an. Ich baute mein Zelt auf, zog meine Badehose an und sprang sofort in die Wellen. Das Wasser war angenehm und die Atmosphäre einfach magisch – dieser Schlafplatz war einer meiner schönsten seit Langem.

Ich genoss den Sonnenuntergang im Meer, setzte mich danach im Dunkeln an den Strand und machte wie immer meine Abendroutine: etwas dehnen, Salben auftragen, ein paar Nüsse essen und dabei meine Kurzvideos schneiden sowie diesen Tagebucheintrag schreiben.

Ein Tag, der mit einer Panne begann – und mit purem Glück am Meer endete.



Tag 223

 
Vom Großstadtdschungel ans Meer – mein erster Radtag nach Bangkok 
 
 
Heute Morgen begann der Tag wieder mit meiner gewohnten Fahrradroutine. Ich stand früh auf, kaufte mir im 7-Eleven Supermarkt noch schnell Reisnudeln und Nüsse und machte mir daraus mein einfaches, aber sättigendes Frühstück. Danach packte ich mein Fahrrad, befestigte alle Taschen, verabschiedete mich vom freundlichen Homestay-Betreiber und machte mich auf den Weg – raus aus dem Großstadtdschungel von Bangkok. 
 
Die ersten Kilometer waren noch von viel Verkehr, hupenden Autos und großen Straßen geprägt. Doch je weiter ich aus der Stadt hinausfuhr, desto ruhiger wurde es. Nach einiger Zeit kam ich immer näher an den Golf von Thailand, also das Meer südlich von Bangkok. 
 
Als ich schließlich von der Hauptstraße abbog, führte mich der Weg über kleine, ländliche Straßen, die von unzähligen überschwemmten Feldern gesäumt waren. Ich war mir nicht ganz sicher, ob dort Fische gezüchtet wurden oder ob diese künstlich überfluteten Parzellen einer bestimmten Art von Landwirtschaft dienten – aber der Anblick war faszinierend. 
 
Nach rund 100 Kilometern machte ich meine Mittagspause, genau dort, wo ich zum ersten Mal das Meer in Sichtweite hatte. Es gab – wie so oft – Reis mit Ei und Gemüse, aber diesmal besonders frisch und lecker. Gestärkt fuhr ich weiter entlang der Küste. Das Meer sah ich nur hin und wieder, wenn ich direkt auf das Wasser zufuhr, da meist eine dichte Baumreihe den Blick versperrte. 
 
Ein Highlight des Tages war ein neuer Fahrradweg, der mich die letzten 30 Kilometer begleitete. Auf einem kurzen Zwischenstopp bei einem kleinen Straßenkiosk holte ich mir noch einen Softdrink, bevor ich weiterfuhr. Kurz darauf sah ich plötzlich einen großen Varan direkt vor mir auf dem Radweg! Er erschrak und flüchtete schnell ins Gebüsch – ein kurzer, aber intensiver Moment, der mir wieder zeigte, wie abenteuerlich und lebendig Radreisen durch Thailand sein kann. 
 
Auch die Vogelvielfalt in dieser Region war beeindruckend: Überall sah ich Stelzenläufer, Reiher und Limikolen, die in den überschwemmten Feldern nach Nahrung suchten. 
 
Nach 160 Kilometern erreichte ich schließlich wieder einen 7-Eleven Supermarkt, neben dem sich einige kleine Essensstände befanden. Ich bestellte mein typisches, warmes Reisgericht und kaufte gleichzeitig schon mein Frühstück für den nächsten Tag – perfekt getaktet. 
 
Gegen 17:15 Uhr machte ich mich auf die letzten zwei Kilometer zum Strand. Dort wollte ich auf einem Campingplatz direkt am Meer übernachten. Der Wärter sagte mir allerdings, der Platz sei geschlossen. Das konnte ich kaum glauben – also nickte ich erst, ging aber anschließend am Strand entlang, bis ich sah, dass dort sehr wohl andere Camper waren. Also stellte ich mein Zelt unauffällig am Rand der Wiese auf, um niemanden zu stören. 
 
Nachdem alles aufgebaut war, zog ich mich um, schlüpfte in meine Badehose und sprang ins Meer. Das Wasser war angenehm mild, die Sonne ging gerade unter – ein perfekter Moment der Ruhe nach einem langen Radtag. 
 
Später begann meine gewohnte Abendroutine: Salben auftragen, Supplements nehmen und mit der Blackroll meine Beine und den Rücken lockern. In der Dunkelheit setzte ich mich mit meinem Campingstuhl direkt ans Meer, bearbeitete meine Reels der letzten Tage und holte meine Tagebucheinträge nach, die ich in Bangkok aus Zeitmangel ausgelassen hatte. Das dauerte zwar eine Weile, war mir aber wichtig. 
 
Gegen 22:00 Uhr kroch ich schließlich erschöpft, aber zufrieden in mein Zelt – das sanfte Rauschen der Wellen im Hintergrund, mein beruhigender Soundtrack zum Einschlafen. 


Tag 222

 
Natur, Märkte und magische Tempel – mein letzter Tag in Bangkok 
 
 
Heute Morgen stand ich wieder früh auf und machte mich mit einem Grab-Roller-Taxi auf den Weg nach Bang Kachao – einer grünen Insel im Südosten Bangkoks. Sie gilt als die „grüne Lunge“ der Stadt: echter Dschungel mitten zwischen den unzähligen Hochhäusern und dem endlosen Asphaltmeer der Metropole. 
 
Nachdem ich mit dem Roller angekommen war, setzte ich mit einer kleinen Fähre über den Fluss und stand plötzlich mitten in der Natur. Ich lieh mir ein Fahrrad aus und begann, die schmalen, wunderschönen Wege durch die Mangrovenwälder und Dschungelpfade zu erkunden. Überall hörte ich Vögel, Insekten und sogar Affen – sehen konnte ich sie kaum, da sich die Tiere in dem dichten Grün natürlich lieber verstecken. 
 
Im nördlichen Teil der Insel fuhr ich durch einen Mangrovenwald und anschließend durch einen zentralen Park, in dem mehr Menschen unterwegs waren. Dort gab es Infotafeln zur Tierwelt und befestigte Wege, die zu einem kleinen Birdwatch-Turm führten. Danach ging es weiter zum Bang Nam Phueng Floating Market. 
 
Dort herrschte das typische Marktchaos – Streetfood, Souvenirs, Kleidung, Gewürze und „Markenartikel“, die wohl eher „Copy from Copy“ waren. Die Atmosphäre war lebendig, laut und bunt – ein bisschen wie auf einem türkischen Basar, nur eben thailändisch. Ich schlenderte durch die engen Gassen, probierte mich durch das Streetfood-Angebot und ließ mich einfach treiben. Nach einem leckeren Mittagessen in einem Restaurant gegenüber fuhr ich wieder mit dem Fahrrad zurück zum Fähranleger, gab mein Rad ab und setzte über den Fluss. 
 
Mit einem weiteren Roller-Taxi machte ich mich auf den Weg zu meinem nächsten Ziel: dem Chatuchak Weekend Market, dem größten Markt in ganz Südostasien. Dort verliert man wirklich schnell die Orientierung – tausende Stände, enge Gänge, kaum Ausschilderung. Zwischen viel Ramsch entdeckte ich aber auch einige schöne Handwerksstände. Natürlich gab es auch hier wieder unzählige Streetfood-Stände mit exotischen Früchten, Getränken und Speisen – Mango in allen Variationen war besonders präsent. 
 
Nach einiger Zeit wurde mir das Gewusel zu viel. Ich gönnte mir noch einen kleinen Snack und fuhr mit dem Roller zurück zu meiner Unterkunft. Dort reinigte ich mein Fahrrad, das immer noch voller Schlamm aus Laos war, und setzte mich anschließend an meinen Blog, um die letzten zehn Tage zu aktualisieren. Gegen 16:50 Uhr war ich endlich fertig. 
 
Danach nahm ich erneut einen Roller – diesmal für umgerechnet nur 50 Cent – und ließ mich zum Fähranleger bringen, der mich auf die andere Seite des Flusses zum Wat Arun Tempel brachte. Ich kam genau zur goldenen Stunde an, als die Sonne langsam unterging und der Tempel in warmes Licht getaucht wurde. Diese Stimmung war einfach magisch. 
 
Zufällig sprach mich dort eine Backpackerin aus Belgien an, und wir verstanden uns sofort gut. Gemeinsam schlenderten wir durch die Tempelanlage, bestaunten die Architektur und ließen die Atmosphäre auf uns wirken. Anschließend gingen wir zusammen in der Stadt etwas essen – traditionelles Pad Thai, in meinem Fall die vegetarische Variante mit Tofu und Ei. 
 
Beim Bezahlen versuchte man mich dann allerdings zu scammen. Der Preis auf der Rechnung war deutlich höher als angegeben. Als ich einen Zahlungsbeleg verlangte, wurde der Betrag plötzlich um 80 Baht reduziert – der echte Preis. Leider passiert so etwas immer wieder, und viele Touristen merken es gar nicht. Ich habe jedoch ein gutes Gespür für Menschen und Geld, und so fiel mir der Trick schnell auf. 
 
Da ich bereits müde war und noch meine Backups von den Hauptkameras machen wollte, verabschiedete ich mich von der Belgierin und fuhr zurück in meine kleine Unterkunft. Das Zimmer war winzig, ohne Klimaanlage, nur mit einem Ventilator – aber für eine Nacht völlig ausreichend. Ich beantwortete noch ein paar E-Mails, machte meine Datensicherungen und packte meine Sachen für den nächsten Tag, an dem es endlich wieder mit dem Fahrrad weitergeht. Zum Abschluss gönnte ich mir noch einen kleinen Filmabend, bevor ich erschöpft, aber zufrieden einschlief. 


Tag 221

 
Ein ereignisreicher Tag zwischen Wasserwegen, Waranen und Wolkenkratzern 
 
 
Heute Morgen ging es für mich früh aus der Unterkunft, da ich mir am Vortag noch eine Bootstour über die Kanäle Bangkoks gebucht hatte. Am Chao-Phraya-Fluss startete die Fahrt mit einem typischen Longtail-Boot, das sich gemächlich durch die Kanäle schlängelte. Immer wieder konnte ich Varane beobachten – mal schwammen sie durchs Wasser, mal lagen sie reglos auf den Steinen in der Sonne. Es fasziniert mich jedes Mal aufs Neue, diese beeindruckenden Tiere hier so häufig in freier Wildbahn zu sehen. 
 
Während der Fahrt kam ich mit zwei Norwegerinnen ins Gespräch. Wir unterhielten uns lange und tauschten Reisegeschichten aus – solche zufälligen Begegnungen mit interessanten Menschen liebe ich besonders auf meiner Reise. 
 
Ein besonderes Highlight der Bootstour war die Passage an der Wat Paknam Phasi Charoen Buddha-Statue vorbei, die stolze 69 Meter hoch ist. Diese gigantische Figur wirkte in der Morgensonne geradezu ehrfurchtgebietend. Auf dem Rückweg kamen wir noch an einem Floating Market vorbei, der so schön und lebendig war, dass ich mir dort auch ein paar kleine Souvenirs kaufte. Die rund 30 Euro für die Tour waren in meinen Augen bestens investiert. 
 
Nach einem kleinen Mittagessen machte ich mich auf den Weg in den Lumphini Park, eine grüne Oase mitten in der Stadt. Ich wusste bereits, dass es dort Varane gibt, doch dass sie überall im Park zu sehen sind – im Wasser, auf den Wegen oder zwischen den Grünflächen – hätte ich nicht erwartet. Eine Szene fesselte mich besonders: Ein Varan fraß an einer toten Schildkröte, als plötzlich ein deutlich größerer Artgenosse auftauchte und ihm die Beute streitig machte. Der Große, rund zwei Meter lang, jagte den kleineren immer wieder ins Wasser. Dabei sah ich, wie schnell diese sonst träge wirkenden Tiere werden können, wenn es ums Fressen geht. 
 
Ich beobachtete das Geschehen fast anderthalb Stunden lang und versuchte, mit meinem Weitwinkelobjektiv trotz fehlendem Teleobjektiv ein paar gute Aufnahmen zu machen – was mir mit Geduld und etwas Glück schließlich gelang. Die Tiere im Park waren an Menschen gewöhnt und zeigten kaum Scheu, was mir ermöglichte, einzigartige Bilder zu schießen. Diese Begegnung werde ich so schnell nicht vergessen. 
 
Am Nachmittag fuhr ich mit einem Rollertaxi quer durch die Stadt zum Fahrradladen Bikezone, der im Nordosten Bangkoks liegt. Ich hatte zuvor telefonisch geklärt, dass sie Ersatzlager für meine Pedale vorrätig hatten, die nach rund 18.000 Kilometern angefangen hatten zu quietschen und zu knacken. Die Mechaniker wechselten die Lager sofort mit einem speziellen Crankbrothers-Set, das man sonst kaum findet – ein echter Glücksfall für mich. 
 
Pünktlich zum Sonnenuntergang machte ich mich anschließend auf den Weg zum Baiyoke Observation Deck. Der Eintritt kostete 450 Baht, was für die spektakuläre Aussicht im 84. Stockwerk mehr als fair war. Oben befand sich eine sich drehende Aussichtsplattform, von der aus man die unendliche Skyline Bangkoks und den dichten Straßenverkehr aus der Vogelperspektive bewundern konnte. Vor allem bei Nacht wirkte das Lichtermeer der Stadt magisch – als würde man auf eine Miniaturwelt hinabblicken. 
 
Im Ticket war zusätzlich wahlweise ein Getränk oder eine Massage enthalten. Da ich heute wieder viele Kilometer zu Fuß zurückgelegt hatte, entschied ich mich für eine Fußmassage, die meinen müden Beinen sichtlich guttat. 
 
Zum Abschluss des Tages spazierte ich noch einmal durch Chinatown – diesmal bei Dunkelheit. Während der Stadtteil am Vortag bei Tageslicht schon lebendig wirkte, entfaltete er nun erst seinen wahren Charme: Überall leuchteten chinesische Neonschilder, die Straßen waren voller Menschen, und aus jeder Ecke duftete es nach Streetfood. Ich setzte mich in ein kleines Straßenrestaurant, genoss mein Essen und beobachtete das geschäftige Treiben um mich herum. 
 
So endete ein abwechslungsreicher und ereignisreicher Tag in Bangkok – voller faszinierender Eindrücke, spannender Begegnungen und unvergesslicher Momente. 


Tag 220

 
Erster Pausentag in Bangkok 
 
 
Am heutigen ersten Pausentag in Bangkok machte ich mich auf den Weg, um einige der bekanntesten Tempelanlagen der Stadt zu besichtigen. 
 
Zuerst besuchte ich den Grand Palace. Schon beim Eintritt wunderte ich mich, warum ich dort kostenlos hineinkam, denn normalerweise ist dies die teuerste Tempelanlage Bangkoks. Schnell fand ich heraus, dass heute ein Nationalfeiertag war – an diesem Tag vor vielen Jahrzehnten war ein König gestorben. Zu Ehren dieses Gedenktages war der Eintritt frei, was natürlich ein schöner Zufall war. 
 
Anschließend ging es weiter zur Wat Pho Tempelanlage, die mich noch deutlich mehr beeindruckte als der Grand Palace. Überall standen kunstvoll verzierte Türme, kleine Tempel, unzählige Buddha-Statuen und im Zentrum der berühmte riesige liegende Buddha. Es gab so viel zu sehen, dass ich anfangs gar nicht wusste, wo ich zuerst hingehen sollte. 
 
Nach diesen beiden Tempelanlagen hatte ich noch nicht genug und nahm mir nach einem leckeren Mittagessen an einer kleinen Straßenküche ein Grab-Rollertaxi zum Wat Traimit Witthayaram Worawihan Tempel. Dieser Tempel liegt auf einem kleinen Hügel, den man zu Fuß erklimmen muss. Beim Aufstieg kam ich an vielen Gebetsglocken vorbei, die leise im Wind klangen, und oben angekommen bot sich mir eine tolle Aussicht auf die Skyline von Bangkok. 
 
Danach schlenderte ich am helllichten Tag durch Chinatown. Dort herrschte ein unglaubliches Treiben – tausende kleine Stände, Garküchen und Geschäfte reihten sich dicht an dicht. Ich ließ mich einfach treiben und genoss die Atmosphäre. 
 
Nach einem längeren Marsch kehrte ich wieder in die Gegend des Grand Palace zurück, wo ich an einer Free Walking Tour teilnahm, die ich bereits am Vorabend gebucht hatte. Der Guide erzählte spannende geschichtliche Hintergründe zu den Orten, die ich bereits gesehen hatte, und führte uns zudem über den berühmten Blumenmarkt, auf dem es vor allem unzählige Orchideen in allen Farben gab. Nach rund zwei Stunden endete die Tour – meine Füße schmerzten inzwischen, denn ich war bereits über 20.000 Schritte gelaufen. 
 
Da ich mir für den Abend jedoch noch unbedingt eine traditionelle Thai-Massage vorgenommen hatte, lief ich trotz der Schmerzen noch dorthin. Die Massage war unglaublich wohltuend und half meinem Körper, sich nach den letzten Wochen und den vielen Kilometern endlich einmal richtig zu regenerieren. 
 
Zum Abschluss des Tages ließ ich mir noch die Haare schneiden und den Bart stutzen. Leider schnitt der Friseur die Haare für meinen Geschmack etwas zu kurz und den Bart fast gar nicht, was bei einem stolzen Preis von rund acht Euro etwas enttäuschend war. 
 
Mit schmerzenden Füßen, aber vielen neuen Eindrücken, lief ich anschließend durch die belebten Straßen Bangkoks zurück zu meiner Unterkunft. Dort ließ ich den ereignisreichen Tag mit einem kleinen Filmabend ausklingen. 


Tag 219

Ankunft in Bangkok


Der heutige Tag begann wie die letzten Tage: Ich packte meine Sachen und verließ das tolle Apartment der letzten Nacht. Dann ging es wieder auf den Highway Richtung Bangkok.

Nach 20 km entdeckte ich direkt neben der Straße zwei große Buddha-Statuen. Die goldene Statue war wahrscheinlich Buddha selbst, die silberne Statue daneben ein treuer Mönch. Dieses beeindruckende Bauwerk faszinierte mich sehr und ließ meine Vorfreude auf Bangkok steigen – dort müsste ja noch viel mehr zu sehen sein. Ich nutzte die Gelegenheit, ein paar Szenen mit meiner Hauptkamera für meine Doku einzufangen. Danach packte ich alles wieder ein und fuhr weiter.

Auf weiteren Kilometern durch ein Waldgebiet sah ich plötzlich Schilder, dass hier Elefanten die Straße kreuzen könnten. Auch wenn ich keinen der Elefanten zu Gesicht bekam, freute es mich zu wissen, dass sie hier irgendwo im Dickicht leben.

Nach 50 km machte ich eine Pause bei einem 7-Eleven und stärkte mich. Kaum wieder unterwegs, hörte ich im Straßengraben ein Rascheln und Knacken. Ich schaute zurück – und traute meinen Augen kaum: Vor mir stand ein riesiger Varan. Von der Schwanzspitze bis zum Kopf war die Echse etwa 2 m lang. Obwohl sie sehr eingeschüchtert war und sich schnell im Dickicht versteckte, blieb mir das Bild fest im Kopf. Vor Ort recherchiert, kam ich zu dem Ergebnis, dass es sich höchstwahrscheinlich um einen indischen Varan handelte. Dieses Erlebnis werde ich so schnell nicht vergessen.

Nach 80 km legte ich wieder Mittagspause ein. Ich aß stärkenden Reis an einem Ort direkt neben der Straße, der eine Art Trucker-Buffet war.

Je näher ich Bangkok kam, desto mehr LKWs waren unterwegs, und der Verkehr wurde immer chaotischer. Im Stadtkern angekommen, herrschte ein wildes Durcheinander aus Rollern und Autos auf den zu engen Straßen. Die Ampeln waren oft 5 Minuten rot, was zusätzlich nervte, da ich zu diesem Zeitpunkt bereits über 150 km auf der Uhr hatte.

Um den Stau zu umgehen, nutzte ich die Lücken zwischen den Autos wie die einheimischen Rollerfahrer. Das war teilweise sehr gefährlich und hätte eine falsche Reaktion fatal enden lassen können. Doch wer den Verkehr kennt und vorsichtig fährt, kommt auch gut durch.

Nach einer halben Ewigkeit mit Staus, langen Ampelphasen und waghalsigen Manövern erreichte ich endlich meine einfache Unterkunft. Mein Zimmer war klein, aber ausreichend und hatte einen fairen Preis. Direkt danach ging ich in eine der vielen Gassen, holte mir etwas zu essen, machte kurz Einkäufe und kehrte dann zurück, um meine typische Abendroutine zu erledigen. Müde fiel ich danach ins Bett.



Tag 218

 
Ein weiterer langer Tag auf thailändischen Straßen 
 
 
Der heutige Tag verlief ähnlich wie der gestrige. Ich stand früh auf, frühstückte ein kleines bisschen, packte meine Sachen und machte mich auf den Weg. Nach 50 km legte ich meine erste kleine Pause ein und trank eine Fanta, um meinen Blutzuckerspiegel wieder zu stabilisieren. Anschließend fuhr ich weitere 40 km und machte Mittagspause in einem kleinen Restaurant am Highway. Im Schatten konnte ich mich kurz abkühlen und etwas entspannen, bevor ich wieder auf das Fahrrad stieg. 
 
Die Landschaft war beeindruckend: weite, grüne Felder, manchmal Palmen und Bananenstauden, dazwischen kleine Dörfer. Da in Thailand Linksverkehr herrscht, fuhr ich auf dem linken Seitenstreifen. Die Straßen waren stark befahren – viele Pick-ups sind tiefergelegt und rasen oft mit überhöhter Geschwindigkeit vorbei. Auf den Fahrzeugen sitzen oft Menschen, die komplett ungesichert unterwegs sind. Besonders in den ländlichen Regionen ist dies oft die einzige Möglichkeit für die Menschen, in größere Städte zu kommen, Handel zu betreiben oder mobil zu sein. 
 
Zwischendurch hielt ein Motorradfahrer an, um ein Foto mit mir zu machen. Er war sehr stolz, mich getroffen zu haben. Nach einer netten Verabschiedung setzten wir beide unsere Fahrt fort. 
 
Nach 130 km machte ich meinen letzten Stopp bei einem 7-Eleven. Dort telefonierte ich mit einem Händler für Crankbrothers Fahrradpedale in Bangkok, um Ersatzteile für die Lager meiner Pedale zu besorgen. Normalerweise hätten die Pedale noch bis Singapur gehalten, doch die lange, schlammige Strecke in Laos mit tiefen Wasserlöchern hatte den Lagern stark zugesetzt. Wahrscheinlich sind Schlamm, kleine Steine und Wasser in die Lager gelangt und haben das restliche Fett weiter gelöst. Zum Glück konnte ich den Händler erreichen: Wenn ich in Bangkok bin, kann ich die Spezialteile für die Pedale problemlos austauschen lassen. Für die Zukunft plane ich definitiv, Ersatz mitzuführen. 
 
Anschließend fuhr ich noch 30 km bis zu einer kleinen Unterkunft, die mit zehn Euro wirklich top war: ein großes Schlafzimmer mit einem zweiten Bett, ein geräumiger Eingangsbereich, eine schimmelfreie Dusche und mehr als ausreichend Platz für meine Taschen. 
 
Am Abend ging ich noch auf den Markt, nur wenige hundert Meter entfernt, um etwas zu essen. Dabei konnte ich das geschäftige Treiben der Marktstände bei der Abenddämmerung beobachten – ein schöner, entspannter Abschluss für diesen langen Tag. Danach ging ich früh ins Bett, um für die letzte Etappe nach Bangkok genügend Energie zu haben. 


Tag 217

Ein langer Tag auf dem Highway – Routine, Sonne und ein unschönes Erlebnis


Heute Morgen ging es wieder früh aus meiner Unterkunft, um möglichst viel Strecke auf dem Highway zurückzulegen. Der Tag begann recht unspektakulär. Kilometer für Kilometer fuhr ich durch die flache, grüne Landschaft, die nur von kleinen Hügeln unterbrochen wurde. Immer wieder musste ich aufmerksam bleiben, wenn Pick-ups oder LKWs dicht an mir vorbeirauschten.

Nach rund 50 Kilometern legte ich meinen ersten Stopp bei einem 7-Eleven ein – dort findet man in Thailand meist die beste Auswahl an Lebensmitteln für unterwegs. Anschließend ging es weiter auf der Hauptstraße. Ich passierte immer wieder verzierte Eingangstore zu Dörfern, kleine buddhistische Tempel und ruhige Siedlungen entlang der Strecke.

Da die Landschaft recht gleich blieb und es kaum Abwechslung gab, hörte ich nach meiner Mittagspause – natürlich wieder mit Reis, Gemüse und Ei – beim Fahren etwas Musik. Später wechselte ich auf Podcasts, weil mich Musik nach einiger Zeit eher stört. Die Sonne brannte mittags stark, aber ich bin die Hitze hier mittlerweile gewöhnt. Mit dem Ende der Regenzeit nimmt in Zentral-Thailand auch die Luftfeuchtigkeit spürbar ab – sie ist noch da, aber nicht mehr so erdrückend wie zuvor.

Nach einem letzten kleinen Stopp bei Kilometer 130 führte mich der Weg über einige ländliche Nebenstraßen in Richtung der nächsten Stadt, in der ich übernachten wollte. Auf dem Weg hielt plötzlich ein Thailänder auf einem Motorrad mit Beiwagen neben mir an und signalisierte, dass ich stehen bleiben solle. Da mich viele Menschen auf meiner Reise schon freundlich angesprochen oder um Fotos gebeten hatten, hielt ich an – in Erwartung eines kurzen, netten Gesprächs.

Doch schnell merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Der Mann schien irritiert von meinem Radoutfit und meiner Erscheinung. Als er mir dann an den Arm fasste und kurz darauf an die Stelle meiner Radhose griff, wo sich mein Genitalbereich befindet, war der Moment für mich sofort unangenehm. Beim ersten Mal dachte ich noch, es sei ein Versehen – doch als er dieselbe Bewegung wiederholte, wurde mir klar, dass es keines war. Ich wies ihn deutlich ab und machte klar, dass ich das nicht möchte, und fuhr weiter.

Erst als ich wieder auf dem Rad saß, wurde mir bewusst, wie verstörend und übergriffig diese Situation gewesen war. Es war das erste Mal auf meiner gesamten Reise, dass ich sexuell belästigt wurde – eine Erfahrung, die mich wirklich traf. Ich hätte ihn im Nachhinein am liebsten laut angeschrien, um klarzumachen, dass so etwas nicht akzeptabel ist. Doch in dem Moment reagierte ich zurückhaltend – vielleicht auch, weil ich nicht wusste, wie er reagieren würde oder ob er Waffen oder Werkzeuge dabeihatte.

Ich habe die Szene als Lehre für mich mitgenommen: In Zukunft würde ich mich deutlich lauter und bestimmter wehren. Gewalt ist keine Lösung, aber klare, laute Worte können schützen.
Sexuelle Belästigung trifft leider nicht nur Frauen, sondern auch Männer – und niemand sollte so etwas still hinnehmen. Ich möchte daher auch hier appellieren: Egal, wo man ist und welches Geschlecht man hat – holt euch Hilfe, wenn euch so etwas passiert. Es ist niemals in Ordnung und darf nie toleriert werden.

Zum Glück blieb es bei dieser einen unangenehmen Situation, und ich konnte meine Fahrt fortsetzen. In Lahan Sai angekommen, suchte ich mir eine Unterkunft – ein großer Bungalow, eigentlich viel zu groß für mich allein, aber das Einzige, was im Dorf verfügbar war. Danach aß ich in einem kleinen Restaurant gegenüber, kaufte im Kiosk noch etwas für den nächsten Morgen ein und legte mich nach diesem langen, emotional aufwühlenden Tag erschöpft, aber dankbar ins Bett.



Tag 216

Auf dem Weg zur kambodschanischen Grenze – Hitze, Linksverkehr und Routine


Heute stand ich wieder früh auf und machte mich auf den Weg. Zunächst führte mich die Strecke durch dschungelartige Vegetation entlang einer schmalen Straße. Obwohl die Sonne schon früh sehr stark brannte und es schnell heiß wurde, sorgte das dichte Grün am Straßenrand für eine angenehme, natürliche Kühle.

Nachdem ich eine Stadt durchquert hatte und mich weiter in Richtung Grenze zu Kambodscha hielt, kam ich auf eine größere, gut geteerte Straße, der ich für einige Kilometer folgte. Immer wieder tauchten kleine Dörfer am Straßenrand auf – dazwischen lag endlose, gleichförmige Natur. So schön die Landschaft auch war, sie bot heute nur wenig Abwechslung, und der Tag verlief eher ruhig und gleichmäßig.

Ich hielt mehrmals bei einem 7-Eleven an, um Softdrinks und kleine Snacks zu kaufen. Nach etwa 75 Kilometern machte ich gegen Mittag Pause und aß eine leckere Portion Reis mit Gemüse und Eiern – einfach, aber wie immer sättigend und genau das Richtige bei der Hitze.

Am Nachmittag zogen einige dunkle Wolken auf, doch ich hatte Glück: Der Regen fiel entweder vor oder hinter mir, während meine Strecke trocken blieb. Der Straßenverkehr in Thailand ist jedoch deutlich intensiver und auch gefährlicher als in Vietnam oder Laos. Viele Autos, vor allem große Jeeps, rasen mit enormer Geschwindigkeit über die breiten Straßen – manchmal wirklich beängstigend.

Eine kleine Herausforderung ist für mich auch noch immer der Linksverkehr. Beim Abbiegen erwische ich mich manchmal dabei, dass ich instinktiv auf die rechte Seite fahre – merke es aber zum Glück schnell und korrigiere mich sofort. Langsam gewöhne ich mich wieder daran.

Nach 150 Kilometern fand ich schließlich eine Unterkunft und konnte den Preis von 500 auf 400 Baht (etwa zehn Euro) herunterhandeln. Ein gutes Gefühl nach einem langen Tag im Sattel. Zum Glück hatte ich heute keine Poschmerzen mehr – ich hatte gestern meine andere Fahrradhose angezogen und zusätzlich meine Spezialcreme verwendet, die besser schützt als einfache Vaseline. Das scheint Wirkung zu zeigen.

Am Abend aß ich noch etwas, wusch mein Trikot und meine Radhose kurz mit Wasser aus und legte mich schon früh – gegen 20:30 Uhr – ins Bett. Ich war müde vom Tag und wollte heute unbedingt früher schlafen, nachdem ich am Abend zuvor noch lange an meinen Kurzvideos und meinem Tagebuch gearbeitet hatte.



Tag 215

Von Laos nach Thailand – Tempel, Zucker und ein rettender Halt für einen Tausendfüßler


Heute Morgen stand ich wieder früh auf und spürte noch deutlich die Anstrengung des gestrigen, abenteuerreichen Tages. Zum Glück führte die Strecke heute größtenteils über asphaltierte Straßen, was meinen müden Beinen sehr entgegenkam.

Ich fuhr an unzähligen Tempeln vorbei – manche goldglänzend, andere schlicht und in den Dschungel eingebettet. Immer wieder hielt ich an, um sie mir genauer anzusehen, besonders wenn die Eingangstore offen standen. Ich liebe diese friedliche Atmosphäre, die rund um die Tempelanlagen herrscht – die Gebete, der Duft von Räucherwerk, das ferne Läuten kleiner Glocken.

Je näher ich der größeren Stadt Pakse kam, desto dichter wurde der Verkehr. Auf den Märkten herrschte reges Treiben – Frauen verkauften frisches Gemüse, Männer luden Reisballen auf alte Mopeds, und überall roch es nach gegrilltem Fleisch und Erde. Man merkt deutlich, dass viele Menschen in Laos noch von der Landwirtschaft leben.

Nach einer Brücke führte mich die Strecke wieder hinaus in ländlichere Regionen, und die Grenze zu Thailand kam immer näher. Unterwegs legte ich bei Kilometer 30 und 75 Pausen ein – mehr aus Not als aus Hunger, denn die Auswahl war gering. Es gab nur Softdrinks, Eis und ein paar abgepackte Snacks. So bestand mein Mittagessen heute aus mehreren Softdrinks und zwei eingeschweißten Eiswaffeln – Zucker pur, aber immerhin kalt.

An der Grenze verlief alles erstaunlich unkompliziert. Mit einem Visa on Arrival durfte ich problemlos einreisen – und sofort fiel mir auf, wie sich die Straßen änderten: perfekt geteert, kaum Schlaglöcher, und plötzlich tauchten überall Seven-Eleven-Stores auf. Endlich wieder etwas mehr Auswahl! Ich kaufte mir frisches Essen, Obst und Wasser – das tat richtig gut.

Allerdings machte sich heute mein Sattel wund. Eine Druckstelle zwischen Polster und Haut schmerzt zunehmend, was das Fahren ziemlich unangenehm macht. Ich hoffe, dass ich das mit ein paar Tagen Pflege und Umsicht wieder in den Griff bekomme, bevor es schlimmer wird.

Auf dem Weg zur ersten größeren Stadt nach der Grenze hatte ich dann ein außergewöhnliches Erlebnis: Plötzlich sah ich auf der Straße den größten Tausendfüßler, den ich je gesehen habe – länger als meine ausgestreckte Hand und dick wie ein Finger. Er kroch geradewegs in Richtung Straßenmitte, wo er unweigerlich überfahren worden wäre. Also hielt ich an und rettete ihn, indem ich ihn vorsichtig zurück ins Gras am Straßenrand setzte. Es wäre zu schade gewesen um dieses faszinierende Tier. Für solche Momente halte ich immer gerne an – sie gehören für mich genauso zur Reise wie die Kilometer selbst.

Danach ging es weiter über einige hügelige Abschnitte rund um den Sirindhornsee. Ich nahm eine kleine Abkürzung, die mich über schmale, asphaltierte Wege durch kleine Dörfer und wunderschöne Natur führte. Auf einer Brücke über einen See sah ich plötzlich einen Wasserbüffel, der gemütlich im Wasser lag, nur sein Kopf ragte heraus. Er schien das Leben in vollen Zügen zu genießen – und bei der heutigen Hitze konnte ich ihn nur zu gut verstehen.

In Phibun Mangsahan angekommen, besorgte ich mir zunächst eine SIM-Karte und Bargeld am Automaten. Danach fand ich eine günstige Unterkunft, gönnte mir ein leckeres, stärkendes Abendessen und schnitt anschließend noch mein tägliches Kurzvideo. Auch meinen Blog brachte ich auf den neuesten Stand.

Erschöpft, aber zufrieden über die vielen neuen Eindrücke, legte ich mich schließlich ins Bett – dankbar, nach all den Strapazen der letzten Tage wieder in ruhigerem Fahrwasser zu sein.



Tag 214

Durch den Schlamm von Laos – ein Tag zwischen Erschöpfung, Überlebenswillen und Befremdung


Heute Morgen setzte ich meine Fahrt in Laos fort. Die Straße führte mich durch flache Landschaften, vorbei an Tempelanlagen, Reisfeldern und unzähligen Wasserbüffeln, die im Morgendunst friedlich grasten. Nach rund 30 Kilometern erreichte ich die erste kleine Stadt, machte kurz Pause und holte mir etwas zu essen. Danach ging es weiter – mein Ziel war es, ein großes Bergmassiv zu umfahren.

Auf der Karte war die gewählte Route als größere Straße eingezeichnet. Sie versprach weniger Höhenmeter als die Alternativstrecke – also schien sie ideal. Anfangs war die Straße sogar asphaltiert, und ich rollte entspannt durch ein breites Tal, das sich zwischen den Bergketten öffnete. Doch nach einigen Kilometern verwandelte sich der Asphalt in einen Lehmweg. Zuerst empfand ich das als angenehme Abwechslung – die verdichteten, rötlichen Wege erinnerten mich fast an eine afrikanische Savanne.

Doch bald kippte die Idylle. An einer Stelle wurden Bauarbeiten am Weg durchgeführt, und plötzlich war der Boden komplett aufgeweicht. Der Lehm klebte in dicken Schichten an den Reifen, bis sich der Schlamm zwischen Reifen und Schutzblech so sehr verdichtete, dass nichts mehr ging. Ich musste absteigen, meine Fahrradtaschen abnehmen, sie 50 Meter weit tragen und anschließend auch das Fahrrad selbst schleppen. Mit einem Stock kratzte ich mühsam den festgebackenen Schlamm zwischen den Schutzblechen hervor.

Als ich den Abschnitt endlich hinter mir hatte, blieb das Problem: Der Weg blieb matschig und unberechenbar. Wenn ich einfach weiterfuhr, setzte sich der Schlamm sofort wieder fest und blockierte mein Rad. Also tat ich etwas, das auf den ersten Blick völlig absurd klingt – aber funktionierte: Ich suchte gezielt nach Pfützen, in die ich bewusst hineinfuhr, um den festgebackenen Lehm durch das Wasser wieder zu lösen. Das musste ich alle 15 bis 20 Meter tun.

Ich wusste nicht, wie lange dieser Abschnitt noch andauern würde. Mit zunehmendem Tunnelblick kämpfte ich mich Meter um Meter voran, kaum noch wahrnehmend, wie kräftezehrend die Situation wirklich war. Mehrmals musste ich durch knietiefe Pfützen fahren, ohne zu wissen, wie tief sie tatsächlich waren. Einige Male sackte ich fast komplett ein. Mittlerweile war ich völlig durchnässt und mit Schlamm bedeckt – aber das war mir egal. Mein einziges Ziel war, vor Einbruch der Dunkelheit wieder festen Boden unter den Reifen zu haben.

Hinter jeder Kurve warteten neue Schlammfelder, Wasserlöcher und Geröllpassagen. Mit meinen Straßenreifen – die ich nach dem Unfall in Vietnam aufgezogen hatte – war das eine zusätzliche Herausforderung. In manchen Dörfern schauten mich die Menschen ungläubig an. Viele Autos und Motorräder waren im Schlamm steckengeblieben – und ich kam dort tatsächlich mit dem Fahrrad durch.

Es war ein Wunder, dass ich trotz allem Sturzfreiheit behielt und dass meine Ortlieb-Taschen innen trocken blieben, obwohl außen alles voller Lehm war.

Als die Dunkelheit hereinbrach, hatte ich noch rund 7 Kilometer bis zum nächsten Dorf vor mir. Mit meiner Supernova-Lampe, die vom SON-Nabendynamo gespeist wird, konnte ich immerhin die Pfützen, Rillen und Schlaglöcher frühzeitig erkennen. Nach insgesamt 60 Kilometern im Schlamm, tiefen Löchern und unzähligen riskanten Passagen erreichte ich endlich ein Dorf.

Doch die Suche nach einer Unterkunft war noch nicht vorbei. Erst hieß es: „In zwei Kilometern gibt es ein Guesthouse.“ Dann: „Noch drei Kilometer weiter.“ Nach fünf weiteren Kilometern fand ich schließlich wirklich eine Unterkunft – völlig erschöpft, aber glücklich, es noch rechtzeitig geschafft zu haben.

Hätte sich der Tag nur eine Stunde länger gezogen, hätte ich vermutlich im Dunkeln zelten oder in einem Dorf um Hilfe bitten müssen. So aber konnte ich mein Fahrrad endlich abspritzen und vom Schlamm befreien, der sich zentimeterdick, besonders am hinteren Schutzblech, festgesetzt hatte. Danach folgte eine dringend nötige eigene Grundreinigung – denn ich war von Kopf bis Fuß eine Mischung aus Schweiß, Sonnencreme, Staub und Schlammwasser.

Ich merkte erst jetzt, wie ausgetrocknet ich war – ich hatte in all der Konzentration kaum getrunken oder gegessen. Glücklicherweise gab es direkt neben der Unterkunft ein kleines Restaurant, in dem ich etwas essen konnte. Dort lief – wie am Vortag – laute Karaoke-Musik, und ein paar betrunkene Männer winkten mich zu ihrem Tisch.

Ich nahm dankend Platz, bekam Bier eingeschenkt – und erlebte eine Situation, die mich zutiefst verstörte. Die Männer wollten mir eine junge Frau „anbieten“. Sie machten anzügliche Gesten und lachten, als wäre es selbstverständlich. Ich lehnte sofort ab, doch sie versuchten, mir sogar einen „Preis“ zu nennen – umgerechnet nicht einmal einen Euro. Das Mädchen kam immer wieder zu mir, um anzustoßen, aber ich machte durch meine Körpersprache klar, dass ich kein Interesse hatte.

Diese Szene machte mich sehr nachdenklich. Es bedrückte mich, wie selbstverständlich und entmenschlichend hier mit Frauen umgegangen wurde – wie mit einer Ware, die man einfach kaufen kann. Ich konnte den Abend danach kaum genießen.

Erschöpft, verschwitzt und innerlich aufgewühlt fiel ich schließlich ins Bett – dankbar, diesen Tag unverletzt überstanden zu haben, und zugleich traurig über das, was ich gesehen hatte.



Tag 213

Ankunft in Laos – Staub, Berge und grenzenlose Stille


Am heutigen Morgen ging es wieder früh für mich aus dem Bett, auf das Fahrrad und in Richtung Grenze zu Laos. Vor mir lagen noch rund 20 Kilometer und einige steile Hügel, die ich bezwingen musste, bevor ich die Grenze erreichte. Nach den ersten kräftezehrenden Anstiegen kam ich schließlich am vietnamesischen Grenzposten an.

Da sich der Stempelposten für die Ausreise irgendwo versteckt im Gebäude befand, musste ich zunächst auf die laotische Seite fahren – nur um dann wieder 200 Meter zurück geschickt zu werden. Nach diesem kleinen, aber unnötigen Hin und Her hatte ich schließlich alle Stempel beisammen und wurde mit meinem Visum für Laos durchgewunken.

Schon wenige Meter hinter der Grenze fiel mir der Unterschied sofort auf: Die Straßen waren deutlich schlechter, oft nur aus Schotter bestehend – eine echte Herausforderung mit meinen Asphaltreifen. Ich hatte eigentlich gedacht, dass der große Anstieg bald geschafft wäre, doch der vermeintliche „500-Meter-Berg“ entpuppte sich als endlose Abfolge kleiner Steigungen: 20 Meter hinauf, 10 Meter wieder hinunter, immer und immer wieder. Als ich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich den höchsten Punkt erreichte, zeigte mein Tacho 1.200 Höhenmeter an.

Die Landschaft hier im Dong Amphan Nationalpark ist wild, ursprünglich und beeindruckend unberührt. Nach der Grenze kam nur noch ein kleines Dorf, dann 70 Kilometer lang nichts – keine Menschen, keine Läden, keine Versorgung. Die Hitze und die feuchte Luft machten die Etappe besonders anstrengend. Ohne Nachschub an Softdrinks oder Wasser wurde es zunehmend kritisch.

Schließlich hatte ich gar kein Wasser mehr. Zufällig kam ich an einem einsamen Hof vorbei, wo eine Familie lebte. Dort durfte ich meine Flaschen wieder auffüllen – und bekam sogar noch eine Dose Bier geschenkt. Ich setzte mich etwas später an den Straßenrand, aß meine mitgebrachten Reserven und gönnte mir das kühle Bier. Da ich sonst so gut wie nie Alkohol trinke, hoffte ich, dass es mich nicht aus der Bahn werfen würde – zum Glück blieb alles ruhig.

Nach dieser kleinen Pause folgte noch ein weiterer Anstieg über 250 Höhenmeter. Die Straße blieb in miserablem Zustand, und die LKWs donnerten mit halsbrecherischer Geschwindigkeit durch die Schlaglöcher, als wären sie auf einer Rennstrecke. Ich musste ständig auf der Hut sein.

Als ich schließlich aus dem Nationalpark herauskam, führte mich eine lange Abfahrt in eine Tiefebene. Nach insgesamt 1.600 Höhenmetern fühlte sich das flache Terrain an wie eine Erlösung. Ich steuerte das erste Homestay an – doch dort wurde ich abgewiesen. Man verwies mich auf eine Unterkunft 5 Kilometer weiter, und tatsächlich fand ich dort bei Einbruch der Dämmerung endlich ein Bett.

Zum Glück hatte ich am Grenzübergang noch Geld gewechselt, denn Geldautomaten waren bisher weit und breit keine zu finden. Zum Abendessen ging ich in eine kleine Karaokebar gegenüber. Es war zwar Donnerstag und kaum etwas los, doch die Musik war laut genug, um das ganze Dorf zu beschallen. Ich aß mein Abendessen im Takt der dröhnenden Lautsprecher – ein etwas skurriles, aber irgendwie passendes Erlebnis für diesen Tag.

Zurück in meiner Unterkunft freute ich mich auf eine heiße Dusche, die mich von den Schichten aus Sonnencreme, Schweiß, Staub und Regen befreite. Danach machte ich noch mein Stretching, um meine Muskeln zu lockern. Nach dieser enorm anstrengenden Etappe fielen mir kaum die Augen zu – ich war völlig erschöpft, aber glücklich, mein erstes Ziel in Laos erreicht zu haben.



Tag 212

Der letzte Anstieg – auf den Spuren zur laotischen Grenze


Heute ging es wieder sehr früh mit dem Fahrrad los. Schon nach wenigen Kilometern begannen die ersten steilen Hügel, und es folgten unzählige Auf- und Abfahrten. Zu meiner Überraschung war die Straße jedoch stark befahren – vor allem von LKWs und Reisebussen. Ich hatte eigentlich gedacht, dass es in den Bergen ruhiger zugehen würde, doch das Gegenteil war der Fall.

Die Strecke führte mich vorbei an kleinen Wasserfällen, Baustellen und den allgegenwärtigen Wasserbüffeln, die ruhig am Straßenrand grasten. Durch den vielen Schwerverkehr waren die Straßen teils stark beschädigt, sodass ich permanent zwischen Schlaglöchern, Staub und vorbeirasenden LKWs navigieren musste. Entspannung kam dabei kaum auf – volle Konzentration war gefragt.

Wann immer ich durch kleine Dörfer fuhr, riefen mir fröhliche Kinder ein lautes „Hello!“ zu, liefen mir winkend hinterher und fragten nach meinem Namen. Diese herzlichen Begegnungen zauberten mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht und ließen die Anstrengung kurz vergessen.

In der ersten Tageshälfte ging es von 400 Metern Höhe bis auf 1.100 Meter hinauf – mit zahlreichen Zwischenanstiegen. Oben angekommen, machte ich eine wohlverdiente Pause und gönnte mir ein paar Softdrinks. Der Schweiß hatte sich in der feuchten Hitze zu weißen Salzspuren auf meinen Armen abgesetzt – ein deutliches Zeichen, wie viel Flüssigkeit und Mineralien ich verloren hatte.

Nach dem Mittagessen – wie so oft Reis mit Ei – begann die lange Abfahrt. Doch ganz so entspannt wurde es nicht: Immer wieder folgten neue, kurze, aber steile Anstiege, die mich an meine Grenzen brachten. Am Ende des Tages standen 110 Kilometer und ganze 1.850 Höhenmeter auf meinem Tacho – eine enorme Leistung.

Da ich spürte, wie erschöpft mein Körper war, beschloss ich, in der letzten Stadt vor der laotischen Grenze, rund 20 Kilometer entfernt, zu übernachten. Morgen werde ich dann die Grenze überqueren und nach Laos einreisen.

Rückblickend würde ich diese heutige Etappe niemandem empfehlen: Die Kombination aus engen, kurvigen Bergstraßen und dem dichten Schwerverkehr macht sie für Radfahrer extrem gefährlich. Ich musste ständig vorausschauend fahren und durfte keine Sekunde unaufmerksam sein.

Trotz allem war es ein intensiver, eindrucksvoller Tag voller Erlebnisse, Begegnungen und Ausblicke. Am Abend fiel ich erschöpft, aber zufrieden ins Bett – bereit, am nächsten Tag ein neues Land zu erreichen und das Kapitel Vietnam endgültig abzuschließen.



Tag 211

Auf ins Inland – Regen, Berge und letzte Tage in Vietnam


Am heutigen Morgen stand ich wieder um 6:00 Uhr auf, machte mir ein schnelles Frühstück mit Instant-Nudeln und saß um 7:30 Uhr auf dem Fahrrad. Mein Ziel: weiter Richtung Laos – das bedeutete, vom Meer weg und hinein ins Inland und die Berge.

Die ersten Kilometer verliefen noch angenehm flach. Doch nach meinem Mittagessen bei Kilometer 65 begann das Gelände deutlich anspruchsvoller zu werden. Hügel reihten sich aneinander, und die ersten längeren Anstiege forderten mich ordentlich heraus. Dazu kamen immer wieder kräftige Regenschauer, die mich völlig durchnässten.

Die Straßen wechselten ständig zwischen neuem Asphalt und Baustellenabschnitten, auf denen es teilweise nur noch Schotter und Schlamm gab. Auch hier im Landesinneren wurde eifrig gebaut und verbessert – ein gutes Zeichen für die Infrastruktur, aber für mich heute eine ziemliche Herausforderung.

Was mich jedoch den ganzen Tag über begleitete, waren die Rauchschwaden von brennendem Müll. Es ist jedes Mal erschreckend zu sehen, wie selbstverständlich dieser überall verbrannt wird. Ich verstehe, dass viele keine andere Möglichkeit haben, aber die dicken, giftigen Rauchwolken sind einfach schlimm – sowohl für die Menschen als auch für die Umwelt.

Zwischendurch sah ich immer wieder Wasserbüffel, die gemütlich im Regen standen – während ich selbst klitschnass auf meinem Fahrrad saß. Irgendwie wirkten sie zufrieden, als gehörte der Regen für sie einfach dazu.

Nach 105 Kilometern und knapp 950 Höhenmetern schaute ich am Nachmittag auf meine Wetter-App: Die Vorhersage meldete stärkeren Regen und Gewitter für die nächsten Stunden. Zudem gab es nach der kleinen Stadt, in der ich gerade angekommen war, keine sicheren Unterkünfte mehr. Also entschied ich mich, kein Risiko einzugehen und hier für die Nacht zu bleiben, statt später im Dunkeln und Regen nach einer Bleibe suchen zu müssen.

Ich fand ein einfaches Zimmer, aß noch eine warme Nudelsuppe, und ließ den Abend ruhig ausklingen. Wie immer schnitt ich mein Tagesvideo, brachte mein Tagebuch auf den aktuellen Stand und bereitete alles für morgen vor.

Nun trennen mich nur noch 125 Kilometer bis zur laotischen Grenze – vielleicht schaffe ich es schon morgen, sonst übermorgen. Damit würde ich nach vielen intensiven Etappen das Kapitel Vietnam abschließen und ein neues Abenteuer beginnen.



Tag 210

Letzter Tag in Hội An – Souvenirs, Strand und ein bisschen Geiz


Auch heute ließ ich es ruhig angehen und schlief erst einmal aus. Nach dem Frühstück machte ich mich erneut auf den Weg durch die Altstadt von Hội An. Gestern hatte ich mir bereits einige Dinge gemerkt, die mir gut gefallen hatten – kleine, handgefertigte Souvenirs, die mich an diese Stadt erinnern sollten. Ich wollte jedoch erst eine Nacht darüber schlafen, um zu überlegen, ob ich sie wirklich brauche. Heute entschied ich mich dann: ja, ein paar kleine, aber feine Mitbringsel dürfen mit. So schlenderte ich durch die vertrauten Gassen, kehrte in einige Läden zurück und besorgte mir meine ausgewählten Stücke.

Zum Mittagessen suchte ich mir ein Restaurant abseits der touristischen Hotspots. Dort waren die Preise plötzlich wieder fair – und das Essen, wie so oft in Vietnam, richtig gut. Anschließend bestellte ich mir erneut ein Roller-Taxi und fuhr zum gleichen Strand wie am Vortag.

Dieses Mal wurde ich allerdings sofort abgefangen, als ich mich auf eine der Liegen legen wollte. Die Betreiber erklärten mir freundlich, dass die Liegen zu einem Restaurant gehörten und man dort etwas bestellen müsse. Da die Preise, wie erwartet, recht hoch waren, bestellte ich mir aus Prinzip das günstigste auf der Karte – eine Flasche Wasser. Damit sicherte ich mir für den Rest des Tages eine Doppelliege. Wahrscheinlich dachten sich die Betreiber: „Typisch deutscher Tourist – kommt her und spart an der falschen Stelle.“

Aber da es ohnehin genug freie Liegen gab und andere Touristen deutlich spendabler waren, hatte ich kein schlechtes Gewissen. Schließlich bin ich nicht nur für zwei Wochen unterwegs, sondern schon seit Monaten auf Reisen – und habe noch viele Kilometer vor mir. Da muss man einfach ein bisschen auf die Ausgaben achten. Wenn dann noch unerwartete Dinge wie ein Unfall dazukommen, ist das Budget schnell knapper, als man denkt.

Der Tag am Strand war trotzdem wunderschön. Die Wellen waren heute etwas kleiner, das Meer ruhig, und ich genoss die Sonne, das Rauschen und die kleine Pause vom ständigen Weiterziehen. Am Abend fuhr ich zurück in die Stadt, aß noch etwas und ließ meinen letzten Abend in Hội An ganz gemütlich mit einem Eis ausklingen.

Zurück in meiner Unterkunft packte ich bereits meine Taschen für den nächsten Tag, damit ich am Morgen früh starten konnte. Dann fiel ich zufrieden und gut erholt ins Bett – bereit für das nächste Kapitel meiner Reise.



Tag 209

Entspannung, Kultur und Meeresrauschen – ein Ruhetag in Hội An


Nach den langen, anstrengenden Etappen der letzten Tage gönnte ich mir heute endlich einen wohlverdienten Ruhetag. Ich schlief aus und merkte deutlich, wie sehr mein Körper die Pause brauchte. Zum Frühstück holte ich mir etwas aus einem kleinen Supermarkt, bevor ich mich auf den Weg machte, um die Altstadt von Hội An zu erkunden.

Schon nach kurzer Zeit fiel mir auf, wie touristisch die Stadt ist. An fast jeder Ecke wurde ich angesprochen – für Massagen, Souvenirs oder Restaurantbesuche. Also bog ich in ein paar ruhigere Seitenstraßen ab, um ein authentischeres Bild der Stadt zu bekommen. Dort entdeckte ich einige schöne Kunsthandwerksläden, darunter einen besonders beeindruckenden: Sens Faifo. Der Laden war mit Abstand der schönste und hochwertigste, den ich bisher gesehen habe – mit handgefertigten Produkten aus den umliegenden Dörfern. Ein kleines, holzgeschnitztes Objekt gefiel mir besonders gut, also nahm ich mir eine Visitenkarte mit und beschloss, am nächsten Tag noch einmal vorbeizuschauen.

Anschließend spazierte ich weiter durch die Gassen und kam zum großen Markt von Hội An, der mit seinen engen Wegen, Ständen und Gerüchen fast einem orientalischen Basar gleicht. Ein Stück weiter entdeckte ich einen kleinen Stand, an dem es traditionelle weiße Brötchen gab – gefüllt mit Avocado, Tofu und Erdnussbutter. Eine unerwartet köstliche Kombination, die mir perfekt als Mittagsstärkung diente.

Am Nachmittag bestellte ich mir über Grab einen Motorroller – für gerade einmal 0,80 € – und fuhr damit die rund fünf Kilometer bis zum Strand. Dort legte ich mich auf eine freie Liege. Ich hatte wohl Glück, dass in dem Moment niemand der Betreiber in meiner Nähe war, denn eigentlich hätte man für die Liegen bezahlen müssen. Da ohnehin genug frei waren und ich niemandem den Platz wegnahm, blieb ich einfach liegen – ohne schlechtes Gewissen.

Zwischenzeitlich ging ich immer wieder ins Meer, das mit etwa 30 °C angenehm warm war. Durch den leichten Wind entstanden kleine Wellen, in die ich mich voller Freude stürzte. Es fühlte sich an, als würde ich in einer milden Badewanne baden – einfach herrlich.

Am Abend fuhr ich zurück in die Stadt und ließ mich von der besonderen Atmosphäre am Flussufer verzaubern. Überall glitzerten bunte Lampions auf traditionellen Booten, die gemächlich über den Kanal fuhren. Aus vielen Karaokebars klangen Gesänge – mal von Einheimischen, mal von Touristen – und es lag eine beschwingte, fast magische Stimmung in der Luft.

Ich beendete den Abend mit einem Eis, schlenderte gemütlich zurück zu meiner Unterkunft und machte mir dort noch einen kleinen Filmabend – ein rundum perfekter, entspannter Tag.



Tag 208

Über Pässe, Tunnel und Täuschungsmanöver – von Huế nach Hội An


Am heutigen Morgen verließ ich die Halbinsel und machte mich auf den Weg Richtung Süden. Mit dem morgendlichen Verkehr und den unzähligen Rollern schlängelte ich mich zunächst durch die engen Straßen, bis ich schließlich um ein großes Bergmassiv herumfuhr. Schon zuvor hatte ich auf der Karte gesehen, dass ein Tunnel durch den ersten Berg führt – allerdings waren Fahrräder und Fußgänger dort nicht erlaubt. Eine Sondergenehmigung wollten mir die Beamten ebenfalls nicht ausstellen, also blieb mir nichts anderes übrig, als einen Umweg über einen kleineren Passweg zu nehmen. Nach ein paar zusätzlichen Kilometern und einigen Höhenmetern war ich schließlich wieder auf der Hauptstraße.

Doch der nächste Berg ließ nicht lange auf sich warten – und mit ihm auch der zweite Tunnel, der ebenfalls für Fahrräder gesperrt war. Da dieser Tunnel gerade einmal 300 Meter lang war, war mir der Gedanke, erneut einen langen Umweg zu fahren, zu absurd. Also griff ich zu einem kleinen Trick: Ich erklärte dem Polizisten, dass die Rohloff-Nabe an meinem Hinterrad ein Motor sei, der mich bis 45 km/h unterstütze. Da für den Tunnel eine Mindestgeschwindigkeit von 45 km/h vorgeschrieben war, war das genau das richtige Argument. Nach ein wenig Überzeugungsarbeit glaubten sie mir tatsächlich – und ich durfte passieren. So rauschte ich als „motorisiertes Fahrzeug“ durch den Tunnel, froh über die gesparte Zeit und Energie.

Einige Kilometer später führte die Strecke wieder zwischen Seen und dem Meer entlang – wunderschön, aber auch schweißtreibend. Schon auf der Karte hatte ich gesehen, dass vor der großen Stadt Đà Nẵng noch ein weiterer Tunnel lag. Doch diesmal durften nur Autos und LKWs hindurch. Alle anderen – also auch ich – mussten über die Passstraße, die stolze 500 Höhenmeter hinaufführte. Bei 33 °C und 95 % Luftfeuchtigkeit bedeutete das: eine wahre Tortur. Über 15 Kilometer mit durchschnittlich 8 % Steigung kämpfte ich mich den Berg hinauf. Die Erschöpfung der letzten sechs Tage machte sich deutlich bemerkbar, doch ich wollte den Pass in einem Zug bezwingen – und das gelang mir.

Oben angekommen, gönnte ich mir zwei eiskalte Softdrinks, stellte mich unter einen Ventilator und genoss das Gefühl, es geschafft zu haben. Nebenbei erkundete ich noch eine alte Burgruine, die in früheren Zeiten ein bedeutender strategischer Punkt war. Danach folgte eine rasante Abfahrt über 10 Kilometer – ein befreiendes Gefühl nach all der Anstrengung.

In Đà Nẵng angekommen, änderte sich das Bild sofort: dichter Verkehr, Roller, die ohne Vorwarnung anhalten, hupende Autos, LKWs, die vorbeirauschen – volle Konzentration war gefragt. Ich machte eine kurze Pause in einem Restaurant und kam dort mit einem älteren Vietnamesen ins Gespräch. Mit Hilfe eines Übersetzers unterhielten wir uns über meine Reise, und zum Abschied machte er stolz ein Foto mit seiner Enkeltochter und mir.

Kurz darauf erreichte ich schließlich Hội An, mein heutiges Ziel. Ich fuhr direkt zu einem Homestay, das ich mir schon im Voraus herausgesucht hatte – mitten in der Altstadt, perfekt gelegen, um am nächsten Tag die Stadt zu erkunden. Am Abend brachte ich noch meinen Blog auf den neuesten Stand, schnitt mein Reel für den Tag und gönnte mir anschließend eine wohlverdiente Massage. Die Verspannungen der letzten Tage lösten sich endlich, und nach einem leckeren Abendessen fiel ich erschöpft, aber zufrieden ins Bett.



Tag 207

Zwischen Regenfluten, Küstenwegen und Mückenschwärmen


Heute stand ich wieder sehr früh auf, um den ganzen Tag dem Fahrradfahren zu widmen. Ich packte meine Taschen, befestigte sie am Fahrrad, ölte noch einmal die Kette und machte mich auf den Weg. Nach etwa einer halben Stunde begann es zu regnen. Der erste Schauer war mit Regenjacke noch gut auszuhalten – doch rund 45 Minuten später öffnete der Himmel plötzlich alle Schleusen. Ich rettete mich schnell unter das Vordach eines verlassenen Hauses, wo kurz darauf ein vietnamesischer Bauer Zuflucht suchte, der gerade noch auf seinem Feld gearbeitet hatte. Nach nur fünf Minuten war der Spuk vorbei, und ich konnte meine Fahrt fortsetzen – dank des Unterschlupfs ohne komplett durchnässt zu werden.

Die Strecke führte mich an überschwemmten Feldern und grasenden Kühen vorbei. Dann zeigte mir meine Navigation eine alternative Route: eine kleinere Küstenstraße, die näher am Meer entlangführte. Ich entschied mich spontan für diesen Weg – und das war goldrichtig. Auf dieser Küstenstraße war kaum Verkehr, und ich fuhr zwischen Sanddünen, Feldern und alten Dünengräbern entlang. Viele dieser Gräber waren kunstvoll verziert, fast schon prunkvoll gestaltet, und strahlten eine unerwartete Schönheit aus. Die Straße war gut zu befahren und vor allem ruhig – ganz im Gegensatz zur lauten Hauptstraße, auf der ständig Busse und LKWs hupend vorbeirasen. Es tat gut, einmal mehr in der Natur zu sein und nicht ununterbrochen durch Dörfer zu fahren.

Nach rund 75 Kilometern legte ich meine Mittagspause ein. Kaum war mein Essen serviert, begann es in Strömen zu regnen – perfektes Timing! Während ich im Trockenen aß, prasselte der Regen draußen nieder. Als ich fertig war, hörte der Schauer auf, und ich konnte bei Sonnenschein weiterfahren.

Entlang der Strecke winkten mir Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu – selbst die älteren Dorfbewohner grüßten freundlich oder lächelten überrascht. Oft sehe ich in ihren Gesichtern so etwas wie Verwunderung und Freude zugleich – als wäre für einen kurzen Moment etwas völlig Unerwartetes in ihren Alltag eingebrochen. Wahrscheinlich begegnen sie hier nur selten einem Radreisenden.

Nach den vielen langen Tagen im Sattel machte sich heute mein Po deutlich bemerkbar. Die Schmerzen kamen plötzlich, obwohl ich sonst kaum Probleme hatte. Vielleicht lag es an den vielen 150-Kilometer-Etappen oder an der hohen Luftfeuchtigkeit, durch die meine Fahrradhose kaum richtig trocknet und dadurch stärker scheuert. Zum Glück steht übermorgen ein Ruhetag an – bis dahin sollte ich das noch aushalten können.

Am Abend erreichte ich schließlich die Halbinsel gegenüber der Stadt Huế. Das Gewusel auf den engen Straßen war typisch vietnamesisch – laut, chaotisch, aber irgendwie faszinierend. Mit meinem Fahrrad im Strom der Rollerfahrer mitzuschwimmen, war ein ganz besonderes Erlebnis. In einer kleinen Unterkunft auf der dem Meer abgewandten Seite der Insel fand ich schließlich ein Zimmer – das einzige im Umkreis von drei Kilometern. Ich war froh, nicht weiter suchen zu müssen, auch wenn der Preis mit rund neun Euro zu den höchsten meiner bisherigen Reise gehörte.

Zum Abendessen bekam ich noch eine große Schüssel Reis mit Spiegeleiern. Die Portion war so üppig, dass sie sogar noch für das morgige Frühstück reichen wird. Wegen der vielen Mücken am Wasser musste ich allerdings besonders aufpassen: Licht aus beim Türöffnen, Mückenklatsche griffbereit. Nach einem langen, erlebnisreichen Tag fiel ich schließlich müde ins Bett – bereit für die nächste Etappe nach Hội An.



Tag 206

Kleine Schmerzen, große Hitze und ein gutes Timing


Heute Morgen hatte ich meinen Wecker wieder auf 6:00 Uhr gestellt – doch wie schon an manchen Tagen zuvor hörte ich ihn einfach nicht. Erst um 7:15 Uhr wachte ich auf, ärgerte mich kurz, blieb aber ruhig und packte konzentriert meine Sachen zusammen. Nachdem alles am Fahrrad montiert war und ich mich noch schnell mit Sonnencreme eingeschmiert hatte, ging es – wieder einmal ohne Frühstück – los.

Mein Frühstück, das ich etwa zweieinhalb Kilometer später einnahm, bestand erneut nur aus einer Packung Oreo-Kekse. Nicht gerade die gesündeste Wahl. Ich nahm mir fest vor, das in den nächsten Tagen zu ändern und morgens gleich nach dem Aufstehen etwas Richtiges zu essen. Allerdings bin ich momentan oft zu faul, am Abend noch etwas vorzubereiten.

Zum Mittagessen gab es wie gewohnt Reis mit Ei – einfach, vertraut und immer zuverlässig. Trotzdem wünsche ich mir, dass sich die Supermarktsituation in den nächsten Ländern verbessert. In Vietnam gibt es in den kleinen Läden meist nur süße Snacks und ungesunde Produkte, während auf den Märkten zwar frisches Obst verkauft wird, aber meist nur in großen Mengen. Ich brauche keine ganze Bananenstaude mit 25 Stück, sondern vielleicht nur fünf bis zehn kleine Bananen. Hier sind die Früchte ohnehin kleiner, dafür aber umso süßer und aromatischer – direkt vom Baum, oft nur wenige Straßen entfernt.

Der weitere Weg verlief unspektakulär, aber typisch für Vietnam: rauchende Müllhaufen, geschäftige Menschen, die ihrer Arbeit nachgehen, und überall Wasserbüffel, die friedlich auf den Feldern grasen. Nach rund 100 Kilometern machte sich dann mein Po deutlich bemerkbar – ein Schmerz, den ich lange nicht mehr kannte. Nach so vielen Monaten auf dem Sattel dachte ich eigentlich, ich sei abgehärtet. Vielleicht spüre ich noch die Nachwirkungen der stressigen Woche in Deutschland, oder mein Körper muss sich erst wieder an die langen Etappen gewöhnen. Ich nahm mir vor, die Pflege meiner Fahrradhose in den nächsten Tagen noch ernster zu nehmen: gründlich mit Desinfektionstüchern reinigen, um Salz, Schweiß und Reibung in den Griff zu bekommen.

Ein Highlight des Tages war eine kleine Geste der Freundlichkeit: Ein junger Mann schenkte mir unterwegs eine Flasche Wasser – bei dieser Hitze wirklich Gold wert. Kurz darauf sah ich eine Wasserbüffelherde, die sich genüsslich im Wasser eines überschwemmten Feldes abkühlte. Für einen Moment überlegte ich, mich einfach dazuzulegen – eine verlockende Vorstellung.

Mit zunehmenden Sitzschmerzen wechselte ich auf den letzten Kilometern immer wieder zwischen Sitzen und Stehen im Sattel, bis ich schließlich den Bàu Sen Lệ Thủy See erreichte. Auf Google Maps war dort keine Unterkunft eingetragen, aber aus Erfahrung weiß ich mittlerweile, dass das in Vietnam wenig heißt. Entlang der Hauptstraßen findet man fast immer etwas.

Gerade, als ich bei einem kleinen Hotel ankam, fing es wie aus Eimern an zu schütten. Ich hatte aber Glück: Ich war rechtzeitig im Trockenen. Mein Fahrrad und die Taschen wurden zwar klitschnass, ich selbst blieb verschont – perfektes Timing. Wenig später ließ der Regen nach, und ich brachte meine Taschen aufs Zimmer, während ich das Fahrrad im Hinterhof abschloss. Hoffentlich steht es morgen früh auch noch dort.



Tag 205

Zwischen Grasland, freundlichen Kindern und kleinen Alltagsproblemen


Am heutigen Morgen stand ich wieder kurz vor 6:00 Uhr auf. Ich packte meine Sachen, verschob das Frühstück auf später und machte mich direkt auf den Weg. Die Strecke führte weiter auf dem Highway Richtung Süden. Schon früh waren zahlreiche Schulkinder auf Rollern oder Fahrrädern unterwegs, winkten mir fröhlich zu und riefen immer wieder „Hello!“. Diese kleinen Begegnungen bereiten mir jedes Mal große Freude – die leuchtenden Gesichter und ihre Neugier sind ansteckend.

Die Landschaft war geprägt von weiten Grasflächen und überschwemmten Feldern, immer wieder unterbrochen von kleinen Rauchschwaden, die von Müllhaufen oder brennendem Gartenschnitt aufstiegen. Mittlerweile habe ich mich an diese Alltagsbilder gewöhnt – sie gehören hier einfach zum Straßenbild.

Nach rund 50 Kilometern legte ich meine erste Pause ein und holte das Frühstück nach. Eine Packung Oreo-Kekse und ein eingeschweißtes Brötchen mussten heute genügen. Etwa 25 Kilometer später folgte das gewohnte Mittagessen – Reis mit Ei, einfach, aber zuverlässig sättigend.

Den restlichen Tag über trat ich weiter kräftig in die Pedale. Etwa alle 25 bis 30 Kilometer gönnte ich mir einen kurzen Stopp für einen Softdrink, um neue Energie zu tanken.

Am Abend suchte ich mir schließlich eine Unterkunft. Nach mehreren Anläufen fand ich ein Hotel, das noch Platz hatte – für einen fairen Preis von rund sechs Euro pro Nacht. Das einzige Manko: Die Klimaanlage funktionierte nicht, wodurch meine durchgeschwitzten Fahrradsachen nicht trockneten. Zu allem Überfluss vergaß ich auch noch, meine Radhose mit Desinfektionstüchern zu reinigen – ein Fehler, den ich am nächsten Tag deutlich spüren sollte. Durch den Schweiß und die Salze sammelt sich dort nämlich einiges an, und wenn man das nicht regelmäßig säubert, wird jeder Kilometer am Folgetag zur kleinen Herausforderung.

So endete der Tag – unspektakulär, aber ehrlich, mit all den kleinen Details, die das Radreiseleben ausmachen.



Tag 204

 
Regen, Gewitter und endlose Straßen 
 
 
Heute startete ich besonders früh in den Tag. Bereits um 5:45 Uhr stand ich auf, denn ich habe mir vorgenommen, in den kommenden Wochen mein tägliches Pensum an Kilometern zu erhöhen, um mehr Zeit zum Fahren und Entdecken zu haben. Der Tag begann mit ein paar Bahnen im großen Pool des Hostels – ein angenehmer Start, bevor es anschließend zum Frühstück ging. 
 
Um 7:30 Uhr war alles gepackt, und ich verabschiedete mich von meinem polnischen Zimmernachbarn, mit dem ich am Vortag ins Gespräch gekommen war. Dann machte ich mich auf den Weg – die Straße AH1 entlang, Richtung Süden. Es ist zwar keine besonders schöne Strecke, eher ein klassischer Küsten-Highway, doch Alternativen gibt es kaum. Die Nebenstraßen führen meist wieder auf die Hauptstraße zurück oder bedeuten große Umwege. 
 
Der Verkehr war wie gewohnt hektisch und laut. Reisebusse rasten in einem Tempo vorbei, das einem den Atem stocken lässt, und das Dauerhupen ist hier ohnehin allgegenwärtig. Erstaunlicherweise habe ich gelernt, all das zu ignorieren und die Fahrt trotzdem zu genießen. 
 
Am Mittag legte ich eine Pause in einem kleinen Straßenrestaurant ein und aß mein mittlerweile typisches Lieblingsgericht – einfach, lecker und sättigend. Gestärkt ging es weiter, vorbei an überschwemmten Reisfeldern, auf denen Wasserbüffel gemächlich ihre Runden drehten. 
 
Im Laufe des Tages begann es immer wieder zu regnen. Einmal so heftig, dass ich mich unter das Vordach eines kleinen Ladens flüchtete – die Straße glich in diesem Moment fast einem Fluss. Immer wieder holte ich meine Regenjacke hervor, nur um sie kurze Zeit später wieder zu verstauen. Am Nachmittag bildete sich dann eine gewaltige Gewitterzelle, und da ich aus früheren Erfahrungen weiß, wie gefährlich Blitze in offener Fläche oder in den Bergen sein können, suchte ich Schutz in einem Supermarkt, bis das Unwetter vorbeigezogen war. 
 
Am Abend erreichte ich schließlich ein kleines Dorf, in dem ich eine einfache Unterkunft fand. Dort hing ich meine durchnässten Sachen zum Trocknen auf und fiel – erschöpft, aber zufrieden – ins Bett. 


Tag 203

 
Keine Fähren, teure Taxifahrt und ein neuer Reisebekannter 
 
 
Ich hatte mir meinen Wecker auf 6:00 Uhr gestellt, doch in der Nacht kam ich kaum zur Ruhe. Der Jetlag hatte mich noch im Griff – und so verschlief ich kräftig. Als ich schließlich aufwachte, zeigte die Uhr 10:15 Uhr. Erst war ich erschrocken, dann dachte ich: Mein Körper hat sich wohl den Schlaf geholt, den er dringend brauchte. Also ging alles etwas schneller – und um 10:40 Uhr saß ich bereits auf dem Fahrrad. Frühstück musste ausfallen, denn ich hatte für heute eigentlich einiges geplant. 
 
Mein Weg führte mich zunächst am Roten Fluss entlang, Richtung Meer. Laut Google Maps gab es mehrere Fähranleger, über die ich den Fluss überqueren konnte. Eine Brücke im Norden wäre zwar eine Option gewesen, aber ich wollte mir den dichten Stadtverkehr ersparen. 
 
Der erste Fähranleger lag am Ende kleiner, enger Wege, die durch Bananenplantagen und vorbei an illegalen Mülldeponien führten. Schon auf dem Weg fragte ich mich, ob hier überhaupt noch eine Fähre fährt. Als ich ankam, bestätigte sich mein Verdacht: Heute fuhr keine. Also weiter zum nächsten Anleger – doch auch dort hatte ich kein Glück. 
 
Als plötzlich ein kräftiger Regenschauer einsetzte, machte ich eine Pause und holte mein Frühstück nach. Im kleinen Kiosk fragte ich den Besitzer, ob es irgendwo eine Fähre gäbe, die sicher fährt. Er erklärte mir, dass ich etwa 15 Kilometer weiter südlich fahren müsse – dort gäbe es eine größere Verbindung über den Fluss. 
 
Nach knapp einer Stunde kam ich an. In einem kleinen Wärterhäuschen saß ein Mann, den ich erst einmal aufwecken musste. Doch seine Antwort enttäuschte mich: Aufgrund des Hochwassers nach dem Taifun seien alle Fähren vorübergehend eingestellt. 
 
Das stellte mich vor ein Problem. Die nächste Brücke im Norden lag 60 Kilometer entfernt – ein riesiger Umweg. Ich fragte noch, ob er mich vielleicht irgendwie mit einem kleinen Boot übersetzen könne, doch das war nicht erlaubt. 
 
Mir blieb also nichts anderes übrig, als ein Taxi zu nehmen – bis in die Stadt Ninh Binh, auf der anderen Seite des Flusses. Eine nette Kioskbesitzerin rief eines für mich. Als der Fahrer ankam, verlangte er allerdings einen utopischen Preis: 700.000 Dong, also etwa 22 Euro. Für vietnamesische Verhältnisse wäre die Hälfte völlig ausreichend gewesen, doch da er wusste, dass ich keine Alternative hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als einzuwilligen. 
 
Nach einer längeren Fahrt kam ich endlich in Ninh Binh an. Schon im Auto hatte ich mir eine Unterkunft herausgesucht und konnte direkt einchecken. Das Hostel war riesig – 15 Betten in einem Raum, ein großer Pool, ein Fitnessbereich, eine Kletterwand – und das alles für nur vier Euro inklusive Frühstück. 
 
Dort lernte ich einen polnischen Reisenden kennen. Wir waren die einzigen Gäste in dem großen Schlafraum und kamen ins Gespräch. Er erzählte mir, dass er immer ein halbes Jahr auf der Welt arbeitet – mal als Bootbauer, mal als Skilift-Mitarbeiter – und den Rest des Jahres durch Asien reist. 
 
Obwohl der Tag anders verlaufen war als geplant, war ich froh, zumindest einen interessanten Menschen getroffen zu haben. Ein bisschen enttäuscht über meine „Niederlage“ mit der Fähre, aber dankbar, dass letztlich alles gut ausgegangen war, legte ich mich schlafen – in der Hoffnung, dass am nächsten Tag wieder alles einfacher läuft. 


Tag 202

Wieder auf dem Sattel – und mitten ins vietnamesische Mittherbstfest


Am Morgen wachte ich im Haus von Thao auf. Mein Rückflug am Vortag war erst gegen 20 Uhr in Hanoi gelandet. Dort hatte Thao bereits auf mich gewartet und mir ein Taxi organisiert, das groß genug war, um sowohl mich als auch mein Fahrrad mitzunehmen – oder zumindest fast. Da nur noch ein Sitz neben dem Fahrer frei war, setzte sich Thao kurzerhand hinten neben das Fahrrad auf den umgeklappten Sitz. So kamen wir erst spät in der Nacht bei ihr zu Hause an – die Fahrt dauerte rund drei Stunden.

Am nächsten Morgen war Thao leider ziemlich niedergeschlagen und gereizt. Ihre Situation ist sehr belastend: Sie lebt in Vietnam, während ihr Kind in Deutschland ist, und sie hat keine Möglichkeit, es zu sehen. Das zermürbt sie zunehmend. Ich denke, sie bräuchte dringend professionelle Hilfe, um wieder Stabilität und Perspektive zu finden. Vor wenigen Tagen hatte sie auch noch ihren Job gekündigt, weil sie sich nicht mehr konzentrieren konnte – zu viele Gedanken an ihren Sohn und ihren Mann, der sie verlassen hat.

So packte ich etwas früher als geplant meine Sachen, verabschiedete mich und machte mich wieder auf den Weg. Ich überprüfte noch einmal, ob ich mein Fahrrad nach der Reparatur richtig zusammengebaut hatte, und startete von Halong aus über Haiphong Richtung Süden.

Einige Kilometer später kam ich an meiner Unfallstelle von vor einer Woche vorbei. Keine schönen Erinnerungen – ein kurzer, schwerer Moment. Danach aber fingen die vertrauten Bilder Vietnams an, mich wieder zu beruhigen: Wasserbüffelherden, kleine Dörfer, geschäftige Landstraßen. Schließlich erreichte ich die Stadt Thái Bình.

Auf dem Weg fiel mir auf, dass an vielen Orten Pavillons aufgebaut und mit bunten Stoffen geschmückt wurden. Überall hörte ich Musikboxen, sah fröhliche Menschen und Kinder mit Laternen. Ich fragte mich den ganzen Tag, welcher besondere Anlass wohl bevorstand – und fand es erst am Abend heraus: Mittherbstfest! Ein wichtiger Feiertag in Vietnam, der mit Musik, Essen, Drachenkostümen und viel Gemeinschaft gefeiert wird.

Nach meiner Ankunft in der Unterkunft machte ich mich zu Fuß auf die Suche nach einem Restaurant – das nächste war ein gutes Stück entfernt. Ich bestellte mein gewohntes Gericht aus Reis und Eiern, doch kaum hatte ich Platz genommen, winkten mich vier Männer an ihren Tisch. Sie luden mich ein, mit ihnen zu essen. Schnell standen mehrere Hanoi-Biere auf dem Tisch, auf die wir gemeinsam anstießen.

Nach dem Essen nahmen sie mich noch mit zu einem großen Platz, auf dem Musik gespielt wurde, Kinder tanzten und Menschen lachten. Ich lernte Freunde der Männer kennen, unterhielt mich mit ihnen, genoss die Atmosphäre. Hätte ich gewusst, dass ein so festlicher Anlass ansteht, wäre ich wohl nicht einfach in meinem normalen T-Shirt und unfrisiert losgezogen – aber so war es vielleicht umso echter.

Nach zwei schönen Stunden verabschiedete ich mich müde und zufrieden, ging zurück zu meiner Unterkunft und fiel erschöpft, aber glücklich ins Bett.



Tag 201


Der Schock von Haiphong – Ein Unfall, der alles verändert


Heute Morgen wollte ich früh starten, um im flachen Gelände ordentlich Kilometer zu machen. Ich fuhr aus der Großstadt Haiphong hinaus, über Landstraßen und durch kleinere Dörfer. Der Verkehr war wie so oft sehr chaotisch und trubelig.

Plötzlich überholte mich ein weißer Kombi. Keine fünf Sekunden später, während ich kurz nach links aufs Feld schaute, stand genau dieses Auto mitten auf der Straße – völlig unvermittelt. Der Fahrer hatte nach dem Überholen eine Vollbremsung hingelegt. Ich hatte keine Chance mehr zu reagieren und prallte ungebremst auf das Heck des Wagens.

Wie durch ein Wunder blieb ich unverletzt. Mein Fahrrad rutschte nicht weg, ich stürzte nicht über den Lenker. Meine Klickpedale hielten mich so fest, dass ich nur nach vorne katapultiert wurde. Der Fahrer aber kümmerte sich kaum: Er telefonierte weiter, wischte flüchtig meinen Schweißabdruck von seiner Heckscheibe, fragte halbherzig, ob es mir gut ginge – und fuhr dann einfach davon.

Noch unter Schock musste ich feststellen, dass mein Fahrradrahmen gebrochen war. Das Vorderrohr war komplett durch. Wahrscheinlich hatte die Wucht des senkrechten Aufpralls all mein Gewicht auf diesen einen Punkt gebracht. Zuerst versuchte ich naiv, das Rad schweißen zu lassen. Doch der Schweißer arbeitete völlig unprofessionell: Er entfernte den Lack kaum, brutzelte einfach drauflos, kühlte die Stelle mit Wasser ab, anstatt sauber zu arbeiten. Das Ergebnis: ein verzogener Rahmen, eine verbogene Gabel – das Rad war ein Totalschaden.

Nach einem Telefonat mit meinen Eltern war klar: Es gibt keinen anderen Weg. Ich muss zurück nach Deutschland fliegen, um Rahmen, Gabel und Vorderrad zu ersetzen – und danach wieder zurückkehren, um meine Reise fortzusetzen. Natürlich bedeutet das enorme Kosten, Stress und Organisation. Aber gleichzeitig war mir bewusst: Ich hatte Glück im Unglück. Es hätte auch mir selbst Schlimmes passieren können.

Bevor ich jedoch abreisen konnte, brauchte ich für die Versicherung eine Unfallaufnahme. Doch das stellte sich als fast unmöglich heraus. Der Autofahrer war verschwunden, ich hatte im Schock weder Kennzeichen noch Details notiert. Auf der ersten Polizeistation wurde ich nicht ernst genommen. Erst als ich meine deutschsprachige Bekannte einschaltete, nahmen die Beamten meine Bitte ernster. Nach zwei Stunden schickte man mich weiter zur Verkehrspolizei, 500 Meter entfernt. Dort wiederum erklärte man mir, dass ohne den anderen Fahrer nichts getan werden könne. Dann wieder zurück zur Hauptstation: Man bot mir an, die Überwachungskameras prüfen zu lassen. Doch das Risiko war hoch – sollte die Polizei den Unfall mir zuschreiben, müsste ich am Ende dem Autofahrer Geld zahlen, vielleicht sogar mein Fahrrad abgeben. Dieses Risiko konnte ich nicht eingehen.

Immerhin erhielt ich schließlich einen offiziellen Zettel, unterschrieben vom Fahrradladen und von der Polizei gesiegelt, dass ich einen Unfall hatte. Nicht perfekt, aber besser als gar kein Nachweis.

Danach half mir meine Kontaktperson weiter: Erst mit einem Viehtransporter in die nächste größere Stadt, dann mit einer kleinen Buslimousine zu ihr nach Hause. Gemeinsam besorgten wir Verpackungsmaterial, und weil die Fahrradläden schon geschlossen waren, bekamen wir in einem Möbelgeschäft einen riesigen Karton von einem alten Kühlschrank. Am selben Abend verpackten wir das Fahrrad abenteuerlich, aber sicher in diesem Karton.

Noch am Abend buchte ich meinen Rückflug für den nächsten Tag. Erschöpft, gestresst und ziemlich niedergeschlagen legte ich mich schlafen – mit der Hoffnung, dass bald alles wieder in Ordnung kommt und ich meine Reise Richtung Singapur schon bald fortsetzen kann.



Tag 200


Stressige Flucht vor dem Taifun


Am Vormittag arbeitete ich an meinem Blog, was sich jedoch als sehr mühsam herausstellte. Die Bilddateien luden extrem langsam hoch, und spätestens da wurde mir klar, dass ich dringend eine neue Website brauche, die besser mit den vielen Daten umgehen kann. Bislang nutze ich ein Baukastensystem, das für meine Fotografie-Seite ideal war, für einen so ausführlichen Reiseblog aber nicht mehr ausreicht. Deshalb habe ich mir vorgenommen, in den kommenden Wochen nur noch Texte hochzuladen und die Bilder wegzulassen. Meine zweimonatige Pause in Deutschland im Dezember und Januar möchte ich dann nutzen, um eine neue, eigene Website aufzubauen – professioneller, leistungsstärker und passender für mein Projekt.

Am Mittag traf ich mich noch einmal mit der Französin, die ich in Sapa kennengelernt und später in Hanoi wiedergetroffen hatte. Gemeinsam aßen wir zu Mittag, bevor ich wieder zurück an meinen Blog ging. Doch die Technik frustrierte mich weiterhin: Beim Einsetzen der Bilder ging so viel Zeit verloren, dass ich nicht mehr dazu kam, meine Kurzvideos fertig zu schneiden.

Gegen Nachmittag kam dann eine Nachricht, die meine Pläne komplett durcheinanderwarf: Ein Taifun, der von den Philippinen über das chinesische Festland hinweg in Richtung vietnamesische Küste ziehen sollte, würde in den nächsten Tagen auch den Fährverkehr lahmlegen. Eigentlich wollte ich am folgenden Morgen früh mit der Fähre fahren, musste nun aber sofort reagieren. Kurzerhand entschied ich, meinen Pausentag zu halbieren, meine Sachen zu packen und die Insel noch am Abend zu verlassen.

Ursprünglich hatte ich die Information bekommen, dass die Fähre um 18:00 Uhr fahren würde. Doch plötzlich meinte mein Unterkunftsbetreiber, dass sie bereits um 17:30 Uhr ablegt – und ich hatte noch 25 Kilometer bis zum Anleger vor mir. Die Zeit war knapp, aber ich trat kräftig in die Pedale und erreichte den Hafen tatsächlich noch zehn Minuten vor Abfahrt.

Zu meiner Überraschung war die Aufregung jedoch unbegründet: Es standen gleich mehrere Fähren bereit, da viele Menschen wegen des angekündigten Taifuns noch schnell die Insel verlassen wollten. Im Sonnenuntergang fuhr ich schließlich mit der Fähre zurück aufs Festland.

Doch dort erwartete mich eine neue Herausforderung. Die Sonne war bereits untergegangen, und die Nacht brach schnell herein. Auf dunklen Straßen mit viel LKW-Verkehr musste ich weitere 25 Kilometer bis zur nächsten Kleinstadt fahren. Das war alles andere als angenehm, aber es blieb mir keine Wahl.

In einem kleinen Dorf zeigte mir Google Maps mehrere Unterkünfte – doch keine einzige davon existierte in Wirklichkeit. Die Einheimischen bestätigten mir, dass alle sechs verzeichneten Hotels nur „Phantome“ waren. Also musste ich noch viereinhalb Kilometer weiterfahren. Dort fand ich zwar endlich ein Hotel, doch angeblich sei alles ausgebucht. Erschöpft und ungläubig wollte ich schon weiterziehen, doch als kurz darauf der Chef zurückkehrte, stellte sich heraus, dass im dritten Stock doch noch ein Zimmer frei war.

Dankbar schleppte ich meine Taschen hinauf, schloss mein Fahrrad sicher unten ab und fiel nach diesem anstrengenden halben Tag auf dem Rad erschöpft ins Bett.



Tag 199


Ein bewegender Tag zwischen Alltäglichem und Schicksal


Am Morgen machte ich mich auf den Weg zur Botschaft von Laos, um meinen Pass für das Visum abzugeben – in der Hoffnung, ihn noch am selben Tag zurückzubekommen. Danach stand eine dringende Aufgabe an: meine Fahrradkette ersetzen, die durch die vielen Höhenmeter und die extreme Belastung der letzten Wochen stark gelitten hatte. Im Anschluss versuchte ich noch, Sonnencreme zu finden. Zwar hatte der empfohlene Fahrradladen keine, doch stattdessen gönnte ich mir dort ein neues Langarm- und Kurzarmtrikot. Mein bisheriges Trikot hatte nach rund 10.000 Kilometern nicht nur viel Farbe verloren, auch der Reißverschluss war inzwischen fast kaputt – Salz und Schweiß hatten dem Material spürbar zugesetzt.

Im Laufe des Tages besuchte ich den Phu Tay Ho Tempel, einen buddhistisch geprägten Ort, an dem viele Gläubige Opfergaben niederlegten und beteten. Mit einem Roller-Taxi fuhr ich anschließend weiter zum Ngoc Son Tempel und genoss die besondere Atmosphäre am Hoan-Kiem-See. Zwischendurch erhielt ich die Nachricht, dass mein Pass fertig sei, und konnte ihn erfreut in der Botschaft abholen.

Ein weiteres Highlight war der Besuch des Wasserpuppentheaters Thang Long, das mich mit seiner einzigartigen Inszenierung beeindruckte. Danach nahm ich Kontakt zu meiner Bekannten Thao auf, die ich vor einigen Tagen kennengelernt hatte. Sie half mir sofort, eine günstige Busfahrt nach Hao Lang zu organisieren. Dank ihrer guten Verbindungen im Tourismus wurde alles unkompliziert arrangiert: Ein Rollerfahrer holte mich ab, brachte mich zur Busstation, und nach kurzer Wartezeit ging es los.

In Hao Lang empfingen mich Thao und ihre Eltern herzlich. Da keine Fähre mehr zur Insel fuhr, auf der mein Fahrrad und meine Taschen warteten, durfte ich die Nacht kostenlos in ihrem Haus verbringen. Besonders dankbar war ich über den kühlen Raum, in dem ich mich nach diesem anstrengenden Tag erholen konnte.

Am Abend erzählte mir Thao ihre Lebensgeschichte, die mich sehr bewegte. Sie hatte einst in Vietnam als Reiseleiterin ihren deutschen Mann kennengelernt, mit ihm mehrere Jahre hier gelebt und war dann mit ihm nach Deutschland gezogen. Dort wurde vor vier Jahren ihr gemeinsamer Sohn Liam geboren. Doch mit der Zeit geriet die Beziehung ins Wanken – vor allem, weil die Mutter ihres Mannes die kulturellen Unterschiede nicht akzeptierte. Auf Drängen der Familie zog Thao aus, während ihr Mann mit dem Sohn im Elternhaus blieb. Thao durfte Liam immer seltener sehen, bis der Vater schließlich den Kontakt fast vollständig unterband.

Verzweifelt und psychisch am Ende, kehrte sie vor einem Monat nach Vietnam zurück – ohne Handy, ohne Besitz, nur mit dem Nötigsten. Den Flug bezahlte ihr Mann, was in Thaos Augen Teil seines Plans war: Sie solle im Heimatland bleiben, ohne die Möglichkeit, nach Deutschland zurückzukehren und für ihr Recht auf den Sohn zu kämpfen. Thao weinte viel, während sie mir all dies erzählte. Sie hat zwar ein Sorgerecht, doch ohne finanzielle Mittel kann sie es derzeit nicht durchsetzen. Besonders schmerzt sie, dass ihr Mann ihr nicht mehr antwortet, weder Fotos noch Videoanrufe von ihrem Sohn zulässt.

Ich war von der Situation überwältigt, versuchte aber, ihr zuzuhören und Trost zu spenden. Sie erzählte mir, dass sie kaum jemanden habe, mit dem sie über all das sprechen könne – ihre Eltern hatten ihr von Anfang an von einem Leben in Deutschland abgeraten und zeigen wenig Verständnis für ihre Not. Umso mehr bedeutete ihr offenbar das Gespräch mit mir, das ihr etwas Halt gab. Zum Dank schenkte sie mir, als gläubige Buddhistin, einige buddhistische Ketten, die mich auf meinem weiteren Weg beschützen sollen. Dieses Geschenk rührte mich sehr – es war das Wertvollste, was mir an diesem Tag widerfahren konnte.

Erschöpft, voller Eindrücke und mitfühlender Gedanken legte ich mich schließlich schlafen.



Tag 198

Ein bewegender Tag zwischen Visum, Tempeln und einer schweren Lebensgeschichte 
 
 
Heute Morgen lief ich zunächst zur Laotischen Botschaft, um meinen Pass abzugeben und hoffte, ihn am gleichen Tag wieder abholen zu können. Danach kümmerte ich mich um mein Fahrrad: Meine alte Kette hatte nach den extremen Höhenmetern in Nordvietnam stark gelitten und musste ersetzt werden. Im Fahrradladen bekam ich zudem den Hinweis auf einen weiteren Shop, wo ich zwar keine Sonnencreme fand, mir dafür aber ein schönes Langarm- und Kurzarmtrikot gönnte – eine Investition, da mein altes Trikot nach knapp 10.000 km sichtlich verschlissen war. 
 
Am Vormittag besuchte ich den Phu Tay Ho Tempel, wo ich viele Menschen beim Beten und Darbringen von Opfergaben beobachten konnte. Später fuhr ich mit einem Roller-Taxi weiter zum Ngoc Son Tempel am Hoan-Kiem-See und ließ die besondere Atmosphäre dort auf mich wirken. Zwischendurch konnte ich auch meinen Reisepass mit dem Laos-Visum abholen – eine große Erleichterung. 
 
Ein weiteres Highlight war das traditionelle Wasserpuppentheater Thang Long, das mich mit seiner kunstvollen Inszenierung begeisterte. Direkt danach organisierte mir meine Bekanntschaft Thao, die lange im Tourismus gearbeitet hat, einen Bus nach Hao Lang. Dank ihrer Kontakte lief alles reibungslos: Ich wurde mit einem Roller abgeholt, zur Busstation gebracht und schließlich weiterbefördert. 
 
Da die Fähren zur Insel, wo mein Fahrrad und mein Gepäck standen, an diesem Tag nicht mehr fuhren, durfte ich bei einer anderen Bekanntschaft von Thao übernachten – eine Frau, die ebenfalls vier Jahre in Deutschland gelebt hatte und mit der ich auf Deutsch sprechen konnte. Ihre Eltern empfingen mich herzlich, und ich war froh, nach dem anstrengenden Tag einen kühlen Raum zum Ausruhen zu haben. 
 
Am Abend kam auch Thao nach Hause, und wir unterhielten uns lange. Dabei erzählte sie mir ihre sehr bewegende und traurige Lebensgeschichte Sie hatte in Vietnam einen deutschen Mann kennengelernt, war mit ihm nach Deutschland gezogen und dort Mutter eines Sohnes namens Liam geworden. Doch die Familie des Mannes – vor allem seine Mutter – akzeptierte sie nie wirklich. Schließlich musste Thao aus dem gemeinsamen Haus ausziehen, während der Vater den Sohn bei sich behielt und ihr den Kontakt zunehmend verweigerte. 
 
Die Situation spitzte sich so sehr zu, dass Thao psychisch zusammenbrach und schließlich nach Vietnam zurückkehrte – ohne Geld und ohne Perspektive, jemals zeitnah wieder nach Deutschland zu fliegen. Obwohl ihr das Sorgerecht zusteht, verweigert ihr Mann jede Kommunikation und schickt weder Bilder noch Videoanrufe. Während sie mir das alles erzählte, weinte sie viel, und ich merkte, wie allein sie sich mit ihrem Schmerz fühlt. Ich versuchte, ihr zuzuhören, sie zu trösten und ihr zumindest für diesen Moment etwas Halt zu geben. 
 
Zum Abschied schenkte sie mir – als Buddhistin – einige buddhistische Ketten, die mich auf meiner weiteren Reise beschützen sollen. Dieses Geschenk empfand ich als unglaublich wertvoll, vor allem nach einem so offenen und ehrlichen Gespräch. Mit vielen mitfühlenden Gedanken legte ich mich am Abend schlafen. 

Tag 197

Erste Eindrücke von Hanoi – zwischen Rollerchaos und Privatführung


Um 9:00 Uhr ging es für mich los: zunächst mit dem Bus zum Fähranleger, dann weiter mit einem zweiten Bus nach Hai Phong und schließlich mit einem dritten Bus nach Hanoi. Gegen 12:30 Uhr kam ich dort an. Keine halbe Stunde später hatte ich bereits eine Free Walking Tour gebucht. Zu meiner Überraschung war ich der einzige Teilnehmer – und bekam dadurch eine exklusive Privattour.

Mein Guide nahm sich viel Zeit für mich und fuhr mich sogar mit ihrem privaten Roller zu einigen zusätzlichen Orten, die normalerweise nicht auf dem Programm stehen. Gemeinsam besuchten wir das Ho-Chi-Minh-Mausoleum, das Kriegsgefängnismuseum, die berühmte Train Street, das französische Viertel und natürlich die Altstadt.

Die Train Street war ein echtes Highlight: Eine enge Gasse, in der links und rechts Restaurants und kleine Läden dicht an dicht stehen – und mehrmals am Tag fährt ein Zug mitten hindurch. Ein faszinierendes Spektakel, auch wenn es natürlich sehr touristisch ist.

Der Verkehr in Hanoi ist schlicht unbeschreiblich. Ich war heilfroh, dass ich nicht mit dem Fahrrad unterwegs sein musste. Stattdessen nahm ich mir mehrfach ein Motorrad-Taxi – eine Erfahrung, die man in Hanoi unbedingt machen sollte. Mit rund 3 Millionen Rollern bei 9 Millionen Einwohnern hat hier praktisch jeder ab 16 Jahren ein eigenes Gefährt. Das Gewusel auf den Straßen ist überwältigend, und vor allem zur Rush Hour gleicht die Fahrt einem wilden Tanz zwischen hupenden Motoren – stets mit der Hoffnung, unfallfrei anzukommen.

Meine Unterkunft suchte ich mir in der Nähe der Laotischen Botschaft, da ich am nächsten Tag mein Visum beantragen wollte. Am Abend traf ich mich mit der französischen Backpackerin, die ich bereits in Sapa kennengelernt hatte. Sie war gerade mit zwei Freundinnen in Hanoi unterwegs. Gemeinsam tauchten wir in die überfüllten, aber lebendigen Straßen der Altstadt ein. Wir probierten verschiedene kleine Restaurants aus, tranken zusammen und schlenderten später über den Nachtmarkt, wo das Handeln ein absolutes Muss ist – die Preise sind hier stark auf Touristen zugeschnitten.

Als die Müdigkeit uns schließlich überkam, verabschiedeten wir uns, und ich machte mich auf den Weg zurück in meine Unterkunft. Nach diesem ereignisreichen Tag fiel ich sofort in einen tiefen Schlaf.



Tag 196

 
Ein Tag auf dem Wasser – Inseln, Kajaks und Karstfelsen 
 
 
Heute stand ich wieder früh auf, denn für diesen Tag hatte ich mir bereits am Vortag einen Ausflug gebucht. Pünktlich am Morgen holte mich ein Shuttlebus direkt an meiner Unterkunft ab und brachte mich zum Bootsanleger. Dort versammelte sich unsere gesamte Gruppe, und kurz darauf legten wir mit dem Boot ab. 
 
Zuerst fuhren wir durch die Lang-Ha-Bucht, die der berühmten Halong-Bucht in nichts nachsteht: zahllose Karstfelsen ragen wie grüne Türme aus dem Meer und lassen die Landschaft fast unwirklich erscheinen. Nach einiger Zeit hielten wir an einem kleinen, malerischen Strand auf einer der Inseln. Hier konnten wir schwimmen gehen – das warme Meer war eine willkommene Erfrischung in der tropischen Hitze. 
 
Weiter ging es durch die Inselwelt, bis wir schließlich in Kajaks umstiegen. Diese Stunde war für mich ein besonderes Highlight, denn aus dem Kajak erlebte ich die Landschaft noch viel intensiver. Lautlos glitt ich übers Wasser, konnte selbst entscheiden, wohin ich paddeln wollte, und fühlte mich ganz nah an der Natur. 
 
Nach einem leckeren Mittagessen fuhren wir zu einer sogenannten „Affeninsel“. Dort war tatsächlich ein Affe zu sehen, insgesamt wirkte der Stopp aber sehr auf Touristen zugeschnitten und nicht so reizvoll wie die anderen Orte. Dafür bot die Insel einen schönen Strand, an dem wir noch einmal länger schwimmen konnten – bei der Hitze ein echter Segen. 
 
Am Abend brachte uns das Boot zurück zur Insel Cát Bà. In meiner Unterkunft angekommen, schwang ich mich noch einmal auf mein Fahrrad und fuhr zum Strand, um den Sonnenuntergang zu filmen. Der Himmel färbte sich in kräftigen Orange- und Rottönen über den bizarren Felsformationen – ein wunderschöner Abschluss des Tages. 
 
Zurück in meinem Zimmer packte ich meine Taschen, denn am nächsten Morgen wollte ich mit dem Boot weiter nach Hanoi fahren. Mein Fahrrad und das Gepäck konnte ich solange sicher in der Unterkunft unterstellen. 


Tag 195

 
Über die Halong-Bucht nach Cát Bà – Karstfelsen, Höhlen und Strandglück 
 
 
Heute Morgen startete ich bereits um 7:30 Uhr, obwohl ich eigentlich gerne etwas länger geschlafen hätte. Doch ich musste die Fähre nach Cát Bà erwischen, die mittags um 12:00 Uhr ablegte. Um rechtzeitig dort zu sein, hatte ich knapp vier Stunden Zeit, die 65 Kilometer bis zum Fährhafen auf einer weiteren Halbinsel zurückzulegen. 
 
Die Strecke war flach, sodass ich schnell vorankam. Unterwegs sprach mich plötzlich eine Rollerfahrerin an. Sie wollte wissen, woher ich komme – „aus Deutschland“, antwortete ich. Zu meiner Überraschung wechselte sie sofort ins Deutsche. Sie erzählte mir, dass sie mehrere Jahre in Deutschland gelebt und gearbeitet habe und mit einem Deutschen verheiratet sei. Wir hielten ein paar Minuten an und unterhielten uns – ein schöner, unerwarteter Moment – bevor sie wieder nach Hause musste und ich weiter zur Fähre eilte. 
 
Es wurde etwas knapp, aber ich schaffte es pünktlich und rollte mit meinem Rad auf die Autofähre. Die einstündige Überfahrt durch die Halong-Bucht war bereits ein Highlight: mächtige Karstfelsen ragten steil aus dem Wasser empor, dicht bewachsen vom satten Dschungel. Eine Landschaft, die fast wie aus einer anderen Welt wirkte. 
 
Auf der Insel angekommen, warteten gleich einige fiese Anstiege auf mich. Das Klima hier war spürbar angenehmer als im Inland – immer noch warm und feucht, aber mit einer erfrischenden Brise vom Meer. Im Nationalpark von Cát Bà legte ich einen Stopp ein, um eine Höhle zu erkunden. Zu Fuß ging ich durch die gewaltigen Gesteinsformationen, staunte über die geheimnisvollen Räume und die verborgene Schönheit der Natur unter der Erde. 
 
Danach führte mich die Route weiter über flache Dschungelpfade und einige knackig-steile Passagen bis in die Hauptstadt der Insel. Dort suchte ich mir eine Unterkunft und machte mich anschließend direkt auf den Weg zum nächstgelegenen Strand. Pünktlich zum Sonnenuntergang, der hier in den Tropen erstaunlich schnell kommt, sprang ich ins warme Meer – rund 28 Grad hatte das Wasser, einfach perfekt. 
 
Später, als die Dunkelheit hereingebrochen war, gönnte ich mir noch eine vietnamesische Massage. Sie war unglaublich professionell, präzise und genau das, was mein Körper nach den Strapazen der letzten Tage gebraucht hatte. Mit einem Gefühl der Leichtigkeit – fast, als könnte ich fliegen – ließ ich den Tag danach bei einem leckeren Abendessen ausklingen, bevor ich zufrieden ins Bett fiel. 


Nach einem weiteren langen Tag mit vielen Hügeln bin ich dann endlich am südchinesischen Meer angekommen.


Kaum war ich am Meer, so wurde ich schon von der Polizei und der Verkehrsmeisterei angehalten.




So sah dann der kleine, aber feine Schwertransport aus.


Am nördlichen Zipfel der Halong Bay



Tag 194

 
Ankunft am Südchinesischen Meer – Von den Bergen bis zur Küste 
 
 
In der Nacht hatte es erneut geregnet. Zum Glück war ich in einem Homestay untergebracht und blieb trocken, sodass ich am Morgen entspannt packen und losfahren konnte. Die ersten Kilometer führten mich noch einmal über einige Hügel, die jedoch bei Weitem nicht so steil waren wie am Vortag. 
 
Bald darauf erreichte ich die größere Stadt Lào Cai. Dort herrschte reger Trubel: unzählige LKWs schlängelten sich hupend an mir vorbei. Das Fahren war anstrengend und fordernd, da hier die zentrale Verbindungsstraße zwischen Hanoi und den nordvietnamesischen Bergregionen verläuft. Je weiter ich mich jedoch nordöstlich entfernte, desto weniger wurden die schweren Lastwagen. Gleichzeitig spürte ich, dass ich mich der Küste näherte – die Besiedlung nahm zu, und mit ihr auch der Verkehr auf den Straßen. 
 
Trotz allem empfand ich es als angenehm, dass kaum Touristen unterwegs waren. So konnte ich mich unauffällig im einheimischen Verkehr bewegen. Da ich allerdings müde war und die Nacht schlecht geschlafen hatte, fehlte mir heute deutlich die Energie. Mehrfach hielt ich an kleinen Supermärkten, um mir Softdrinks zu kaufen, die mir schnelle Zuckerschübe gaben – erstaunlicherweise funktionierte das sehr gut. 
 
Nach 135 Kilometern erreichte ich schließlich das Südchinesische Meer. Es war ein besonderer Moment: Seit fast 10.000 Kilometern hatte ich kein großes Meer mehr gesehen, das letzte Mal an der türkischen Küste bei Antalya. Umso glücklicher war ich, wieder die Weite des Wassers zu spüren und die frische Brise genießen zu können. 
 
Mein Ziel war eine kleine Halbinsel, auf der ich mir eine Unterkunft suchen wollte. Doch von meiner Seite aus führte dorthin nur ein Express-Highway, auf dem Fahrräder offiziell verboten sind. Ich beschloss, es dennoch zu versuchen und hoffte, die 25 Kilometer ohne Schwierigkeiten hinter mich zu bringen. Doch bereits nach 5 Kilometern wurde ich von der Verkehrspolizei gestoppt – nachdem mich zuvor schon mehrere Autofahrer und LKW-Fahrer auf mein Verbot aufmerksam gemacht hatten. 
 
Die Beamten erklärten mir freundlich, dass ich hier nicht weiterfahren dürfe. Die einzige Lösung war, dass mein Fahrrad auf den Transporter geladen wurde und sie mich die verbleibenden 20 Kilometer über die Schnellstraße mitnahmen. Eine unerwartet nette Geste. So gelangte ich schließlich doch auf die Halbinsel und in die kleine Stadt Đông Xá. 
 
Die Unterkunftssuche gestaltete sich allerdings erneut schwierig. In den ersten beiden Häusern wurde ich abgewiesen, obwohl augenscheinlich genügend Platz vorhanden war. Vermutlich wollten die Betreiber keine Touristen aufnehmen, um keine Steuern abführen zu müssen – oder sie hatten gar kein offizielles System zur Registrierung. Wie auch immer, es war merkwürdig. 
 
Schließlich fand ich doch noch ein Zimmer direkt am Wasser. Ich setzte mich an den Kai, blickte über das Meer und genoss den Sonnenuntergang. Mit müden Beinen und erschöpft vom langen Tag fiel ich kurz darauf ins Bett. 


Am Morgen ginge es an einem sehr blauen Fluss entlang.


An den Bäumen gibt es hier überall zahlreiche Früchte. Wie im Paradies!




Fast wäre die Schlange überfahren worden. Ich konnte sie jedoch noch an die Seite retten.


Es gibt immer wieder sehr faszinierende Felsen hier.



Auch heute wieder ein atemberaubender Sonnenuntergang.



Heute Abend wurde ich von dieser Männertruppe eingeladen.



Beim Abschied wollte jeder noch mal ein Fotoshooting mit mir machen.

Tag 193

Ein Tag zwischen Extremen – Aufstieg, Schotterpisten und Unterkunftssuche


Heute stand ich sehr früh auf und gönnte mir erstmals seit langer Zeit wieder ein Frühstück in einem Restaurant gegenüber meiner Unterkunft. Da eine äußerst anspruchsvolle Etappe mit einem großen Berg vor mir lag, wollte ich so viel Energie wie möglich schon am Morgen tanken. Nachdem ich alles gepackt hatte, schwang ich mich auf mein Rad – und noch in der Stadt begann der Anstieg.

Zunächst war die Steigung zwar hart, aber noch bewältigbar. Doch je weiter ich kam, desto extremer wurden die Rampen. Teilweise ging es mit bis zu 15 % Steigung bergauf – bei 30 Grad, brennender Äquatorsonne, 70 Kilo Körpergewicht, 65 Kilo Fahrrad mit Gepäck und zusätzlichem Wasser. Der Aufstieg von 200 Metern auf 1450 Meter Höhe innerhalb von 30 Kilometern brachte mich an meine Grenzen.

Nach einem besonders fordernden Serpentinenanstieg bei rund 900 Metern Höhe legte ich eine kurze Pause ein. Meine Waden brannten, Schweiß tropfte in Strömen und schweißliebende Mücken setzten mir zusätzlich zu. Ein Eis und ein paar zuckrige Softdrinks gaben mir neue Kraft – heute war es ohnehin unabdingbar, permanent Energie nachzuführen.

In einem kleinen Dorf entschied ich mich dann, nicht die Hauptstraße zu nehmen, sondern einer von Komoot vorgeschlagenen Alternativroute zu folgen. Wie sich herausstellte, war das ein brutaler Fehler – und zugleich ein Abenteuer. Der Weg war noch steiler als alles, was ich bisher in meiner Radkarriere erlebt hatte. Anfangs bestand er noch aus Betonplatten, später führte er auf den Pass. Oben angekommen, freute ich mich schon auf eine schöne Asphaltabfahrt – doch es erwartete mich das Gegenteil: eine 25 Kilometer lange Schotterpiste.

Die Abfahrt war ein Balanceakt. Der grobe, lose Schotter machte jede Bewegung gefährlich, die Steigung nach unten war extrem. Ich musste ständig konzentriert bremsen, ohne die Bremsen zum Glühen zu bringen. Es war eine echte Hassliebe: Schieben, Frust und höchste Anstrengung einerseits, traumhafte Landschaft, kleine Bergdörfer und ein unvergessliches Offroad-Erlebnis andererseits. Ohne diese Route wäre ich niemals in diese entlegenen Dörfer gelangt, in die sich sonst kaum ein Tourist verirrt.

In Thong Nong angekommen, war ich erschöpft und hungrig. Da ich unterwegs nichts gefunden hatte, fiel mein Mittagessen aus, und ich stärkte mich nun am Abend umso mehr. Die Suche nach einer Unterkunft erwies sich allerdings als weitere Prüfung:

Das erste auf Google Maps markierte Hotel existierte nicht. Ein zweiter Hinweis führte mich zwar zu einem Gebäude, doch dort wurde ich trotz sichtbarer freier Zimmer abgewiesen. Ein vietnamesischer Gast war so freundlich, den Besitzer für mich anzurufen, aber selbst dann hieß es, das Hotel sei ausgebucht – eine Situation, die mich an manche Provinzen in China erinnerte, wo Ausländer nicht aufgenommen werden dürfen.

Im zweiten Hotel wiederholte sich das Spiel: freie Zimmer, aber keine Bereitschaft, mich aufzunehmen. Erst im dritten Hotel hatte ich endlich Erfolg. Erschöpft, aber erleichtert, konnte ich dort duschen und den wohlverdienten Schlaf finden.



Der heutige Tag war so anstrengend, wie fast noch nie. Anstrengender geht es hier in Nordvietnam in den Bergen gefühlt immer noch mehr.

Hoch hinaus den Berg hinauf.




Belohnung muss sein!


Am Gipfel auf 1450 m nach einer Schweißtreibenden Auffahrt endlich angekommen. Was eine spektakuläre Aussicht!



Im Bambuswald auf den schlimmsten Schotterwegen.



Hätte ich gewusst, dass ich diese offroad Erfahrung bekomme, wäre ich hier nicht lang gefahren. So musste ich jetzt mit der Situation umgehen und habe trotzdem die schönen Aussichten sehr genossen.



Langsam geht es auf dem sehr groben Schotter entlang, die Berge ins Tal. Es sieht schöner aus, als es wirklich war. 

Tag 192

Begegnung mit Tony in Bao Lac


Am Morgen verließ ich Ha Giang. Eigentlich hatte ich geplant, die ersten 30 Kilometer mit dem Taxi zurückzulegen, da ich diesen Abschnitt bereits in den letzten Tagen gefahren war. Doch da das Auto des Fahrers zu klein war, um mein Fahrrad zu transportieren, blieb mir nichts anderes übrig, als die Strecke erneut – diesmal aus der anderen Richtung – unter die Räder zu nehmen. Die Anstiege waren steil und fordernd, doch zum Glück gab es unterwegs kleine Dörfer, in denen ich Kaltgetränke bekam. Bei der Hitze und der hohen Luftfeuchtigkeit war das überlebenswichtig.

Besonders zwei extrem steile Passagen brachten mich an meine körperlichen Grenzen. In solchen Momenten wächst in mir zunehmend die Sehnsucht nach den flachen Küstenstraßen am Südchinesischen Meer. Für den Moment aber hatte ich mich bewusst entschieden, noch ein Stück in den Bergen zu bleiben.

Nach den kräftezehrenden Anstiegen führte der Weg schließlich in ein Flusstal. Dort ging es leichter, nur noch mit sanften Wellen auf und ab, bis ich im Licht des Sonnenuntergangs durch den Dschungel nach Bao Lac rollte. Inzwischen war es dunkel, und da viele Restaurants hier schon gegen 20 Uhr schließen, wollte ich mir zunächst eine Mahlzeit sichern.

Vor einem belebten Lokal traf ich auf einen Mann, der mich – zu meiner Überraschung – auf Deutsch ansprach. Sein Name war Tony. Er ist vietnamesischer Herkunft, aber in Deutschland aufgewachsen, und lud mich spontan ein, am Gedenkfest seiner Familie teilzunehmen. Anlass war der dritte Todestag seiner Großmutter.

Die Tische waren reich gedeckt, und auch wenn viel exotisches Fleisch serviert wurde, beschränkte ich mich auf Reis, Gemüse und Tofu. Schon seit einiger Zeit habe ich in Vietnam und anderen Ländern dieser Region den Appetit auf Fleisch verloren – zu sehr prägen sich mir die Haltungs- und Transportbedingungen der Tiere ein.

Tony erzählte mir seine Lebensgeschichte: Als Kind war er mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen, doch da diese meist Nachtschichten arbeiteten, konnte er kaum betreut werden. Mit sieben Jahren kehrte er daher nach Vietnam zurück und wuchs in Bao Lac auf. Später studierte er in Hanoi Film und Schauspiel. Mit 18 lernte er seine spätere Frau kennen, mit 23 gründete er eine Familie. Da die Berufsaussichten mit seinem Studienabschluss schwierig waren, begann er, Deutsch zu unterrichten. Heute arbeitet er in Lao Cai als Lehrer, denn viele junge Vietnamesen wollen Deutsch lernen, um später in Deutschland zu studieren oder dort eine bessere Zukunft zu suchen.

Tony selbst plant, in zwei Jahren mit seiner Frau und seinen beiden Kindern nach Nürnberg zu ziehen. Dort möchte er im Restaurant seiner Eltern mitarbeiten, das diese in Deutschland aufgebaut haben. Seine Geschichte hat mich sehr berührt – eine Begegnung, die wieder einmal zeigt, welche besonderen Momente eine Reise bereithalten kann.

Nach dem reichhaltigen Essen versuchte mich seine Familie noch mehrfach zu überreden, Schnaps mit ihnen zu trinken. Da ich jedoch beim Radfahren konsequent auf Alkohol verzichte und schon nach einem Glas kaum mehr fahrtüchtig wäre, lehnte ich dankend ab. Stattdessen führte ich noch ein kurzes Interview mit Tony für meine Dokumentation und Vorträge.

Als ich schließlich aufbrach, setzte ein starker Regen ein. Ich wartete, bis er nachließ, und suchte mir dann eine Unterkunft, um noch rechtzeitig zur Ruhe zu kommen. Der nächste Tag sollte erneut eine große Herausforderung werden.



Endlich geht es auch mal wieder ein bisschen flacher, am Fluss entlang.


Plötzlich musste ich einen riesigen Käfer von der Straße retten. 




Staudämme, wie links im Bild gibt es hier häufig und sind essenziell für die Stromversorgung.

Sonnenuntergang und ich bin immer noch auf dem Fahrrad. Das war ein wunderschöner Sonnenuntergang, der auch schnell wieder vorbei war.



Hier im Dschungel wird es schneller Nacht, als ich mir dachte. Diese Supernova Lichter bringen jedoch Helligkeit in die Nacht.



Plötzlich war ich auf eine große Familienfeier eingeladen. Was für ein Zufall.



Ich hatte äußerst nette Gespräche mit dem Deutsch-Vietnamesen Tony. 

Tag 191

 
Pausentag in Ha Giang 
 
 
Nach dem Ha-Giang-Loop brauchte ich dringend eine Pause – also gönnte ich mir noch einen weiteren Tag in Ha Giang. Am Morgen aktualisierte ich zunächst meinen Blog, sodass er wieder auf dem neuesten Stand war. Danach widmete ich mich meinem Fahrrad: Vor allem die Kette hatte nach den extremen Belastungen und dem Schmutz der letzten Tage eine gründliche Reinigung und ein bisschen Extra-Pflege verdient. 
 
Meine Radkleidung brachte ich in die Wäscherei gegenüber. Kein Wunder, dass sie dringend gewaschen werden musste – in diesen Sachen waren in den drei Tagen wohl mehrere Liter Schweiß durchgelaufen. Anschließend stillte ich meinen Hunger gleich zweimal: Nach dem Mittagessen kehrte ich kurz darauf noch einmal in ein Restaurant ein, weil ich immer noch Appetit hatte. 
 
Am Nachmittag suchte ich wieder den gleichen Massagesalon auf wie schon vor der Rundtour. Nach den vielen Höhenmetern war die Wellness-Einheit ein Geschenk für Körper und Geist. 
 
Am Abend packte ich meine Taschen für den nächsten Tag, an dem es für mich wieder weitergehen sollte. Gut erholt und entspannt fiel ich ins Bett. 


Nach einer langen Bergfahrt war ich nun über den Wolken in den Maisterrassen.


Mit dem Fahrrad in den Wolken im Dschungel.




In Ha-Giang angekommen. Europäische Pasta mit Aussicht auf Fluss und eine große Brücke.


Viele grüne Hügel überall im Dschungel.



Viele grüne Hügel überall im Dschungel.



Eine große Raupe, die wahrscheinlich zum Totenkopfschwärmer gehört.



Ein Großer Eifleckenfalter direkt auf dem Boden neben mir. Hier gibt es sehr viele Schmetterlinge, die auch sehr groß sind.

Tag 190

Ha-Giang-Loop – Tag 3: Über den Wolken zurück nach Ha Giang


Der letzte Tag des Ha-Giang-Loops begann für mich sehr früh. Zum Frühstück gab es einfache Reisnudeln, die ich mir bereits am Vortag in einem kleinen Dorfladen besorgt hatte. Praktisch war auch, dass meine Unterkunft ebenerdig lag – so konnte ich das Fahrrad unkompliziert vorbereiten, Taschen verstauen, die Kette ölen und noch schnell Sonnencreme auftragen. Um 7:30 Uhr war ich startklar.

Gleich zu Beginn wartete ein 900 Höhenmeter hoher Anstieg. Zunächst fuhr ich noch unter der Wolkendecke, dann mitten hindurch, bis ich schließlich über den Wolken weiterradelte. Dort oben zu fahren war ein magisches Gefühl. Unterwegs gab es mehrere Flussdurchquerungen, die durch den starken Regen in der Nacht entstanden waren. Bei einer zögerte ich zu lange – und stand plötzlich mit einem Schuh im Wasser. Der blieb für den Rest des Tages triefend nass, doch bei der feuchtwarmen Luft störte es nicht allzu sehr.

Oben am Pass wurde ich mit einem großartigen Ausblick auf endlose Reisterrassen belohnt. Wie so oft traf ich eine Gruppe Motorradfahrer, die mich ungläubig bestaunten. Ihre aufmunternden Worte gaben mir zusätzliche Energie für die nächsten Kilometer. Die folgende Abfahrt führte mich steil hinunter, vorbei an Bananenstauden und den Reisterrassen, bis ins nächste Tal. Dort kehrte ich zum Mittagessen ein – just in dem Moment, als der Dorfmarkt gerade abgebaut wurde. Schade, das Treiben hätte ich gerne erlebt.

Nach der Pause stand der nächste Anstieg an, diesmal über 600 Höhenmeter. Die Passagen waren wieder extrem steil und schweißtreibend, besonders als die Sonne hervortrat. In der Nähe des Äquators ist ihre Kraft noch einmal intensiver, und ich schwitzte wie in einer Sauna. Meine Radkleidung war nach den letzten Tagen ohnehin komplett durchtränkt, und gegen Ende spürte ich das Scheuern meiner Hose deutlich an den Innenschenkeln.

Dann wechselte die Straße plötzlich von Asphalt auf eine holprige Schotterpiste. Mit den steilen Auf- und Abfahrten eine zusätzliche Herausforderung. 30 Kilometer vor Ha Giang brauchte ich noch einmal einen Motivationsschub – also Musik auf die Ohren und ein paar Softdrinks zur Stärkung. Damit kam die Energie zurück.

Die letzten Kilometer führten über eine Hügellandschaft zurück nach Ha Giang, wo ich drei Tage zuvor gestartet war. Am Ende standen 105 Kilometer und 2.500 Höhenmeter auf dem Tacho – und damit insgesamt rund 300 Kilometer und 7.000 Höhenmeter in drei Tagen.

Erschöpft, aber glücklich, checkte ich wieder in meiner Unterkunft ein, wo ich zuvor einen Teil meines Gepäcks gelassen hatte. Eine Dusche und der klimatisierte Raum waren ein Segen. Mit unvergesslichen Eindrücken von einer der härtesten, aber schönsten Strecken meiner bisherigen Reise fiel ich todmüde ins Bett.



Nach einer langen Bergfahrt war ich nun über den Wolken in den Maisterrassen.


Mit dem Fahrrad in den Wolken im Dschungel.




In Ha-Giang angekommen. Europäische Pasta mit Aussicht auf Fluss und eine große Brücke.


Viele grüne Hügel überall im Dschungel.



Viele grüne Hügel überall im Dschungel.



Eine große Raupe, die wahrscheinlich zum Totenkopfschwärmer gehört.



Ein Großer Eifleckenfalter direkt auf dem Boden neben mir. Hier gibt es sehr viele Schmetterlinge, die auch sehr groß sind.

Tag 189

Ha-Giang-Loop – Tag 2: Zwischen Wolken, Steigungen und Abfahrten


Die Nacht über regnete es ununterbrochen – meine Entscheidung, im Homestay zu übernachten, war also goldrichtig. Pünktlich um 8 Uhr hörte der Regen auf. Da ich bereits alles gepackt hatte, musste ich nur noch aufs Rad steigen und konnte direkt starten.

Zunächst ging es den Berg weiter hinauf, den ich am Vortag schon ein großes Stück erklommen hatte. Nach 400 Höhenmetern erreichte ich den Gipfel auf 1.500 Metern. Oben hing ich mitten in den Wolken, leichter Sprühregen setzte ein. Da die Tropfen angenehm kühlten, verzichtete ich auf die Regenkleidung – die feuchtwarme Luft war ohnehin schweißtreibend genug.

Auf einem Plateau in rund 1.300 Metern Höhe führte mich die Route etwa 70 Kilometer durch eine Landschaft voller extremer Auf- und Abstiege. Ständig wechselten sich mehrere hundert Höhenmeter steil bergauf und ebenso steil bergab ab. Anders als am Vortag, an dem große, lange Anstiege dominierten, waren es heute viele kleinere Hügel.

Die Natur war überwältigend: spitz geformte, sattgrüne Berge, tief eingeschnittene Täler, Flüsse, die sich durch enge Schluchten wanden, und dramatisch wirkende Wolken, die über den Bergen hingen. Trotz aller Anstrengungen hat sich der Ha-Giang-Loop für mich schon jetzt mehr als gelohnt.

Auch heute dachte ich mir: Mit dem Fahrrad ist dieser Rundkurs eigentlich nur für extrem gut Trainierte geeignet. Fast jeder nimmt hier den Motorroller – und ich kann es verstehen. Kaum jemand ist so verrückt wie ich, sich mit Gepäck die Steigungen von teils über 10 % über mehrere Kilometer hinweg hochzuquälen.

Unterwegs hielt ich am alten Königspalast, der sich jedoch als eher unspektakulär herausstellte. Ein schlichtes, nur minimal verziertes Gebäude ohne große historische Tiefe. Da haben mich so manche Tempel in Tibet oder entlegene Klosteranlagen landschaftlich deutlich mehr beeindruckt.

Am Ende des Tages begegnete ich wieder einigen Motorradgruppen, die mich bereits am Vortag angefeuert hatten. Ihre Freude war groß, mich erneut auf der Strecke zu treffen – zumal ich sogar noch vor ihnen in einem der Täler ankam.

Nach dem letzten langen Anstieg konnte ich den Tag mit einer wunderschönen Abfahrt bei Abendsonne ausklingen lassen. Die Straße schlängelte sich von einem Hochplateau hinunter nach Mau Due. Dort stärkte ich mich mit einem Abendessen und checkte die Wetter-App. Leider erneut schlechte Nachrichten: Mehrere Stunden mit über 5 mm Regen waren vorhergesagt – viel zu viel, um im Zelt trocken zu bleiben. Also entschied ich mich wieder für ein Homestay.

Für 6,50 € bekam ich diesmal ein sauberes Zimmer, sogar mit Klimaanlage – perfekt, um mich für den morgigen Tag zu erholen. Schließlich möchte ich in Bestform den Ha-Giang-Loop abschließen und nach Ha Giang zurückkehren. So ging es früh ins Bett.



Die Wolken hängen tief in den hohen Bergen im Dschungel.



Diese kleine Straße geht 5 km bis zur chinesischen Grenze. Das zeigt, dass ich gerade nahe der chinesischen Grenze bin.




Auf einem weiteren Gipfel kommt plötzlich ein Fluss zum Vorschein, der sich durch die grünen Berge schlängelt.


Ein Blick auf meine Waden reicht, um zu verstehen, wie steil und anstrengend es ist.


Tropische Bergregionen sind für mich ein klares Highlight.


Die Landschaft hier ist ein Wunder der Natur.


Dieser Moment war so friedlich, als ich diese drei Jungs hier Arm in Arm die Straße entlang laufen sah. Ist das nicht süß?

Diese Aussicht hatte ich bei meiner letzten Abfahrt des Tages. Phänomenal!

Tag 188

 

Ha-Giang-Loop – Ein erster Tag voller Höhenmeter 
 
 
Heute startete ich früh in den Tag, da ich noch meine Taschen für den Rundkurs fertig packen musste. Währenddessen regnete es draußen, doch pünktlich zum Losfahren hörte es auf – perfektes Timing. 
 
Der Beginn der Strecke war noch relativ flach, doch das änderte sich schnell am ersten Anstieg: von 100 Metern in Ha Giang ging es bis auf 1.150 Meter hinauf. Unzählige Serpentinen mit einer konstanten Steigung von über 10 % führten durch den Dschungel. Immer wieder überholten mich die gleichen Motorradgruppen, die mich anfeuerten und feierten, was ich da tat. Da sie öfter Pausen machten, holte ich sie jedes Mal wieder ein – so kannten wir uns bald gegenseitig. Und ehrlich gesagt: ich verstehe gut, warum 99,9 % der Leute hier mit dem Roller fahren. Die Anstiege sind brutal. 
 
Doch die Mühe wurde belohnt: je höher ich kam, desto spektakulärer wurde die Aussicht. Grün bewachsene, kuppelartige Berge reihten sich aneinander, ein Panorama, das mir trotz aller Anstrengung ein Lächeln ins Gesicht zauberte. 
 
Nach zwei langen Bergen und mehr als 1.700 Höhenmetern gönnte ich mir um 15:30 Uhr ein verspätetes Mittag- und gleichzeitig frühes Abendessen. Die Stärkung war dringend nötig. Trotzdem entschied ich mich, auch den nächsten Berg noch in Angriff zu nehmen. Am Fuß des Anstiegs lag eine große Schule. Viele Kinder waren gerade auf dem Heimweg und liefen ein Stück mit mir den Berg hinauf. Während ich mich mit über 15 % Steigung quälte, joggten sie locker neben mir her. Ich feuerte sie an, nicht aufzugeben, bis sich unsere Wege wieder trennten. 
 
Ein weiteres Highlight erlebte ich in einem kleinen Dorf: eine Gottesanbeterin kletterte an meinen schlammigen Reifen und „tanzte“ dort. Ich filmte kurz, beobachtete das faszinierende Tier, setzte es dann aber wieder sicher in den Dschungel zurück. 
 
Als die Dämmerung einsetzte, suchte ich nach einem Platz zum Zelten. Doch angesichts der hohen Luftfeuchtigkeit und des angekündigten Starkregens entschied ich mich gegen das Zelt. Ein Homestay im nächsten Ort war die deutlich bessere Wahl – auch weil die feuchte Wärme unter einer Zeltplane kaum erträglich gewesen wäre. 
 
Am Ende standen unglaubliche 2.500 Höhenmeter und 109 Kilometer auf dem Tacho. Ein erster, extrem fordernder, aber wunderschöner Tag auf dem Ha-Giang-Loop ging zu Ende. 



Am Fluss entlang in den Ha-Giang Loop.



Die grünen Dschungel Berge.




Am ersten Gipfel nach über 1000 Höhenmetern kontinuierlich hochfahren.



Sensationelles Panorama vom Berg auf die Nord vietnamesischen Berge.


Plötzlich war eine braune Gottesanbeterin an meinem Reifen.


Tollste Aussicht bei Sonnenuntergang in den Bergen.



Kilometerweit fahre ich Straßen mit bis zu 15 % extrem steil in ganz vielen Serpentinen hoch, um solche Aussichten genießen zu können.

Vor dem letzten Pass des Tages kommen die Wolken schon immer näher.

Tag 187


Organisation, Entspannung und Vorbereitung – Ruhetag vor dem Ha-Giang-Loop


Heute stand ein Ruhetag an, den ich vor allem für Organisation und Erholung nutzte. Am Vormittag arbeitete ich drei Stunden an meinem Blog. Die Kurzvideos hatte ich bereits an den Vortagen geschnitten und auf Social Media eingeplant, sodass dies heute nicht mehr anstand. Anschließend ging ich gegenüber im Restaurant essen und hatte danach ein Telefonat mit dem Darmstädter Echo für meinen regelmäßigen Reisebericht. Auch nahm ich mir Zeit, mit Freunden zu sprechen – mir ist es wichtig, trotz der Reise immer wieder in Kontakt zu bleiben.

Am Nachmittag zog es mich in die Stadt. Ich wollte eine zuverlässige Sonnencreme finden und nach einem guten Massagesalon Ausschau halten. Dabei stellte ich fest, dass mein Bargeld knapp geworden war – und in Vietnam läuft fast alles über Bargeld. Doch die ersten beiden Geldautomaten, die ich ansteuerte, spuckten nichts aus. Beim dritten wuchs meine Verzweiflung, bis ich schließlich mein Konto prüfte und bemerkte, dass meine Kreditkarte schlicht nicht mehr gedeckt war. Eine schnelle Überweisung über die App brachte die Lösung – nach zwei Stunden konnte ich tatsächlich Geld abheben. Ich nahm gleich 4 Millionen vietnamesische Dong mit, rund 130 Euro, genug für die nächsten zwei Wochen und hoffentlich länger.

Zwischendurch gönnte ich mir dennoch eine Massage. Da ich in US-Dollar bezahlen konnte, klappte es trotz der kurzfristigen Bargeldknappheit. Danach fühlte ich mich angenehm entspannt und locker. Schließlich kaufte ich im seriösesten Supermarkt der Stadt noch eine Sonnencreme – wichtig für die kommenden Tage in der Sonne.

Am Abend packte ich meine Taschen für den Ha-Giang-Loop, einen Rundkurs über 300 Kilometer mit mehr als 7.000 Höhenmetern. Dafür reduzierte ich mein Gepäck auf das Nötigste, um so leicht wie möglich unterwegs zu sein. Es soll auf der Strecke extrem steile Passagen geben – jede Ersparnis zählt.

Zurück in meiner Unterkunft freute ich mich über den klimatisierten Raum – draußen herrscht eine erdrückende Feuchtigkeit. Mit dem beruhigenden Gefühl, alles vorbereitet zu haben, ging ich schließlich entspannt schlafen.


 


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Tag 186


 

Regenfahrt nach Ha Giang und Vorfreude auf den berühmten Loop 
 
 
Die ganze Nacht über hatte es geregnet, und auch am Morgen wollte der Himmel nicht aufklaren. Eigentlich wollte ich früh losfahren, doch der Starkregen zwang mich dazu, anderthalb Stunden zu warten. Als es schließlich nur noch leicht nieselte, zog ich meine Regenklamotten an und machte mich auf den Weg. 
 
Das Fahren im warmen Regen bei knapp 30 Grad fühlte sich merkwürdig an – fast so, als könnte man auch in Badehose unterwegs sein. Ich wählte zunächst eine kleine Nebenstraße auf der anderen Flussseite, die durch verwinkelte Dörfer führte. Dort erlebte ich ein magisches Dorfleben: aus vielen Häusern erklang traditionelle vietnamesische Musik, Menschen winkten mir freundlich zu – und trotz des schlechten Wetters lag eine besondere Herzlichkeit in der Luft. 
 
Die Wege selbst waren allerdings katastrophal. Durch den langen Regen hatten sich riesige Pfützen und Schlammlöcher gebildet, Asphalt war kaum vorhanden. Ich fuhr vorsichtig, als plötzlich direkt neben mir ein Handy klingelte. Es lag im Schlamm – vermutlich war es einem Motorradfahrer aus der Tasche gefallen. Ich brachte es zum nächsten Haus, wo eine freundliche Vietnamesin es entgegennahm und sich herzlich bedankte. 
 
Als ich nach einigen Kilometern wieder auf die Hauptstraße kam, klopfte ich mir und dem Rad erst einmal den Schlamm ab. Dann stand der einzige große Pass des Tages bevor. Oben angekommen, eröffnete sich mir eine phänomenale Aussicht: dichter Dschungel und dahinter eine endlose Kette von Bergen. Danach ging es in ein angenehmes Auf und Ab. Viele kleine Anstiege und Abfahrten, die weder mich völlig verausgabten noch meine Bremsen überlasteten. 
 
Je näher ich Ha Giang kam, desto dichter wurde allerdings der Verkehr. Vor allem die Reisebusse rasten wie verrückt, sodass ich ständig aufpassen musste. Nach knapp 130 Kilometern erreichte ich schließlich die Stadt. Der Regen hatte wieder eingesetzt, und die Dämmerung brach herein. Ich suchte mir schnell eine Unterkunft, um dort noch einen Ruhetag einzulegen. 
 
Denn vor mir wartet nun der berühmte Ha Giang Loop – eine der schönsten Routen Vietnams und vielleicht ganz Südostasiens. 99 % der Reisenden fahren ihn mit dem Motorroller. Ich werde ihn mit dem Fahrrad in Angriff nehmen. Verpflegung wird es unterwegs genug geben, aber es wird ein kleines großes Abenteuer – eines, das mich garantiert an meine Grenzen bringen wird. 



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Ich liebe den Dschungel trotz anstrengendem Wetter und brutalen Steigungen.



China hat ein Unterstützungsabkommen und neue Freundschaftsverträge mit Vietnam gemacht. Nun wird von 2025-2030 ein umfangreiches Unterstützungspaket von China an Vietnam umgesetzt.




Die Stadttore in Vietnam sind auch sehr bunt.



In Ha-Giang angekommen. Europäische Pasta mit Aussicht auf Fluss und eine große Brücke.


Tag 185

 
Zwischen Hitze, Staub und grandiosen Ausblicken – Ein harter Tag in Nordvietnam 
 
 
Am Morgen wurde ich von den Vögeln des Dschungels geweckt – der beste Wecker überhaupt. So stand ich um 6:30 Uhr auf, frühstückte ein wenig Gebäck vom Vortag und genoss dabei die atemberaubende Aussicht: Nebelschwaden im Tal, die gewaltigen Wälder ringsum und die Sonne, die langsam hinter den Bergen hervorkroch. Während ich mit der Drohne ein paar Aufnahmen dieser magischen Szenerie machte, gesellte sich ein Vietnamese zu mir. Er sprach kein Englisch, beobachtete mich aber neugierig und blieb eine Weile sitzen, ehe er weiterzog, um auf der Bergstraße seiner Arbeit als Straßenarbeiter nachzugehen. 
 
Nachdem ich meine Sachen in Ruhe gepackt hatte, fuhr ich das letzte Stück hinauf auf den Pass, den ich am Vortag nicht mehr erreicht hatte. Von dort ging es zunächst steil bergab ins Tal. Schnell wurde mir klar, dass die Straßen in Nordvietnam keine Mittelwege kennen: sie führen entweder extrem steil hinauf oder ebenso steil hinunter. 
 
Hinzu kam an diesem Tag gnadenlose Sonne. Kaum Wolken am Himmel, dafür 35 Grad, eine drückende Luftfeuchtigkeit und die Nähe zum Äquator, die die Strahlung noch intensiver macht. Besonders auf den steilen Anstiegen kostete mich diese Kombination jede Menge Kraft. Immer wieder musste ich im Schatten pausieren, um nicht zu kollabieren oder zu dehydrieren. Trotz aller Strapazen habe ich in den vergangenen Monaten noch nie eine Region als so herausfordernd empfunden wie Nordvietnam. 
 
Erschwerend kam hinzu, dass viele Straßenabschnitte im Bau waren. Auf den Ausweichstrecken wirbelten LKW dichte Staubwolken auf, die sich auf meiner Haut in Schichten aus Sonnencreme, Schweiß und feinem Staub absetzten. An einigen Baustellen fielen mir chinesische und vietnamesische Flaggen auf – ein Hinweis darauf, dass der Straßenbau von China mitfinanziert wird. Vermutlich nicht ohne eigene Interessen im Nachbarland. 
 
Zwischendurch boten kleine Flüsse in den Tälern eine willkommene Abwechslung, doch mein Hauptfokus lag an diesem Tag auf Versorgung: In nahezu jedem Dorf suchte ich nach einem Laden, um Softdrinks und Wasser zu kaufen. Bei dieser Hitze und Luftfeuchtigkeit trank ich über sechs Liter Flüssigkeit – und doch hätte es noch mehr sein können. 
 
Nach einem letzten extrem steilen Anstieg, der mir die letzten Reserven raubte, erreichte ich schließlich Pho Rang. Für 5,50 € bekam ich dort ein einfaches Hotelzimmer, und schon 1,30 € reichten für ein warmes Essen. Frisches Obst für den nächsten Morgen rundete den Tag ab. 
 
Erschöpft, staubig, aber glücklich, legte ich mich nach einer erfrischenden Dusche in das klimatisierte Zimmer. Es war der wohlverdiente Abschluss eines extrem anstrengenden Tages, der mir die Härte Nordvietnams in voller Intensität gezeigt hat. 


Einer meiner schönsten Schlafplätze bisher. Am Morgen eine wunderschöne Aussicht aufs Tal, vom Dschungel umgeben. 



Diese tafeln sehe ich immer wieder in Nordvietnam. Die Tafeln zeigen der Bevölkerung an, wie hoch das Waldbrandrisiko ist. Hier war das Risiko gerade auf „Gefährlich“. Durch die sehr humide Luft in der Regenzeit. Gerade habe ich jedoch hier keine Bedenken, dass es zu Bränden kommen kann. In der Trockenzeit ist das eine ganz andere Sache.




Einige große Insekten und Käfer laufen vor mir, immer wieder über der Straße. Sehr faszinierend.



Die Freundschaft zwischen China und Kirgistan sieht man durch Schilder und Zeichen sehr oft hier in Nord Vietnam.


Tag 184

 
Vom höchsten Pass Vietnams ins Tal – ein Tag voller Kontraste 
 
 
Der Tag begann mit einem kleinen Umweg: Zunächst holte ich meine frisch genähte Radhose bei einer Näherei ab, danach gab es ein bescheidenes Frühstück. Dann hieß es Abschied nehmen von Sapa – und erneut bergauf fahren. Noch einmal mussten 550 Höhenmeter überwunden werden, bis ich schließlich den höchsten Pass Vietnams auf 2015 Metern erreichte. 
 
Die Anstiege waren extrem steil, und zum ersten Mal spürte ich mein rechtes Knie deutlich. Diese Belastung auf den Gelenken ist bei solch langen Rampen kaum zu vermeiden, doch ich bin zuversichtlich, dass sich alles wieder einpendeln wird. Die Aussicht am Pass entschädigte jedenfalls für die Mühe: dichter Bergdschungel ringsum, und immer wieder wehten Wolken über die Passhöhe. 
 
Dann folgte ein Highlight – eine 25 Kilometer lange Abfahrt ins Tal. Endlich rollen lassen, den Fahrtwind genießen, links und rechts beeindruckende Panoramen. Solche Abfahrten machen das Radreisen magisch und sind das genaue Gegenteil der schweißtreibenden 12 %-Steigungen, die einen wie einen Wasserfall tropfen lassen. 
 
Im Tal angekommen, eröffneten sich wunderschöne Reisterrassen, die sich an den Berghängen entlangzogen. Immer wieder winkten mir Kinder am Straßenrand zu und riefen fröhlich „Hallo“. Je länger ich nun in Vietnam bin, desto mehr fällt mir auf, wie nah die Kultur an die zentralasiatischen Länder erinnert. China dagegen wirkt im Rückblick wie ein eigenes, völlig anderes Kapitel. 
 
Die Strecke führte weiter durch einige Baustellen, wo Straßen erneuert oder neu gebaut wurden. Schließlich stand ich vor der Entscheidung: im Dorf im Tal übernachten oder noch einmal 500 Höhenmeter hinauf. Ich entschied mich für Letzteres – und hatte damit am Ende des Tages rund 1600 Höhenmeter und 95 Kilometer in den Beinen. 
 
Die Sonne stand schon tief, als ich mein Zelt mit traumhafter Aussicht über das Tal direkt neben der Straße aufschlug. Den Staub und Schweiß des Tages wusch ich mir unter einem kleinen Wasserfall ab – ein perfekter Ausklang nach einem anstrengenden, aber erfüllenden Tag. 


Am höchsten Strassenpass in Vietnam ist eine prächtige Buddha Staute.



Die Aussicht vom höchsten Punkt auf den Dschungel.


Die Menschen tragen hier enorme Lasten auf einfachste Art.



Die Reißterassen sind sehr besonders.


Im Schlamm stecken geblieben.


Die Ochsen entspannen bei 35 Grad und humider Luft im kühlen Wasser.

Satt grüne Felder mit dschungeligen Bergen.

Abendessen mit reichlich leckerem Essen. Gerade einmal 1,60€

Nach dem Essen ging es dann noch mal hoch auf den Berg, wo ich dann auch mein Zelt bei dieser Aussicht aufschlug.

Tag 183

Ein Tag im CatCat Valley und ein bisschen Alltagsorganisation


Heute begann der Tag etwas früher als gewöhnlich, denn ich hatte mich mit der Französin, die ich am Vortag kennengelernt hatte, verabredet. Sie schlug vor, gemeinsam ins CatCat Valley zu gehen. So trafen wir uns am Morgen und wanderten hinunter in das kleine Dorf. Der Weg führte entlang eines Flusses und mehrerer Wasserfälle, eingerahmt vom dichten Dschungel – eine idyllische Atmosphäre. Wären da nicht so viele Touristen gewesen, die sich in traditioneller Kleidung für Fotoshootings inszenierten, hätte der Ort noch deutlich mehr Ruhe ausgestrahlt.

Am Bach, wo es etwas stiller war, entschieden wir uns, die Füße ins Wasser zu halten. Die Erfrischung war so angenehm, dass wir schließlich ganz hineinstiegen. Da wir keine Badesachen dabeihatten, musste die Unterwäsche genügen. Im Vergleich zur feuchtwarmen Luft war das Wasser wunderbar kühl. Anschließend stiegen wir über kleine Pfade wieder zurück in den Dschungel hinauf, da meine Begleiterin ihren Bus in die nächste Stadt erreichen musste. Am Hostel angekommen, gab sie mir noch ein wenig Malariaprophylaxe mit, die ich bislang weder in China noch in Vietnam besorgen konnte. Nun habe ich zumindest für den Notfall etwas dabei.

Für mich ging es danach zunächst zum Essen, bevor ich mich an meinen Blog und meine Kurzvideos setzte. Um eine Vorstellung zu geben, wie viel Arbeit dahintersteckt: Für das Schneiden von vier Kurzvideos brauche ich rund zwei Stunden. Für sieben Tage Blog mit den eingebetteten Bildern saß ich heute etwa vier Stunden am Laptop – das Internet war zudem nicht das schnellste, sodass vor allem das Hochladen der Fotos viel Zeit beanspruchte. Als ich mit allem fertig war, war es bereits dunkel.

Doch der Abend hatte für mich noch einige Programmpunkte: Gleich zwei Häuser weiter befand sich eines der vielen Massagehäuser der Stadt. Dort gönnte ich mir eine einstündige vietnamesische Massage. Sie kostete 13 Euro, war professionell und tat nach den anstrengenden Tagen ausgesprochen gut. Danach fühlte ich mich deutlich lockerer. Anschließend brachte ich meine Radhose mit einem Loch zu einer Näherei, wo man mir zusicherte, sie am nächsten Morgen fertigzustellen. Zum Abschluss suchte ich noch einen Friseur auf, der mir wieder einen frischen Schnitt verpasste. Nach Abendessen und einem letzten Spaziergang fiel ich schließlich müde ins Bett.



Kurz waren wir hier im Bach im CatCat Dorf schwimmen. Eine gute Abkühlung.




Ein besonderer Wasserfall im Tal.

Tag 182

 
Über die Wolken – Ankunft in Sapa und der Fansipan-Berg 
 
 
Nach meiner ersten Nacht in Vietnam frühstückte ich am Morgen ein wenig süßes Gebäck, da ich am Vortag in den Bergen keinen Supermarkt oder Kiosk mehr gefunden hatte. Anschließend packte ich meine Sachen zusammen und trug zunächst Fahrrad und Taschen über die Flussdurchquerung. Danach befestigte ich alles wieder am Rad und setzte meine Fahrt fort – es ging weiter den Berg hinauf in Richtung Sapa. 
 
Die Strecke war mit ihren 15 Kilometern und rund 750 Höhenmetern extrem steil. Kombiniert mit der hohen Luftfeuchtigkeit und der Hitze war dies eine wahre Herausforderung. Der Schweiß lief mir in Strömen aus allen Poren, und mein Gesicht tropfte ununterbrochen, als säße ich in einer heißen Sauna. Entsprechend musste ich fortwährend trinken und griff immer wieder zu Softdrinks, um meinen Salz- und Mineralienhaushalt im Gleichgewicht zu halten. Nach drei Stunden durch dichten Dschungel links und rechts der Straße erreichte ich schließlich Sapa – eine größere, touristisch geprägte Stadt. 
 
Zuerst suchte ich eine Pension mit Klimaanlage auf, in der ich endlich meine durch die feuchte Nacht klammen Sachen trocknen konnte. Da ich noch die Hälfte des Tages vor mir hatte, beschloss ich, auf den Fansipan zu fahren – mit 3141 Metern der höchste Berg Indochinas. Statt jedoch von Sapa auf 1500 Metern Höhe hinaufzuwandern, nahm ich die längste Drei-Seil-Umlaufbahn der Welt. Diese hält gleich zwei Guinness-Weltrekorde: die längste Strecke (6.292,5 m) und den größten Höhenunterschied (über 1.400 m). 
 
So konnte ich nach der sportlichen Anstrengung am Morgen den Aufstieg diesmal etwas entspannter genießen. Oben angekommen, befand ich mich über den Wolken, die sich tiefer in den Bergen sammelten – ein magischer Anblick. Immer wieder veränderte sich das Wetter: Mal waren Tempel und Pagoden vollständig in Nebel gehüllt, dann wieder brach die Sonne durch die Wolken. Ich spazierte auf schmalen Wegen vorbei an riesigen Buddha-Statuen und durch eine beeindruckende, von Dschungel geprägte Landschaft. 
 
Bei der Rückfahrt mit der Gondel ins Tal lernte ich Anaelle kennen, eine Französin, die derzeit zwischen Studienabschluss und Berufseinstieg im Bereich Elektroingenieurwesen steht und drei Monate durch Südostasien und Japan reist. Wir verstanden uns auf Anhieb gut, und die Kommunikation auf Englisch war völlig unkompliziert. So beschlossen wir, den Nachmittag gemeinsam zu verbringen. Von der Gondelstation liefen wir zurück in die Stadt, aßen in einem traditionellen vietnamesischen Restaurant und gönnten uns später noch ein Stück Kuchen, während wir das lebendige Treiben in Sapa beobachteten und uns ununterbrochen unterhielten. 
 
Diese Begegnung war eine willkommene Abwechslung – sie brachte eine Leichtigkeit und Vielfalt in meinen Alltag, den ich sonst eher zwischen intensiven Radtagen und stillen Pausen erlebe. 


Die Reisterassen unter mir in der Gondel.



Die Aussicht vom Fanispan leicht in den Wolken.




Die Aussicht oben am Fanispan in den Dschungel in den Wolken.



Aussicht genießen.


Vor der Buddha-Statue oben.


Wieder in Sapa im botanischen Garten.

Tag 181

 
Grenzübertritt nach Vietnam – von chinesischer Bürokratie ins vietnamesische Abenteuer 
 
 
Der Tag begann früh, denn ich hatte einiges vor und wollte so viel Zeit wie möglich nutzen. Noch immer führte mich mein Weg am Roten Fluss entlang – ein ständiges Auf und Ab. Nach einigen Stunden erreichte ich schließlich die Grenze zu Vietnam. Unterwegs musste ich jedoch ganze fünf chinesische Polizeikontrollen passieren, bei denen jedes Mal mein Pass geprüft wurde. Warum so viele, blieb mir unverständlich – vermutlich dient es dem Prinzip der Abschreckung und der Machtdemonstration. 
 
Auf der chinesischen Seite gönnte ich mir noch ein Mittagessen, kaufte ein paar Reserven ein und machte mich dann auf die Suche nach dem Grenzübergang. Dieser stellte sich als alles andere als fahrradfreundlich heraus: Treppen, auf denen ich mein Rad mühsam hochhieven musste, und nur eine einzige Rolltreppe, die tatsächlich funktionierte. Oben angekommen, musste ich sämtliche Taschen abmontieren und durch den Scanner schicken. Auch die Passkontrolle zog sich in die Länge. Neben mir warteten zahlreiche Vietnamesen mit überquellenden Koffern, die mit Seilen und Gurten notdürftig zusammengehalten wurden – ein skurriler Anblick. 
 
Nach den Formalitäten hieß es, mein Rad vorsichtig über mehrere defekte Rolltreppen wieder hinunterzuschieben. Erst danach verlief der vietnamesische Grenzübertritt unkompliziert und ich erhielt meinen Einreisestempel. Nun war ich also in Vietnam. 
 
Zuerst suchte ich den Geldautomaten auf, den ich mir vorab in meiner Offline-Karte markiert hatte, da ich weder Internet noch in China in den letzten zwei Tagen Empfang gehabt hatte. Ich hob zwei Millionen vietnamesische Dong ab – rund 65 Euro – genug für die nächsten Tage. Danach kaufte ich mir eine SIM-Karte von Viettel, dem Netzbetreiber mit der besten Abdeckung, der kurioserweise dem vietnamesischen Militär gehört. Für 17 Euro bekam ich ein Paket mit 20 GB pro Tag – insgesamt 600 GB im Monat. Nicht günstig, aber für meine Arbeit an Kurzvideos ein lohnender Kauf. 
 
Ein Versuch, Malariamedikamente auf Vorrat zu bekommen, verlief wie schon in China erfolglos – sie sind nicht frei verkäuflich. Also fuhr ich weiter, anstatt in der Grenzstadt Lao Cai zu übernachten. Der Anstieg war hart: von 85 Metern Höhe auf rund 750 Meter, auf steilen Straßen durch dichte, grüne Berge. Die Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit machten den Aufstieg zu einer Tortur. Ein Restaurant oder eine Möglichkeit, warme Mahlzeiten zu bekommen, fand ich nicht – nur ein kleiner Laden mit demselben Zuckergebäck, das ich ohnehin schon bei mir hatte. 
 
Schließlich entdeckte ich einen Trampelpfad, der zu einem alten Container oberhalb eines Flusses führte. Der Weg dorthin war beschwerlich: Der Fluss war knietief, sodass ich das Rad und die Taschen einzeln hinübertragen musste. Der Container selbst war heruntergekommen, der Holzboden löchrig, doch ich fand eine stabile Stelle, die genau Platz für mein Zelt bot. Ein kleines Wespennest über mir sorgte für Vorsicht, hielt mich aber nicht vom Aufbau ab. 
 
Zum Abschluss des Tages sprang ich noch in den Fluss, dessen ausgewaschene Becken perfekte kleine Naturpools bildeten. Das kühle Wasser war eine Wohltat nach dem schweißtreibenden Aufstieg. Erfrischt, wenn auch schnell wieder vom tropischen Klima durchnässt, beendete ich den Abend mit Gebäck und einem Softdrink im Zelt. Müde und schwitzend versuchte ich schließlich, Schlaf zu finden – meine erste Nacht in Vietnam. 


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Durch den Dschungel.



An der Grenze von China und Vietnam entlang.




Im Dschungel an Bananenstauden entlang. 

Während ich unten auf der Straße entlang fuhr, gingen die Highways oben entlang.

Bin nun in Vietnam angekommen.

Über den Grenzfluss, dem roten Fluss, nach Vietnam. 

Am Abend geht es von 85 Höhenmetern hoch auf 750 Höhenmetern hoch. Neben diesem Bach und Wasserfall habe ich mit meinem Zelt geschlafen.

Tag 180


Grenzübertritt nach Vietnam und erste Eindrücke im Dschungel


Heute stand ich früh auf, da ich einen langen und ereignisreichen Tag vor mir hatte. Zunächst folgte ich noch einige Stunden dem Roten Fluss, stets begleitet von dem ständigen Auf und Ab der Straße. Auf dem Weg zur Grenze passierte ich gleich fünf chinesische Polizeikontrollen, an denen jedes Mal mein Pass überprüft wurde. Weshalb so viele Kontrollstellen notwendig waren, blieb mir unklar – vermutlich diente es eher der Abschreckung und der Machtdemonstration.

Kurz vor dem Grenzübergang gönnte ich mir noch ein Mittagessen und kaufte einige Vorräte ein. Die Ausreise selbst gestaltete sich als mühsam: Der Zugang war nicht auf Fahrräder ausgelegt, sodass ich mein Rad mehrere Treppen hinauf- und später wieder hinunterwuchten musste. Auch bei der Passkontrolle dauerte es, während um mich herum Vietnamesen mit riesigen, notdürftig zusammengebundenen Koffern anstanden. Schließlich durfte ich nach mehreren Sicherheitschecks weiterziehen und betrat vietnamesischen Boden.

Mein erster Weg führte mich zu einem Geldautomaten, den ich mir bereits auf der Offline-Karte markiert hatte. Dort hob ich 2 Millionen Vietnamesische Dong ab – rund 65 Euro. Im Anschluss besorgte ich mir eine SIM-Karte von Viettel, dem größten Anbieter im Land, der kurioserweise dem vietnamesischen Militär gehört. Mit 20 GB pro Tag war ich für 17 Euro bestens ausgestattet, auch wenn es nicht ganz günstig war.

Da ich noch Zeit und Energie hatte, entschied ich mich gegen eine Übernachtung in der Grenzstadt Lào Cai und begann den langen Aufstieg Richtung Sapa. Von 85 Metern Höhe ging es in steilen Serpentinen bis auf 750 Meter hinauf. Die Hitze, die hohe Luftfeuchtigkeit und die extremen Steigungen forderten mich stark. Unterwegs hoffte ich vergeblich auf ein Restaurant oder einen kleinen Supermarkt mit warmem Essen; stattdessen blieb es bei dem süßen Gebäck, das ich ohnehin noch bei mir hatte.

Am späten Nachmittag entdeckte ich schließlich einen kleinen Pfad, der zu einem alten Container oberhalb eines Flusses führte. Zwar war der Boden des Containers teilweise morsch, doch eine stabile Stelle bot gerade genug Platz für mein Zelt. Über mir hing ein Wespennest, was die Situation etwas spannender machte, doch ich konnte alles problemlos aufbauen. Zur Erfrischung setzte ich mich anschließend in die natürlichen Auswaschungen des Flusses und genoss das kalte Wasser nach dem schweißtreibenden Aufstieg.

Zum Abendessen blieb es bei Gebäck und einem Softdrink – mehr war heute nicht aufzutreiben. Schwitzend und müde legte ich mich schließlich ins Zelt und versuchte, in der tropischen Nacht Schlaf zu finden.



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Gigantische Bauwerke, wie diese Brücke in China.



Als ich vom Hochplateau in die tiefe Ebene komme, fahre ich bei heißem und feuchtem Klima am roten Fluss entlang.

Es sind überall links und rechts neben den Wegen Bananenstauden.



Auf solchen Märkten gibt es reichlich exotische Früchte, die hier bei dem warmen Klima wachsen.


Tag 179

Zwischen Einladung in Wasserkraftwerk, Böllern und Begegnungen im Süden Yunnans


Erholt wachte ich heute in meinem Zelt auf. Als ich frühstücken wollte, stellte ich fest, dass ich gar kein heißes Wasser für meine Instant-Nudeln hatte. Also packte ich schnell zusammen und rollte ins nächste Dorf hinunter, wo mir sofort an einem Wasserspender heißes Wasser angeboten wurde – in China fast überall selbstverständlich. So startete ich nach Nüssen und Nudeln in den Tag.

Der Weg führte mich einen Berg hinauf, und kurz vor der Passhöhe traf ich ein älteres Ehepaar auf einem Roller. Erst verstand ich ihre Fragen nicht, doch wenig später sprach die Frau in einfachem Englisch zu mir. Sie luden mich ein, ihr Wasserkraftwerk zu besichtigen, das sie leiteten. Meine Neugier war sofort geweckt.

So bekam ich eine private Führung durch die Turbinenhalle, die Kontrollzentrale und durfte mich sogar selbst durch die Bildschirme klicken. Anschließend stiegen wir gemeinsam 70 Stufen auf die Staumauer hinauf – beeindruckend, wie gewaltig selbst ein „kleiner“ Staudamm sein kann. Weniger erfreulich war der viele Müll, der sich im Zufluss gestaut hatte. Ein Anblick, an den ich mich nie gewöhnen werde, so sehr er in weiten Teilen Asiens alltäglich ist.

Nach dem Rundgang servierte mir das Ehepaar in ihrem Nebenhaus Tee, Nüsse, Kuchen, Eier von den eigenen Hühnern und frisch geröstete Maronen. Wir unterhielten uns lange – mithilfe eines Übersetzers – über ihre Familie, Reisen nach Australien und die Pläne ihrer Enkelkinder, dort zu studieren. Eine Begegnung, die mir einmal mehr zeigte, wie verschieden die Lebensrealitäten innerhalb Chinas sind.

Nach zweieinhalb Stunden Pause verabschiedete ich mich herzlich und setzte meine Fahrt fort. Kaum zehn Kilometer später stieß ich auf das nächste Spektakel: laute Schüsse, Rauch, ein Tuk-Tuk voller Böllerbatterien und eine Prozession in buddhistischen Gewändern. Es war ein Ritual, um Geister zu vertreiben – laut, chaotisch und gefährlich. Ein explodierendes Projektil traf sogar direkt meine Brille; zum Glück trug ich sie, sonst hätte es böse enden können. Noch lange hörte ich das Piepen in meinem Ohr.

Weiter ging es durch landwirtschaftlich geprägte Regionen: Felder mit Chili, Auberginen, Tabak und viel Gemüse. Dann ein langer Stau – Ursache war ein LKW, dessen Vorderachse gebrochen war. Der tonnenschwere Koloss war in den Graben geschlittert und wurde nun mit einem gigantischen Kran geborgen. Für das Dorf war es ein Ereignis, für mich ein eindrucksvolles Beispiel, wie gefährlich die kurvigen Bergstraßen für LKW-Fahrer sind.

Anschließend entschied ich mich gegen die Route von Komoot und folgte stattdessen der Empfehlung einer chinesischen Navigations-App. Anstatt vieler kleiner Hügel brachte sie mich jedoch über einen einzigen gewaltigen Anstieg von 1300 auf 1950 Meter. Schweißtreibend, aber landschaftlich lohnend: Zikaden, Vögel und weite Blicke belohnten mich am Pass.

Im ersten Dorf hinter der Passhöhe fand ich eine einfache Unterkunft, wusch mich und aß mein gewohntes Abendgericht. Dort kam ich mit zwei Männern ins Gespräch: Der eine betreibt einen kleinen Handyladen und verdient mit 1000 Euro im Monat vergleichsweise gut. Der andere fährt LKW und muss mit etwa 300 Euro über die Runden kommen – bei 70 Arbeitsstunden pro Woche. Solche Gespräche sind für mich ein zentraler Bestandteil meiner Reise: Sie eröffnen mir Einblicke in die Lebenswirklichkeit der Menschen, fernab jeder touristischen Kulisse.

So ging ein Tag voller Erlebnisse und Begegnungen zu Ende – und ich legte mich zufrieden zur Ruhe.



In der Kontrollzentrale des Wasserwerks.



Das ältere Ehepaar, das mich in das Wasserwerk eingeladen hat.




Ein Mega Unfall !



Der Crash von vorne.


Einige Kuhköpfe hängen hier im Dorf an den Wänden.


Tag 178

Vom Großstadtdschungel in die Stille des Dschungels


Mein heutiger Tag begann wie gewohnt mit einer Portion Instant-Nudeln und ein paar Nüssen – mein einfaches, aber bewährtes Frühstück. Anschließend verließ ich Kunming. Die Ausfahrt aus dieser Acht-Millionen-Stadt war chaotisch: Massen an Rollern, Autos, LKWs und Tuk-Tuks wuselten durcheinander – und irgendwo dazwischen schlängelte ich mich mit meinem Fahrrad hindurch. Kilometer für Kilometer zog sich die Stadt, bis es schließlich ruhiger wurde.

Hinter Kunming führte mein Weg über mehrere Hügel und entlang großer Seen. Ich kam gut voran und legte meine erste Pause erst nach 90 Kilometern ein. Zum Mittag gab es wieder Reis mit Ei und Tomate – meine Lieblingskombination, die mich zuverlässig mit Energie versorgt.

Am Nachmittag ging es tiefer in den Dschungel hinein. Die Anstrengung wurde mit einer reichen Geräuschkulisse aus Vogelstimmen und Insekten sowie kleinen Wasserfällen am Wegesrand belohnt. Als die Sonne langsam tiefer stand, machte ich mich auf die Suche nach einem Schlafplatz. Schließlich entdeckte ich einen kleinen Trampelpfad, der von der Straße auf einen Hügel hinter einem Dorf führte. Dort baute ich mein Zelt auf.

Die Mücken waren schon aktiv und warteten nur auf ihre Chance. Doch ich beeilte mich mit meiner Abendroutine, um so schnell wie möglich ins sichere Zelt zu gelangen. Nur das Dehnen musste ich draußen erledigen – begleitet vom ständigen Fuchteln gegen die stechfreudigen Plagegeister. Um 20:30 Uhr lag ich schließlich im Schlafsack und schlief bald darauf ein.



Kurz im Disneyland vorbei gekommen, auf Chinesisch.



Durch den chinesischen Dschungel.




Hier auf den Straßen darf man auch manchmal als Auto rechts überholen. Manchmal ist das wirklich verwirrend und auch gefährlich.



Lecker Mittagessen.

Mitten im Dschungel mit Wasserfall in schönster Kulisse.

Tag 177


 
Ein „Ruhetag“ voller Höhenmeter und Eindrücke 
 
 
Heute Morgen nahm ich ein Taxi hinauf auf den Bergrücken vor Kunming. Von dort starten mehrere Wanderrouten, die an verschiedenen Tempeln vorbeiführen. Schon gleich zu Beginn begegnete ich vielen Trailrunnern, die diese besondere Atmosphäre für ihr Training nutzten. 
 
Ich selbst wanderte rund 11 Kilometer durch den dichten, grünen Dschungel. Es ging ständig bergauf und bergab – deutlich fordernder, als ich es mir für einen Pausentag vorgenommen hatte. Doch die Anstrengung lohnte sich: Immer wieder tauchten tibetische Tempel mitten im Wald auf, und von einigen Stellen hatte ich einen grandiosen Blick über den riesigen See, der direkt an Kunming liegt. 
 
Natürlich war ich nicht allein unterwegs. Wie so oft in China kamen auch hier die meisten Besucher mit Gondeln oder Shuttle-Bussen bequem an ihre Ziele. Ich genoss jedoch den sportlicheren Weg und wanderte an mehreren kleineren Tempeln vorbei zurück zur Basisstation. Dort entschied ich mich – erschöpft, aber zufrieden – für die Gondel ins Tal. In der Kabine kam ich noch mit zwei Chinesinnen in meinem Alter ins Gespräch, die mir erzählten, dass sie ihre Ferien mit einem Basketball-Team verbringen. 
 
Anschließend fuhr ich zum Decathlon in Kunming – mein erstes Shopping seit vielen Monaten. Dort kaufte ich mir helle, lange Kleidung als Schutz gegen die Moskitos in Südostasien, um vor allem auch wegen der Malaria vorbereitet zu sein. Nach einem stärkenden Abendessen kehrte ich ins Hotel zurück, packte meine Ausrüstung für die morgige Etappe und fiel müde, aber glücklich ins Bett. 






Durch den Dschungel mit Aussicht auf Kunming. 



Tempel auf der Dschungelwanderung.




Tibetische Figuren im Tempel sind wahre Kunstwerke.



Ein Buddha mit unendlich vielen Armen. Sehr symbolträchtig im Buddhismus.

Die Aussicht auf Kunming. Eine kleinere Stadt in China mit ungefähr 8 Millionen Einwohnern.

In diesem Dschungel hört es gar nicht auf, an buddhistischer Kultur und Schönheit.

Auch die Stromkästen sind hier typisch nach der Landschaft angemalt.

Tag 176

Ein Ruhetag zwischen Parkidylle und Wäschereisuche


Heute ließ ich es ganz entspannt angehen. Zunächst widmete ich mich meinen Kurzvideos und meinem Reiseblog, die ich wieder auf den neuesten Stand brachte. Nach einigen Stunden am Laptop zog es mich hinaus in den nahegelegenen Park. Dort lag ein großer See, auf dem unzählige Chinesen ausgelassen in Tretbooten unterwegs waren – ein quirliges, beinahe chaotisches Treiben, das ich von einer Bank aus beobachtete und in Ruhe auf mich wirken ließ.

Eigentlich wollte ich im Anschluss noch einen weiteren Park besuchen, in dem ein Tempel stehen sollte. Doch das Gelände war komplett abgesperrt – fast wie ein Hochsicherheitstrakt. In China sind Baustellen meist mit hohen Wänden und Kunstrasen verkleidet, sodass man nicht erahnen kann, was dahinter geschieht. Vielleicht will man die Arbeitsbedingungen nicht allzu sichtbar machen.

So schlenderte ich stattdessen durch ein paar Seitengassen, die bald schmaler, dunkler und etwas heruntergekommen wirkten. Dort sollte es eine kleine Wäscherei geben – dringend nötig, da meine Radkleidung nach den letzten schweißtreibenden Tagen einmal gründlich gewaschen werden musste. Tatsächlich fand ich inmitten des Gassenlabyrinths einen winzigen Laden mit drei Waschmaschinen, in dem ich meine Sachen für umgerechnet einen Euro waschen konnte. Eine sehr günstige Lösung, zumal mir zuvor eine Wäscherei mitten in der Stadt empfohlen worden war, die für dasselbe stolze neun Euro verlangt hätte – eindeutig übertrieben für ein paar Radklamotten.

Nach diesem kleinen Abenteuer ging es für mich zurück ins Hotel, wo ich den Tag mit einem gemütlichen Filmabend ausklingen ließ.



Durch den Park mit Hängepflanzen.



Bei der Apotheke und auch vier anderen großen Apotheken konnte ich leider keine Malaria Notfallversorgung für den Fall der Fälle für Südostasien bekommen. Mal sehen, wie das in Südostasien aussieht. Aber eher schlecht.




Nach 6500km musste dann auch mal die Kette gewechselt werden, da sie auch nach 50.000 Höhenmetern auch nun verschlissen war. 



Tag 175

Von der Dschungelraupe bis ins Großstadtgetümmel von Kunming


Die Nacht über hatte es wieder heftig geregnet – umso besser, dass ich im kleinen Dorf im Dschungel eine Unterkunft gefunden hatte. Am Morgen war der Regen vorbei, und ich machte mich auf den Weg. Nach einigen Kilometern entdeckte ich eine riesige Raupe mitten auf der Straße: die Raupe des Atlasspinners, eines der größten Nachtfalter der Welt. Mit fast 10 Zentimetern Länge war dieses Tier ein wirklich beeindruckender Anblick.

Weiter ging es durch den sattgrünen Dschungel, in dem hinter jeder Kurve neue Geräusche und Farben warteten. Auch heute war die Strecke wieder bergig, mit langen Anstiegen in Richtung Kunming. Nach 70 Kilometern legte ich eine Mittagspause ein. Leider war die Straße stark von LKWs befahren, die anstelle der mautpflichtigen Autobahn die kleineren Straßen nutzen. Für mich hieß das: ständige Vorsicht und Konzentration, damit die schweren Fahrzeuge genug Abstand hielten.

Nach 120 Kilometern erreichte ich die große Vorstadt Aming, bevor es durch das chaotische Straßengewirr von Kunming ging. Mehrspurige Straßen übereinander, hunderte Roller, die sich zwischen Autos hindurchschlängelten – und mittendrin ich mit meinem Rad. Die letzten Kilometer zogen sich, denn mein Bauch machte Probleme und raubte mir zusätzliche Energie. Hoffentlich kündigt sich da nichts Ernsteres an.

Nach knapp 140 Kilometern und 1300 Höhenmetern kam ich schließlich am Hotel an. Dort wartete noch eine letzte kleine Hürde: Mit dem Fahrrad im Aufzug in den achten Stock zu fahren war anscheinend nicht erlaubt. Nach längerer Diskussion stellte sich jedoch heraus, dass ich einfach nur den zweiten Fahrstuhl hätte nehmen sollen. Problem gelöst, und endlich konnte ich in mein Zimmer. Heute werde ich mit Sicherheit sehr gut schlafen.



Wasserfälle kommen auch immer mehr im Dschungel.



Die Raupe des Atlasspinners schlich langsam vor mir auf der Straße entlang.




Die Raupe des Atlasspinners war 10 cm groß und der Atlas Spinner ist einer der größten Nachtfalter der Welt.



Die erste große Stadt vor Kunming hier Aming.


Tag 174

 

 
Regen, Dschungel und die Vorbereitung auf Kunming 
 
 
Heute Morgen wurde ich von den Geräuschen des Dschungels geweckt. Vögel stimmten ihren morgendlichen Gesang an – für mich das Signal, aufzustehen und zu frühstücken. Das Frühstück war eher zweckmäßig als gesund: eingeschweißte Muffins, zwei Snickers-Riegel und immerhin eine kleine Packung gesalzener Erdnüsse mit Chili. Davon habe ich in China mittlerweile schon unzählige gegessen. 
 
Nachdem ich mein Zelt in dieser idyllischen Szenerie abgebaut hatte, kämpfte ich mich zurück durch das Dickicht bis zur Straße. Dort ging es erst einmal bergab, bevor mich zwei weitere Anstiege erwarteten. Die Landschaft ist hier extrem hügelig, und so sammelt man unweigerlich viele Höhenmeter. In Nanhua machte ich eine entspannte Mittagspause. Das Wetter hielt sich bisher gut, doch kaum war ich wieder losgefahren, änderte es sich schlagartig: ein massiver Regenschauer prasselte auf mich nieder. 
 
Zunächst zog ich nur meine Regenjacke an, weil ich zu bequem war, die restliche Ausrüstung aus der Tasche zu kramen. Ich hoffte, dass der Schauer bald vorbei sein würde – doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Stattdessen wurde ich komplett durchnässt. Das Wasser lief mir so stark in die Schuhe, dass ich irgendwann stehenbleiben musste, um meine Socken auszuwringen. Erst nach zwei Stunden hörte der Regen auf, und die feuchtwarme Luft trocknete meine Kleidung langsam wieder. Nur die Socken blieben klamm. 
 
Mein Weg führte mich weiter durch Chuxiong bis ins kleine Dorf Dajiuzhuang. Nach einem letzten Anstieg tauchte ich noch tiefer in den Dschungel ein. Beim Abendessen dort warf ich einen Blick auf die Wetter-App und sah, dass für die Nacht erneut starker Regen angesagt war. Da ich am nächsten Tag die lange Etappe von 140 Kilometern bis nach Kunming schaffen möchte, entschied ich mich, noch einmal in einer Unterkunft zu übernachten. So ging es früh ins Bett, um morgen erholt in einen langen Fahrtag zu starten. 





Durch ein schönes, buddhistisches Ortstor weiter tiefer in den Dschungel rein.


Durch die grüne Lunge Süd Chinas.




Plötzlich sitzt ein Wiedehopf direkt vor mir.




Verwirrende Straßenschilder an der Straße.


Nun bin ich wirklich im Dschungel angekommen. Neben einem Elefanten auf dem Auto war hier eine Giraffe auf dem Auto.



Tag 173

Von Dali in den Dschungel


Heute Morgen kam ich später los, als geplant. Irgendwie brauchte ich für alles etwas länger – doch da ich keinen Zeitdruck hatte, war das halb so schlimm. Zunächst schlängelte ich mich durch das Straßengewirr von Dali. Plötzlich fuhr ein Tanklaster neben mir her und sprühte feinen Nebel in die Luft – meine spontane Morgendusche samt Dampfbad. Diese Sprühaktionen sollen den Staub in der Luft binden.

Als ich die Stadt hinter mir gelassen hatte, kam direkt der erste Hügel. Oben angekommen, ging es wieder bergab – nur um kurz darauf den nächsten Anstieg in Angriff zu nehmen. Mit jedem Kilometer wurde die Vegetation dichter und tropischer: exotische Vögel zwitscherten, Insekten zirpten, und auch die Bäume erinnerten immer mehr an einen Dschungel. Nur die hohe Luftfeuchtigkeit fehlte noch – ich befand mich schließlich immer noch auf über 2000 Metern Höhe. Doch je tiefer ich in den nächsten Tagen komme, desto schwüler wird es wohl werden.

Nach rund 1500 Höhenmetern und knapp 120 Kilometern bog ich von der Hauptstraße auf einen kleinen Feldweg ab. Zunächst säumten Maisfelder den Weg, doch schon bald wurde das Grün dichter und wilder. An einem ausgetrockneten Wasserlauf, der hoch am Berg lag, fand ich schließlich einen schönen Platz mit weiter Aussicht ins Tal. Dort baute ich mein Zelt auf, genoss den Sonnenuntergang, erledigte meine Abendroutine – und kroch dann zufrieden ins Bett.



In den Wolken im Dschungel.



So sehen übrigens chinesische Ortsschilder aus. Es gibt sogar einen Ort mit dem Namen Juli. Vielleicht gibt es ja auch noch andere Monatsnamen. 




Die asiatische Hornisse gibt es nicht nur in Deutschland als invasive Art, sondern hier auch in ihrem ursprünglichen Lebensraum in China.




Die Tierzucht von Schlachttieren, wie Schweinen und Hühnern passiert hier unter grauenvollen Umständen.


Die heutige Aussicht von meinem Schlafplatz am Abend war grandios.



Die Aussicht bei Sonnenuntergang.

Tag 172

 


Pagoden, Tempel und Menschenmassen in Dali


Heute ließ ich es an meinem Ruhetag ruhig angehen. Nach einem Frühstück aus Instant-Nudeln setzte ich mich an meinen Blog und meine Kurzvideos – ganze fünf Stunden Arbeit, bis alles erledigt war. Danach packte ich meine Sachen und machte mich auf den Weg zu den berühmten drei Pagoden in Dali.

Der Ort übertraf meine Erwartungen: Es gibt nicht nur die drei riesigen Türme, die weithin sichtbar sind, sondern auch einen weitläufigen Park voller buddhistischer Tempel in allen Größen und Bauformen. Von groß und majestätisch bis hin zu klein und schlicht – hier zeigte sich die ganze Vielfalt buddhistischer Architektur. Ich hatte zwar gewusst, dass die Pagoden sehenswert sind, aber niemals damit gerechnet, dass man dort so viel Zeit verbringen kann.

Allerdings hatte ich die Öffnungszeiten nicht mehr im Blick. Als ich um 18:20 Uhr am Eingang ankam, wurde das Tor gerade geschlossen. Mit viel Überredungskunst durfte ich schließlich doch noch hinein – und konnte die beeindruckenden Tempel und Bauwerke in Ruhe bestaunen.

Später zog es mich in die sogenannte Foreigners Street. Am Abend war sie hell erleuchtet, überall erklang Musik, und unzählige Stände luden zum Bummeln ein. Gemeinsam mit tausenden anderen Besuchern bahnte ich mir den Weg durch das bunte Treiben. Es war eine Erfahrung wert, aber auch ziemlich anstrengend.

Zum Abschluss aß ich dort noch zu Abend, bevor ich zurück ins Hotel fuhr. Morgen wartet wieder ein Radtag – und dafür wollte ich mir noch einmal einen erholsamen Schlaf gönnen.


Die drei Pagoden sind ein wichtiges Merkmal von Dali. In der buddhistischen Tradition dienten Pagoden nicht nur als religiöse Bauwerke, sondern auch als Schutzsymbol gegen Katastrophen. Der Legende nach wurden die Pagoden erbaut, um Überschwemmungen, Erdbeben und Drachengeister im Erhai-See zu besänftigen, die das Tal immer wieder heimgesucht haben sollen. Sie waren außerdem ein Zeichen für die Macht und den kulturellen Einfluss des buddhistischen Glaubens im damaligen Nanzhao- und Dali-Königreich.

 





In dem Park, in dem auch die drei Pagoden stehen, waren unzählige buddhistische Tempel, Grabmäler und Statuen.




Manche Tempel sind auch schon ein bisschen in die Jahre gekommen, jedoch trotzdem schön.




Das Altstadtgetümmel habe ich mir dann auch noch mal angesehen. Es war jedoch ernüchternd mit tausenden chinesischen Touristen, sich dort durch die Gassen zu schieben. Da ist mir Natur und buddhistische Kultur lieber.


Tag 171

 
Zwischen Dschungel, Regen und Touristenströmen am Er-Hai-See 
 
 
Heute ließ ich den Morgen ruhig angehen und startete erst spät, da ohnehin noch Regen angesagt war. Hätte ich mich früher auf den Weg gemacht, wäre ich nur länger im Nass gefahren. Direkt hinter dem Dorf begann der Anstieg: von 1.900 m auf 2.600 m. Der Weg führte durch dichten Dschungel, in dem es von Tierlauten nur so widerhallte. Die Wolken hingen mystisch tief in den Baumwipfeln, und immer wieder setzte Regen ein. Nach 40 Kilometern und 850 Höhenmetern erreichte ich den Pass, machte dort eine kurze Pause und genoss den Blick hinab in das tief liegende Tal, bevor es für mich bergab ging – begleitet von einer weiteren kräftigen Dusche von oben. 
 
Unten angekommen, öffnete sich das Panorama zum Er-Hai-See, der sich bis nach Dali erstreckt. Der Regen ließ nach, und ich konnte am Ufer entlangfahren. Ein perfekt ausgebauter Radweg führte ganze 60 Kilometer direkt am Wasser entlang – flankiert von einem riesigen, gepflegten botanischen Garten. Landschaftlich ein Traum, doch die Realität sah etwas anders aus: Tausende Touristen auf Leihfahrrädern, unaufmerksame Fahrer von E-Rollern, die lieber in die Landschaft starrten, und kleine E-Busse, die die Wege blockierten. Vor allem an Hotspots, wo Fotografen professionell Bilder von Besuchern machten, wurde es chaotisch. Meine Klingel kam heute häufiger zum Einsatz als an allen anderen Tagen zusammen. 
 
Trotz des Trubels konnte ich die Fahrt am See genießen – die Schönheit der Natur war einfach zu überwältigend. Am Ende des Radwegs erreichte ich Dali, die letzte große Stadt vor Kunming. Zelten kam hier nicht infrage, also gönnte ich mir erneut ein günstiges Hotel. Für nur elf Euro bekam ich ein top ausgestattetes Zimmer. Nach einem leckeren Abendessen fiel ich zufrieden und erholt ins Bett. 


In den Wolken im Dschungel.



Schöne Szenarie auf dem Berg vor Lijang




Ein leckeres Mittagessen mit Blick auf den Er Hai See.




Der Ausblick auf den großen See.


Wie viele Kameras zählt ihr ?



in Dali angekommen, erstreckt sich eine Großstadt vor mir.

Tag 170

Zwischen magischen Wolken, Regen und einer warmherzigen Geste


Nachdem ich im Trockenen gut geschlafen hatte, startete ich früh bei Sonnenaufgang – der Regen war wieder für den Mittag angesagt. Auf über 3.000 m fuhr ich zunächst durch die Wolken und über einige kleinere Anstiege, bevor ich in ein Tal kam, in dem ein Naturpark mit einem strahlend blauen See lag. Hier wimmelte es nur so von Touristen, die unzählige Fotos machten. Auf dem Abschnitt zwischen See und Besucherparkplatz erlebte ich eine wahre Nervenprobe: Über 250 Reisebusse überholten mich, während ich mich zwei Berge hinaufkämpfte. Ständig hatte ich einen Bus im Rücken – Stress pur.

Oben angekommen folgte die lange Abfahrt hinunter nach Lijiang. Die rasante Fahrt ins Tal tat unglaublich gut. In der großen, aber sehr touristischen Stadt hielt ich mich nicht lange auf, aß lediglich zu Mittag und setzte meinen Weg fort. Mehrere Hügel lagen noch zwischen mir und der letzten Stadt vor dem nächsten großen Anstieg. Eigentlich wollte ich dort zelten, doch genau als ich nach einem Platz suchte, setzte starker Regen ein – und der Wetterbericht kündigte Dauerregen bis zum nächsten Tag an. Also machte ich mich auf die Suche nach einem günstigen Hotel. Nach einigem Umherirren fand ich schließlich ein Zimmer für 55 Yuan, umgerechnet etwa sechs Euro – ein sehr fairer Preis.

Da sich am Rahmen meines Fahrrads, an der Stelle, an der der Gepäckträger das gesamte Gewicht trägt, erneut kleine Risse gebildet hatten, musste ich dringend eine Schweißarbeit erledigen lassen. Eigentlich hatte ich das erst für Dali geplant, doch da ich heute früh fertig war, suchte ich sofort eine Werkstatt auf. Die Mitarbeiter reparierten den Rahmen schnell und zuverlässig – und weigerten sich, Geld dafür anzunehmen. Sie erklärten, dass sie meine Reise beeindruckend fänden und mich unterstützen wollten. Diese Geste rührte mich sehr, zumal ich in China bisher oft das Gefühl hatte, dass vieles nur gegen Geld geht. In Zentralasien war Gastfreundschaft selbstverständlich, hier dagegen wurde ich zuletzt sogar für eine einfache Notunterkunft zur Kasse gebeten. Umso mehr hob sich diese Erfahrung positiv ab.

Nach der Reparatur ging ich noch etwas essen und beendete den Tag – draußen prasselte der Regen unaufhörlich, während ich im Trockenen einschlief.



In den Wolken im Dschungel.




Die Steintürmchen in den Wolken am Berg.



Am Pass für heute. Wenn man solch ein Schild sieht, mit 22 km bergab, dann freue ich mich auf eine große Abfahrt.




Bei der Abfahrt geht es an diesem großen Berg, der in den Wolken ist, vorbei. 



Diese große Zikade oder Grille war über 80 dB laut. Sehr magisch in dieser Dschungelszenarie. 



Das Eingangstor der verschiedenen Dörfer sind wunderschön.



Am zweiten sehr großen Pass auf 3300 Metern nach 2300 Höhenmetern angekommen. 



Tag 169

Von 1.700 m auf 3.300 m – ein Tag zwischen Dschungelgefühlen und Regen


Heute startete ich bereits um 7:30 Uhr, da der Wetterbericht Regen ab 13:00 Uhr ankündigte. Mein Ziel: möglichst viele Kilometer trocken zurücklegen. Schon direkt aus dem Ort ging es bergauf – von 2.300 m auf 2.700 m. Die Straße schlängelte sich idyllisch durch die Wolken, die an den Bergen hingen, und verliehen der Landschaft eine fast magische Stimmung. An manchen Stellen stand das Regenwasser der Nacht noch so hoch, dass die Straße überschwemmt war.

Nach dem ersten Pass folgte eine kurze Abfahrt, bevor der zweite Anstieg des Tages bis auf 2.800 m führte. Danach kam eine lange, steile Abfahrt hinunter ins Tal auf 1.700 m. Die Serpentinen glühten meine Bremsen regelrecht durch, während sich die Wolken wie Schleier um die massiven Berghänge legten – ein Anblick, der mich trotz der Anstrengung tief beeindruckte.

Unten im Tal, nach rund 60 km und 800 Höhenmetern, machte ich eine kurze Pause. Die Temperatur war plötzlich auf 22 °C gestiegen und es fühlte sich feucht-warm an. Laut Wetter-App hätte es längst regnen sollen, doch die dichten Wolken hielten sich noch zurück – Glück für mich. Also aß ich schnell etwas und fuhr weiter, um noch möglichst viel im Trockenen zu schaffen.

Dann wurde es ernst: ultrasteile, winzige Betonwege, die sich zwischen Mais- und Gemüsefeldern die Hänge hochschlängelten. Stellenweise 15 % Steigung – mit meinem Gepäck eine echte Tortur. Ich fuhr im kleinsten Gang und hatte trotzdem Angst, dass die Kette reißen könnte. Es erinnerte mich stark an die Härte des Pamir-Gebirges. Nach einigen Kilometern stieß ich endlich auf die Hauptstraße, die zwar länger, dafür aber weniger steil gewesen wäre. Danke, Komoot, für diesen zusätzlichen Adrenalinschub.

Die Landschaft belohnte mich aber: kleine Bergdörfer, saftig grüner Bewuchs, bunte Vögel, Eichhörnchen, Kühe und das durchdringende Zirpen unzähliger Zikaden. Je höher ich kam, desto dichter hingen die Wolken zwischen den Bäumen – fast wie in einem Dschungel.

Nach über fünf Stunden, unzähligen Serpentinen und fast 1.600 Höhenmetern stand ich schließlich erschöpft auf 3.300 m am Pass. Kaum oben, setzte auch wieder Regen ein, und die Abfahrt wurde durch Nässe und Kälte noch anspruchsvoller.

Im nächsten Dorf hielt ich an einem Hotel – leider ein Luxushotel, das stolze 100 € pro Nacht verlangte. Ein völlig utopischer Preis. Auf meine Nachfrage, ob ich wenigstens im Eingangsbereich am Kamin schlafen dürfe, bekam ich ein klares Nein. Stattdessen schickte mich ein Mitarbeiter zu einem kleinen Supermarkt. Der Weg dorthin war holprig, es dämmerte bereits, und mitten in den Wolken wurde es immer ungemütlicher.

Vor Ort hatten die Besitzer, offenbar bewusst ihrer Monopolstellung, den Preis für ein einfaches Bett in einer Abstellkammer erst bei 200 Yuan angesetzt – so viel wie ein gutes Hotelzimmer in einer Stadt. Nach Verhandeln drückte ich den Preis auf 150 Yuan, immer noch zu teuer, aber angesichts von Kälte, Dauerregen und Bärengebiet eine akzeptable Lösung.

Immerhin bekam ich warmen Reis mit Kartoffeln und Fleisch (das Fleisch ließ ich besser stehen) sowie heißen Tee. Am Ofen konnte ich mich aufwärmen, mein Bett wurde frisch bezogen, und draußen prasselte der Regen unaufhörlich nieder. Trotz allem war ich dankbar: besser ein überteuertes, warmes Bett als ein gefährlicher Nachtplatz im Regen.



Die großen Berge noch am Morgen verschleiert in den Wolken.




Im Tal kam ich an diesem sehr blauen See entlang. Ich genoss kurz diese Atmosphäre mit den tiefen Wolken, dem dichten Wald und dem blauen See. Durch die vielen chinesischen Touristen und die hunderten Busse, die hier in einer Tour lang fuhren, fuhr ich lieber weiter.



Lecker Essen.




Erste Reparatur seit längerem wieder am Fahrrad.



Vielen Dank an diese besten Mechaniker. 


Tag 168

Von Shangri-La zu den weißen Terrassen


Der heutige Tag begann wie gewohnt mit meinem Frühstück: Instant-Nudeln, ein Apfel und ein paar Nüsse. Danach machte ich mich mit dem Fahrrad auf den Weg. Die Route führte zunächst wieder an der heißen Quelle vorbei, die ich am Vortag besucht hatte, und dann stetig bergauf zum ersten Pass auf 3.600 Metern Höhe.

Schon am Vormittag setzte Regen ein. Da ich den Wetterbericht rechtzeitig gecheckt hatte, waren meine Regensachen griffbereit. Nach rund 50 Kilometern und einigen Höhenmetern legte ich meine erste Pause in einem kleinen Dorf ein, wo es einen Supermarkt gab. Dort hatte ich großes Glück: Ein älterer Herr schaltete extra für mich einen Heizstrahler an. So saß ich zusammen mit drei Dorfbewohnern in einer Art Wohnzimmer direkt neben dem Laden, trocknete meine Kleidung und wärmte mich gründlich auf, bevor es zurück in den Dauerregen ging.

Der Regen wurde immer stärker, und meine Strecke führte noch über mehrere Pässe: einmal auf 3.700 Meter und zweimal auf 3.500 Meter. Am höchsten Punkt des Tages winkte mir ein Chinese zu sich. Er bot mir Essen und heißen Tee an, und so saß ich für einige Minuten unter dem Schutz seines Kofferraumdachs. Es gab Teigtaschen mit Chili-Pesto – für meinen Geschmack viel zu scharf, aber trotzdem eine willkommene Stärkung. Lange konnte ich die Pause jedoch nicht genießen, da es dort oben nasskalt war. Also machte ich mich bald wieder auf den Weg.

Nach weiteren Kilometern und Passhöhen war ich klitschnass – von außen durch den Regen, von innen durch die „Schwitzsauna“ unter meinen Regenklamotten. Am Ende standen über 1.300 Höhenmeter, knapp 100 Kilometer und fünf Stunden Dauerregen bei sieben Grad auf dem Tacho, bis ich schließlich in Sanbaxiang ankam.

Dort wartete ein besonderes Highlight: die Weißen Terrassen. Diese geologischen Formationen entstanden durch das langsame Absetzen von Calciumcarbonat aus kalkhaltigem Quellwasser und bauten sich über Jahrtausende zu terrassenartigen Strukturen auf – von Dichtern oft als „Terrassen der Feen“ bezeichnet. Das Areal erstreckt sich über 3 km² und schimmert in den unterschiedlichsten Farben und Formen.

Ich kam gerade rechtzeitig, zehn Minuten vor Kassenschluss. Zum Glück hatte ich zuvor ein günstiges Hotel für 12 Euro die Nacht gefunden, mich dort kurz heiß geduscht und meine tropfnassen Klamotten vor der auf 30° gestellten Klimaanlage aufgehängt. Dann eilte ich zu den Terrassen.

Die Landschaft war atemberaubend: türkisfarbene Becken, weiße Kaskaden und filigrane Strukturen, die eher wie Kunstwerke aussahen als wie ein Naturphänomen. Durch die tief hängenden Wolken, den Regen und die wenigen Touristen wirkte die Szenerie fast mystisch. Ich blieb bis zum Schluss und verließ das Areal als letzter Besucher gemeinsam mit dem Aufseher.

Zurück im Ort deckte ich mich noch mit Vorräten ein und stärkte mich mit einem weiteren Teller Reis. Im Hotel begann dann die große Trockenaktion: Mit dem Föhn bearbeitete ich Schuhe, Handschuhe, Radhose und Jacke, bis alles wieder startklar war. Den Rest übernahm über Nacht die Klimaanlage, die ununterbrochen auf 30° lief. So war ich bestens vorbereitet auf den nächsten Tag – auch wenn wieder Regen angesagt war.



Mitten in den Wolken in den Bergen bei Regen.




Nach dem langen Regen war mir auf über 3700 Höhenmetern relativ kalt und habe mich dort wärmen können.



Auf dem Pass mit 3600 Höhenmeterbei Dauerregen und 5° habe ich bei diese netten Chinesen Essen, Trinken und ein kleines Dach über dem Kopf, für ein paar Minuten bekommen.




Nach vielen Stunden im Regen, kam ich endlich in den ersten Dorf an.

Die weißen Terrassen sind ein großes Naturspektakel in den hohen Bergen zwischen Shangri-La und Lijang. 



Kaliumcarbonat Ablagerungen machen dieses Naturspektakel über Jahrhunderte entwickelt, möglich



Über 3km erschrecken sich diese verschiedenen Terrassen mit den Ablagerungen.



Tag 167

Ein Tag in den heißen Quellen von Shangri-La


Heute startete ich gut ausgeschlafen in den Tag. Zum Frühstück gab es eine Schale Instant-Nudeln, ergänzt mit etwas Obst und Nüssen. Danach packte ich meinen Rucksack, legte die Badesachen bereit und machte noch einen kurzen Einkauf, bevor ich mir ein Taxi nahm, das mich zu einer heißen Quelle rund 20 Kilometer außerhalb der Stadt brachte.

Zu meiner Überraschung waren dort keine Touristen. Lediglich vier ältere Herren saßen entspannt im warmen Wasser. Vom Parkplatz führte ein kleiner Anstieg bis zur Quelle, die ich schließlich erreichte. Das Wasser war wohltuend warm, allerdings war die Quelle selbst sehr schlammig, sodass meine Haut jedes Mal mit schwarzem Schlamm bedeckt war, sobald ich aus dem Wasser stieg. Trotzdem genoss ich die entspannte Atmosphäre – besonders, als es zu regnen begann und die Tropfen im heißen Wasser aufschlugen. Mit dem Blick auf die umliegenden Berge wirkte der Moment fast magisch.

Nach zwei Stunden in der Quelle machte ich noch einen Spaziergang über das Gelände und entdeckte neben der Männer- und Frauenquelle sogar eine dritte Quelle, die beinahe am einladendsten aussah. Doch für heute hatte ich genug Wärme getankt. Da ich nicht noch einmal Geld für die Rückfahrt im Taxi ausgeben wollte, lief ich etwa zweieinhalb Kilometer durch das angrenzende Dorf bis zur Hauptstraße, um von dort aus zu trampen.

Nach einer Viertelstunde hielt eine Freundesgruppe, die mich mitnahm. Bevor es zurück nach Shangri-La ging, wollten sie allerdings noch Pilze sammeln. Ich begleitete sie und genoss die frische Landschaft, auch wenn das Gebiet anscheinend schon stark abgesucht war und sie nichts fanden. Zum Glück hatten sie noch Vorräte von einer anderen Tour. Schließlich nahmen sie mich zurück in die Stadt mit, und wir führten auf der Fahrt noch sehr nette Gespräche.

Da ich alle Pläne für heute erfüllt hatte, ließ ich den Abend entspannt mit einem weiteren Filmabend ausklingen und bereitete bereits meine Sachen für die morgige Weiterfahrt vor.



Die heiße Quelle mit Gesellschaft von ein paar älteren chinesischen Herren.




Ein sehr interessantes Vehikel.

Ein kleines süßes Ferkel konnte ich dann auch noch in einem kleinen Dorf sehen.

Zurück zur Stadt ging es dann, nachdem ich mit dem Taxi hingefahren bin, mit Trampen.



Tag 166

Ein Tag in Shangri-La


Am heutigen Vormittag nutzte ich die Zeit, um meine Kurzvideos vorzubereiten und meinen Blog zu aktualisieren. Danach stand wie so oft Wäschewaschen auf dem Plan – nach den anstrengenden Etappen waren meine Klamotten stark von Salzrändern gezeichnet. Auch mein Fahrrad bekam eine gründliche Pflege, besonders die Kette reinigte ich intensiv.

Am Nachmittag machte ich mich noch einmal auf, die Stadt zu erkunden. Mein Ziel war der große Tempel, der zugleich der größte in der Provinz Yunnan ist. Dort erlebte ich einen starken Einfluss der tibetischen Kultur, was die besondere Atmosphäre des Ortes ausmachte. Heute leben in den umliegenden Häusern noch etwa 500 bis 700 Mönche.

Leider war die gesamte Alt- und Innenstadt stark touristisch geprägt. Unzählige chinesische Touristen füllten die Straßen, was die Stimmung hektisch und trubelig machte. Allzu lange hielt ich mich daher nicht dort auf und zog mich lieber wieder ins Hotel zurück, um in Ruhe zu entspannen.

Am Abend ging ich in ein Restaurant essen. Auf den Teller kam – wie so oft – meine Lieblingskombination: Reis mit Ei und Tomate. Ein einfaches, aber sehr gesundes Gericht, das mir stets neue Energie gibt. Den Tag ließ ich anschließend mit einem seltenen Filmabend im Hotel ausklingen – eine kleine Auszeit, für die sonst unterwegs kaum Gelegenheit bleibt.



am größten buddhistischen Tempel von ganz Yunnan.




Direkt neben dem Tempel war dann noch eine riesige drehbare Gebetsmühle, die über 20 m hoch war.



Die Aussicht auf einen großen Weihnachtsbaum, der eigentlich 5G Masten besteht. Skurriler Aussicht.




Tag 165

 
Aufstieg nach Shangri-La 
 
 
Am heutigen Morgen stand mir eine Etappe mit vielen Höhenmetern bevor. Mein Ziel war die Stadt Shangri-La. Zwar hätte ich am Fluss weiterfahren und mir so einen Großteil des Anstiegs ersparen können, doch dann wäre mir die Gelegenheit entgangen, diese besondere Stadt zu besuchen. Also entschied ich mich für den Aufstieg von 2000 m auf 3700 m. 
 
Der Anstieg führte stetig bergauf. Während der Jinsha-Fluss immer kleiner wurde, gelangte ich zunehmend in luftige Höhen. Auf einer Brücke bot sich mir ein kurioses Bild: 15 Kühe blockierten eine Fahrspur, lagen dort völlig entspannt und wiederkäuend, als gehöre die Straße ihnen allein. Die Autofahrer hielten respektvoll Abstand – ein Zeichen dafür, dass die Tiere hier offenbar besondere Bedeutung haben. Die Ruhe, die sie ausstrahlten, war beeindruckend. 
 
Weniger angenehm war jedoch der starke Verkehr. Die Straße war vielerorts eng, und die LKWs mussten sich mühsam an mir vorbeiquetschen. Manche Situationen waren durchaus heikel, doch nach all den bisherigen Erfahrungen weiß ich inzwischen sehr genau, wie ich mich in solchen Momenten zu verhalten habe. 
 
Nach 1700 Höhenmetern erreichte ich schließlich die Passhöhe. Das Wetter hatte bis dahin erstaunlich gut gehalten, auch wenn die Wolken zunehmend dunkler wurden. Von dort ging es noch 300 Höhenmeter abwärts in die Stadt Shangri-La. 
 
Im Hotel angekommen, gönnte ich mir nach der schweißtreibenden Auffahrt eine lange Dusche und ein ausgiebiges Abendessen. Die nächsten beiden Tage werde ich nun hier verbringen und die Stadt erkunden. 


Auf dem Weg nach oben, kam ich auch bei einer sehr modernen Burg vorbei.




Die Aussicht in die grüne Lunge der Berge.



Heute geht es stetig die Berge wieder in die luftige Höhe hoch.




Auch hier merke ich, dass ich immer noch im Tibet bin. 



Das große Grasland und eine Klosterstadt im Hintergrund.



Nun in Shangri-La nach 1800 Höhenmetern angekommen.



Tag 164

Zwischen verlassenen Straßen, Schlangen und einer gigantischen Baustelle


Die Nacht war unruhig, denn durch das fensterlose Zimmer im Lost Place zog der Wind kräftig hinein. Irgendwann fand ich dann doch Schlaf und konnte mich bis zum Morgen einigermaßen erholen. Mit gepackten Taschen ging es wieder los – den Fluss entlang, immer bergauf und bergab.

Meinen Wasservorrat hatte ich etwas unterschätzt. Zum Glück konnte ich an einem kleinen Wasserfall auffüllen und bekam von einem Autofahrer noch etwas Reservewasser. Die Straße war gut asphaltiert, aber verlassen – nur einmal pro Stunde kam ein LKW vorbei. Ansonsten war ich allein. Unterwegs entdeckte ich eine große Schlange auf der Straße. Sie war zwar tot, aber äußerlich unversehrt. Begleitet wurde ich zudem von zahlreichen brummenden Käfern – nach meiner Recherche wohl asiatische Nashornkäfer, auch wenn man diese selten aus der Nähe zu Gesicht bekommt.

Die Schluchten und abgelegenen Dörfer, die in den Kurven des Flusses immer wieder auftauchten, wirkten wie kleine idyllische Oasen. Doch plötzlich stand ich vor einer gigantischen Baustelle. Eigentlich sollte die Straße am Fluss weiterführen, doch vor mir türmte sich ein riesiger Schutthaufen aus Steinen. Links und rechts wurden Tunnel gebohrt und massive Befestigungen errichtet. Meine einzige Option war ein halbfertiger Tunnel, durch den es sogar von der Decke regnete, da er noch nicht richtig abgedichtet war. Abenteuerlich – aber immerhin führte er mich wieder zum Fluss und zurück auf die Straße.

Von dort ging es durch ein paar Dörfer, während um mich herum ununterbrochen riesige Bergwerks-LKWs und Baustellenfahrzeuge rollten. Stück für Stück näherte ich mich der Hauptstraße, die auf der gegenüberliegenden Flussseite in Sichuan verlief. Meine Route hingegen führte durch ein abgelegenes Stück Yunnan. Nach 110 Kilometern erreichte ich schließlich eine Brücke, die mich zurück zur Hauptstraße brachte.

Da es noch nicht allzu spät war, fuhr ich weitere 20 Kilometer bis zur nächsten Stadt. Dort konnte ich meine Vorräte auffüllen und fand eine gute, günstige Unterkunft – ohne den Aufwand, mein Zelt aufzubauen. Nach einem Abendessen vor Ort fiel ich müde ins Bett.



Ich liebe diese Landschaft.




Auch diese Tiere gibt es hier in der Berglandschaft. 



Diese kleinen Aussiedlerdörfer, erkenne ich immer an den grünen Feldern und den sich durch das Grün schlängelnden Wegen




Heute mal Pause zwischen einer Mega Baustelle und einem Bergwerk. Da war ganz schön was los.




Bester Spiegel!




Auf der Brücke wieder von Yunnan nach Sichuan. 




Tag 163

20 Tunnel, tibetische Eindrücke und ein unerwartetes Nachtlager


Heute ließ ich den Tag ruhig angehen und startete erst gegen 9:30 Uhr. Zunächst führte mich der Weg aus der Stadt hinaus, immer wieder hügelig am Jinsha-Fluss entlang. Dann begann die Tunnel-Etappe – ein Tunnel nach dem anderen, insgesamt etwa zwanzig Stück. Einige waren gut ausgebaut und sogar bergab, sodass sie Spaß machten. Doch die meisten waren nur beleuchtet, nicht aber belüftet. Mehrere Kilometer durch stickige Luft mit CO₂-Smog zu fahren, ist alles andere als angenehm – und mit dem Sauerstoffmangel auch nicht ganz ungefährlich. Also hieß es: möglichst flach atmen und so schnell wie möglich wieder raus ans Tageslicht.

Mittags entdeckte ich eine Brücke, die auf die tibetisch-autonome Seite des Flusses führte – eigentlich ein Gebiet, das ich nicht betreten darf. Doch da ich dort ein kleines Dorf mit einem Supermarkt sah und meine Getränke auffüllen wollte, riskierte ich es. Der Polizist im Häuschen an der Brücke schlief tief und fest, also rollte ich ungestört vorbei. So verbrachte ich meine Mittagspause auf der „verbotenen“ Seite, wurde von neugierigen Tibetern bestaunt und kehrte dann genauso unbehelligt wieder zurück. Der Polizist schlief noch immer.

Später teilte sich die Straße. Entweder die lange, harte Variante über die Hauptstraße bis auf 4000 m – oder ein kleinerer Nebenweg: kürzer, weniger Höhenmeter, dafür unklar, ob er überhaupt noch existiert, geteert oder passierbar war. Ich entschied mich für das Abenteuer und bog auf den schmaleren Weg ab. Bald wurde es einsam, immer wieder lagen große Felsbrocken auf der Straße. Doch zum Glück begegneten mir hin und wieder Autos, ein Zeichen, dass ich nicht völlig im Niemandsland unterwegs war.

Als ich eine zerstörte Brücke am Wegrand sah, ahnte ich schon, dass ich vielleicht bald umdrehen müsste. Immerhin musste ich selbst wenig später auch eine Brücke überqueren. Doch meine Sorge war unbegründet: Die Straße wurde wieder besser, die Brücke intakt, und ich konnte weiterfahren.

Nach rund 110 Kilometern und über 900 Höhenmetern erreichte ich schließlich zwei lange, leerstehende Gebäude am Straßenrand. Sie wirkten verlassen, boten aber genau das, was ich suchte: Schutz vor der Straße und einen sicheren Platz für mein Zelt. Ich richtete mich in einem der Zimmer ein, schloss die Tür gegen wilde Tiere, erledigte meine Abendroutine – und legte mich zufrieden zur Ruhe. Ein abenteuerlicher Tag, der einmal mehr gezeigt hat: Risiko eingehen lohnt sich oft.



Wandmalereien, die Geschichten erzählen.




immer wieder gibt es Minidörfer, die am Fluss gelegen, sehr abgeschieden sind.



Der große Jinsha-Fluss




Von Tunnel zu Tunnel…

Kleine, wunderschöne tibetische Dörfer zwischen Bergen und dem reißenden Fluss.

Tag 162

 


Ein Tag zum Durchatmen – Thermalquelle, Reparaturen und ein rotes Band fürs Glück


Heute gönnte ich meinem Körper einen echten Ruhetag. Am Morgen plante ich noch die Kurzvideos für die kommenden Tage vor, damit ich unterwegs nicht ans Hochladen denken muss. Zum Frühstück gab es einfache Instant-Nudeln – in China fast überall erhältlich, schnell zubereitet, günstig und dennoch überraschend lecker. Danach entspannte ich erst einmal im Hotelzimmer und füllte meine Energiespeicher auf.

Am Vormittag wusch ich meine Fahrradsachen im Vorhof, wo eine Waschmaschine stand. Anschließend fragte ich die Betreiberin nach einer Näherei, da meine Regenjacke am Reißverschluss einen Defekt hatte und auch das Band meiner Sonnenkappe gerissen war. Nach etwas Sucherei durch die verwinkelten Gassen von Batang fand ich schließlich die kleine Schneiderei. Die Näherin brauchte gerade einmal fünf Minuten, um alles zu reparieren. Besonders beeindruckte mich, wie sie die kaputten Zähnchen des Reißverschlusses wieder einfädelte und die Stelle so fixierte, dass ich die Jacke weiterhin problemlos nutzen kann.

Danach machte ich einen Spaziergang durch Batang. Vom Hotel bis zu den Thermalquellen waren es knapp sechs Kilometer, sodass ich gemütlich durch die geschäftigen Straßen mit ihren vielen kleinen Läden bummelte. Am Ziel war kein Schild zu sehen, aber die Betreiberin hatte mir die richtige Adresse markiert. So stand ich plötzlich im Wohnzimmer einer tibetischen Familie, die jedoch sofort wusste, was ich suchte, und mich durch ihren grünen Garten zu fünf kleinen Badehäusern führte. Dort füllte man für mich ein Becken mit rund 40 °C heißem Wasser – perfekt, um die Verspannungen der letzten Tage zu lösen. Für gerade einmal drei Euro eine kleine Oase der Erholung.

Eigentlich wollte ich mir danach ein Taxi zurück zum Hotel nehmen, scheiterte jedoch an der chinesischen App. Also streckte ich spontan den Daumen raus – und wurde direkt vom ersten Auto mitgenommen. Ein freundlicher Mann, der in der Stadt für die Begrünung zuständig ist, brachte mich bis vor die Hoteltür. Zum Abschied band er mir ein rotes Band ums Handgelenk – ein buddhistisches Segensband, das mich auf meiner weiteren Reise beschützen und wohlbehalten ans Ziel bringen soll.

Zurück im Hotel ruhte ich mich noch etwas aus und ging am Abend erneut in dasselbe Restaurant wie am Vortag. Es schmeckte wieder köstlich – ein runder Abschluss für einen Tag, der genau das brachte, was ich gebraucht hatte: Ruhe, Wärme und ein Stück Herzlichkeit.



 



Am Abend ging ich dann noch einen längeren Weg über diese Brücken durch die Natur.




Eine tibetische Nomadenskulptur.



Ein tibetisches Eingangstor zu einem Stadtviertel in Batang. Wer genauer hinschaut, sieht auf dem Tor das buddhistische Glückssymbol, dass in der deutschen Historie von einem sehr schlimmen Menschen missbraucht wurde und deshalb auch unter berechtigten Gründen verboten ist, in Deutschland zu zeigen.



Diese tibetischen Motorroller sehe ich hier sehr regelmäßig. Sie sind schön um schmückt.

Tag 161

 
Von Hotelsuche, Teigtaschen und der Entscheidung für eine Pause 
 
 
Heute startete ich nach einer erholsamen Nacht entspannt in den Tag. Zum Frühstück bereitete mir der Vater meines Gastgebers, der ebenfalls im Haus lebt, frisch gemachte Teigtaschen, scharfe Paprika, Yak-Milch und Tee zu – ein perfekter Start. 
 
Da ich in den letzten Tagen viele Höhenmeter gesammelt und schneller Fortschritte gemacht hatte, als ursprünglich geplant, entschied ich, heute nur einen halben Tag zu fahren und mir morgen einen Ruhetag zu gönnen. In China lief bisher alles problemlos, und ich hatte keinen Zeitdruck – also genau der richtige Moment für eine Pause nach vier intensiven Tagen. 
 
Mein Ziel war die Stadt Batang. Dort wollte ich in das günstigste Hotel aus meinem Navi einchecken. Allerdings konnte ich es vor Ort nicht finden. Eine Motorradfahrerin, die ich um Hilfe bat, schloss sich meiner Suche an. Gemeinsam liefen wir durch enge Gassen und klapperten verschiedene Adressen ab, immer wieder mit widersprüchlichen Hinweisen. Bei inzwischen warmen Temperaturen auf 2600 m Höhe sehnte ich mich einfach nur nach Ruhe in meinem Zimmer. 
 
Schließlich stellte sich heraus, dass das Hotel gar nicht existierte. Also suchte ich ein anderes günstiges Hotel – nur 50 m entfernt. Doch auch dort war niemand, und es wurde gebaut. Die Motorradfahrerin rief die Telefonnummer an, die an der Tür hing, und erfuhr, dass der Besitzer gerade ein anderes Hotel als Ausweichquartier nutzte. Mit ihrem Roller brachte sie mich dorthin. Die ganze Aktion hatte mich zwar eine Stunde gekostet, aber am Ende hatte ich für 11 € pro Nacht ein Zimmer mit allem Nötigen. 
 
Nach einem Mittagessen widmete ich den Rest des Tages meinem Blog und dem Schneiden meiner Reels – mit dem Vorsatz, den morgigen Ruhetag ganz ohne Arbeit zu genießen. 


Am Morgen gab es ein sehr leckeres Frühstück von den netten Gastgebern.




Die Aussicht in die grüne Lunge der Berge.



Und heute ging es auch wieder durch ein paar Tunnel…




Tag 160

 
Zwei Pässe, zwei Tunnel und ein langer Tag im Sattel 
 
 
Ich gönnte mir heute Morgen etwas mehr Schlaf als geplant – und startete dadurch ausgeruht in den Tag. Das Halskratzen war fast verschwunden. Nach dem Packen schleppte ich mein Gepäck aus dem Hotel im dritten Stock nach unten, stieg auf mein Rad und fuhr direkt in den ersten Anstieg. Der Ort lag am Fuß des Berges, und so ging es gleich 1000 Höhenmeter bergauf – von 2990 m bis knapp auf 4000 m. Die Strecke führte mich durch enge Schluchten, Wälder, vorbei an tibetischer Felsmalerei und durch kleine Dörfer auf den höheren Ebenen. 
 
Oben überraschte mich ein Tunnel, den ich bei der Routenplanung in Komoot nicht bemerkt hatte. Die alte Route führte über einen Wurzelpass mit weiteren 500 Höhenmetern, aber da unklar war, ob dieser überhaupt passierbar wäre, entschied ich mich für den Tunnel. Er war erstaunlich modern: gut beleuchtet, mit frischer Luft und sogar Wandmalereien – eine Seltenheit in dieser abgelegenen tibetischen Region. Ich wusste, wie wichtig Sauerstoff in langen Tunneln ist, besonders für Radfahrer, da sich in schlecht belüfteten Röhren schnell CO₂ anstauen kann. Hier war alles perfekt. 
 
Die Abfahrt danach war ein Traum: 17 km Serpentinen bergab, mit 40 km/h einfach rollen lassen – pure Belohnung nach drei Stunden Klettern. Eigentlich wollte ich im nächsten Dorf im Tal übernachten, doch da ich noch Kraft hatte und die Chance sah, den letzten großen Berg meiner China-Etappe schon heute zu fahren, zog ich weiter. 
 
Die ersten Kilometer des zweiten Anstiegs verliefen moderat durch kleine tibetische Dörfer, doch nach 25 km wurde es steil. Ich sah eine im Bau befindliche Brücke und hoffte auf einen weiteren Tunnel, der mir den Weg erleichtern würde – aber Fehlanzeige. Die Straße wand sich in scharfen Serpentinen den Berg hinauf. Das war kräftezehrend, denn es war bereits mein zweiter 1000-Meter-Anstieg des Tages. 
 
Oben erwartete mich ein weiteres Tunnel-Erlebnis – diesmal das genaue Gegenteil des ersten: alt, unbeleuchtet, ohne Belüftung. Ich wusste, er war etwa 3,5 km lang. Mein Nabendynamo-Licht verweigerte plötzlich den Dienst, und meine Stirnlampe war tief im Gepäck verstaut. Also blieb nur das iPhone-Licht und die kleine Lampe an meiner Warnweste. Damit leuchtete ich nur wenige Meter voraus und fuhr vorsichtig, um Schlaglöchern auszuweichen und Sauerstoff zu sparen. Es waren 15 sehr konzentrierte Minuten, die sich endlos anfühlten. Als ich endlich wieder Tageslicht und frische Luft hatte, war es bereits 19 Uhr. 
 
Mir blieb wenig Zeit, einen Schlafplatz zu finden, bevor es dunkel wurde. In dieser Gegend sollte man wegen der Bären nicht zelten, also suchte ich eine Unterkunft im nächsten Dorf, Songduo. Dort gab es keine, und die erste Familie, die ich fragte, lehnte ab. Schließlich half mir ein Dorfbewohner und brachte mich zu jemandem, der mich aufnehmen konnte. 
 
In seinem Haus empfing mich eine große Familie herzlich. Ich zog meine verschwitzten Klamotten aus und bekam frisch gekochten Reis mit Yakfleisch – genau das Richtige nach diesem Tag. Um 22 Uhr fiel ich erschöpft ins Bett im Wohnzimmer. 
 
137 km, 2100 Höhenmeter und neun Stunden im Sattel – beide großen Anstiege, die eigentlich auf zwei Tage verteilt waren, an einem Tag geschafft. Solche harten Tage lassen mich die entspannteren umso mehr schätzen. 


Der Fluss schlängelt sich mit den tibetischen Fahnen in den Bäumen durch die Grünen Berge.


In der wundervollen Landschaft wird eine riesiger, neue Straße durch die Berge gebaut. Sehr kontrastvoll.

Im ersten Tunnel des Tages.

Am zweiten Pass angekommen, war der gefährliche Tunnel vor mir.





Im chinesischen Fernsehen liefen Nachrichten auch über Deutschland. Das war schon kurios.


Tag 159

Über tausend Hügel am Jinsha-Fluss entlang

Heute Morgen wachte ich mit leichtem Halskratzen auf. Die Anstrengung des Vortages hatte meinem Körper offenbar etwas zugesetzt, sodass sich eine kleine Erkältung ankündigte. Da ich weder eine erhöhte Herzfrequenz noch andere Beschwerden verspürte, beschloss ich, trotzdem weiterzufahren. Das Höhenprofil für den heutigen Tag hatte ich mir bereits am Vortag angesehen – es versprach eine vergleichsweise schonende Etappe.

Ich verließ meine einfache, aber völlig ausreichende Unterkunft im Bettenlager, in der ich glücklicherweise allein geschlafen hatte, und folgte dem Jinsha-Fluss. Dieser bildet die natürliche Grenze zwischen dem tibetischen Gebiet, in dem ich mich befand, und der autonomen Tibet-Region, in die ich nicht einreisen darf. Die Strecke führte leicht bergab, doch am Fluss entlang wechselten sich kurze Anstiege und Abfahrten mit jeweils etwa 40 Höhenmetern ständig ab – eine Belastung, die sich ganz anders anfühlt als ein gleichmäßiger, langer Anstieg von mehreren Hundert Höhenmetern.

Während der Fahrt spürte ich immer wieder das Kratzen im Hals und den Schleim im Rachen. Meine Mittagspause verbrachte ich an einem besonders schönen Platz direkt am Fluss, im Schatten eines Baumes. Bei rund 12 °C war es angenehm frisch, doch sobald die Sonne hervorkam, wurde es spürbar wärmer, sodass ich wieder in meinem kurzen Outfit fahren konnte.

Die Route führte mich vorbei an vielen kleinen tibetischen Dörfern, Grabmälern, flatternden Gebetsfahnen und bunt bemalten Felswänden. Schließlich erreichte ich bereits um 16:00 Uhr die Stadt Baiyü. Für die Nacht suchte ich mir ein günstiges Hotel – nicht nur, weil ich mich noch immer in einem Bärengebiet befand und keine Lust hatte, Essen aufwendig bärensicher aufzuhängen, sondern auch, um am nächsten Morgen früh starten zu können. Der bevorstehende Tag würde einer der härtesten meiner Reise werden, und dafür wollte ich gut ausgeruht sein.

Nach einem Abendessen im Restaurant gegenüber, einer warmen Dusche und der letzten Routenplanung für den nächsten Tag legte ich mich früh schlafen – in der Hoffnung, dass das Halskratzen bis morgen verschwunden sein würde.

Die grünen Berge erheben sich vor mir.




Der Weg durch ein tibetisches Dorf.




Tibetische Bergkunst direkt neben der Straße.

Kurze Pause am Jinsha Fluss.




Ein überdimensioniertes tibetisches Ei.



Mein leckeres Mittagessen. Mein Bart wächst auch  immer weiter. Es gibt hier jedoch leider keine Chinesen, die  mein Bart pflegen können.



Das heutige Hotel wird auch schon von der Polizei als negativ eingestuft. Es war jedoch vollkommen ausreichend. so werden die Menschen auch unter Druck gestellt.




Tag 158

Zwei Pässe, unzählige Eindrücke

Heute Morgen wachte ich ausgeschlafen auf und nutzte die Zeit, um meine Kurzvideos vorzuplanen, damit ich sie nicht an Fahrtagen hochladen muss. Anschließend ging es mit dem Fahrrad direkt aus der Stadt auf den ersten Berg. Da die Stadt am Fuß des Anstiegs lag, begann der Tag sofort mit einer steilen Passage: von 3.400 m Höhe arbeitete ich mich innerhalb von zweieinhalb Stunden auf 4.000 m hinauf. Die Beine fühlten sich gut an, und die Höhenmeter flogen nur so vorbei.

Nach einer rasanten Abfahrt zurück auf 3.400 m folgte der nächste große Anstieg. Unterwegs bot sich mir immer wieder ein atemberaubender Blick auf die Täler links und rechts von mir, gespickt mit kleinen tibetischen Dörfern, Denkmälern und Klöstern. Der zweite Pass forderte mich deutlich mehr, denn die 700 Höhenmeter des ersten Anstiegs steckten mir bereits in den Beinen. Doch dieser Pass führte mich noch höher – bis auf 4.250 m.

Oben empfing mich ein beeindruckendes Panorama: bunte tibetische Gebetsfahnen flatterten im Wind, ein kleiner Tempel stand neben einer Statue eines Reiters auf einem Pferd. Die Verzierungen waren farblich perfekt aufeinander abgestimmt und strahlten eine Ruhe und Harmonie aus, die ich bei anderen Bauwerken selten empfinde.

Von der Passhöhe führte die Strecke zunächst über eine kleine Hochebene auf 4.200 m, vorbei an Yak-Herden und Nomaden, die in Jurten lebten. Es folgte eine lange, dunkle Tunnelpassage, bevor sich die Straße in wunderschönen, sattgrünen Bergschluchten bergab wand. Mit jedem Höhenmeter, den ich verlor, kehrten die Bäume ins Landschaftsbild zurück.

Die Abfahrt war ein Rausch aus Glücksgefühlen – all die Mühe der vergangenen Stunden zahlte sich jetzt aus. Während das Hochfahren seinen ganz eigenen Reiz hat, ist das Gefühl des Fahrtwinds bei der Abfahrt etwas ganz Besonderes.

Nach rund 115 km und 1.650 überwundenen Höhenmetern erreichte ich ein kleines Dorf mit Restaurant und Supermarkt. Im Restaurant bestellte ich mir Nudeln mit Ei und Gemüse, um den Energie- und Proteinbedarf nach dieser anstrengenden Etappe zu decken. Den Koch fragte ich, ob es hier eine Übernachtungsmöglichkeit gäbe. Er zeigte mir direkt nebenan eine umgebaute Garage mit fünf Betten, die normalerweise von Truckern genutzt wird.

An diesem Abend war ich allein und konnte mein gesamtes Gepäck sicher unterbringen. Für gerade einmal 30 Yuan – umgerechnet 3,20 € – war das ein unschlagbares Angebot. Zufrieden und erschöpft legte ich mich in das warme Bett und beendete so einen ereignisreichen Tag.



Die Aussicht auf das tibetische Tal.




Die Gipfel im Tibet sind fast immer schön geschmückt.

Plötzlich fliegen 50 Bartgeier über mich .




Selbst dieser Tunnel ist in den tibetischen Farben bemalt

Auch hier habe ich wieder einen sehr umschmücktes Grabmal entdeckt.




Auf der Passhöhe mit 4200 m war dieses besondere tibetische Denkmal.

Tibetische Flaggen am Gipfel. Wundervoll!



Diese große goldene „Torte“ ist auch ein tibetisches Merkmal.

Am Abend kam ich in dieser Unterkunft für drei Euro für ein Bett im Bettenlager an. Am Ende hatte ich fünf Betten für mich.

Tag 157

Arbeitstag mit unerwarteter Freundlichkeit

Der heutige Tag war ein klassischer Pausentag – und damit zugleich ein Arbeitstag. Ich nutzte die Zeit, um meinen Blog zu aktualisieren, meine Reels zu schneiden und meine Wäsche zu waschen. Solche Tage klingen unspektakulär, sind aber für den Reisealltag genauso wichtig wie die großen Etappen auf dem Rad.

Am Abend ging ich noch essen. Neben dem Restaurant befand sich ein kleiner Softdrink-Laden, in dem zwei Chinesen arbeiteten. Sie hatten offenbar schon während meines Essens bemerkt, dass ich ein ausländischer Radreisender bin, und wollten sich mit mir unterhalten. Höflich warteten sie jedoch, bis ich fertig war, und sprachen mich dann draußen an. Wir unterhielten uns länger mithilfe einer Übersetzungs-App und lachten über die teils lustigen Übersetzungen.

Da es inzwischen schon 22 Uhr war, sagte ich, dass ich noch schnell in den Supermarkt gehen wolle, bevor dieser schließt. Die beiden begleiteten mich dorthin. Während ich meine Vorräte für die nächsten Tage zusammensuchte, standen sie neben mir und waren sehr interessiert an dem, was ich kaufte. Als ich an der Kasse bezahlen wollte, griff einer der beiden ohne ein Wort zum Portemonnaie und bezahlte meinen gesamten Einkauf. Eine unglaublich nette Geste, mit der ich nicht gerechnet hatte.

Auf dem Rückweg zum Hotel wollten sie unbedingt noch mein Fahrrad sehen. Also gingen wir zusammen in mein Zimmer. Als sie sahen, was ich alles dabeihatte und wie weit ich schon gefahren war, staunten sie nicht schlecht. Wir tauschten noch Kontaktdaten aus, bevor ich mich müde, aber mit einem warmen Gefühl im Herzen, verabschiedete und ins Bett fiel – in der Hoffnung auf einen erholsamen Schlaf für den morgigen, anstrengenden Tag.



Ich habe versucht mal auf die andere Seite in die autonome Tibetregionen an meinem Pausetag zu kommen. Immerhin kam ich geographisch auf die andere Seite, da die Brücke einen Graubereich ist und erst auf der anderen Landseite die Polizeikontrolle ist. Weiter kam ich dann auch nicht.




Der Jinsha Fluss ist ein riesiger Fluss mit viel Dreck.




Tag 156

Entlang des Jinsha-Flusses und ein kurioser Grenzversuch


Am nächsten Morgen stellte ich mir wieder früh den Wecker, um genügend Zeit für den bevorstehenden Tag zu haben. Der Regen hatte inzwischen aufgehört, doch dichter Wolkenhimmel lag weiterhin über den Bergen. Die Mutter der Familie bereitete mir ein Frühstück aus Reis, Ei und Gemüse zu. Nach einer warmherzigen Verabschiedung von dieser unglaublich netten tibetischen Familie packte ich meine Sachen und setzte meine Fahrt in die Berge fort.

Der Weg führte mich entlang des Jinsha-Flusses, der hier die natürliche Grenze zwischen der Autonomen Region Tibet (Xizang) und dem tibetischen Hochland von Sichuan bildet. Die ersten 30 Kilometer waren kräftezehrend, da die Straße noch im Bau war. Ständig ging es etwa 40 Höhenmeter bergauf und anschließend wieder bergab – und das den ganzen Tag über. Diese ständigen kleinen Anstiege und Abfahrten forderten mich auf eine ganz andere Weise als lange, gleichmäßige Pässe. Gleichzeitig war die Abwechslung aber auch schön, denn hinter jeder Flusskurve wartete ein kleines tibetisches Dorf, ein Denkmal oder ein Kloster.

Meine Mittagspause verbrachte ich an einem Kloster mit herrlichem Blick auf den Fluss. Danach ging es wieder hoch und runter, bis ich schließlich die Stadt Lakonglong erreichte. Als ich gerade ein Hotel suchen wollte, hielt hinter mir ein Polizist an. Freundlich fragte er, was ich hier mache und wohin ich unterwegs sei. Ich erklärte, dass ich die Nacht hier verbringen und am nächsten Tag einen Ruhetag einlegen wolle – nach acht anstrengenden Tagen in den hohen Bergen. Er bat mich um meinen Reisepass, war aber durchweg nett und machte keinerlei Probleme. Wir unterhielten uns noch ein wenig, dann bot er an, mich zu einem Hotel zu bringen.

Dieses lag gerade einmal 300 Meter entfernt – zu Fuß ein Katzensprung, aber er fuhr voraus, während ich mit dem Fahrrad folgte. Im Hotel handelte ich einen Preis von 300 Yuan (etwa 33 €) für zwei Nächte aus. Das Haus war reich mit tibetischen Verzierungen geschmückt, und mein großes Zimmer mit zwei Betten und einem großzügigen Bad ließ mich fast wie einen König fühlen. Als der Polizist mir noch seinen WeChat-Kontakt geben wollte, scheiterte es daran, dass sein Konto nicht mit ausländischen Profilen verknüpft werden durfte. Stattdessen tauschten wir einfach Telefonnummern aus. Es wirkte schon kurios, dass selbst ein hoher Polizeioffizier durch staatliche Beschränkungen blockiert wurde – die tibetischen Beamten unterliegen offenbar denselben Einschränkungen wie die Bevölkerung.

Da es erst 16 Uhr war, nutzte ich die Zeit, um zu duschen, mich umzuziehen und ein wenig durch die Stadt zu schlendern. Über den Jinsha-Fluss führte hier auch eine Brücke, die direkt in die Autonome Region Tibet (Xizang) hinüberging. Spontan beschloss ich, zu testen, ob ich zumindest kurz auf diese Seite gelangen könnte – obwohl mir klar war, dass der Zutritt normalerweise nur mit Guide, festgelegter Route, Fahrzeug und erheblichem finanziellen Aufwand erlaubt ist.

Tatsächlich gelang es mir, über die Brücke zu gehen – doch an der Grenzkontrolle war dann Schluss. Rein geografisch hatte ich in diesem Moment allerdings schon tibetischen Boden betreten, da die Mitte der Brücke die Grenze markierte. Dieser Bereich war ein rechtlicher und polizeilicher Graubereich. Von dort aus betrachtete ich noch eine Weile die Landschaft und den reißenden Jinsha-Fluss, bevor ich zurückging.

Am Abend aß ich in der Stadt zu Abend und ließ den Tag entspannt in meinem Hotelzimmer ausklingen.



Abschied von der netten tibetischen Familie, die mich die letzte Nacht aufgenommen hat, weil es die Nacht sehr geregnet hat.




Es wird immer grüner.




Ein tibetisches Dorf, dass, wie eine kleine Feriensiedlung aussieht.




Berge sind manchmal, wie Kunst.

Ich bin voll im Bärengebiet. D.h. also aufpassen beim Zelten.




Eine schöne tibetische Grabstätte.



Wieder mal ein sehr prunkvolles Eingangstor von einem kleinen tibetischen Dorf.



Eine große tibetische Geburtstagstorte, oder so ähnlich.

So viele Gestalten und so viele Details. Enorm faszinierend, was die tibetische Kultur alles zu bieten hat.

Tag 155

Abschied, tiefe Einblicke und die Grenze nach Sichuan

Am Morgen erwachte ich nach einem erholsamen Schlaf früh. Auf dem Feld gegenüber des Hauses waren die Yaks an im Boden verankerten Seilen befestigt, während die Kälber in einem großen Gehege Schutz fanden. Verwandte der Familie, die in einem anderen Haus des Anwesens lebten, waren bereits damit beschäftigt, den Kot der Tiere einzusammeln und auf Planen auszubreiten, damit er in den kommenden Tagen trocknen konnte. Dieser wird hier als Brennmaterial zum Heizen genutzt. Parallel dazu melkten die Frauen die Kühe. Die Milch wurde gesammelt, um sie in den nächsten Tagen zu Butter und trinkbare Milch zu verarbeiten.

Einige Kälber waren notwendig, damit die Tiere überhaupt Milch gaben. Stück für Stück wurden die Yaks anschließend in die Berge getrieben, wo sie den Tag über grasen konnten. Diesen Anblick hielt ich in einigen Fotos fest, bevor ich mich herzlich von allen verabschiedete. Besonders der Junge, den ich am Vortag kennengelernt hatte und der mir erlaubt hatte, hier zu übernachten, war sehr traurig über meinen Aufbruch. Mit diesen warmen Erinnerungen setzte ich meine Reise fort.

Nach etwa 20 Kilometern, während ich weiter an Höhe gewann, bot sich mir der Blick auf ein beeindruckendes Bergmassiv. Am Fuß des Berges lag eine kleine tibetische Stadt mit einem großen Kloster. Ich hielt an, machte einige Aufnahmen und fuhr anschließend in die Klosterstadt. Schon bald fiel ich den Mönchen in ihren traditionellen Gewändern auf. Zu meiner Freude durfte ich das Kloster betreten, in dem gerade gefrühstückt wurde. Die kunstvollen Statuen, farbenprächtigen Malereien und filigranen Verzierungen beeindruckten mich zutiefst.

Als ich mich gerade zum Weiterfahren bereit machte, winkte mich ein Mönch in meinem Alter zu sich und lud mich auf eine Tasse tibetischen Tee ein. Dieses Angebot nahm ich gern an, um tiefere Einblicke in das Leben der Tibeter zu gewinnen. Wenig später saßen wir in einem Büro- oder Sekretariatsraum, tranken Tee und unterhielten uns mit Hilfe einer Übersetzungs-App. Auf meine vorsichtige Frage, ob die Unterdrückung der Tibeter tatsächlich so sei, wie in den Medien berichtet wird, antwortete er nach kurzem Zögern, dass die Regierung langfristig versuche, den tibetischen Glauben auszulöschen. Dies geschehe, indem man Chinesen aus anderen Landesteilen dazu motiviere, hierherzuziehen, wodurch die tibetische Kultur zunehmend verdrängt werde. Freie Meinungsäußerung sei verboten, ebenso wie offene Kontakte mit Fremden oder das öffentliche Ausleben des Glaubens. Religiöse Rituale und Symbole seien zwar in den Dörfern sichtbar, größere Feste oder Kundgebungen jedoch untersagt. Seine Worte erinnerten mich stark an die Situation der Uiguren in Xinjiang.

Nach diesem bewegenden Gespräch, einer zweiten Tasse Tee und etwas zu essen setzte ich meine Fahrt den Berg hinauf fort. Mein heutiges Ziel war der letzte Pass auf über 4.300 Metern Höhe im Hochland von Qinghai. Nach einem längeren Tunnel begann die Abfahrt in Richtung Yushu – eine größere Stadt, in der es wieder sämtliche Versorgung gab. Dort aß ich zu Mittag und füllte meine Vorräte auf.

Trotz leichten Regens setzte ich meine Fahrt fort, bis mir auf der linken Seite ein noch größeres Kloster ins Auge fiel – umgeben von einer ganzen Klosterstadt. Die Dimensionen übertrafen sogar das erste Kloster: reich verzierte Häuser, große Gräber, Skulpturen und unzählige Gebetsmühlen, die von Gläubigen im Kreis gedreht wurden, während sie um ein zentrales Gebäude liefen. Auch ich nahm mir einen Moment, um an diesem Ritual teilzunehmen, bevor ich weiterfuhr.

Die Straße wurde nun hügeliger, verlief aber insgesamt bergab. Als ich einem geplanten Abzweig folgte, war ich zunächst unsicher, ob er der richtige Weg war – er wirkte schmal und unbelebt. Doch nach einem kurzen Abschnitt im schlechten Zustand führte er entlang des Jinsha-Flusses, mit ständigen Auf- und Abstiegen. Kurz vor meinem Ziel entdeckte ich ein Handy auf der Straße. Ich hob es auf, um es im nächsten Dorf abzugeben, doch nur wenige Sekunden später kam mir ein Auto entgegen, dessen Insassen das Telefon suchten. Es gehörte tibetischen Nomaden, die etwas weiter oben in Zelten lebten, und ihre Freude über den Fund war deutlich zu sehen.

In Zhenda, an der Grenze zwischen Qinghai und Sichuan, war ich zunächst etwas angespannt: In dieser Region begegnet die Polizei Ausländern oft mit Misstrauen. Zu meiner Erleichterung verlief die Kontrolle jedoch völlig unkompliziert. Im Dorf suchte ich zunächst in einem Supermarkt nach Vorräten und fragte dann die anwesenden Männer, ob mich jemand für die Nacht aufnehmen könnte. Zunächst lehnten alle ab. Als schließlich ein weiterer Mann hinzukam und mein Anliegen verstand, bot er mir sofort eine kostenlose Übernachtung an. Kurz darauf meldete sich auch ein anderer – diesmal jedoch mit der Forderung nach 200 Yuan. Seine plötzliche Geldforderung, nachdem er zuvor „keinen Platz“ gehabt hatte, ärgerte mich, und so nahm ich dankbar das Angebot des ersten Mannes an.

Sein Haus lag direkt gegenüber, er zeigte mir mein Zimmer und bat seine Frau, mir etwas Warmes zu kochen. Nach diesem anstrengenden Tag genoss ich das Essen, auch wenn ich nicht viel schaffte, da ich zuvor schon gut gegessen hatte. Schließlich legte ich mich ins Bett, während draußen starker Regen fiel – das Wasser, das diese hochgelegene Region so grün macht.



Am Morgen war ich dann noch mal bei der Yak Herde dabei.




Ein junges Yak.




Ein sehr schönes Felsmassiv zwischen den grünen Bergen.




Tempel, Besuch mit Bekanntschaft.

Sehr schöne tibetische Eingangstore immer wieder neben der Straße.




Ein gigantischer tibetischer Tempel nahe Yushu



Der Buddha im Zentrum des tibetischen Dorfes.



Mal wirken lassen…

Wenn sich die Gebetsmühlen im Wind drehen, kann das doch nur ein gutes Omen sein.

Nun im Tibet des Districts Sichuan. 

Tag 154

Der höchste Pass meiner Reise und eine herzliche Einladung


Am Morgen erwachte ich ausgeschlafen und erholt. Die Entscheidung, in einem Hotel zu übernachten, hatte sich als goldrichtig erwiesen – vermutlich hatten die Höhe, die körperliche Anstrengung sowie möglicherweise verdorbenes Essen oder Trinken in den vergangenen Tagen an meinen Kräften gezehrt. Nun konnte ich nahtlos in den neuen Tag starten.

Gleich zu Beginn führte der Weg aus dem Dorf hinauf auf den ersten Pass des Tages, der auf 4.400 Metern Höhe lag. Auf dem Weg dorthin passierte ich ein prachtvolles tibetisches Stadttor, das mir sinnbildlich den Übergang in eine längere Phase völliger Abgeschiedenheit signalisierte – umgeben von Natur und Bergen, bis ich wieder auf eine Stadt treffen würde. Bemerkenswert ist, dass sich auf fast jeder Passhöhe eine tibetische Grabstätte, ein Denkmal oder ein Kloster befindet. Auch auf diesem ersten Pass stand ein kleines tibetisches Kloster, dessen kunstvolle Verzierungen, leuchtende Farben und aufgemalten Geschichten mich tief beeindruckten. Nach einer kurzen Pause, um den Anblick zu genießen, begann die Abfahrt.

Auf etwa 4.200 Metern angekommen, begann der eigentliche Kraftakt des Tages: ein langer Anstieg von rund 700 Höhenmetern. Links und rechts ragten die Berge imposant in den Himmel, während sich die Straße stetig bergauf schlängelte – mit gelegentlichen kurzen Abfahrten, bevor es wieder weiter nach oben ging. Nach dreieinhalb Stunden ununterbrochenen Tretens erreichte ich schließlich den höchsten Punkt, den ich jemals mit dem Fahrrad erklommen hatte: 4.815 Meter über dem Meeresspiegel.

Schon während der letzten Stunde hatte ich beobachtet, wie sich hinter mir dunkle Wolken zusammenzogen. Aus den Erfahrungen der letzten Tage wusste ich, wie schnell hier in extremer Höhe das Wetter umschlagen kann. Deshalb verweilte ich nur kurz auf der Passhöhe und begann sofort mit der Abfahrt – die Regenfront war kaum fünf Minuten entfernt. Da dieser Pass über die umliegenden Gipfel hinausragte, bot er kaum natürlichen Schutz vor dem nahenden Unwetter.

Die Abfahrt war ein rauschendes Fest der Freude: Innerhalb von nur zehn Minuten legte ich 500 Höhenmeter bergab zurück und erreichte dabei Geschwindigkeiten von bis zu 50 km/h. Alles, was ich mir in den Stunden zuvor mühsam erkämpft hatte, flog nun im Fahrtwind an mir vorbei.

In Gyairong angekommen, suchte ich zunächst ein Restaurant auf, um am Nachmittag ausgiebig zu essen, und füllte anschließend in einem kleinen Supermarkt meine Vorräte an Essen und Trinken auf. Da die Wettervorhersage für die Nacht Dauerregen ankündigte und der Himmel sich zusehends verdunkelte, machte ich mich auf die Suche nach einem geschützten Schlafplatz.

Hinter dem Dorf entdeckte ich das erste ländliche Anwesen, wo gerade ein junger Mann auf dem angrenzenden Feld arbeitete. Ich fragte ihn, ob ich mein Zelt wettergeschützt in einem der Gebäude aufstellen dürfe. Zu meiner Freude stimmte er sofort zu – und bot mir sogar an, im Wohnzimmer seiner Familie auf einem Bett zu schlafen. Dankbar nahm ich dieses großzügige Angebot an.

Am Abend saßen wir lange zusammen und unterhielten uns mithilfe von Übersetzer-Apps, die erstaunlich gut funktionierten. Die Familie war sehr neugierig auf meine Reise und wollte alles über meinen bisherigen Weg erfahren. Später führten sie mich hinaus, um mir ihre Yak-Herde zu zeigen.

Müde, erfüllt von dieser warmherzigen Begegnung und mit der wohligen Wärme des Kamins im Rücken, schlief ich schließlich im Wohnzimmer ein – während draußen der Regen unaufhörlich auf das Dach prasselte.



Das schönste Stadttor, dass ich bisher hier im Tibet gesehen habe.





einfach wahrhafte Kunst.




Bei solch einem schönen Tor muss ein Selfie auch sein.


und dann geht es wieder hoch in die Berge. 

Auf dem ersten kleinen Pass des Tages ging es dann auch an diesem Tempel vorbei.




Nach einem langen Aufstieg kam ich an meinem höchsten Pass bisher entlang, auf unglaublichen 4815 Höhenmeter ohne Sauerstoffflasche. Das war schon krass.


Auf 4815 Höhenmeter, kam dann ein großes Gewitter und viel Regen mir gefährlich nahe. Das hieß für mich schnell abfahren.



Glücklicherweise wurde ich bei dieser netten tibetischen Familie aufgenommen. 

Und jetzt war für mich Shooting Zeit angesagt. Alle wollten mit mir Bilder in allen Konstellation machen.

Diesen Junge hatte ich als erstes getroffen, als ich an dem Haus vorbeigefahren war und nach Leuten gesucht habe. Er war traurig, dass ich am nächsten Tag wieder gefahren bin. Es war sehr nett mit der Familie. Danke für alles.

Tag 153

 
Müdigkeit, Höhenluft und eine Begegnung mit der Polizei 
 
 
Die letzte Nacht war leider alles andere als erholsam. Immer wieder wachte ich auf und fand nur schwer zurück in den Schlaf. Am Morgen gesellten sich leichte Kopfschmerzen und ein Kratzen im Hals hinzu. Ich vermute, dass gleich mehrere Faktoren dafür verantwortlich waren: Zum einen hatte ich in meiner letzten Unterkunft Wasser auffüllen wollen, das mir aus einer Art Regentonne in die Flaschen gefüllt wurde – möglicherweise nicht ganz sauber. Zum anderen lag mein Schlafplatz auf fast 4.500 Metern Höhe, was ohne erholsamen Schlaf für den Körper sehr anstrengend ist. Und schließlich war der „Lost Place“, an dem ich übernachtet hatte, vielleicht doch etwas zu unheimlich, um tief und fest zu schlafen. 
 
Trotz der Müdigkeit packte ich am Morgen meine Sachen und fuhr bei Sonnenaufgang los. Gleich zu Beginn warteten 230 Höhenmeter auf mich, bis ich den ersten Pass des Tages erreichte. Wie schon an den Vortagen blies mir auch heute wieder der morgendliche Gegenwind entgegen. Nach der Passhöhe auf knapp 4.600 Metern folgte eine Abfahrt auf etwa 4.200 Meter. Aus diesem Tal stieg die Strecke wieder auf fast 4.600 Meter an – diesmal jedoch deutlich steiler, was in dieser Höhe mit der dünnen Luft besonders kräftezehrend war. 
 
Bevor ich den zweiten Pass erreichte, machte ich eine ungewöhnliche Beobachtung: In der Ferne entdeckte ich ein wolfsähnliches Tier, das sich gerade an einem toten Yak labte. Vermutlich handelte es sich um einen Hund, doch die Ähnlichkeit zu einem Wolf war verblüffend. Der steile Anstieg danach brachte mich ordentlich außer Atem, und mein Schlafdefizit machte sich deutlich bemerkbar. 
 
Nach einer weiteren Abfahrt erreichte ich die nächste Stadt, kaufte Essens- und Trinkvorräte und gönnte mir eine Mahlzeit in einem kleinen Restaurant. Danach ging es weiter zur nächsten Stadt, rund 50 Kilometer entfernt. Die Strecke führte durch atemberaubende Landschaften mit großen grünen Bergen und Flüssen, die sich malerisch durch die Täler schlängelten. Ständiges Auf und Ab sorgte für eine angenehme Abwechslung zu den langen Anstiegen und Abfahrten der letzten Tage. Die Wolken zogen erneut bedrohlich zu, doch ich erreichte rechtzeitig die Stadt Zhidoi. 
 
Da ich dringend Ruhe brauchte, suchte ich mir ein Hotel. Den Preis konnte ich von 270 Yuan auf 170 Yuan herunterhandeln – etwa 20 Euro. Doch es gab ein Problem: Als Ausländer musste ich polizeilich registriert werden. Da die Hotelangestellte die Polizei nicht erreichen konnte, kündigte sie an, dass man mich später befragen würde. Ich befürchtete schon, dass mir das Radfahren im restlichen Teil von Qinghai verboten werden könnte. 
 
Ich duschte, legte mich ins Bett und schlief erst einmal zweieinhalb Stunden. Am Abend ging ich nebenan essen, kaufte noch Proviant für den nächsten Tag und kehrte zurück ins Hotel. Kurz darauf klopfte es an meiner Tür: Zwei Polizisten standen davor. Im Foyer befragten sie mich – sachlich und korrekt, ganz anders als manche Begegnungen zuvor. Ihr Hauptanliegen war, dass ich die Region so bald wie möglich verlasse. Als ich erklärte, dass ich in zwei Tagen in Sichuan sein werde, waren sie zufrieden. Sie nahmen meine Personalien auf, machten noch ein gemeinsames Foto und verabschiedeten sich. 
 
Erleichtert darüber, dass keine weiteren Schwierigkeiten entstanden, legte ich mich ins Bett – in der Hoffnung, dass die kommende Nacht erholsamer werden würde und ich am nächsten Tag wieder voller Energie in die Pedale treten kann. 


Mit Sonne durch die hohen grünen Berge.




Von dieser Natur kann ich einfach nicht genug haben. Es ist einfach zu schön.




Auch auf dem Gipfel heute, gab es wieder einen Turm aus tibetischen Fahnen.



Die Sicht vom Pass herunter in die grünen Berge.

diese schöne, bedeutsame Statue der Tibeter hat meine Aufmerksamkeit geweckt. Die Bedeutung der Statue ist folgende:
Diese Statue stellt in der tibetischen Tradition meist die „Vier harmonischen Freunde“
(oder „vier harmonischen Wesen“) dar: 
Elefant, Affe, Hase und Vogel 
(manchmal stilisiert als Mensch statt Hase). 

Sie symbolisiert Zusammenarbeit, Respekt zwischen Jung und Alt sowie Harmonie zwischen verschiedenen Wesen, basierend auf einer buddhistischen Jataka-Erzählung. 

Der Elefant unten trägt die anderen, weil er der Älteste ist – und so helfen sich alle gegenseitig. 



Ein Fluss mit viel dreckigen Wasser aus den hohen Bergen.



Tag 152

Zwei Pässe, verlassene Häuser und eine Eule 
 
Am Morgen stand ich früh auf, packte meine Sachen, verabschiedete mich vom Besitzer der Unterkunft und füllte noch einmal meine Wasserflaschen auf. Bevor ich das Dorf verließ, machte ich noch einen Abstecher zum Supermarkt, um meine Essensvorräte aufzustocken – schließlich lagen rund 150 km vor mir, in denen es so gut wie keine Versorgungsmöglichkeiten geben würde. 
 
Mit genügend Essen und Wasser im Gepäck nahm ich den ersten der beiden großen Pässe des Tages in Angriff. Der morgendliche Gegenwind machte den Anstieg mühsam, und so brauchte ich einiges an Geduld, um schließlich den Pass auf 4.634 m zu erreichen. Dort legte ich eine kurze Essenspause ein, bevor es für etwa 20 km kontinuierlich bergab auf 4.200 m ging. In einem kleinen Dorf am Talboden kehrte ich zum Mittagessen ein. Eigentlich wollte ich mir dort ein imposantes buddhistisches Kloster ansehen, doch es war leider für Besucher geschlossen. 
 
Anschließend begann der zweite Anstieg – von 4.200 m hinauf auf knapp 4.600 m. Zum Glück war der Wind nun schwächer, sodass ich gleichmäßiger vorankam. Dennoch zwang mich eine bedrohlich wirkende Wolkenfront zu einer kurzen Rast unter einer Straßenunterführung. Diese erwies sich jedoch als weniger geeignet: Statt eines offenen Raumes befand sich darin nur ein großes Rohr. Nach dem gestrigen Gewittererlebnis wollte ich auf keinen Fall erneut in eine lebensgefährliche Situation geraten. 
 
Nach dieser Pause erklomm ich den Pass und wurde mit einer traumhaften Abfahrt durch weitläufige, sattgrüne Berglandschaften belohnt. Auf der Suche nach einem Schlafplatz überquerte ich eine Brücke und entdeckte ein kleines Dorf zwischen zwei Gebirgszügen. Stromleitungen führten dorthin, doch als ich die wenigen Häuser erreichte, fand ich keine Menschenseele. Es wirkte, als sei der Ort schlagartig verlassen worden. In den Gebäuden hingen noch tibetische Wandverzierungen, und verlassene Ställe deuteten darauf hin, dass hier einst Yak-Herden gehalten wurden. 
 
Zum Übernachten wählte ich schließlich einen der leeren Ställe. In den Häusern selbst zu schlafen erschien mir zu unheimlich – man weiß ja nie, ob plötzlich doch jemand auftaucht. Bei meiner Erkundung der Gebäude entdeckte ich sogar eine kleine Eule, die am helllichten Tag offenbar auf Futtersuche war. 
 
Nach einem wunderschönen Sonnenuntergang in der engen Schlucht, umgeben von imposanten Bergen, legte ich mich ins Zelt. Leider meldete sich mein Magen mit verdächtigem Gurgeln – ein untrügliches Zeichen dafür, dass ich vielleicht etwas Verdorbenes gegessen hatte oder das Wasser vom Restaurant nicht ganz sauber war. Ich hoffe sehr, dass morgen wieder alles in Ordnung ist. 


Gute Straßen, luftige Höhe und grüne Berge


Der erste hohe Pass für heute mit 4634 m. 




Auch hier war ein Fahnen Tipi am Bergpass. 




Im nächsten Dorf angekommen und dort waren wieder prunkvolle tibetische Tempel.

Dann gab es erst mal lecker essen und eine gute Stärkung.



Selbst die Laternen sind tibetisch angemalt.



die traurige Geschichte mit dem kleinen, einsamen Lämmchen im Blogeintrag —>



mein heutiger Schlafplatz in einem verlassenen Yak-Stall in einem verlassenen, tibetischen Dorf in den Bergen 4500 Höhenmetern.

Tag 151

Blitze, Berge und ein warmes Bett in Yuge 
 
Am Morgen setzte ich meine Fahrt im leichten Regen fort. Ich verabschiedete mich von den überaus freundlichen Bauarbeitern, die mir am Vorabend eine trockene Unterkunft ermöglicht hatten. Schon kurz nach dem Start ging es mit kräftigem Gegenwind bergauf – der erste Pass lag auf 4.500 m und verlangte mir einiges ab. 
 
Nach der Abfahrt folgten mehrere kleinere Anstiege. Während ich die Hügel hoch und runter fuhr, rückte eine dunkle Regenfront bedrohlich näher. In der Hoffnung auf einen trockenen Rastplatz entdeckte ich eine Unterführung unter der Straße. Dort floss zwar ein Bach hindurch, doch ein schmaler Streifen daneben war frei genug, um mein Rad abzustellen und im Schutz der Brücke mein Mittagessen zu genießen. 
 
Als der Regen nachließ, fuhr ich optimistisch weiter – doch die Wetterlage änderte sich schnell. Auf dem Anstieg zum zweiten Pass bemerkte ich, dass der Wind gedreht hatte. Die schwarzen Wolken, die eben noch von mir weggezogen waren, kehrten nun rasch zurück. Die Landschaft bot zwar links und rechts größere Berge, doch der Pass selbst lag relativ offen. 
 
Kaum oben angekommen, schlug das Wetter zu. Ich wollte mein Fahrrad in den Straßengraben legen, um mich vor Blitzen zu schützen – in diesem Moment schlug ein Blitz nur 50 m entfernt in einen Mobilfunkmast auf einem kleinen Hügel ein. Vor Schreck kauerte ich mich flach in den Graben, das Herz raste. Auch wenn der Mast und die Berge in der Umgebung höher waren, fühlte ich mich der Naturgewalt schutzlos ausgeliefert. Glücklicherweise folgte kein zweiter Blitz, doch ein heftiger Hagelschauer prasselte auf mich nieder, gefolgt von starkem Regen. 
 
Durchnässt, aber erleichtert, stieg ich wieder aufs Rad und setzte meine Fahrt fort – diesmal mit noch wachsamerem Blick zum Himmel. Mehrere weitere Anstiege folgten, bevor ich schließlich das Dorf Yuge erreichte. Dort bestellte ich in einem kleinen Restaurant eine riesige Portion Nudeln mit Ei und Gemüse, die ich hungrig verschlang. 
 
Eigentlich rechnete ich fest damit, dass – wie in weiten Teilen Qinghais – keine Ausländer in Unterkünften aufgenommen werden. Umso überraschter war ich, als mir der Besitzer von sich aus ein Zimmer anbot – und das für nur einen Euro, inklusive Kaminheizung. Insgesamt kosteten mich das Essen, das warme Zimmer und die gemütliche Feuerwärme gerade einmal zehn Euro. 
 
Direkt neben dem Restaurant entdeckte ich einen buddhistischen Tempel. Nach dem Essen nutzte ich die Gelegenheit für einen Besuch und ließ mich von den kunstvollen Details, den leuchtenden Farben und den in Malereien erzählten Geschichten faszinieren. Zurück in meiner Unterkunft lud ich alle technischen Geräte auf – wer weiß, wann ich das nächste Mal über Nacht Strom haben würde. 
 
So endete ein ereignisreicher Tag, eingekuschelt in ein fast schon zu warmes Bett. 


Eine Yak-Herde in den grünen Bergen des Hochplateau




Das Fahrrad und ich in schönster Landschaft. 





eine magische Landschaft mit den Pferden. 




Oben auf dem Pass vom Blitz überrascht. 

Familie Murmeltier ist auch interessiert, was ich hier mache.


Der tibetische Tempel in der kleinen Stadt Qumahexiang. 



Die vielen tibetischen Fahnen im Hintergrund sind überall im Tibet zu sehen.



Die tibetischen Gebetsmühlen im Inneren des Klosters 

Tag 150

Über den Kulun-Pass und eine Nacht bei den Bauarbeitern

Am Morgen fiel mir das Aufstehen schwer: Die Nacht hatte gerade mal 5 °C und dazu hatte es leicht geregnet. Fröstelnd zog ich meine dicksten Sachen an, frühstückte ein paar Kekse und packte mein Zelt zusammen. Wenn es kalt ist, geht plötzlich alles schneller – und nach den ersten Kilometern im Sattel war mir auch schon wieder warm.

Von meinem Schlafplatz auf 4.030 m ging es stetig bergauf zum Kulun-Pass auf 4.780 m, der zum UNESCO-Welterbe gehört. Unterwegs begegnete ich zehn Schwertransport-LKWs mit riesigen Rotorblättern für Windräder. Wie sie diese endlosen Kurven, Schotterpassagen und steilen Abschnitte gemeistert hatten, war mir ein Rätsel. Für Autos blockierten sie lange die Straße – ich konnte mich mit dem Rad einfach vorbeischlängeln.

Kurz vor der Passhöhe hielt ein Auto neben mir. Zwei Wasserflaschen und sogar eine Sauerstoffflasche wurden mir aus dem Fenster gereicht – bisher hatte ich zwar keine Atemprobleme, aber wer weiß, vielleicht wird das in den nächsten Tagen noch nützlich.

Oben am Pass stellte ich mein Fahrrad neben ein buddhistisches Monument und wanderte auf den angrenzenden Berg. Die 5.000 m-Marke verfehlte ich knapp – bei 4.920 m war Schluss. Dort flatterten tibetische Gebetsfahnen im Wind, zwei Gebetsmühlen drehten sich leise, und die Aussicht über das Tal war mit den schweren Wolken besonders dramatisch. Bevor ich abstieg, drehte ich noch die Gebetsmühle – ein kleines Ritual für Glück auf der weiteren Reise.

Die Abfahrt entpuppte sich als wenig spaßig: Rund drei Viertel der Strecke bestanden aus schlammigen, steinigen Umleitungen, da die Straße noch im Bau war. Schließlich erreichte ich ein Dorf, an dem sich meine Route von der Straße ins tibetische Kernland trennte. Ich war angespannt – nicht sicher, ob ich diese Strecke von Golmud hierher überhaupt offiziell hätte fahren dürfen – doch es hielt mich niemand auf.

Nach einem frühen Abendessen und dem Auffüllen meiner Vorräte für die nächsten 150 km ohne Versorgung veränderte sich die Landschaft abrupt: Aus hohen Bergen wurde eine weite, flache Graslandschaft. Der Nieselregen wurde stärker, und hinter mir wuchs eine massive Regenwand heran. Um nicht in ein Unwetter zu geraten, fragte ich an einer Baustelle, ob ich mein Zelt unter einer großen Halle aufstellen dürfe. Stattdessen bot man mir ein Bett in einem Bauarbeitercontainer an.

Innerhalb von Sekunden stand ich, noch in voller Radmontur, vor 20 neugierigen Bauarbeitern, die filmten und staunten, als hätten sie noch nie einen Radreisenden gesehen. In einem Container bekam ich etwas zu essen und erfuhr per Translator, dass sie hier zwei Monate lang an einer Brücke arbeiteten – ohne Toilette, einfach mit der weiten Wiese hinter den Containern als „Sanitärbereich“.

Ich wusch mich mit einem Eimer kalten Wassers, genoss den Blick über die grüne Ebene, während draußen der Regen stärker wurde, und legte mich schließlich in meinem Bauarbeiterbett schlafen.


Auf dem Weg in die hohen Berge mit dichten Wolken.




 Oben am Pass auf 4730 m angekommen.



nach dem Pass auf 4730 m bin ich noch weiter auf den Berg geklettert auf 4913 m. höher ging es nicht mehr.




Oben am Gipfel waren auch einige tibetische Fahnen und auch eine Gebetsmühle.

Die Abzweigung zwischen dem Tibet Plateau und der autonomen Tibetregion Xingzang Richtung Lhasa. Ich bin jedoch nach links abgebogen, weil ich nicht in die autonome Tibet Region darf.




Tag 149

Schmuggel an der Kontrollstelle und Aufstieg ins Hochland

Heute klingelte der Wecker um 6:00 Uhr. Schnell ein paar Kekse gefrühstückt, Sachen gepackt und losgefahren. Es war angenehm bewölkt, und von Anfang an führte die Straße stetig bergauf. Je weiter ich aus Golmud hinausfuhr, desto näher kamen die Berge – und desto schwächer wurde der nervige Seitenwind.

Plötzlich sah ich vor mir eine endlose Kolonne: gut 100 LKWs, Stoßstange an Stoßstange, alle auf dem rechten Fahrstreifen geparkt. Sofort war mir klar: Hier steht eine Kontrolle an. Mein Verdacht bestätigte sich.

Bei der ersten großen Kontrollstelle entdeckte ich eine Lücke in der Absperrung – und schlüpfte unbemerkt hindurch. Kaum war ich durch, kam schon die nächste Kontrollstation. Dieses Mal lag die Sache kniffliger: Rechts parkten die Autos und wurden einzeln durchgelassen, links gab es eine schmale Spur mit Pollern, gespickt mit Überwachungskameras. Ich riskierte es, ganz dicht am Wärterhäuschen vorbeizufahren und betete, dass niemand in dem Moment aus dem Fenster schaute. Und tatsächlich – ich kam auch hier unbemerkt durch. Ob man mich wirklich gestoppt hätte, weiß ich nicht. Aber ich bin mir sicher, es hätte mindestens lange Diskussionen und vielleicht sogar einen Umweg gegeben.

Mit leicht mulmigem Gefühl ging es weiter in die Berge. Die Straße war ein ständiger Wechsel aus ein Drittel Asphalt und zwei Drittel Schotter und Sand. Bei 90 % LKW-Verkehr wurde ich ständig in dichte Staubwolken gehüllt – ich habe vermutlich mehr Staub geschluckt als damals im Pamir-Gebirge.

Dafür war die Landschaft ein Traum: breite Flussbetten, die sich durch das Tal zogen, dahinter gewaltige Bergketten. Auf 3.700 m tauchte plötzlich ein wunderschön geschmücktes buddhistisches Kloster neben der Straße auf – ein stiller, bunter Ort vor dieser monumentalen Bergkulisse. Ich erkundete die Gebetsräume, den Vorplatz mit seinen Skulpturen und sah einen Mönch, der in tiefem Schweigen in einem der Gebäude saß.

Schließlich führte der Weg weiter hinauf – von 2.800 m am Morgen auf 4.030 m am Abend. Unter einer Eisenbahnlinie fand ich eine kleine Unterführung, eigentlich gedacht, um Regenwasser abzuleiten. Da für die Nacht kein Regen gemeldet war, stellte ich hier mein Zelt auf – wettergeschützt und vor neugierigen Blicken verborgen.



Die Berge, als ich in das höhere Tibetische Plateau kam. 




Mittagspause in der Tankstelle mit Instantnudeln. 




Ein schöner Canyon mit See direkt neben der Straße.




Mein erster großer tibetischer Tempel.

In dem Tempel waren auch mehrere Buddha Statuen.



Mein Schlafplatz war heute Geschützt in einer Eisenbahnunterführung. 



Tag 148

Haare, Massage und der erste „China-Preis-Trick“

Mein heutiger Ruhetag begann entspannt: Am Morgen schnitt ich die letzten beiden Reels fertig und aktualisierte meinen Blog. Gegen Mittag machte ich mich zu Fuß auf in die Stadt und landete bei einem Friseur. Eigentlich wollte ich nicht nur meine Haare schneiden lassen, sondern auch meinen Bart stutzen. Doch da fast alle Chinesen entweder keinen Bart oder nur sehr wenig Bartwuchs haben, konnte der Friseur das leider nicht anbieten.

Der Laden gehörte drei jungen Leuten – zwei Friseuren und einer Friseurin, alle gerade einmal 24 Jahre alt. Es war leer, sodass ich sofort drankam. Während des Haarschnitts unterhielt ich mich mit den beiden Jungs per Translator-App. Irgendwann fragte ich sie, ob sie einen Massagesalon in der Nähe kennen. Die beiden brachten mich tatsächlich persönlich dorthin und übersetzten für mich.

Die Preise waren allerdings hoch: 28 € für 80 Minuten – in einem Land, in dem mein Mittagessen sonst kaum mehr als 2 € kostet. Aber gut, manchmal will man sich einfach etwas gönnen. Und es hat sich gelohnt: Die Massage war wirklich gut und ich fühlte mich danach deutlich erholter.

Anschließend suchte ich einen Handyshop auf, um eine neue Schutzfolie zu kaufen. Vor ein paar Tagen war mein Handy bei einer ziemlich dummen Aktion in einen Wasserlauf gefallen – ich hatte versucht, über ein Wasserrohr einen kleinen Graben zu überqueren. Zum Glück funktioniert es noch, nur die Folie musste ersetzt werden.

Im Laden passierte dann etwas, das mir zum ersten Mal in China so auffiel: Ich fragte nach dem Preis, und der Verkäufer tippte 50 Yuan in den Taschenrechner. Ich verzog das Gesicht, und keine fünf Sekunden später stand dort 20 Yuan (2,20 €). Inklusive Anbringen und Reinigung – das war dann wieder ein absolut fairer Preis.

Zum Abendessen entdeckte ich ein winziges Restaurant, in dem ich die bisher günstigste Mahlzeit meiner gesamten China-Reise bekam: 1 € – und dazu noch sehr lecker. Zurück im Hotel plante ich meine Kurzvideos für die nächsten Tage vor, da ich nicht weiß, wie gut das Internet in den kommenden Bergen sein wird.

Dann hieß es: ein letztes Mal für längere Zeit ins weiche Hotelbett kuscheln. Morgen geht’s wieder auf die Straße.


Endlich mal wieder Friseur. 




im Park gibt es immer wieder schöne, tibetische Kunst.




Eine erholsame Massage habe ich mir auch mal gegönnt und dieses Outfit bekommen.




Tag 147

Salzsee, Seitenwind und ein Hotelkrimi in Golmud

Heute wurde ich durch die ersten schweren LKWs geweckt, die über die Straße direkt oberhalb meines Schlafplatzes donnerten. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber die Morgendämmerung tauchte die Wüste bereits in ein warmes, goldenes Licht. Die feinen Strukturen im Sand begannen zu leuchten – ein wunderschöner Anblick, den ich in vollen Zügen genoss. Zum Frühstück gab es ein paar Kekse, dann packte ich meine Sachen und machte mich auf den Weg.

Anfangs war der Himmel noch bewölkt, was die Sonnenstrahlung angenehm dämpfte. Dazu hatte ich kräftigen Rückenwind, der mich förmlich vorantrieb. In gerade einmal zwei Stunden legte ich 50 Kilometer zurück. Doch dann kam eine Kurve – und aus dem perfekten Rückenwind wurde starker Seitenwind. Ab diesem Moment ging es deutlich zäher voran.

Plötzlich entdeckte ich etwas Ungewöhnliches: einen See, der eher wie mit Kleister gefüllt aussah. Als ich ein Schild sah, auf dem stand, dass ich mich nun in einer Salzregion befand, war mir klar, dass es sich um einen Salzsee handeln musste. Ich ging näher heran, nahm etwas von der Oberfläche in die Hand. Es fühlte sich fest, aber auch leicht weich an – mit grober Kristallstruktur und fast fettiger Konsistenz. Ein faszinierendes Material.

Je weiter ich fuhr, desto weißer wurde der Wüstenboden links und rechts von mir. Salzablagerungen, die fast wie Schnee aussahen. Dann tauchten vor mir die ersten großen Industrieanlagen auf, in denen das Salz aus dem See gefiltert wird. Direkt daneben lagen kleine, künstlich angelegte Becken – mit intensiv türkisgrünem Wasser, wie ich es selten gesehen habe. Ich ließ die Drohne steigen und war überwältigt vom Ausmaß und der Farbvielfalt dieses Ortes.

Nach 140 Kilometern ohne Versorgungsmöglichkeit kam ich endlich an eine Raststätte. Für gerade einmal 1,20 € gab es Instant-Nudeln und einen Softdrink – ein willkommenes Mittagessen. Anschließend wollte ich den berühmten Qarhan-Salzsee besuchen – den zweitgrößten Salzsee der Welt. Allerdings hatte mir ein Polizist in Qinghai ja eigentlich verboten, Wege zu verlassen oder Sehenswürdigkeiten zu besuchen…

Ich probierte es trotzdem. Ich dachte, ich könnte vielleicht einfach mit dem Fahrrad an den Parkplätzen vorbei direkt zum See fahren. Doch nach zwei Kilometern kam eine Schranke mit Security. Die erklärten mir freundlich, aber bestimmt, dass ich ein Ticket kaufen und mit dem offiziellen Bus fahren müsse. Kurze Zeit später kam sogar der Manager des Naturparks, der mir half, ein Ticket zu lösen und mich zu einem Bus begleitete – sehr nett!

Am Besucherparkplatz tobte das Leben. Hunderte Chinesen warteten aufgeregt auf die Busse. Im Minutentakt wurden Gruppen zum See gebracht – durch streng gesicherte Industrieanlagen, durch die man zu Fuß gar nicht hindurch darf. Die Dimensionen waren riesig.

Am See angekommen: wow. Die Farbverläufe des Salzwassers, von türkis über grün bis fast weiß, waren atemberaubend. Doch der Ort war auch massiv überlaufen. Tausende Menschen machten Selfies, Videos, Shootings. Überall surrten Drohnen durch die Luft. Mir wurde das zu viel – ich suchte mir eine ruhigere Stelle etwas abseits, um diesen besonderen Moment zu genießen.

Nach dieser Erfahrung brachte mich der Bus wieder zurück – und ich sattelte erneut auf. Noch 55 km lagen vor mir, der Wind hatte etwas nachgelassen, aber war weiterhin unangenehm. Die letzten 10 km gegen den Wind waren dann wirklich zäh.

In Golmud angekommen, suchte ich etwas zu essen. Ich hatte Lust auf meine typischen Nudeln mit Ei und Gemüse – aber die ersten sechs Restaurants boten nur Teigtaschen, die mir zu wenig Energie gaben. Im siebten Restaurant hatte ich endlich Glück – für 1,30 € bekam ich ein gutes Abendessen. Direkt daneben lag auch mein Hotel.

Doch dann kam der Schockmoment: „Wir nehmen keine Ausländer.“ Die Rezeptionistin erklärte mir, dass das Hotel keine Genehmigung für internationale Gäste habe – obwohl ich das Zimmer vorher online gebucht und bestätigt bekommen hatte. Ich war erschöpft, wollte einfach nur schlafen, duschen, meine Sachen waschen – und einen Ruhetag einlegen.

Nach längerem Hin und Her rief der Manager beim zuständigen Amt an – und bekam schließlich doch die Erlaubnis, mich einzuchecken. Eine riesige Erleichterung! Noch einmal durch die Stadt irren und neue Unterkünfte suchen – in dieser Größe keine Option, schon gar nicht bei Nacht.

So fiel ich nach 150 Kilometern, beeindruckenden Naturphänomenen, viel Wind und einem Hotelkrimi todmüde ins Bett.


Nach dem Besuch am Salzsee ging es noch mal ein bisschen weiter bis nach Golmud.




Der erste kleine Vorgeschmack auf die größeren Salzseen.




Umso näher ich dem großen Salze komme, umso mehr Salz und kleinerer, grünliche Seen tauchen auf.




Ich bin einfach nur von der Farbe der Salzseen so unglaublich fasziniert.

Hier sieht man, dass Areal des Salzsees und der vielen kleinen Industriell genutzten Parzellen drumherum.




Und nun bin ich am Hauptsalzsee Quarhan



Die Szenarie am Hauptsalzsee Quarhan



Hunderte Laster mit Salz fuhren von der Fabrik ständig weg. 

Tag 146

Sandhügel, Sternenhimmel und 5G auf der Düne

Heute Morgen klingelte mein Wecker schon um 6:00 Uhr – ich wollte die Stimmung vor dem Sonnenaufgang an diesem atemberaubenden Ort unbedingt noch einmal aufsaugen. Die Nacht war erstaunlich frisch, mit nur 12 Grad – eine deutliche Abkühlung im Vergleich zu den sonst so heißen Wüstennächten. Zum Frühstück gab es ein paar Reste, die ich mir am Vortag noch organisiert hatte.

Noch vor Sonnenaufgang ließ ich meine Drohne steigen, um die besondere Stimmung einzufangen. Währenddessen hörte ich in der Ferne einen Hirten mit seiner Schafherde, der sich gemächlich über die weiten Flächen des Wasserreservoirs bewegte – ein fast schon filmreifer Moment. Danach packte ich mein Zelt zusammen, cremte mich in der nun steigenden Sonne ein und machte mich unauffällig auf den Rückweg durch das heruntergetretene Loch im Zaun – unentdeckt.

Zurück auf der Straße ließ ich das grüne Idyll des kleinen Dorfs hinter mir – und die große Wüste begann erneut. Zunächst ging es einen langgezogenen Hügel hinauf, dann folgte ein entspannter Abschnitt bergab durch flaches, trockenes Land. In der Ferne tauchten dann immer mehr Sandhügel auf – teils nur wenige Meter hoch, teils gewaltig, zerklüftet oder glatt, symmetrisch oder völlig chaotisch.

Ich war sprachlos. Diese Landschaft war wie aus einer anderen Welt. Die Hügel zogen sich über Kilometer hinweg, links und rechts der Straße, mit einer Vielfalt, wie ich sie selten gesehen habe – nicht ganz so spektakulär wie Kapadokien vielleicht, aber auf ihre eigene Weise wunderschön. Besonders auffällig: Diese Formationen traten nur in leicht erhöhten Bereichen auf – in den ganz flachen Abschnitten der Wüste waren sie verschwunden. Der Wind scheint hier über die Jahrhunderte ein echtes Kunstwerk geschaffen zu haben.

Nach rund 110 Kilometern durch diese faszinierende Region erreichte ich ein kleines Dorf – wie so oft mit LKWs, Werkstätten, Raststätten und kleinen Supermärkten. In einem Restaurant bekam ich sogar das Abendessen geschenkt, die Besitzer waren neugierig und herzlich.

Da mich danach wieder 140 km Wüste ohne Versorgung erwarteten, deckte ich mich mit Wasser und Lebensmitteln ein. Dank Rückenwind ging es flott weiter. Eigentlich hatte ich nur noch 30 km fahren wollen – am Ende wurden es jedoch 65 km. Ich suchte nach einem geeigneten Schlafplatz. Einfach irgendwo im offenen Gelände zelten kam für mich nicht infrage – zu viel Wind, zu sichtbar.

Glücklicherweise gab es entlang der Straße alle 5 km eine kleine Unterführung, durch die bei Regen das Wasser abfließen kann. Manche von ihnen waren aber entweder zu weit von einem Mobilfunkturm entfernt – oder direkt darunter, was genauso ungünstig ist. Bei der dritten Unterführung hatte ich dann Glück: genug Abstand zum Mast, aber noch guter Empfang.

Ich baute mein Zelt dort versteckt auf. Leider benutzen manche Leute diese Unterführungen auch als Toilette – immerhin war alles durch die Hitze getrocknet und es roch nur leicht. Nach dem Aufbau rollte ich mich noch mit meiner Faszienrolle durch und bereitete mich auf ein Meeting mit dem Darmstädter Echo vor, das regelmäßig über meine Reise berichtet.

Für das Gespräch nahm ich mir einen Softdrink, mein Handy und den Campingstuhl, kletterte eine Düne hoch und setzte mich dort in die Abendbrise. Und siehe da: 5G bei vollem Empfang. Das Internet hier draußen war besser als in manchem Dorf!

Nach dem Gespräch war es inzwischen dunkel, und der Rückweg zu meinem Zelt wurde zur kleinen Odyssee. In der völligen Dunkelheit der Wüste war meine Handytaschenlampe nicht besonders hilfreich – erst als ich meine AirTags am Fahrrad ortete, fand ich den Weg zurück zur Unterführung.

Nach dem Zähneputzen stand ich noch eine Weile da, schaute in den Sternenhimmel, sah die Milchstraße in all ihrer Klarheit – ein Anblick, den man nur ohne Lichtverschmutzung bekommt. Und dann kroch ich müde, aber glücklich in mein Zelt. Ein Tag, der in Erinnerung bleibt.


Einer meiner schönsten Schlafplätze auf meiner Reise.




Endlich mal wieder Kamele. Ich glaube meine ersten in China.




Ganz viele verschiedene Hügel plötzlich in der Wüste. wie abwechslungsreich die Wüste sein kann.




Im Rückspiegel immer stets die Autos und vor allem die LKWs im Blick.




Heutiger Schlafplatz mitten in der Wüste in Straßenunterführung.




Tag 145

Nebel, Kinder und ein verborgener Schlafplatz im Canyon
 
Am Morgen war der Himmel dicht bewölkt, es tröpfelte leicht – eine willkommene Abwechslung zu der sonst gnadenlosen Sonne. Ich packte meine Sachen und machte mich wieder auf den Weg hinein in die Wüste. Die Szenerie war eindrucksvoll: graue Wolken über den rot-braunen Sandformationen, die Luft kühl und feucht bei angenehmen 22 Grad. Immer wieder verstärkte sich der Regen kurz, nur um dann wieder in feinem Niesel zu verschwinden – eine Stimmung, die fast schon magisch war. 
 
So fuhr ich 140 Kilometer durch diese besondere Kulisse, bis ich am späten Nachmittag ein kleines Dorf erreichte. Dort kehrte ich zum Abendessen ein. Während ich aß, sammelten sich neugierige Kinder um mich. Sie beobachteten mich mit großen Augen, lachten, stellten Fragen – und wollten am Ende natürlich auch noch Fotos mit mir machen. Eine Szene, wie ich sie in China mittlerweile gut kenne – und doch zaubert sie mir jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht. 
 
Nach dem Essen machte ich mich auf die Suche nach einem Schlafplatz. Kaum hatte ich den Ort verlassen, entdeckte ich einen kleinen Feldweg, der von der Straße abzweigte. Neugierig bog ich ein. Nach wenigen hundert Metern stieß ich auf einen niedergetretenen Zaun – wahrscheinlich von Einheimischen ignoriert oder bewusst geöffnet. Ich schob mein Fahrrad durch und fuhr weiter, hinein in eine Canyon-artige Landschaft aus gehärtetem Sand und Lehm. 
 
Plötzlich hörte ich ein leises Rauschen. Ich fuhr weiter und sah, wie sich ein Fluss in engen Meandern durch das Gelände schlängelte – ein beeindruckender Anblick. Ein Schild erklärte (dank Translator), dass es sich um ein Wasserreservoir handelt. Vermutlich dürfte ich hier offiziell gar nicht campen – aber die abgelegene Lage, die einsame Schönheit und die Ruhe überzeugten mich. 
 
Ich baute mein Zelt gut versteckt in einer Sandmulde auf und genoss die absolute Stille, nur unterbrochen vom gleichmäßigen Plätschern des Flusses. In dieser einsamen, friedlichen Atmosphäre, umgeben von natürlicher Schönheit und unter dem Schein des Mondes, ging ich schlafen – ein Platz, der sicher zu den schönsten meiner bisherigen Reise gehört. 



Dichte Wolken und leichter Regen in der Wüste sind sehr mystisch.




Meine Aussicht am heutigen Tag auf die vernebelte Wüste


Das Eingangstor des ersten Dorfes nach dem langen Nichts.




Das gute Abendessen nach über 100km Wüste.

Viele Leute wollen immer mit mir Bilder machen. Also let’s Go! 



Die wundervolle Aussicht von meinem Schlafplatz aus.

Da habe ich doch ein schönes Plätzchen gefunden :)

Unten am Fluss war es auch sehr magisch.

in solch einer Kulisse lässt es sich doch ruhig einschlafen. 

Tag 144

Sandsturm, Ruhetag und eine Nacht auf dem Boden

Heute wachte ich früh am Morgen wieder hinter der Polizeistation auf – dem inoffiziellen „Campingplatz“ der Stadt. Im Laufe der Nacht hatten sich einige andere Zelte dazugesellt. Die Stimmung am Morgen war ruhig und entspannt. Ich bereitete mir erst einmal ein Müsli mit Haferflocken und frischem Obst zu und genoss die ruhige Atmosphäre.

Der Tag verlief vergleichsweise unspektakulär, aber dennoch mit wichtigen Aufgaben. Ich machte mich auf den Weg zu einem zentralen Platz, an dem viele kleine Restaurants angesiedelt waren. Kaum dort angekommen, wurde mir direkt ein Mittagessen spendiert – die Menschen hier sind trotz aller bürokratischen Hürden oft überraschend herzlich.

Den Nachmittag verbrachte ich am Schnitt meiner Kurzvideos, was – wie immer – viel Geduld und Zeit kostete. Anschließend nahm ich mir den Blog vor. Das dauerte deutlich länger als geplant, denn das Internet in dem kleinen Dorf war extrem langsam. Für mich kommt erschwerend hinzu, dass ich einen VPN benutzen muss, um meine Webseite überhaupt öffnen und bearbeiten zu können. Das macht alles umständlich, aber so ist das nun mal in China.

Als endlich alle Bilder hochgeladen und die Texte angepasst waren, ging ich noch einmal abendessen, um genug Kraft für den nächsten Tag zu sammeln. Gegen Abend zog jedoch ein heftiger Sandsturm auf. Der Wind peitschte durch die Straßen und der feine Wüstensand hing wie Nebel in der Luft.

Der Betreiber des Restaurants, in dem ich gegessen hatte, zeigte mir schließlich eine Ecke mit ein paar Stühlen und einer Matratze. Er meinte, ich könne mich dort für die Nacht hinlegen. Ich nahm das Angebot dankend an – angesichts des Sturms draußen war das eine echte Rettung.

Doch die Nacht war alles andere als ruhig. Der Wind heulte weiter, Staub und Sand drangen selbst durch Ritzen, und ich wachte immer wieder auf. Zum ersten Mal auf dieser Reise hatte ich das Gefühl, wie ein Obdachloser zu leben – auf einer Matratze zwischen Möbeln, in einem öffentlichen Raum, mit nichts als meinem Schlafsacirca.

So sehen Radfahrerhände beim Tragen von kurzen Ratshandschuhen im Sommer aus.




Tag 143

Über 3600 Meter, endlose Einsamkeit und ein Zeltplatz hinter der Polizeistation

Mit dem ersten Licht des Tages verließ ich mein geschütztes Nachtlager im Tunnel. Die Sonne ging gerade auf, als ich mich dem langen Anstieg näherte. Die Straße führte mich in mehreren Serpentinen höher und höher – die Bergkulisse im Licht der Morgensonne war einfach spektakulär.

Doch die Strecke hatte es in sich: 1.050 Höhenmeter auf einmal, verteilt über dreieinhalb Stunden. Und das bei voller Beladung – ich musste nicht nur meine Ausrüstung, sondern auch genug Wasser für die nächsten 120 Kilometer mitschleppen. Auf meinem vorderen Gepäckträger balancierte ich einen 5-Liter-Kanister, dazu kamen mehrere Flaschen in den hinteren Taschen. Jeder Meter spürte sich doppelt so schwer an.

Oben, auf 3.625 Metern, angekommen, war ich völlig erschöpft – aber auch stolz. Dort traf ich einen netten Chinesen, der mit mir ins Gespräch kam. Am Ende wollte er noch ein paar Fotos machen – eine kleine Pause, die mir auch ganz gelegen kam.

Dann begann die lange Abfahrt hinunter auf das tibetische Plateau, das auf etwa 2.800 Metern Höhe liegt. Mit leichtem Rückenwind glitt ich förmlich dahin – anfangs. Doch wie so oft kam der Wind nicht nur von hinten, sondern auch von der Seite, was mich auf Dauer wieder ausbremste.

Trotzdem war es landschaftlich faszinierend: wüstenartige Hochebenen, weite Sicht, vereinzelt Touristen, die die majestätischen Berge und Sandformationen am Straßenrand fotografierten. Ich dagegen schlängelte mich an mehreren Polizeicheckpoints vorbei, denn in der Qinghai-Region herrscht ein hohes Maß an Kontrolle.

Nach einer gefühlt endlosen Etappe von 145 Kilometern – ohne eine einzige Möglichkeit zur Verpflegung – erreichte ich endlich das erste Dorf. Ich war ausgehungert, durstig und sehnte mich nach einer Dusche und einem Bett. Doch der Empfang war ernüchternd: Das erste Hotel wies mich ab, weil ich Ausländer bin. Das zweite tat es ebenfalls – und rief zusätzlich noch die Polizei, was mir ganz und gar nicht gefiel.

Ich machte mich schnell wieder aus dem Staub, fuhr ein paar Umwege durch die Seitenstraßen und versuchte, möglichst unauffällig in einem Restaurant etwas zu essen. Doch bei der Kameraüberwachung hier half auch das nicht – die Polizei stand wenig später vor der Tür.

Immerhin: Ich hatte Glück, dass ein chinesischer Radreisender ebenfalls im Restaurant war – er diente als Übersetzer. Die Polizisten waren sichtlich nervös, wollten, dass ich per Taxi nach Golmud fahre und den Ort verlasse. Ich erklärte ihnen freundlich aber bestimmt, dass ich die Rechtslage zuvor recherchiert hatte und mein Aufenthalt hier vollkommen legal ist. Nach längerer Diskussion gaben sie schließlich nach, unter der Auflage, dass ich:

nicht zu Sehenswürdigkeiten oder Orten abseits der Straße gehe,
kein Hotel beziehe,
aber mein Zelt hinter der Polizeistation aufschlagen dürfe.


Nach dem Abendessen – und einer abenteuerlichen Katzenwäsche in der öffentlichen Toilette – ging ich mit meinem neuen Radreisefreund zum zugewiesenen Platz. Hinter der Polizeistation hatte sich bereits eine kleine Zeltstadt gebildet – offenbar kein Einzelfall.

Wir unterhielten uns noch lange, während die Nacht langsam über die Hochebene zog. Trotz der Umstände – Zeltplatz im Hinterhof einer Polizeistation – war die Atmosphäre fast familiär. Ein friedlicher Abschluss eines körperlich und mental anstrengenden Tages.


Bergauffahrt 




Am Bergpass nach 20km und 1050 Höhnemetern angekommen




Aussicht vom Berg in das Bergtal.




Die Sonne knallt auch auf 2900m in der Hochplateu-Wüste.




Diese Weite !




Bekanntschaft mit dem chinesischen Radreisenden Yequian

Tag 142

Große Sanddünen, ein langer Anstieg und ein verstecktes Nachtlager im Tunnel

Heute Morgen klingelte mein Wecker früh – ich wollte zeitig los, um der größten Hitze zu entgehen. Zum Frühstück gab es Fertignudeln aus einer Asiabox – ein Geschenk von dem Fahrer, bei dem ich am Vortag ein Stück getrampt war. Sie gaben mir die nötige Energie für die ersten Kilometer.

Dann verließ ich Dunhuang und tauchte wieder ein in die scheinbar endlose Wüstenlandschaft. Die Strecke war überraschend abwechslungsreich: Von karger Steppe über weite, leere Ebenen bis hin zu beeindruckenden Wüstenbergen mit feinem Sand. Auf diesen tobten sich zahlreiche Chinesen mit Quads und Offroad-Fahrzeugen aus – ein kurioser Anblick.

Nach etwa 80 Kilometern erreichte ich die Stadt Aksay – das gleiche Ziel, zu dem am Vortag auch Meyrambek mit seiner Familie gefahren war. Also schrieb ich ihm kurz vor der Ankunft, ob wir gemeinsam essen wollten. Während ich bereits beim Essen saß, schrieb er mir zurück – und lud mich spontan um 17 Uhr zu seiner Verlobungsfeier ein.

Ich fragte, ob ich eventuell irgendwo bei ihm oder seiner Verlobten übernachten könnte. Doch, wie so oft, musste er das erst mit der Polizei klären – offenbar eine Vorschrift in der Region. Schließlich schrieb er mir, dass die Polizei es nicht erlaubt habe und ich in ein Hotel gehen müsse. Leider waren die Hotels in Aksay ziemlich teuer, und ich hatte ohnehin noch Lust, ein paar Kilometer zu machen. Die Feier wäre bestimmt eine besondere Erfahrung gewesen, aber diesmal passte es einfach nicht.

Also fuhr ich mit vollem Magen weiter – und das wurde richtig anstrengend: Ein kontinuierlicher Anstieg über 800 Höhenmeter, mitten durch die Wüste, immer näher auf die Berge zu. Es war ein endlos wirkender Aufstieg, die Beine wurden schwerer, die Sonne brannte. Aber je höher ich kam, desto angenehmer wurde das Klima. Auf 2.500 Metern Höhe angekommen, waren es nur noch um die 30 °C – das war eine echte Wohltat nach den 40+ Grad in der Tiefe. Dazu kam ein angenehmer Rückenwind, der nicht nur schob, sondern auch kühlte.

An einer Raststätte direkt in den Bergen gönnte ich mir ein Abendessen. Danach überquerte ich die Grenze von Gansu in den Qinghai-Distrikt – eine eher unspektakuläre Passage, nur mit Kameras ausgestattet, keine individuelle Kontrolle.

Ein paar Kilometer später entdeckte ich etwas Perfektes: Einen Tunnel unter der Straße, der in Regenzeiten oder bei Schneeschmelze als Abfluss dient – aktuell aber trocken wie ein Flussbett. Ideal also, um mein Zelt gut versteckt aufzubauen, weit genug von der Straße entfernt, um von niemandem gesehen zu werden.

Ich machte meine Abendroutine, lauschte dem Wind, der durch die Röhre zog, und schlief dann sicher und zufrieden in meinem ganz eigenen, kühlen Nachtlager unter der Straße ein.


Diese große Offenlandschaft in der Wüste

Süße Babykatze an einer Tankstelle, an der ich Pause gemacht habe.

interessante Netze neben der Straße in der Wüste am Boden.

Die sehr großen Sanddünen hier in der Wüste.

Immer wieder gibt es auch sehr faszinierende Berge plötzlich in der Wüste.

Mein Schlafplatz in der Autobahnunterführung, in der zur Schneeschmelze oder zur Regenzeit reißende Flüsse durchlaufen.

Tag 141

Per Anhalter durch die Wüste: Hitze, Kontrolle und ein letzter Kraftakt bis Dunhuang

Heute Morgen blieb mein Fahrrad stehen. Die Strecke, die vor mir lag, war schlichtweg nicht mit dem Rad machbar – erst nach 200 Kilometern hätte es die erste Möglichkeit gegeben, Wasser oder Essen zu bekommen. Danach wären es noch einmal 150 Kilometer durch nichts als brütend heiße Wüste. Bei Temperaturen von über 45 °C war das eine Strecke, die ich weder bei Tag noch bei Nacht hätte bewältigen können.

Also packte ich meine Sachen, griff zu einem Stück Pappe und schrieb mit dickem Filzstift „Dunhuang“ darauf – mein Ziel für den Tag. Ich stellte mich an denselben Ort, an dem ich die letzte Nacht geschlafen hatte, in der Nähe einer Tankstelle, wo viele LKWs parkten. Schon der erste Fahrer nahm mich mit – allerdings nur bis zur nächsten großen Kreuzung.

Dort dauerte es eine Weile, bis ich weiterkam. Zwei Autos hielten an, erklärten mir freundlich, dass sie keinen Platz hätten. Dann schließlich stoppte ein Fahrer mit einem Geländewagen, der mich zuerst nicht mitnehmen wollte, da es verboten ist, Ausländer zu befördern. Ich erklärte ihm kurzerhand, dass mir die Polizei genau das ausdrücklich erlaubt hätte – was natürlich nicht stimmte, aber meine einzige Chance war. Die Sonne brannte erbarmungslos, und ich musste aus dieser Situation irgendwie rauskommen.

Nach etwas Zögern willigte er ein. Mein Fahrrad wurde auf dem Dach seines Wagens festgezurrt, die Taschen kamen ins Auto. Ich selbst sollte im zweiten Fahrzeug seiner Familie mitfahren. So ging es weiter – stundenlang durch die trostlose Weite der Wüste, draußen flimmernde Hitze, im Auto angenehme Kühle.

An der Raststätte auf halber Strecke, die auch gleichzeitig die Grenze zwischen Xinjiang und Gansu markiert, gab es dann – wie erwartet – Probleme mit der Polizei. Sie scannten akribisch die Dokumente des Fahrers und meine Papiere und wiesen ihn an, mich bei der nächsten Polizeistation abzusetzen. Es gehe dabei natürlich, wie immer in China, nur um meine „Sicherheit“.

Wenig später, an einer weiteren Polizeikontrolle am Ende der Wüste, wurde ich schließlich mit all meinen Sachen abgeladen. Von dort aus lagen noch 20 Kilometer auf dem Rad vor mir – der letzte Abschnitt nach Dunhuang.

Die Stadt erreichte ich erschöpft, aber erleichtert. Ich checkte in ein Hostel ein, aß endlich etwas und ließ diesen nervenaufreibenden, heißen und kontrollgeladenen Tag langsam ausklingen.


So sah das erste Mitfahrmobil aus.

Mein Fahrrad hat ausreichend Platz auf dem Laster. Was ein Luxus.

Vielen Dank an diese Ehrenmänner.

Ich würde sagen, das Fahrrad ist gut in unserem Konvoi auf dem Pick-up befestigt.

Tag 140

Durch die Nacht und über die Wüste: 140 km, Müdigkeit und ein unfreiwilliges Abenteuer

Um 1:00 Uhr nachts klingelte mein Wecker – viel zu früh, aber notwendig. Meine Radsachen hatte ich noch vom Vortag an, also schwang ich mich direkt aufs Fahrrad und fuhr hinein in das tiefe, schwarze Ungewisse der Wüste. Ich hatte mein gesamtes Lichtsystem aktiviert, inklusive Radar, das mit meinem Fahrradcomputer verbunden ist. Es schlägt Alarm, sobald sich auf 250 Metern eine Bewegung nähert – eine große Hilfe, auch wenn man LKWs in der Wüste ohnehin schon kilometerweit vorher sieht.

Trotzdem spürte ich die Erschöpfung der nur vier Stunden Schlaf, und mein Körper brauchte eine Weile, um den umgekehrten Rhythmus zu akzeptieren. Immerhin war es mit 35 °C in der Nacht „etwas kühler“ als tagsüber. Der Grund für die nächtliche Abfahrt war klar: Die Strecke von der letzten bis zur nächsten Verpflegungsmöglichkeit betrug 140 Kilometer – komplett durch die Wüste, ohne Wasser, ohne Schatten, ohne Leben. Tagsüber unmöglich zu bewältigen.

Ich hatte 7,5 Liter Wasser, genug Essen und voll aufgeladene Lampen dabei. Nach 75 Kilometern machte ich auf einer Ausbuchtung Pause, wo ein paar LKW-Fahrer übernachteten. Essen konnte ich kaum – mein Körper war zu durcheinander. Als es dämmerte und ich weiterfuhr, überkam mich plötzlich eine heftige Müdigkeit. Um 6:50 Uhr, nach fünfeinhalb Stunden Fahrt, ging die Sonne hinter den Bergen auf – ein eigentlich schöner Moment, aber ich kämpfte gegen das Einschlafen. Mehrmals musste ich mich wach halten, mich schlagen, gähnte pausenlos. Wie durch ein Wunder verschwand die Müdigkeit dann nach etwa einer halben Stunde. Ich war wieder voll da.

Aber es wurde jetzt richtig heiß – und dazu kam der Gegenwind. Die letzten 50 Kilometer, mit 500 Höhenmetern, forderten alles von mir. Die psychische Zermürbung, wenn man die Tankstelle schon 15 Kilometer vorher sieht, war wie am Vortag kaum zu ertragen. Doch ich schaffte es – endlich kalte Getränke, eine Truckerunterkunft, eine Dusche, Klimaanlage.

Schlafen konnte ich trotzdem kaum. Ich nutzte die Zeit, um den nächsten Abschnitt zu planen – und erkannte: Die nächsten 350 km durch die Wüste, mit nur einer Verpflegungsstation in der Mitte, wären nicht machbar. Zu viele Höhenmeter, vorhergesagter Gegenwind, zu extreme Temperaturen. Weder tagsüber noch nachts möglich.

Da die Alternativroute über eine Autobahn führt, auf der Fahrräder verboten sind, entschied ich mich schweren Herzens: Ich musste trampen. Auf dem Rastplatz fand ich schnell eine Mitfahrgelegenheit bis zur Kreuzung, an der die Straße in Richtung meines Ziels abzweigt. Von dort war es jedoch sehr schwierig, weiterzukommen. Viele Fahrzeuge wechselten direkt auf die Autobahn, auf der ich nicht mitfahren durfte.

Nach einiger Zeit hielt ein Pick-up, kurz darauf auch ein Auto dahinter. Darin saß Meyrambek, ein junger Mann mit kasachischen Wurzeln, der gebrochen Englisch sprach. Ich erklärte ihm meine Situation. Zunächst zögerte er – Ausländer mitzunehmen ist laut Polizei eigentlich verboten. Ich behauptete kurzerhand, dass die Polizei mir selbst geraten hätte, ein Auto zu nehmen – ein Notlüge, um ihn zu beruhigen. Nach einigem Zögern willigte er ein: Mein Fahrrad kam auf die Ladefläche, ich selbst ins hintere Auto seiner Familie, die auf dem Weg zu seiner Verlobungsfeier war.

Wir fuhren lange durch die eintönige Wüste, bis wir an die Grenze von Xinjiang zur Provinz Gansu kamen – und es kam, wie es kommen musste: Die Polizei kontrollierte alles, war wenig begeistert, dass ein Ausländer mitgenommen wurde. Sie fotografierten alle Dokumente, und Meyrambek bekam die Auflage, mich an einer Polizeistation bei Dunhuang abzugeben. Die Überwachung in China ist überall präsent.

An der Raststätte nahe der Grenze aßen wir noch gemeinsam und tranken Tee. Ich erfuhr mehr über Meyrambek: Er lebt in Kumul, und seine Familie war tatsächlich unterwegs zur Verlobung mit seiner Freundin. Die Fahrt ging weiter – karg, heiß, staubig.

Kurz vor Dunhuang, an einem weiteren Polizei-Checkpoint, ließ mich Meyrambek raus. Die Beamten registrierten mich und gaben ihm das Go, dass er keine weiteren Konsequenzen zu erwarten hatte. Ich war erleichtert – niemandem Ärger gemacht zu haben war mir wichtig.

Von dort waren es noch 20 Kilometer bis nach Dunhuang. Ich fuhr sie mit dem Rad, checkte in einem Hostel ein, aß noch etwas, plante die nächsten Tage – und fiel dann endlich ins Bett.


Die Nachtfahrt kann beginnen. Los geht’s um 1:30 Uhr nachts.


Langsam kommt die Morgendämmerung.

Der Sonnenaufgang.

Ein anderer chinesischer Radreisender kommt mir morgen entgegen. Er muss jetzt 100 Kilometer in der verlassenen Wüste bei riesiger Hitze machen.

Von 95 m geht es auf 650 m durch bergauf mit Gegenwind durch die Hitze der Sonne

Selbst an der Felge sammelt sich schon der Sand in kreisförmiger Form um die Speichen. Das ist fast moderne Kunst.

Willkommen im Epizentrum des Hitzeherdes.

Tag 139

Zwischen Wüste, Hitzschlag und Hilfsbereitschaft: Durch die Wüste Richtung Westen
 
Heute Morgen hatte ich mir vorgenommen, besonders früh zu starten – doch mein Körper machte mir einen Strich durch die Rechnung. Trotz des Weckers verschlief ich, da mir offenbar die wenigen fünf Stunden Schlaf der letzten Nacht nicht ausgereicht hatten. So begann mein Tag mit dem Sonnenaufgang: Ich baute mein Zelt unter dem schattenspendenden Zweigdach ab, verzichtete auf das Frühstück und machte mich sofort auf den Weg, um so viele Kilometer wie möglich in den noch relativ „kühlen“ Morgenstunden zu absolvieren. Auch wenn es nachts in der Region nicht unter 32 °C abkühlt, ist jede Stunde ohne pralle Mittagssonne ein Vorteil. 
 
Am Vorabend hatte ich mich noch einmal intensiv um meine Drohnenfreigabe bemüht, da ich bislang keine Luftaufnahmen für meine Dokumentation machen konnte. Das Problem: Ohne offizielle Genehmigung verhindert die Drohne selbständig das Abheben. In einem DJI Store in Urumqi, direkt neben meinem Hostel, hatte ich gemeinsam mit dem Personal versucht, die erforderlichen Formulare über den chinesischen Browser Baidu auf der offiziellen Website auszufüllen. Trotz erfolgreicher Übermittlung erhielt ich zwei Tage später die Rückmeldung der Flugsicherheitsbehörde, dass mein Nachname fehlte und das Foto meines Reisepasses unscharf sei. 
 
Da das Formular nur schwer zugänglich und auf Chinesisch war, recherchierte ich erneut und stieß auf einen externen Anbieter, der den gesamten Prozess gegen eine Gebühr von 35 Euro übernimmt. Diese Option wählte ich, und heute früh erhielt ich schließlich die Freigabe per QR-Code – endlich konnte ich meine Drohne einsetzen. Das kostete jedoch weitere wertvolle Minuten an diesem heißen Morgen. 
 
Anschließend führte mich meine Route hinaus aus dem städtischen Gebiet und direkt hinein in die lebensfeindliche Ebene der Wüste. Die ersten 30 Kilometer ließen sich bei Gegenwind und intensiver Sonneneinstrahlung noch bewältigen. Doch ab 11 Uhr wurde die Hitze unerträglich – der Asphalt glich einem Backofen. Nach etwa 70 Kilometern fand ich ein kleines Stück Schatten unter einem Internetturm mitten in der Einöde. Diese Pause war dringend notwendig: Mein Körper fühlte sich trotz Schutzkleidung und Kopfbedeckung förmlich „durchgebraten“ an. 
 
Nach ausreichend Flüssigkeitszufuhr setzte ich meine Fahrt fort – noch einmal 35 Kilometer bis zur nächsten Tankstelle mit Verpflegungsmöglichkeit. Anfangs unterschätzte ich diese Strecke, doch sie erwies sich als psychisch wie körperlich extrem herausfordernd: Die Sonne stand hoch, die Temperaturen erreichten 45 °C im Schatten, und der Wind blies mir weiterhin trocken und kräftig entgegen. Als besonders zermürbend erwies sich die sichtbare Ferne der Tankstelle, die sich schon 15 Kilometer vor dem Erreichen am Horizont abzeichnete – ein Gefühl der Ohnmacht, das jede Pedalumdrehung schwerer machte. 
 
Bei Ankunft spürte ich erstmals auf dieser Reise deutliche Kreislaufprobleme, vermutlich ein leichter Hitzschlag. Ich trank sofort mehrere Softdrinks und große Mengen Wasser. Anschließend wechselte ich in einen kleinen Supermarkt direkt gegenüber, dessen Besitzer mich freundlicherweise in das klimatisierte Innere ließ. Dort konnte ich mich nicht nur abkühlen, sondern auch meine Kurzvideos für Social Media planen und zur Ruhe kommen. 
 
Die Außentemperaturen stiegen auf unglaubliche 47 °C. Es war kaum zu fassen, dass ich bis kurz zuvor noch auf dem Rad unterwegs gewesen war. Die Wüste zeigt hier ihre gnadenlose Seite – eine Umgebung, die man nicht unterschätzen darf. Wäre ich heute früher gestartet, hätte ich vielleicht einen entscheidenden Vorteil gehabt. 
 
Am späten Nachmittag brachte mich der hilfsbereite Ladenbesitzer zu einem verlassenen Restaurant in der Nähe. Dort bereitete er mir in einem Hinterraum ein Bett mit einer mobilen Klimaanlage – ein Akt der großen Herzlichkeit. Aus Sorge vor der Polizei, die es Einheimischen untersagt, Ausländer aufzunehmen, wollte er nicht, dass jemand mein Verbleiben mitbekam. Deshalb durfte ich nicht länger in seinem Laden verweilen und wurde diskret in den Nebenraum gebracht. 
 
Ich aß dort zu Abend, füllte meine Wasservorräte großzügig auf und besorgte etwas Proviant für die nächste Etappe – die wohl noch extremer und nicht ganz ungefährlich werden dürfte. 


Ist das nicht ein schöner Ausblick von meinem morgendlichen Schlafplatz unter einem natürlichen Shelter.


Meine Benzinflasche habe ich jetzt auch mal wieder aufgefüllt, weil ich vielleicht in der Wüste mal meine Not-Nudeln benutzen muss. Hoffentlich nicht, aber wer weiß.


Die Stärkung vor der langen Nacht. Mitten in der Wüste bei 47° unerträglicher Hitze.


Tag 138

Glutofen Turpan: Feuerberge, Gegenwind und ein Sturz mit Folgen

Heute begann mein Tag ungewöhnlich früh – bereits um 5:00 Uhr stand ich auf. Trotz des frühen Starts war es eine Herausforderung, aus dem Bett zu kommen, denn die Gewöhnung an diese Uhrzeit fällt mir noch schwer. Nach einem kleinen Snack startete ich kurz vor Sonnenaufgang meine Etappe aus Turpan, wo selbst nachts noch 32 °C herrschten. Man kann sich also vorstellen, welche Temperaturen am Tag in dieser Senke, dem heißesten Ort Chinas, herrschen.

Mein erster Stopp war an den berühmten Feuerbergen, wo schon Temperaturen von über 55 °C gemessen wurden und in der Sonne tatsächlich Eier im Sand gegart werden können. Ich blieb dort jedoch nur kurz, denn mit jedem Sonnenstrahl wurde es heißer. Anschließend ging es kontinuierlich bergauf, diesmal jedoch mit starkem Gegenwind, was die Fahrt deutlich erschwerte.

Die Landschaft war dafür umso beeindruckender: die Felsen und Strukturen, die sich zu beiden Seiten der Straße erhoben, gaben dem Aufstieg einen spektakulären Rahmen. Von -50 Höhenmetern an den Feuerbergen ging es auf über 500 m ü. M. – bei einer brütenden Hitze von bis zu 42 °C.

Auf dem weiteren Weg musste ich mangels Alternativen den Highway G30 nehmen – eigentlich für Fahrräder nicht erlaubt. Ich wusste, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis mich die Polizei dort aufgreift. Nach etwa 30 km war es dann so weit: Zwei Streifenwagen hielten mich an. Zunächst waren die Beamten sichtlich verärgert, beruhigten sich jedoch schnell, als sie merkten, dass ich kooperativ war. Sie wollten mein Fahrrad samt Gepäck über die Leitplanke heben, was ich als wenig praktikabel empfand. Ich baute daher alle Taschen ab, hievte das Rad selbst über die Leitplanke und montierte alles erneut.

Im Anschluss eskortierten mich die Polizisten über einen improvisierten Trampelpfad zur parallel verlaufenden Schnellstraße, auf der ich meine Fahrt ohne Probleme fortsetzen konnte.

Nach rund 8 Stunden Fahrt und 115 km fand ich einen Schlafplatz an einem Wasserkanal. Ich stellte mein Zelt unter einem provisorischen Carport aus Ästen neben einem verlassenen Gebäude auf – gut geschützt und halbwegs verborgen. Die Abkühlung im Kanal war nach dem heißen Tag ein wahres Geschenk.

Doch das Glück währte nicht lange: Beim Überqueren eines Plastikrohrs, das als schmale Brücke über den Kanal diente, rutschte ich mit meinen Adiletten ab und stürzte ins Wasser – das Handy in der Hand. Kurz war es komplett unter Wasser. Erst ließ es sich nicht mehr starten, dann erschien eine Warnung wegen Feuchtigkeit im Ladeport. Ich versuchte mein Glück: Trocknen in der prallen Sonne, Reinigen mit einem kleinen Messer – und tatsächlich, nach einiger Zeit funktionierte es wieder.

Die Erkenntnis aus diesem Vorfall: Ohne funktionierendes Handy ist man in China deutlich eingeschränkter als in Europa – kein VPN, kein Internet, keine Navigation, keine Kommunikation. Ich hatte Glück im Unglück, doch solche Zwischenfälle sollten mir nicht noch einmal passieren.

Zum Abschluss dieses herausfordernden Tages zog ich mich bei Resthitze von 35 °C in mein Zelt zurück – erschöpft, aber auch ein wenig erleichtert.


Bei Morgendämmerung schon auf dem Rad am heißesten Ort in der heißesten Region in China.


Am großen Thermometer vor den Feuerbergen auf -50 m unter dem Meeresspiegel.

Die gigantischen Feuerberge.

Die Berge, 300 m weiter höher.

bei solch einer Hitze schmeckt das Mittagessen immerhin sehr gut.

Tag 137

Vom Hochplateau in die Gluthitze: Ankunft im Backofen Chinas

Heute Morgen startete ich wieder früh in den Tag. Die ersten Sonnenstrahlen tauchten die Straßen in ein warmes Licht, und noch war die Temperatur halbwegs erträglich. Mein Weg führte mich zunächst durch die weitläufigen Außenbezirke von Urumqi – eine Stadt, die sich gefühlt ewig zieht. Erst nach etwa 40 Kilometern verließ ich das städtische Gebiet und erreichte die Straße Richtung Berge.

Auf dem rund 1000 Meter hohen Plateau hatte ich Glück: Ein kräftiger Rückenwind blies mir in die Pedale und trug mich förmlich den Anstieg hinauf. Die Fahrt war dadurch überraschend schnell und angenehm. Nach 85 Kilometern legte ich meine Mittagspause ein – in einer Autobahnunterführung, dem einzigen Ort weit und breit mit etwas Schatten. Dort konnte ich mich zumindest für ein paar Minuten der gnadenlosen Sonne entziehen.

Dann begann die lange Abfahrt in die berüchtigte Turpan-Senke – eine der trockensten und heißesten Regionen Chinas, die teils unter dem Meeresspiegel liegt. Die landschaftliche Veränderung war deutlich spürbar: Immer trockener, immer karger wurde die Umgebung. Dank Rückenwind war ich so schnell unterwegs, dass ich die aufsteigende Hitze zunächst kaum bemerkte. Doch auf etwa 300 Metern Höhe, als der Wind abflaute und die Strecke flacher wurde, traf mich die Realität: 45 °C im Schatten, wie mein Thermometer anzeigte.

Die letzten 40 Kilometer bis Turpan zogen sich in der flirrenden Hitze. Jeder Tritt war ein Kampf gegen die sengende Sonne. Als ich endlich in der Stadt ankam, führte mein erster Weg direkt zu einem Supermarkt – ich brauchte dringend Wasser. Viel Wasser.

Nach der Erfrischung kehrte ich in ein kleines Restaurant ein. Dort wurde mir von zwei freundlichen Chinesen ein Gericht mit Insekten und Meeresfrüchten angeboten – eine Einladung, die ich höflich, aber bestimmt ausschlug. Stattdessen bestellte ich Nudeln mit Gemüse und Ei. Dennoch aßen wir gemeinsam am Tisch, unterhielten uns freundlich, und am Ende übernahmen die beiden sogar die Rechnung – eine schöne Geste.

Nach dem Essen sehnte ich mich nur noch nach einer Dusche. Ich fuhr in ein klimatisiertes Hotel, das ich mir für besonders harte Etappen gönne. Die Unterkünfte sind hier zwar vergleichsweise teuer – mit 20 bis 30 € pro Nacht für chinesische Verhältnisse sogar recht luxuriös –, aber nach einem Tag wie heute ist eine Dusche in einem kühlen Zimmer Gold wert. Ich hoffe, in Südostasien werden die Übernachtungen wieder günstiger.

Nach über 200 Kilometern und einem der heißesten Tage der Tour fiel ich erschöpft, aber zufrieden ins Bett.


Durch die Stadt von Urumqui.


Die unendliche Weite auf der Hochebene und tausende Windräder. 


Mit Rückenwind durch die Berge.


Am Ende des Tages wurde ich noch auf ein Festmahl eingeladen.



 Heute hatte ich unglaubliche 200 km hinbekommen.

Tag 136

Pausetag in Urumqi: Blog, Videos & Begegnungen

Der heutige Tag verlief relativ ruhig und unspektakulär, aber genau das war auch mal nötig. Ich verbrachte den Großteil des Tages damit, an meinem Blog zu schreiben, meine Kurzvideos zu schneiden und einfach ein wenig durchzuatmen.

Im Hostel ergaben sich zudem viele interessante Gespräche: Ich traf auf zwei französische Radreisende, die aus Südostasien kommen, sowie auf eine deutsche Radfahrerin, die ebenfalls ihre Reise in Südostasien gestartet hat.

Solche Begegnungen mit Gleichgesinnten sind immer besonders wertvoll – man tauscht Erfahrungen aus, gibt sich gegenseitig Tipps und fühlt sich für einen Moment wie in einer kleinen, internationalen Radreise-Community.

Ein ruhiger, produktiver Tag, der mir gutgetan hat. Morgen geht’s dann wieder weiter auf die Straße – mit neuer Energie und frischem Content im Gepäck.


Tag 135

Früher Start, neue Begegnung und Ankunft in Urumqi

Die Nacht verlief ruhig – keine Polizei, keine neugierigen Blicke. Ich konnte ungestört schlafen. Bereits um 5:30 Uhr klingelte mein Wecker. Ich wollte früh starten, um der glühenden Mittagshitze möglichst zu entkommen. Noch im kühlen Morgengrauen aß ich eine Kleinigkeit, baute mein Zelt ab und saß schon vor Sonnenaufgang wieder im Sattel.

Dieser frühe Start zahlte sich aus: Bei angenehmen Temperaturen konnte ich ordentlich Kilometer machen und schaffte 85 km, bevor ich zur Mittagspause anhielt.

Ein paar Kilometer vor Changji überholte ich dann einen anderen Radfahrer, den ich am frühen Morgen bereits gesehen hatte, als er an meinem Zelt vorbeifuhr. Wir kamen ins Gespräch und beschlossen, gemeinsam in Changji etwas essen zu gehen. Es war ein richtig netter Austausch, er war auf dem Rückweg von einem Besuch bei seiner Partnerin in der Stadt – und fuhr später noch 110 km zurück, Respekt! Noch großzügiger: Er lud mich zum Essen ein, was mich wirklich gefreut hat. Solche Begegnungen machen diese Reise besonders.

Nach dem Essen hatte ich noch 25 km bis Urumqi vor mir, wo ich am späten Nachmittag im Hostel ankam.

Morgen ist Pausetag. Ich werde meine Kurzvideos schneiden, den Blog aktualisieren und einfach mal durchschnaufen. Nach so vielen Tagen auf dem Rad tut ein bisschen digitaler und körperlicher Reset einfach gut.


Dem Sonnenaufgang entgegen fahren.


Da habe ich auf dem Fahrrad nun wieder einen anderen chinesischen Radfahrer getroffen und danach waren wir einfach ganz nett essen.

Das Essen…

Tag 134

Glühende Hitze, reißender Kanal und ein getarntes Nachtlager 
 
Heute Morgen kam ich leider nicht ganz so früh los, da ich wegen der späten Ankunft gestern erst spät ins Bett kam. Trotzdem saß ich bereits um 9:30 Uhr wieder auf dem Rad – doch das war in der tiefen Ebene Chinas bereits fast zu spät. Die Hitze war unerbittlich: Ich startete bei 35 Grad, und im Laufe des Tages kletterte das Thermometer sogar auf 42 Grad. 
 
Immerhin: Keine Polizei heute. Keine Sperrgebiete, keine Umwege – ein Tag der Freiheit. Doch der neue Gegner war die brutale Mittagshitze, die mich enorm forderte. Ich musste mehrfach anhalten, mich ausruhen, Wasser trinken und Schatten suchen. Für die kommenden Tage habe ich mir vorgenommen, viel früher zu starten, um der heißesten Tageszeit zu entgehen. 
 
Die Landschaft war heute eher eintönig: viel Ackerland, trockene Steppe, vereinzelte kleine Städte und Dörfer. Es war ein Tag zum Kilometerfressen, nicht zum Staunen. Doch zum Abend hin war ich erschöpft – körperlich und mental. 
 
Ich sah auf der Karte, dass ein Fluss in der Nähe sein sollte – die Hoffnung auf ein kühles Bad ließ meine Beine noch mal etwas schneller treten. Leider entpuppte sich der Fluss als ausgetrocknetes Flussbett. Nur ein paar Hundert Meter davor entdeckte ich jedoch kleine Bewässerungskanäle, die noch reichlich Wasser führten. Also beschloss ich, mein Zelt etwas versteckt in einem Graben neben der Straße aufzubauen – hinter einer Baumreihe, die mich gut tarnte. 
 
Dann ging ich in den Kanal zum Baden – und das tat bei dieser Hitze unglaublich gut. Doch das Wasser hatte mehr Strömung, als ich zunächst dachte. In einem unachtsamen Moment riss mir der Kanal beinahe meine Action-Kamera und eine Adilette mit. In einer kleinen Rettungsaktion konnte ich beides gerade noch erwischen – Glück gehabt. 
 
Ein bisschen mulmig wurde mir dann aber doch: Der Kanal schien aus einer Industrieanlage zu kommen. Es roch zwar nicht unangenehm, aber ich hoffe dennoch, dass morgen früh keine Ausschläge oder Ähnliches auf mich warten. 
 
Mit der untergehenden Sonne im Rücken, der Erinnerung an den heißen Tag und der Hoffnung auf eine ruhige Nacht, legte ich mich schließlich in mein Zelt – mitten im Nichts, gut getarnt, am Rand eines chinesischen Kanalsystems. 


Atomkraftwerk einfach direkt an der Stadt. Schon surreal.


Vor der brüllenden Hitze mit 42° muss ich mich mit mehr als Sonnencreme schützen. Da ist ein Eis eine nette Erfrischung.

Auf gut geteilten Straßen geht es von Stadt zu Stadt.

Tag 133

Polizei, Verbot, Umweg: Ein ungeplanter Riesenbogen durch Xinjiang

Heute Morgen wachte ich friedlich in meinem Zelt am Fluss auf. Während ich meine Sachen zusammenpackte, zogen ruhig Kühe, Pferde und ein Reiter an mir vorbei – letzterer hielt von der gegenüberliegenden Flussseite aus seine Schafherde im Blick. Ein ruhiger, beinahe idyllischer Start in den Tag.

Dann ging es für mich weiter – bergauf, Richtung Süden. Doch bereits nach 15 Kilometern wurde ich von der Polizei gestoppt. Man erklärte mir, ich solle an Ort und Stelle warten, da in etwa 30 Minuten andere Beamte kommen würden, um mich zu befragen. Besonders motiviert war ich dafür allerdings nicht. Als die Polizisten sagten, sie müssten erst noch etwas erledigen, dachte ich mir: Wenn ich jetzt weiterfahre, fällt es vielleicht gar nicht auf.

Doch 20 Minuten später holte mich die Polizei ein – andere Beamte diesmal – und forderte mich zum Umkehren auf. Die Straße, auf der ich unterwegs war, führt allerdings schnurgerade durch die Berge, ohne jede Abzweigung. Ich versuchte zu argumentieren, dass ich nur in eine Richtung könne und wollte weiterfahren. Doch die Diskussion war vergeblich: Es stellte sich heraus, dass ich in eine militärisch kontrollierte Zone geraten war, in der nur chinesische Staatsbürger erlaubt sind.

Letztlich musste ich umkehren – zurück in Richtung Grenze. Ein weiterer Polizeiwagen fuhr mich schließlich bis zur Grenzlinie des Sperrgebiets, wobei mein Pass vorübergehend einbehalten wurde. An der Grenze erhielt ich ihn wieder zurück, nicht jedoch ohne eindringliche Warnung, auf keinen Fall nochmals in diese Richtung zu fahren.

So ging es für mich zurück – die 1000 Höhenmeter bergab, die ich am Vortag mühsam erklommen hatte. Nach etwa 45 Kilometern erreichte ich einen Abzweig, der über einen Pass auf die andere Seite des Gebirges führen sollte. Es war der einzige erlaubte Weg, da alle anderen Routen ebenfalls gesperrt oder für Ausländer verboten waren. Doch dieser Weg bedeutete erneut viele zusätzliche Höhenmeter – ein mühsamer Rückschritt, nachdem ich gerade erst aus ähnlicher Höhe gekommen war.

Also beschloss ich zu trampen. Zunächst hatte ich kein Glück, doch nach etwa 30 Minuten hielt ein Pick-up an. Der Fahrer war freundlich und half mir, das Rad hinten auf der Ladefläche festzugurten. Die Taschen kamen mit in die Fahrerkabine. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg über den Pass.

Doch auch diese Strecke sollte nicht ohne Hindernisse bleiben: Etwa 80 Kilometer später war die Straße wegen Felsrutsch gesperrt – ein Resultat der starken Regenfälle vom Vortag. Nach kurzem Überlegen entschied der Fahrer, nicht zu warten, sondern einen Riesenumweg von 800 Kilometern (!) zu fahren – acht Stunden Fahrtzeit, um das gesamte Bergmassiv zu umkreisen. Ziel: die Stadt Kuytun, zurück auf der anderen Seite der Berge, von der aus ich meine geplante Route wieder aufnehmen könnte.

Nach stundenlanger Nachtfahrt kamen wir gegen drei Uhr morgens in Kuytun an. Der Fahrer versuchte noch, ein Hotel für mich zu finden – jedoch war alles ausgebucht. Also blieb mir nichts anderes übrig, als in der Dunkelheit alle Taschen wieder ans Fahrrad zu montieren und noch einmal 3 Kilometer durch die Stadt zu radeln, bis ich schließlich ein freies Zimmer fand.

Völlig erschöpft, aber dankbar, fiel ich ins Bett – nach einem der chaotischsten und unerwartetsten Reisetage bisher. Ein Tag, der mir eindrucksvoll vor Augen geführt hat, wie strikt die chinesischen Grenz- und Sperrgebiete kontrolliert werden – und wie wichtig Flexibilität und Geduld in einem solchen Land sind.


Wundervolle Atmosphäre am Morgen am Fluss.


Beim trampen im Auto.

Mega-Brücke bei Sonnenuntergang.

Tag 132

Regen, Schafe und ein bisschen Sonne

Ich konnte heute endlich einmal ausschlafen – die Nacht verlief ruhig, keine Polizei, die mich aufweckte, keine unerwarteten Störungen. Nur der Regen, der sanft auf mein Zeltdach trommelte, und eine kleine Maus, die sich wohl unter meiner Zeltplane ein trockenes Versteck gesucht hatte, waren meine nächtlichen Begleiter.

Zum Frühstück reichten gerade noch die letzten Reserven: ein paar Schokokekse und ein Snickers-Riegel. Danach packte ich zusammen und verließ mein kleines Versteck zwischen Maisfeld und Wald. Es regnete immer noch, und so startete ich den Tag mit meiner Regenjacke und dem vertrauten Gefühl, dass alles etwas langsamer gehen würde.

Der Weg führte mich kontinuierlich bergauf, und das bei anhaltendem Nieselregen. Die Strecke wurde zäh – nicht nur wegen der Steigung, sondern auch, weil ich auf einen ewig langen Stau geriet. Ich schlängelte mich zwischen den Autos hindurch, rechts, links, immer weiter nach oben. Offenbar wird auf diesem Abschnitt in Richtung Ürümqi eine neue Straße gebaut, weshalb sich der Verkehr staut und kaum noch vorankommt.

Nachmittags hörte es endlich auf zu regnen, und ich kehrte irgendwo an der Strecke ein, um etwas Warmes zu essen. Danach fuhr ich leicht fröstelnd und immer noch feucht weiter, bis ich auf etwa 2000 Höhenmetern einen kleinen, unauffälligen Schleichweg neben der Straße entdeckte. Ich bog ab, fuhr ein Stück Richtung Fluss, immer tiefer hinein zwischen Bäumen und Böschungen, bis ich eine geschützte Stelle erreichte – kaum einsehbar von der Straße, abgeschirmt durch dichte Vegetation.

Dort, an der Gabelung eines Seitenbachs mit dem Hauptfluss, schlug ich mein Zelt auf. Genau in dem Moment, als ich mit dem Aufbau begann, brach die Sonne durch die Wolken und tauchte alles in ein warmes, goldenes Licht. Es war ein magischer Moment.

Und dann – als würde die Natur mir zeigen wollen, dass ich hier genau richtig bin – tauchte ein kleiner Trampelpfad direkt neben meinem Zelt auf, auf dem eine Herde Kühe den Fluss durchquerte. Sie blieben kurz stehen, blickten verwundert auf mein Zelt, schnaubten, und zogen dann weiter. Wenige Minuten später erschien auf der gegenüberliegenden Seite eine ganze Schafherde.

Ich musste grinsen. Es fühlte sich richtig an – diese Ruhe, diese Tiere, diese Natur. Und dann kam auch noch der Schäfer auf seinem Pferd durch den Fluss geritten, winkte mir freundlich zu und ritt mit seiner Herde weiter. Ich hoffe, dass er die einzige Person bleibt, die mich heute gesehen hat – und dass er niemandem etwas davon erzählt, schon gar nicht der Polizei.

So saß ich am Fluss, der sich ruhig durch die Landschaft zog, genoss den Sonnenuntergang, der sich zwischen die letzten Regenwolken schob, und schrieb diesen Blogeintrag – dankbar, heute einmal ungestört, versteckt und in Harmonie mit der Natur sein zu dürfen.


Am morgen regnet es immer noch. 


Die Wolken hängen tief in den sich erstreckenden Bergen.

Dann habe ich bei einem Imker Schutz vor dem Regen und den vielen Autos auf der Straße die Berge hoch, gefunden.

Mein Zelt habe ich dann ausversehen in einem militärisch kontrollierten Bereich in der Natur aufgeachlagen. Dieser Bereich ist eigentlich für Ausländer nicht betretbar. Das wusste ich jedoch nicht.

An dem Fluss, an dem ich gecampt habe, gingen Pferde, Kühe und Schafe durch die flache Stelle an dem Fluss

Tag 131

Ruhe suchen im Schatten der Kontrolle
 

Heute startete ich früh aus dem Zwangshotel, in das mich die Polizei am Vortag eskortiert hatte. Die morgendliche Luft war frisch, der Himmel bewölkt – ideale Bedingungen, um gut voranzukommen. Zwar war die Strecke erneut hügelig, und es wehte ein konstanter Gegenwind, doch die Fahrt entlang eines Flusses bot immer wieder beeindruckende Landschaftspanoramen, die mich für die Anstrengung entschädigten. 
 
Weniger erfreulich waren die Zustände an den Rastplätzen entlang der Straße: Überall lag Müll verstreut, was dem Bild der Natur einen traurigen Kontrast entgegensetzte. 
 
Zum Mittag kehrte ich wieder in ein kleines Restaurant ein – wie auch schon in den letzten Tagen. Für umgerechnet zwei bis drei Euro bekommt man hier eine große, frisch zubereitete Portion – günstiger als Einkaufen im Supermarkt oder eigenes Kochen. Ich habe daher beschlossen, in den nächsten Wochen vorwiegend außer Haus zu essen – effizienter, günstiger und kulinarisch oft sehr schmackhaft. 
 
Im Restaurant wurde ich erneut von mehreren Gästen angesprochen – man wollte Fotos mit mir machen, wie es hier häufig vorkommt. Ich lächle, bleibe freundlich – auch wenn es innerlich manchmal anstrengend ist, als „Exot“ so viel Aufmerksamkeit zu erhalten. 
 
Am Nachmittag setzte ich meine Fahrt fort – wieder leicht bergauf. Nach 150 Kilometern suchte ich mir schließlich einen Schlafplatz für die Nacht. Diesmal war mir Diskretion besonders wichtig: Ich wollte unbedingt vermeiden, dass die Polizei mich wieder aufgreift oder mich zu einem Hotel zwingt. 
 
Ich achtete deshalb sehr genau darauf, dass keine Überwachungskameras an der Straße montiert waren, und keine Streifenwagen in der Nähe unterwegs waren, als ich auf einen kleinen Feldweg abbog. Ich fuhr einige Hundert Meter hinein, entlang eines Maisfelds, und gelangte schließlich durch ein offenes Gittertor auf ein abgelegenes Privatgrundstück. 
 
Dort, in einer ruhigen Ecke zwischen Mais, einem kleinen Waldstück und einem gepflegten Rasen, wollte ich mein Zelt aufbauen. Allerdings bemerkte ich, dass dort auch ein Mann arbeitete – vermutlich der Eigentümer oder ein Landarbeiter. 
 
Ich überlegte: Sollte ich ihn fragen? Oder lieber schweigend im Verborgenen bleiben, um kein Risiko einzugehen, dass jemand die Polizei informiert? Allein, dass man sich solche Gedanken machen muss, zeigt, wie tief das Misstrauen in dieser Region reicht. 
 
Ich entschied mich für die ehrliche Variante und sprach ihn an. Er zeigte sich freundlich und erlaubte mir, dort zu übernachten. Er warnte mich lediglich vor den zahlreichen Stechmücken am Abend und dem aufziehenden Regen – beides für mich kein Problem. Ich machte ihm deutlich, dass ich gut vorbereitet sei. Seine Fürsorge und Offenheit waren in dieser angespannten Umgebung eine wohltuende Ausnahme. 
 
Als die Dunkelheit hereinbrach, machte sich bei mir eine gewisse Unruhe breit. Ich fragte mich, ob ich in der Nacht wieder geweckt und kontrolliert werden würde. Ein Hauch von Paranoia begleitete mich – und das nicht ganz unbegründet. In einem Land, in dem Fremde systematisch überwacht werden, wird selbst das Zeltaufstellen in der Natur zur Gratwanderung zwischen Freiheit und Vorschrift. 
 
Ich hoffte auf eine ruhige Nacht – und darauf, nicht erneut zwischen Behördenwillkür und Abenteuerlust abwägen zu müssen. Was der nächste Tag bringt, bleibt wie immer ungewiss. 


Langsam geht es wieder in die Berge…

Der Bock rollt !

Mein Mittagessen mit Nudeln, Rührei und Gemüse für 18 Yuan. Gerade einmal 2€. Kochen werde ich vorrausaichtlich in China erstmal nicht.

Hoffentlich bin ich hier ungestört.

Tag 130

Der erste Tag in China: Kontrolle, Gespräche und Grenzen

Heute stand der erste richtige Fahrradtour-Tag in China an – und er hatte es in sich. Die Straßen waren in hervorragendem Zustand, der Wind blieb schwach, und die Temperaturen angenehm. Die ersten 100 Kilometer rollten leicht bergab, und ich konnte richtig Strecke machen.

Auffällig war jedoch die dichte Überwachung: Alle paar Kilometer hängen Kameras über der Straße, viele davon mit Blitz – eine beinahe surreale Szenerie. Man wird hier permanent beobachtet, ganz gleich, ob man Auto fährt oder mit dem Rad unterwegs ist.

Zum Mittagessen hielt ich an einem kleinen Restaurant und bestellte wieder Nudeln mit Gemüse und Ei. Dort kam ich mit zwei etwa gleichaltrigen Jungs ins Gespräch. Anfangs fragten sie mich, woher ich komme und wie lange ich unterwegs sei. Doch dann wagte ich eine vorsichtige Frage: Wie ist die Lage der Uiguren hier wirklich?

Zur Einordnung: Ich befinde mich gerade im Distrikt Xinjiang, dem Heimatgebiet der uigurischen Minderheit. Was mir die beiden Jungs erzählten, war bedrückend. Alle Moscheen, sagten sie, seien zerstört worden. Männer dürfen keine traditionellen Bärte mehr tragen. Religiöse Praxis sei verboten – und wer sich widersetzt, riskiert Internierung.

Sie erzählten, dass ihre Eltern in sogenannten „Arbeitslagern“ schuften müssen, in denen ihnen regelmäßig eingetrichtert werde, dass chinesische Werte über allem stehen – ihre eigene Kultur und Religion gelten als „falsch“. Flucht ist unmöglich. Widerstand und Protest führen direkt in Lager. Auf meine Frage, wie sie mit dieser massiven Unterdrückung umgehen, meinten sie nur: „Wir kennen es nicht anders. Wir müssen es akzeptieren.“

Dann baten sie mich eindringlich, niemandem von diesem Gespräch zu erzählen, denn Uiguren dürfen nicht mit Ausländern sprechen – es ist verboten. Sie hätten große Angst, dass sie dafür schwer bestraft würden. Gerade deshalb schätze ich ihr Vertrauen umso mehr. Dieses Gespräch ließ mich nicht mehr los – und ich spürte, wie brutal und systematisch hier ein ganzes Volk unterdrückt wird.

Doch allzu lange konnte ich nicht nachdenken – denn nur wenige Kilometer weiter wurde ich von der Polizei angehalten und verhört. Man wollte wissen, woher ich komme, wohin ich fahre und warum ich überhaupt in der Region bin. Erst nach 15 Minuten kam ein Beamter, der per Telefon einen offiziellen Übersetzer dazu schaltete. 30 Minuten später durfte ich weiterfahren. Nervig – aber ich war innerlich schon auf solche Begegnungen vorbereitet.

Nach 140 Kilometern suchte ich mir am späten Nachmittag einen Fluss zur Abkühlung. Ich stellte mein Rad an einer kleinen Böschung ab und lief runter, um das Wasser zu checken. Genau in diesem Moment fuhr ein Polizeiauto vorbei, schaltete Sirenen und machte Rabatz. Zwei Ordner am Fluss erklärten mir, dass Baden hier verboten sei – zu gefährlich. Die Polizisten oben waren inzwischen sichtlich nervös und beäugten mich aus der Ferne.

Ich ließ sie bewusst ein wenig zappeln und unterhielt mich noch ein paar Minuten freundlich mit dem Ordner unten – ein angenehmer Kerl. Als ich dann wieder hochkam, sagten die Polizisten kein Wort, stiegen ein und fuhren weiter. Ich suchte mir eine andere Stelle.

Ein paar Kilometer zuvor hatte ich einen kleinen Campingplatz mit Fischteichen gesehen. Ich fuhr zurück und fragte, ob ich mich dort kurz abkühlen könne. Das wurde verneint – aber man zeigte mir einen geheimen Zugang zum Fluss. Dort angekommen, stand gleich eine Kamera. Ich wusste nicht, ob noch mehr versteckt sind – also machte ich es schnell. Hose an, rein, raus, abgetrocknet.

Keine fünf Minuten später: zwei Polizisten. Sie fragten, ob ich über Nacht dort bleiben wolle. Ich verneinte sofort – aus ihrer Frage war klar: Campen ist verboten. Also packte ich zusammen, machte noch meine Abendroutine und fragte auf dem Campingplatz nach, ob ich dort mein Zelt aufschlagen dürfe. Überraschung: Der Platz war sogar kostenlos.

Doch kaum saß ich auf einem Stuhl, standen die Polizisten schon wieder vor mir. Diesmal mit neuer Masche: Ich solle nicht hier übernachten, da abends Menschen viel trinken und sie sich um meine Sicherheit sorgten. Ich erwiderte, dass ich kein Hotel bezahlen will. Nach zig Telefonaten und Diskussionen kam schließlich der Polizeichef persönlich.

Ich sagte: „Ich gehe nur ins Hotel, wenn die Polizei Hotelkosten und Transport mit dem Fahrrad übernimmt.“ Erst wurde gezögert – doch letztlich stimmten sie zu. Ein Polizeibus wurde organisiert, mein Rad eingeladen, und los ging’s.

Vor der Abfahrt musste ich noch unzählige Fotos mit chinesischen Besuchern des Campingplatzes machen – viele waren einfach nur fasziniert von mir. Es herrschte eine ausgelassene, fast festivalartige Stimmung, und ich wäre wirklich gerne geblieben.

Doch ich weiß, warum ich nicht bleiben durfte: Die Polizei wollte mich von der uigurischen Bevölkerung fernhalten. Diese vorgeschobene Fürsorge war nicht ehrlich gemeint – sie fürchten, dass westliche Touristen wie ich den Menschen hier die Augen öffnen könnten. Genau deshalb gibt es diese extreme Überwachung und Kontrolle.

Im Hotel angekommen musste ich noch 45 Minuten warten, bis meine Passdaten endlich korrekt erfasst waren – ein typischer China-Bürokratie-Moment.

Nach diesem ereignisreichen, aufwühlenden und intensiven Tag bin ich gespannt, was die nächsten Tage in diesem komplexen und widersprüchlichen Land für mich bereithalten.


Die beiden Uigurischen Jungs, mit den ich ein sehr tiefgründiges Gespräch hatte.


Schöne Getränkdesigns mit Bienenfresser und Affe. Bei der Wärme ist Trinken sehr wichtig.

Beim Abendessen bekam ich eine Vergünstigung, da diese Junge Frau von mir beeindruckt war.

Im Polizeiauto…

Ein Bild mit dem Polizisten musste auch noch gemacht werden. 

Nach Polizeiterror werde ich zum Hotel gebracht.

Von der Polizei abends am Hotel abgeliefert.

Tag 129

Ein Tag voller Kontraste, Begegnungen und Erkenntnisse

Heute war es so weit: der Tag der Einreise nach China. Mit großer Euphorie packte ich am Morgen meine Sachen zusammen – die Sonne brannte bereits kräftig vom Himmel. Nur noch etwa 40 Kilometer trennten mich von der Grenze, und die Strecke führte zunächst stetig bergauf.

Kurz vor dem Grenzposten – etwa 100 Meter vor mir – bog plötzlich ein anderer Radreisender auf die Straße ein. Er war schneller unterwegs als ich, sodass ich ihn unterwegs nicht einholen konnte. Doch als ich am ersten Kontrollposten der Grenze ankam, wartete er dort tatsächlich auf mich.

Wie sich herausstellte, war er ein chinesischer Radfahrer, der gerade von einer Tour durch Kasachstan zurückkehrte und nun ebenfalls die Grenze passieren wollte. Für mich erwies sich das als großer Glücksfall: Er verstand die Sprache, kannte die Abläufe und erklärte mir geduldig den weiteren Weg.

Die Grenzanlage war ein komplexes System aus Schranken, Kontrollpunkten und Gebäuden. Bereits am ersten chinesischen Posten gab es genaue Anweisungen – ausschließlich auf Chinesisch. Zum Glück konnte ich mich einfach an meinem neuen Reisegefährten orientieren und ihm durch die verschiedenen Abschnitte folgen.

In einem der Hauptgebäude der chinesischen Grenzstation musste ich zunächst sämtliche Taschen vom Fahrrad abnehmen und sie – wie am Flughafen – durch einen großen Scanner schicken. Anschließend wurde ein medizinischer Corona-Test durchgeführt. Danach folgte die obligatorische Datenerfassung: Reisezweck, Route, Herkunft und Aufenthaltsdauer in China.

Dann: erneut Taschen abnehmen, zweiter Sicherheits-Scan. Überraschenderweise musste ich bei beiden Kontrollen keine einzige Tasche öffnen. Das machte alles deutlich einfacher und unkomplizierter.

Mein chinesischer Radreisebegleiter durchlief deutlich weniger Kontrollen und wartete geduldig auf mich am Ausgang – eine unglaublich nette Geste. Er fragte mich anschließend, ob er mir ein wenig die Region Xinjiang, die Kultur und das Essen zeigen dürfe. Ich stimmte sofort zu – überglücklich, einen lokalen Kontakt gefunden zu haben.

Gemeinsam fuhren wir in ein Restaurant, wo es hausgemachte chinesische Nudeln mit Gemüse und heißen Tee gab. Unterwegs fielen mir sofort die zahlreichen Überwachungskameras, blitzende Fotoautomaten und die hohe Polizeipräsenz auf – ein deutlich spürbarer Unterschied zu Kasachstan.

Während des Essens wurde mir klar, wie bedeutend diese Begegnung war: Ich hatte noch zwei wichtige Dinge zu erledigen – eine chinesische SIM-Karte besorgen und Bargeld organisieren. Da Google-Dienste wie Maps in China blockiert sind und man auf chinesische Apps wie Amap angewiesen ist, war die Unterstützung meines Begleiters unbezahlbar. Er fragte auf Chinesisch Passanten nach dem nächsten Mobilfunkladen und ließ sich den Weg erklären.

Nach einer etwa 4 km langen Fahrt durch die Straßen fanden wir schließlich einen China-Mobile-Shop, in dem ich einen zweimonatigen Vertrag mit 250 GB Datenvolumen für nur 11 € abschließen konnte. Um weiterhin auf Dienste wie WhatsApp, Instagram, Google oder YouTube zugreifen zu können, hatte ich im Vorfeld bereits VPNs getestet. Während ExpressVPN nicht funktionierte und VPNFY Probleme beim Hochladen hatte, stellte sich Let’s VPN als zuverlässigste Lösung heraus – drei Monate für 22 €.

Im Shop konnte ich mit AliPay bezahlen – einem chinesischen mobilen Bezahldienst, der ähnlich wie Apple Pay funktioniert, allerdings über das Scannen eines QR-Codes. Besonders praktisch: Ich konnte mir sogar direkt im Laden Bargeld auszahlen lassen, ganz ohne Bankautomat und ohne die Sorge, dass meine Bankkarte nicht funktioniert.

Im Anschluss zeigte mir mein neuer Freund noch zwei essenzielle Apps für das Leben in China: Amap für Navigation und WeChat für Kommunikation. In WeChat ist nahezu alles integriert: Chat, Bezahlsystem, Mini-Apps – eine digitale Welt für sich. Ohne diese Tools ist man in China heute quasi handlungsunfähig.

Gegenüber des Shops checkte ich schließlich in einem Hotel ein. Der Tag war intensiv, voller Eindrücke, aber auch voller Lösungen. Nach einer kleinen Stärkung aus meinen Vorräten machte ich mich noch einmal auf den Weg in die Stadt, um Sonnencreme zu kaufen. Die Apotheke konnte mir nicht weiterhelfen, aber in einem Beautysalon fand ich zumindest eine Sprühvariante – nicht optimal, aber besser als gar nichts.

Im Supermarkt deckte ich mich noch mit ein paar Lebensmitteln ein und fiel dann erschöpft, aber zufrieden ins Bett. Dieser erste Tag in China war eine Mischung aus Behördenmarathon, kulturellem Kontrast, digitaler Umstellung – aber auch gelebter Gastfreundschaft. Ein fulminanter Auftakt.






Jetzt bin ich endlich in China!


Erstmal von dem chinesischen Radreisenden zum Essen eingeladen.

Eine unglaubliche nette Begegnung. 

Tag 128

150 Kilometer durch Hitze, Gegenwind und Mückenhölle

Die Nacht war leider nicht besonders erholsam. Mein Zelt stand leicht schräg, und so rutschte ich samt Schlafsack ständig auf der Isomatte nach unten. Das war ziemlich nervig, aber ein besserer Untergrund war an dem Platz einfach nicht zu finden gewesen.

Am Morgen war die Müdigkeit wie weggeblasen. Ich fühlte mich wieder voller Energie für den bevorstehenden Tag – schließlich wollte ich ein gutes Stück in Richtung chinesischer Grenze vorankommen. Zum Frühstück gab es Müsli mit Joghurt und eine Banane, die ich mir am Vortag im Supermarkt besorgt hatte – ein starker Start in den Tag.

Dann ging es die Berge hinunter. Heute navigierte ich nicht mit Komoot, weil die App an mehreren Stellen falsche Strecken zeigte und mich auf absurde Umwege schicken wollte. Stattdessen hielt ich mich an meine Offline-Karten. Dabei übersah ich jedoch einen Abzweig und fuhr etwa 5 km zu weit bergab, bevor ich den Fehler bemerkte und wieder ein Stück zurückfuhr.

Der Weg führte mich schließlich von 1850 m Höhe auf nur noch 650 m hinab – und mit den fallenden Höhenmetern kam auch die steigende Hitze. Mittags zeigte das Thermometer satte 35 °C, und die ersten 40 km führten mich durch eine staubige Wüstenlandschaft. Dazu kam noch Gegenwind, was zwar die Hitze etwas erträglicher machte, mich aber auch ordentlich ausbremste.

In einem kleinen Dorf nach rund 65 km machte ich meinen ersten Stopp. Ich musste dringend Wasser nachkaufen – insgesamt füllte ich etwa 4 Liter auf. Dafür musste ich erst einmal Bargeld abheben, was ich eigentlich vermeiden wollte, da ich nur ein paar Tage in Kasachstan bin. Aber bei diesen Temperaturen ging Wasser vor Plan.

Nach dem Dorf ging es weiter durch einen kleinen Canyon, dann wieder leicht bergab, diesmal mit etwas weniger Wind. Immer wieder suchte ich unterwegs kurzen Schatten, um mich etwas abzukühlen – mein Körper musste sich erst wieder an die Hitze gewöhnen.

Nach unglaublichen 153 km kam ich am Abend an meinem experimentellen Schlafplatz an. Ursprünglich wollte ich direkt am Fluss zelten. Doch eine durchgehende Leitplanke trennte mich vom Ufer. Ich hatte weder Lust noch Energie, mein voll bepacktes Fahrrad darüber zu hieven. Also wich ich auf einen Nebenweg aus, der zu einer Raststätte führte – in der Hoffnung, dort ans Wasser zu kommen.

Doch bevor ich diesen Weg einschlug, kletterte ich über mehrere Leitplanken, um auf der anderen Straßenseite an einer Tankstelle dringend benötigtes Wasser und eine kalte Fanta zu kaufen. Mein Rad ließ ich an der Leitplanke stehen – mit dem Gefühl: Wer hält schon mitten auf der Autobahn an?

Zurück am Rad wollte ich dann Richtung Fluss fahren. Doch plötzlich stoppte ein großer Bachlauf meinen Plan – zu tief, als dass ich mit Rad und Gepäck trockenen Reifens durchgekommen wäre. Also beschloss ich, mein Zelt direkt am Rand dieses Wasserlaufs aufzuschlagen.

Der Platz war nicht ideal, aber ruhig. Immer wieder kamen Sonntagsausflügler mit dem Auto vorbei, fuhren durch das Wasser oder hielten an, um kurz mit mir zu plaudern. Einer schenkte mir sogar ein frisches Baguette. Ich machte mir Nudeln, aß ein paar Tomaten und wollte gerade die Abendstimmung genießen – doch dann kamen sie: tausende Stechmücken.

Es war eine regelrechte Invasion, schlimmer als alles, was ich in Finnland erlebt habe. Ich versuchte, mich während meiner Abendroutine irgendwie zu verteidigen – fuchtelte wild mit den Armen, während ich mich dehnte, eincremte und Zähne putzte. Selbst das Mücken-freie Einsteigen ins Zelt war trotz Masterplan unmöglich. Drinnen verbrachte ich dann noch eine gute Weile mit dem Mückenmassaker. Mindestens 15 Stück mussten dran glauben.

Doch damit war der Abend noch nicht vorbei: Der Bach, in dem ich mich kurz zuvor noch erfrischend gebadet hatte, fing plötzlich stark an zu stinken – es roch eindeutig nach Fäkalien. Ich vermute, dass die angrenzende Raststätte ihre Abwässer in diesen Bach leitet. Nicht gerade der romantische Zeltausklang, den ich mir vorgestellt hatte.

Ich hoffe nur, dass ich morgen früh keine Hautausschläge habe – als ich badete, war der Geruch nämlich noch nicht da.

Und dann: Ab ins Bett.


Meine morgendliche Aussicht auf die atemberaubende Szenarie.


Runter die Berge und rein in die Steppe mit Hitze.

Kamele in der kasachischen Steppe bei 40 Grad. 

Kasachischen Steppe bei 40 Grad. 

Am Schlafplatz habe ich noch ein Baguette geschenkt bekommen.

Tag 127

Grenzübertritt nach Kasachstan und ein Zeltplatz mit Weitblick 
 
Heute stand ich etwas früher auf, um den Tag voll fürs Radfahren zu nutzen. Nach einem schnellen Frühstück packte ich meine Sachen, verabschiedete mich herzlich von der Gastgeberin – eine wahre gute Seele – und machte mich auf den Weg. Ihr Gästehaus trägt den passenden Namen „Sunny Valley“, der ebenso warmherzig war wie ihr Empfang. 
 
Die ersten 40 Kilometer führten mich über eine etwas holprige Straße, zurück auf die Route entlang der anderen Seite des Issyk-Kul-Sees. Ab dort wurde der Belag wieder deutlich besser – und mit jeder Kurve wurde die Landschaft spektakulärer. 
 
An der Grenze zu Kasachstan verlief alles völlig unkompliziert. Kaum war ich drüben, eröffnete sich eine weite, offene Steppe, so imposant, dass ich mit offenem Mund auf meinem Fahrrad saß. Riesige Weideflächen, über die Pferde- und Kuhherden zogen, erstreckten sich bis zum Horizont – eine unglaubliche Weite. 
 
Ein paar Kilometer später entdeckte ich am Straßenrand eine Feldlerche, die sichtbar geschwächt war und verzweifelt keuchte. Ich hob sie vorsichtig auf, brachte sie auf den Grünstreifen abseits der Straße, damit sie nicht überfahren wird, und gab ihr etwas Wasser. Ob sie den Zusammenstoß mit einem Fahrzeug überleben würde, war ungewiss. Es war ein kurzer, intensiver Moment, der mir wieder die Zerbrechlichkeit des Lebens und die Konflikte zwischen Natur und Infrastruktur vor Augen führte. Vielleicht wird sie überleben, vielleicht ist sie Nahrung für ein anderes Tier – so ist der Kreislauf der Natur. 
 
Im Anschluss ging es über einen letzten Berg hinter der Steppe. Oben angekommen, fand ich einen traumhaften Zeltplatz, weit weg von der Straße, mit einer atemberaubenden Aussicht über die sich unter mir ausbreitende Ebene. Ein Ort zum Durchatmen. 
 
Ich ließ den Tag in aller Ruhe ausklingen, bereitete mein Abendessen zu, ging meiner Routine nach und genoss diesen magischen Ort, der mit seiner Weite und Stille eine ganz eigene Kraft hatte. 




Abschied von der unglaublich netten kirgisischen Gastgeberin in Karakol.


Von Tauben und —>

bis zu fliegenden Schwänen.

Es geht immer mehr in eine Graslandsteppe.

Was eine schöne grüne kirgisische Landschaft.

Eine Feldlerche, die gegen ein Auto geflogen ist und noch lebte, versuchte ich erstzuversorgen.

Noch bin ich auf dem Grasland-Hochplateu zwischen Kirgistan und Kasachstan

Unglaublich schöner Schlafplatz mit Sicht auf die Steppe hinter dem Bergzug.

Tag 126

Heiße Quellen und ein entspannter Ruhetag in Karakol

Heute ließ ich es ruhig angehen und schlief einmal aus. Um 9:00 Uhr gab es ein einfaches, aber reichhaltiges Frühstück: Brot mit Marmelade und Honig, Spiegelei sowie Tomate und Gurke. Ich wurde gut satt und startete entspannt in den Tag.

Danach nahm ich mir Zeit, um Kurzvideos für meine Social-Media-Plattformen zu planen – damit ich wieder etwas aktueller berichten kann. Durch die Internetlosigkeit im Pamir hatte sich einiges an Material angesammelt, das ich nun sortierte.

Am späten Vormittag nahm ich für gerade einmal fünf Euro ein Taxi zu den heißen Quellen Aksuu Kench, etwa 30 Minuten von Karakol entfernt. Die Anlage bestand aus mehreren Becken mit unterschiedlich heißen Temperaturen. Besonders das heißeste Becken mit 42 °C hatte es in sich – ich brauchte etwas, bis sich mein Körper daran gewöhnte. Kein Wunder, dass sich dort kaum jemand hineinwagte.

Ein Kirgise vor Ort zeigte mir eine effektive Bade-Routine: Erst für 2–3 Minuten ins heiße Becken, dann ein kurzer Sprung in den eiskalten Fluss, danach zurück ins heiße Becken – und das Ganze so oft wiederholen, wie es sich gut anfühlt. Ich machte ganze sechs Durchgänge, legte eine kurze Pause ein und wiederholte sie erneut sechs Mal. Danach war ich wirklich durchgewärmt und angenehm erschöpft.

Zum Abschluss genoss ich noch das mäßig warme Becken, in dem man länger verweilen konnte. Dort kam ich mit einem Amerikaner ins Gespräch, der in Kirgistan als Teamer für katholische Kinder in einem sogenannten „Juden-Dorf“ arbeitet. Er studiert derzeit in Rom Katholizismus und möchte später Priester werden. Unser Gespräch war überraschend offen und angenehm – vor allem, weil er nicht permanent religiöse Bezüge herstellte, wie ich es in der Vergangenheit bei anderen sehr kirchlichen Personen erlebt habe.

Nach dem Bad fuhr ich per Anhalter und mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück nach Karakol. Ich wollte noch einen Abstecher zum Basar in der Innenstadt machen – dort war allerdings so viel los, dass es mich eher stresste. Um meine neu gewonnene innere Ruhe durch die heißen Quellen nicht gleich wieder zu verlieren, verließ ich den Trubel schnell wieder und erledigte nur einen kleinen Einkauf für den nächsten Tag.

Zurück in meiner Unterkunft unterhielt ich mich länger mit der sehr herzlichen Gastgeberin. Sie zeigte großes Interesse an meiner Reise, bot mir wieder viel Essen und Tee an und schuf damit eine fast familiäre Atmosphäre.

Nach einem leckeren Abendessen mit Reis, Ei und viel Gemüse fiel ich zufrieden und entspannt ins Bett.


Ich bekomme Frühstück, Mittagessen und Abendessen bei der Familie im eigenen Wohnzimmer. Die Gespräche sind auch sehr interessant.


An der heißen Quelle Ak-Su Kench nahe Karakol.

Ich bin immer wieder für ein paar Minuten in das ganz heiße Bad mit 42° Wassertemperatur gegangen, danach wieder in den ganz kalten Bach und das häufiger wiederholt. Danach habe ich mich wie neugeboren gefühlt.

Tag 125

Vor dem Gewitter in Sicherheit: Ankunft in Karakol
 
Heute wachte ich ganz gemütlich am Strand auf – die Sonnenstrahlen fielen durch mein Zelt, das Rauschen des Wassers sorgte für eine friedliche Atmosphäre. Ich frühstückte etwas Brot mit Erdnussbutter, packte mein Lager zusammen und machte mich auf den Weg. 
 
Die heutige Etappe führte mich über viele kleine Hügel, immer wieder mit schönen Ausblicken auf den Issyk-Kul-See. Nach etwa 60 Kilometern legte ich meinen letzten Stopp direkt am Wasser ein. Von hier an entfernte sich die Strecke vom See und führte mehr ins Landesinnere. Also genoss ich diesen letzten Moment mit Blick auf die endlose Wasserfläche, bevor es weiterging. 
 
Schon eine Weile fuhr ich mit einem drohenden Blick über die Schulter: Eine große Regen- und Gewitterfront näherte sich von hinten, immer dunkler und schwerer. Ich trat kräftig in die Pedale – fast im Wettlauf mit dem Wetter. Der Regen rückte immer näher, und ich spürte, wie die Spannung in der Luft stieg. 
 
Mit hohem Tempo erreichte ich schließlich Karakol, und gerade als ich in der Stadt ankam, begann es zu regnen. Ich suchte sofort nach einem Unterschlupf, fand eine Unterkunft in der Nähe, fuhr durch den Regen dorthin und checkte schnell ein. 
 
Zu meinem großen Glück machte die Gastgeberin des Gästehauses mir als jungen Radreisenden, der gerade vor dem Regen geflüchtet war, einen großzügigen Sonderpreis: 30 € für zwei Nächte, inklusive Frühstück, Mittagessen und Abendessen. Das war nicht nur finanziell eine Erleichterung, sondern auch eine echte Wohltat für Körper und Geist. 
 
Ich hatte mein eigenes Zimmer, eine warme Dusche, WLAN – und vor allem: Ruhe. Am Abend gab es Reis mit Tomate und Gurke, eine einfache, aber genau richtige Mahlzeit. Danach fiel ich erschöpft, aber zufrieden ins Bett. 



Am Morgen sah meine Aussicht am Issykul-See so aus.


Auf einer sehr wilden Straße in Kirgistan.

Auf der Route geht es an verschiedenen schönen Canyons vorbei.

Das letzte Mal noch am meerartigen See Pause machen. 

Tag 124

Zufälle am See und ein langer Ritt durch den Regen
 
Eigentlich wollte ich heute früh raus, doch mein Körper hatte andere Pläne. Den Wecker um 5:30 Uhr hörte ich gar nicht – stattdessen wachte ich erst gegen 8:00 Uhr auf. Als ich das Zelt öffnete und in den Himmel schaute, sah ich, dass die Nacht Regen gebracht hatte. Ein schneller Check der Wetter-App verriet mir, dass in wenigen Minuten der nächste Schauer bevorstand. 
 
Das bedeutete: Frühstück streichen, alles zügig zusammenpacken, Zelt im Trockenen verstauen und losfahren. Ich wusste, dass es in den Bergen meist mehr regnet als weiter unten am See. Also trat ich kräftig in die Pedale, um die letzten Höhenmeter schnell zu überwinden und nach ca. 45 Kilometern den Issyk-Kul-See zu erreichen. 
 
Der Weg dorthin zog sich jedoch länger hin als erwartet. Am See angekommen, war ich beeindruckt von dessen Dimensionen – wie ein kleines Meer, so weit das Auge reichte, nur Wasser bis zum Horizont. 
 
Da ich nicht die stark befahrene Hauptstraße entlangfahren wollte, nahm ich eine ruhigere Route, die den See auf der rechten Seite umfährt. Die flache Strecke auf der Hochebene auf 1.700 m versprach eigentlich eine entspannte Fahrt, jedoch machte kräftiger Gegenwind daraus eine kraftraubende Angelegenheit. 
 
Nach 60 Kilometern machte ich eine Pause und bog in die erste Strandzufahrt ein, die ich auf der Karte sah. Ich fuhr mit dem Rad direkt an die Wasserkante, setzte mich auf den Boden und aß ein paar Muffins und eine Banane. Als ich mich umschaute, traute ich meinen Augen kaum: Hinter mir stand der Camper der Italiener, die ich im Pamir in Alichur getroffen hatte. 
 
Was für ein Zufall! Genau an diesem Ort, genau zu dieser Zeit. Wir begrüßten uns herzlich und tauschten uns aus. Ich erzählte von meinem Fahrrad-Drama, sie berichteten von einem dreitägigen Grenzchaos: Ohne gültiges Permit versuchten sie, in Kirgistan einzureisen – nach dem Motto „No risk, no fun“. Am Ende saßen sie mit vielen anderen Reisenden an der Grenze fest. Als die Agentur, die für die Permits zuständig war, die Daten nicht richtig übermittelt hatte, standen plötzlich sechs Motorradfahrer, zwei Backpacker und mehrere Autos ohne gültige Einreisegenehmigung da. 
 
Ein Agent kam nach drei Tagen mit den nötigen Papieren und verlangte 30 € pro Person, um die Italiener „durchzuschleusen“. Ihnen war das zu teuer. Doch als durch die plötzliche Bewegung aller anderen Fahrzeuge das Tor offenstand, nutzten sie die Gelegenheit und fuhren einfach durch – unbehelligt. 
 
Während wir plauderten, kam ein Kirgise mit seiner Familie dazu. Wir kamen ins Gespräch – interessant war, was er über die Spannungen zwischen Tadschikistan und Kirgistan sowie über seine Erfahrungen in Russland erzählte. In Tadschikistan hätte er als Kirgise Angst um sein Leben, meinte er. In Russland hingegen werde er schlecht behandelt – während man in Kirgistan allen freundlich begegne. 
 
Nach dem netten und zufälligen Wiedersehen rief mich der Himmel zur Weiterfahrt. Eine Regenfront rückte bedrohlich näher. Im letzten Dorf vor dem nächsten Pass deckte ich mich noch mit Proviant ein und zog direkt die Regensachen an – es begann schon zu nieseln. Die Straße war halb asphaltiert, halb eine schlammige, schottrige Piste. Ich sah zwar, dass die Strecke gerade ausgebaut wird, aber oben auf dem Pass war es durch Regen, Matsch und Kälte ziemlich unangenehm. Etwa drei Stunden lang fuhr ich durch Dauerregen, völlig durchnässt. 
 
Mein Ziel war es, wieder an den Issyk-Kul-See zurückzukommen und dort zu übernachten. Beim letzten Anstieg holte ich mir noch eine Fanta und Wasser an einer Tankstelle und fuhr im Sonnenuntergang, unter dramatisch aufgerissenen Wolken, den Hang hinunter zum See. 
 
Dort fand ich einen kleinen Strand und stellte mein Zelt abseits in einer Ecke auf. Ich sprang kurz in den See, um mich zu waschen, kochte mir im Dunkeln noch Nudeln und ging meiner Abendroutine nach. Erschöpft, aber zufrieden schlief ich schließlich ein – begleitet vom sanften Plätschern des Sees. 


In den kirgisischen Bergen auf dem Weg zum Issykul-See

Der See kommt näher mit schönem Ortsschild.

Wundervoller Canyon neben der See-Straße

Nach dem langen Regen den Berg hoch, hörte es nach 4 Stunden auf zu regnen. Beim Sonnenuntergang war ein Spektakel am Himmel zu sehen.

Das Bergpanorama mit Regenbogen bei Sonnenuntergang.

Tag 123

Zurück auf der Straße: Abschied von Bishkek und hinein ins Bergparadies

Heute Morgen klingelte der Wecker bereits um 6:00 Uhr. Nach einem kräftigenden Frühstück – Porridge mit Apfel – packte ich meine Sachen und machte alles abfahrbereit. Gegen 8:00 Uhr verabschiedete ich mich ein letztes Mal von HaiDOS, dem Fahrradmechaniker, der mir in den letzten Tagen wirklich eine große Hilfe war. Die Möglichkeit, kostenlos bei ihm zu übernachten, meine Ausrüstung sicher zu lagern und bei technischen Fragen einen Experten direkt vor Ort zu haben, war ein absoluter Glücksfall für mich.

Die Ausfahrt aus Bischkek war wie erwartet abenteuerlich: dichter Verkehr, drängelnde Autos und schwer beladene LKWs, die sich durch die Stadt schlängelten. Doch nach etwa 20 Kilometern wurde es ruhiger – der Verkehr lichtete sich, und die Straße gehörte wieder mehr mir und meinem Rad. Große LKWs und einzelne Autos zogen nun nur noch in größeren Abständen an mir vorbei.

Je weiter ich fuhr, desto näher kamen die Berge – und das Panorama war schlichtweg atemberaubend. Zum Glück war das Wetter heute auf meiner Seite: leichte Bewölkung, kaum Sonne, angenehme 28 °C – perfekte Bedingungen für einen langen Tag auf dem Sattel.

Nach 100 Kilometern wurde die Strecke zunehmend bergiger und damit auch steiler. Doch da die Straße sehr gut geteert war, ließ sich der Anstieg gut fahren. Schließlich verließ ich die Hauptstraße und folgte einem schottrigen Weg, der mich noch ein Stück höher in die Berge führte.

Dort fand ich einen wunderbaren Schlafplatz, abseits der Straße, umgeben von Berggipfeln und einem eindrucksvollen Panorama. Ein Ort zum Durchatmen. Ich kochte mir Nudeln, was nach 135 Kilometern und 900 Höhenmetern mehr als verdient war.

Ein gelungener erster Tag zurück auf der Straße – körperlich fordernd, aber seelisch erfüllend.


Abschied von dem besten Mechaniker, bei dem ich meine Sachen unterstellen konnte und übernachten konnte. Danke HaiDOS !


Pferdestatuen sind in Kirgistan häufig.

Sehr schöne kirgische Canyons

Die Fanta gibt mir mal wieder den nötigen Zucker zum Weiterfahren.

Die Aussicht läuft häufig an den unterschiedlichsten Canyons und Bergen vorbei.

Tag 122

Zurück in Bischkek: Neues Rad, neues Setup, neues Kapitel

Heute Morgen um 7:00 Uhr kam ich nach meinem zehnstündigen Flug wieder in Bischkek an – mit dabei: mein repariertes Fahrrad mit neuem Rahmen und einigen neuen Anbauteilen. Geflogen bin ich mit AJet, auf beiden Strecken. Leider konnte ich während des Flugs kaum schlafen – die Sitzabstände waren für meine Größe einfach viel zu eng, sodass meine Knie ständig gegen den Vordersitz drückten. Ein wenig Schlaf ging dann aber doch, bevor wir in Kirgistan landeten.

Direkt am Flughafen wurde ich von einem Taxifahrer abgefangen, der mir zuerst einen utopischen Preis von 40 € für die Fahrt nach Bischkek mit Fahrradkarton nannte. Da ich die realistischen Preise kannte, handelte ich ihn auf 15 € herunter – beim Hinweg hatte ich mit Yandex Go nur 12 € bezahlt, also war das okay für mich. Immerhin sparte ich mir so lange Diskussionen über die Größe des Kartons und unnötiges Warten.

Bei Haidos, dem Fahrradmechaniker, kam ich gegen 8:00 Uhr an. Er hatte mir meine Taschen netterweise aufbewahrt und war noch vor Ort, um mich zu empfangen. Ich ging erst mal in den Supermarkt, um mir etwas zu trinken zu holen – ich hatte im Flugzeug vergessen, meine Trinkflasche aufzufüllen und war ziemlich ausgetrocknet. Danach baute ich mein Rad wieder aus dem Karton auf, schraubte alles zusammen und gönnte mir etwas Mittagessen.

Am Nachmittag fuhr ich ins Zentrum von Bischkek, um die Stadt ein wenig zu erkunden. Da aktuell keine Free Walking Touren angeboten wurden, suchte ich mir die wichtigsten Infos über die Sehenswürdigkeiten kurzerhand bei Wikipedia zusammen. Viel weltbewegend Interessantes gibt es hier zwar nicht, aber die vielen grünen Parkanlagen haben definitiv ihren Charme.

Am späten Nachmittag traf ich mich mit Craig, dem australischen Radreisenden, den ich noch aus dem Hostel in Osh kannte. Wir führten bei ihm im Hostel wieder schöne Gespräche – über das Reisen, das Leben, die Zukunft.

Zurück bei Haidos hieß es für mich: Alles neu packen. Ich hatte beim Heimflug einige Dinge aussortiert, andere wiederum neu eingepackt. Jetzt galt es, die perfekte Ordnung in den Taschen wiederherzustellen. Nach ein wenig Hin- und Herräumen hatte schließlich alles seinen Platz – und mein Gepäck war merklich leichter als vor dem Rahmenbruch.

Den Tag ließ ich mit einer Pizza im Restaurant gegenüber ausklingen und ging früh schlafen – voller Vorfreude auf den morgigen Tag, an dem das große Abenteuer endlich weitergeht.



Tag 121

Vorbereitungen für den Rahmenwechsel

Heute stand Organisation pur auf dem Programm: Flug für morgen buchen, Fahrrad in die Transportbox verpacken und alle weiteren logistischen Dinge klären. Ich nahm mir außerdem die Zeit, alle Taschen auszupacken und systematisch durchzugehen, was ich tatsächlich brauche – und was wieder mit nach Deutschland kann.

Ich merke immer mehr, dass ich zu viel Gewicht mitschleppe. Also: Ballast abwerfen. Ziel ist es, das Fahrgewicht deutlich zu reduzieren, um künftig leichter unterwegs zu sein – körperlich wie mental.

Nachdem das alles erledigt war, packte ich mein Handgepäck, aß noch eine Kleinigkeit und telefonierte nach Deutschland, um sicherzustellen, dass dort in den kommenden Tagen alles reibungslos läuft.

Meine Taschen bleiben übrigens bei Haidos – denn am Rad selbst wird alles ausgetauscht. Es ist unglaublich nett von ihm, dass ich sein Vertrauen genieße: Er hat mir sogar einen Haustürschlüssel überlassen, damit ich jederzeit zurück in seine Wohnung kann, wenn ich aus Deutschland wiederkomme.

Nach all den Erledigungen fiel ich dann zufrieden und etwas erschöpft ins Bett.

Fahrrad kurz vor dem Auseinanderbauen vor schöner Tür 


Kulturschock Deutschland für wenige Tage, bis ich wieder zurück in Kirgistan bin.

Tag 120

Taxi-Odyssee nach Bischkek

Nach dem gestrigen Desaster in den Bergen entschied ich mich, den Weg nach Bischkek per Taxi zu bewältigen. Eigentlich wären es nur noch 350 km gewesen – jetzt, nach der Umkehr, waren es wieder 650 km. Mit der anstehenden Generalüberholung meines Fahrrads und der ohnehin angespannten Situation wollte ich nichts mehr riskieren.

Ein Taxi mit Platz für Fahrrad und Taschen zu finden, war jedoch leichter gesagt als getan. Die Betreiber des Hostels, in dem ich eine Nacht verbracht hatte, bastelten mir ein Pappschild und meinten, ich solle mein Glück beim Trampenversuchen. Also stand ich zwei Stunden lang in der glühenden Mittagshitze am Straßenrand. Drei Autos hielten – alle ohne Platz für mein Gepäck.

Irgendwann sprach mich ein Mann an. Er könne mich in 10 Minuten für 30 € nach Bischkek bringen. Ich war erleichtert. Doch: Er kam nicht. Also wieder raus an die Straße mit dem Schild. Nach weiteren eineinhalb Stundentauchte er schließlich auf – diesmal mit einem vollen Taxi. Er sagte, sein Kollege könne mich in 2,5 Stundenmitnehmen.

Inzwischen war ich ordentlich genervt von der Unzuverlässigkeit. Ich ging zurück ins Hostel, um dort auf „Kollege Nummer zwei“ zu warten. 15:00 Uhr – niemand da. 15:30 Uhr – immer noch niemand. Die Ausrede: „Er wartet noch auf eine Passagierin.“ Erst um 16:15 Uhr tauchte der Fahrer tatsächlich auf.

Endlich ging es los. Fahrrad aufs Dach, Taschen ins Auto – und dann der nächste Dämpfer: Die Passagierin hatte ihren Lockenstab und Föhn vergessen, also wieder zurück. Danach hielt der Fahrer gefühlt alle 500 Meter, um noch jemanden für den letzten Platz zu finden. Es dauerte fast eine Stunde, bis wir wirklich Fahrt aufnahmen.

Am Toktogul-See machten wir dann einen Stopp. Der Fahrer und ich sprangen kurz ins Wasser – eine kurze Erfrischung. Danach ging es weiter, inklusive Essenpause. Mein Magen war jedoch immer noch gereizt vom schlechten Essen in den Bergen, und der Stress hatte sein Übriges getan. Ich bekam abends erneut heftige Blähungen.

Nun war es dunkel. Der Fahrer fuhr viel zu schnell, bremste abrupt, riss das Lenkrad in Kurven hin und her, und überholte riskant. Mein Magen wurde dabei so oft durchgewirbelt, dass ich ihn kaum noch beruhigen konnte.

Um drei Uhr morgens kam ich schließlich in Bischkek bei Haidos, einem Fahrradmechaniker, an. Sein Kontakt war mir in Osh vermittelt worden. Trotz der Uhrzeit stand er auf, um mich zu empfangen – das rechne ich ihm hoch an. Nach einem rettenden Besuch der Kloschüssel konnte sich auch mein Magen endlich wieder entspannen.


Die letzten Kilometer nach Bishkek auf dem Dachgepäckträger 


Bei über 4000m muss ich mich neben Sonnencreme auch bedecken, da meine Haut in dieser Höhe sonst verbrennt

Die nächste Reparatur hat nicht lange gedauert. Diesmal hat sich der Mantel verabschiedet und ist an der äußeren Naht gerissen. Der Schlauch hat somit aus dieser Naht aus der Felge heraus geschaut. Wie durch ein Wunder ist im Schlauch nichts passiert. Hatte ich auch noch nicht, dass ein Schlauch länger überlebt hat, als der Mantel.

Hier sieht man den herausschauenden Schlauch. Wie ein großer Abszess.

Diese Aussicht hier in der besonderen Landschaft ist der Wahnsinn 

Malerische Felsen 

Aussicht über das Tal in dem Murghob liegt.

Tag 119

Rückzug vom Pass und Höllenfahrt

Trotz neun Stunden Schlaf fühlte ich mich am Morgen seltsam benebelt und träge. Mein Körper wirkte schlapp, mein Kopf unklar – keine gute Voraussetzung für einen Tag in den Bergen. In der Nacht hatte ich stark geschwitzt und spätestens bei meinem morgendlichen Toilettengang wurde mir klar, woran es lag: Das Essen der Familie, die mich am Vorabend eingeladen hatte, war wohl doch nicht ganz gut gewesen.

Ich versuchte es trotzdem. Nach etwa 15 Kilometern begann der Aufstieg – es wurde zunehmend steil, heiß und steinig. Als meine Reifen auf dem losen Untergrund durchdrehten und ich kaum noch vorankam, setzte ich mich unter einen Baum. Ich war völlig kraftlos.

Wie aus dem Nichts kam ein alter sowjetischer Viehtransporter vorbei. Ich hielt ihn an und fragte, ob er mich mitnehmen könne – er sagte ja. Hinten auf der Ladefläche war bereits eine Mutterkuh mit Kalb. Dazu kamen jetzt mein Fahrrad und meine Taschen. Ich dachte: „Wird schon gehen.“

Doch was folgte, war eine Höllenfahrt. Die Federung des Lasters war quasi nicht vorhanden – Starrgabel-Feeling pur. Bei jedem Loch wurde ich gegen die Metallwand geschleudert, mein Fahrrad flog kreuz und quer durch die Ladefläche. Zweimal durchquerten wir Flüsse, bei denen ich allein definitiv nicht durchgekommen wäre. Als wir schließlich zwei riesige Bodenwellen passierten, wurden die Kühe mit voller Wucht gegen mich geschleudert – da hörte der Spaß auf.

Ich rief dem Fahrer zu, dass ich sofort aussteigen will. Weder ich noch mein Rad konnten diese Tortur länger mitmachen. Dann verlangte der Fahrer auch noch Geld für die Schmerzen, wie er es nannte – eine Frechheit! Ich gab ihm trotzdem einen kleinen Betrag und war froh, dass er mich nicht weiter nervte.

Vor mir lag nun der berüchtigte Pass – 1000 Höhenmeter auf 6 Kilometern, mit einer durchschnittlichen Steigung von 23 %. Unmöglich mit meinem Reiserad und Gepäck. Zum ersten Mal auf dieser Reise musste ich mir eingestehen, dass ich etwas nicht fahren konnte. Aber zurück? Auch das war nicht einfach. Der steile, unwegsame Weg mit Flussdurchquerungen war auf zwei Rädern nicht passierbar.

Ein kleines Jurtendorf wurde mein Rettungsanker. Einer der Männer dort hatte einen kleinen Transporter – meine einzige Chance. Doch er roch meine Notlage und wollte 100 Dollar für die 70 Kilometer zurück in die nächste Stadt Bazar-Korgon – das Fünffache des normalen Preises. Ich blieb hartnäckig, bot ihm 50 Dollar (immer noch überteuert, aber fairer). Als ich den Schein schließlich in der Hand hielt, lenkte er ein.

Also wurde ich mitsamt meinem Rad und Gepäck wieder zurück ins Tal gebracht – alles, was ich heute und gestern mühsam erkämpft hatte, war damit zunichte. Aber: Ich war sicher raus aus den Bergen.

In Bazar-Korgon suchte ich lange nach einer Unterkunft, fand schließlich ein einfaches Hotel – und fiel völlig erschöpft ins Bett. Was für ein Tag.

Ein Wasserfall in den Kirgisischen Bergen

Fahrradtransport runter vom Berg durch Flüsse und extreme Schotterpiste.

Raus aus der Sackgasse zurück in die nächste Stadt 

Tag 118

Aufbruch in die kirgisischen Berge

Ich wachte heute vom Zwitschern der Vögel auf – ein friedlicher Start in den Tag. Ohne lange zu zögern, sprang ich direkt in den See neben meinem Schlafplatz und schwamm eine Runde. Der kühle Morgenschwumm war erfrischend und belebend – genau das Richtige, um wach zu werden.

Anschließend begann mein richtiger Einstieg in die kirgisischen Berge. Anfangs war der Weg noch asphaltiert, doch das änderte sich bald – wie so oft wurde aus Teer wieder Offroad-Schotterpiste. Irgendwann hielt ich bei einem kleinen Supermarkt in einem winzigen Dorf. Noch während ich meinen Einkauf machte, lud mich die Familie dort zum Essen ein – eine spontane und herzliche Geste, wie ich sie hier schon oft erleben durfte. Sie boten mir sogar an, über Nacht zu bleiben. Ich lehnte dankend ab, da ich unbedingt noch zwei Stunden weiterfahren wollte, um mir für den morgigen Passanstieg genügend Zeit zu verschaffen.

Später schlug ich mein Zelt am Fluss, etwas unterhalb des Weges, gut versteckt auf. Ich wollte heute früh schlafen und die Ruhe genießen. Gegessen hatte ich bereits bei der Familie, also gönnte ich mir nur noch etwas Körperpflege: Waschen im Fluss, frisches Wasser auffüllen, ein bisschen entspannen.

Doch wie so oft blieb ich nicht lange ungestört. Ein paar Kinder aus einem nahen Jurtendorf entdeckten mein Lager und belagerten mich neugierig. Zunächst war das noch in Ordnung, aber irgendwann begann das typische Betteln um Geld, Getränke oder Kleidung – diesmal war es meine Fanta für morgen. In solchen Momenten merke ich, wie erschöpft ich eigentlich bin. Es ist schwer, das von außen zu verstehen, aber wenn man jeden Tag Aufmerksamkeit bekommt, keine Ruhe hat und ständig angequatscht wird, zehrt das irgendwann an den Nerven – vor allem, wenn man sich eigentlich nach Stille sehnt.

Als die Kinder schließlich gingen, kehrte endlich die ersehnte Ruhe ein. Das Plätschern des Flusses, die frische Luft, die Einsamkeit – genau deshalb mache ich diese Reise. Ich schlief ein, während das Wasser neben mir ruhig vor sich hinfloss.


Die Eingangstore von den Dörfern in Kirgistan sind immer unterschiedlich 


Ein großes faszinierendes Felsenmassiv auf dem Weg in die kirgisischen Berge

Tag 117

Geburtstag auf dem Fahrrad

Heute war ein ganz besonderer Tag: Mein 21. Geburtstag – und wie sollte ich ihn anders verbringen als auf dem Fahrrad! Alles war gesattelt, die Taschen gepackt, der Abschied im Hostel gemacht. Es ging los – auf Richtung Bischkek.

Doch der Tag hatte es in sich: 40 Grad in der prallen Sonne, kaum Schatten und die gefühlt endlosen Hügel verlangten mir einiges ab. Die Hitze erinnerte mich an die Wüsten in Kasachstan und Usbekistan. Manchmal war sie so intensiv, dass ich Gänsehaut bekam – diese Art von Hitze, bei der sich die Haut anfühlt, als würde sie glühen. Immer wieder musste ich unter Bäumen am Straßenrand pausieren, um nicht völlig zu überhitzen. Noch vor wenigen Tagen war ich bei angenehmen 20 Grad unterwegs – mein Körper hatte sich auf die Hitze noch nicht wieder eingestellt.

Nach über 105 Kilometern, mehreren Anstiegen und etwa sieben Litern Wasser, erreichte ich endlich einen See. Die Erfrischung war pure Erlösung – körperlich wie mental. Dort waren auch einige andere Menschen, die mir gleich Wassermelone und Fladenbrot anboten. Eigentlich sehnte ich mich nach etwas Sättigendem wie Nudeln, aber aus Respekt wollte ich das freundliche Angebot nicht ausschlagen.

Später, als die Badestelle ruhiger wurde, kochte ich mir doch noch meine heiß ersehnten Nudeln. Währenddessen kamen die Leute, die sich um die Anlage kümmerten, und schenkten mir zusätzlich noch eine Fanta, frische Erdbeeren, Mirabellen und noch mehr Brot. Es war nicht viel – aber gerade durch diese herzliche Geste wurde mein Geburtstag zu etwas ganz Besonderem.

Ein einfaches, echtes Geburtstagsgeschenk – mitten in der Natur, nach einem herausfordernden Tag, irgendwo in Kirgistan.

Abends legte ich mich auf einer kleinen Holzplattform am Wasser zur Ruhe, vollkommen erschöpft – und zufrieden. Ein Geburtstag, den ich sicher nie vergessen werde.


Bei 40 Grad an meinem Geburtstag war die Hitze extrem 


Bei einer schattigen Pause bei einem LKW-Fahrer bekam ich Besuch von einer Gottesanbeterin 

Aussicht vom Berg auf die glühende Ebene 

Geburtstagsessen am See mit Wassermelone 

Sonnenuntergang über dem See nach einem she heißen Tag.

Tag 116

Planung, Videoschnitt & eine Entscheidung

Auch heute gönnte ich mir noch einen Erholungstag in Osh. Die letzten Wochen waren intensiv – körperlich wie mental – und ich merkte, wie gut mir dieser ruhigere Rhythmus tat. Ich nutzte die Zeit, um meine Kurzvideos der vergangenen Etappen zu schneiden. Die vielen Eindrücke in kompakte Clips zu bringen, hilft mir auch, Erlebtes zu verarbeiten.

Ein besonders wichtiger Punkt stand heute ebenfalls an: ein Meeting mit Böttcher, dem Hersteller meines Fahrrads. Die Probleme mit meinem Rahmen hatten mir in den letzten Tagen viele Gedanken und Sorgen bereitet – nicht nur technisch, sondern auch emotional. Umso erleichterter war ich, dass wir gemeinsam eine gute Lösung fanden.

Der Plan: Ich werde in Bischkek für etwa eine Woche nach Deutschland fliegen. Von dort aus geht es mit dem Auto nach Wesseln, wo ich zusammen mit den Mechanikern den Rahmen und alle betroffenen Komponenten austauschen werde. Danach fliege ich über Frankfurt zurück nach Bischkek, um meine Reise fortzusetzen.

Natürlich ist Fliegen nicht ideal, vor allem unter dem Gesichtspunkt des Klimaschutzes. Aber in dieser Situation ist es für mich die einzige sinnvolle Option, um möglichst bald und sicher weiterfahren zu können. Ich hoffe sehr, dass der neue Rahmen mir künftig keine Sorgen mehr bereitet. Solche technischen Probleme und die damit verbundene Unsicherheit zehren an meinen Nerven – und gehören zu den Dingen, auf die ich in Zukunft gerne verzichten würde.


In Osh ging es dann endlich mal wieder zum Friseur und Barber


Tag 115

Blogarbeit & Pizza: Ein Tag in Osh

Heute stand zur Abwechslung einmal kein Pass, kein Zeltaufbau und keine staubige Straße auf dem Programm – sondern Bildschirmarbeit. Ich widmete mich meinem Blog und verbrachte mindestens acht Stunden damit, Texte zu überarbeiten, Bilder auszuwählen und alles hochzuladen. Durch das langsame Internet in Osh wurde das Einfügen der Bilder zur Geduldsprobe. Der Text hingegen ließ sich vergleichsweise unkompliziert einfügen. Es ist schon interessant, wie viel Arbeit hinter einem einzelnen Beitrag steckt – vor allem, wenn man alles unterwegs macht.

Am Abend wurde ich dann belohnt: Gemeinsam mit Uta, einem amerikanischen Radreisenden und einem älteren Australier, ebenfalls mit dem Rad unterwegs, ging es zum Pizzaessen. Allein das Gefühl, in einem Restaurant mit Auswahl zu sitzen, ist nach den Tagen im Pamir ein absoluter Luxus. Supermärkte, frisches Obst, kalte Getränke – all das war in den letzten Wochen eher Ausnahme als Regel.

Nach einem langen, erfüllten Tag mit tiefen Gesprächen und gutem Essen ging es schließlich in ein richtig weiches Bett – ein Genuss, den ich mittlerweile wirklich zu schätzen weiß.


Aussicht auf dem Hochplateau auf die Berge


Bei über 4000m muss ich mich neben Sonnencreme auch bedecken, da meine Haut in dieser Höhe sonst verbrennt

Die nächste Reparatur hat nicht lange gedauert. Diesmal hat sich der Mantel verabschiedet und ist an der äußeren Naht gerissen. Der Schlauch hat somit aus dieser Naht aus der Felge heraus geschaut. Wie durch ein Wunder ist im Schlauch nichts passiert. Hatte ich auch noch nicht, dass ein Schlauch länger überlebt hat, als der Mantel.

Hier sieht man den herausschauenden Schlauch. Wie ein großer Abszess.

Diese Aussicht hier in der besonderen Landschaft ist der Wahnsinn 

Malerische Felsen 

Aussicht über das Tal in dem Murghob liegt.

Tag 114

Von Pässen und Parks: Mit voller Wucht nach Osh

Ausgeschlafen und mit einem Müsli samt frischem Obst und Joghurt gestärkt, startete ich in den Tag – bereit für die nächste Herausforderung: ein durchgehender Anstieg von 900 Höhenmetern auf 18 Kilometern. Kein Spaziergang, aber auch nichts, was ich nicht schon in anderer Form erlebt hätte. Stück für Stück schraubte ich mich nach oben. In der angenehmen Luft zwischen 1000 und 2000 Metern ließ sich trotz Anstrengung gut atmen. Es ist faszinierend, wie schnell man wieder Höhe gewinnt, wenn man einfach dranbleibt.

Kurz vor dem Pass verdunkelte sich der Himmel. Bedrohliche Wolken zogen auf, dann setzte Regen ein. Ich suchte Unterschlupf bei einer Gruppe Bauarbeiter, die mir einen Platz unter ihrem Schirm anboten. Dort machte ich eine Pause, zog meine Regenkleidung an – eine weise Entscheidung, denn bald wurde es kälter und die Schauer intensiver. Der Pass lag bei rund 2300 Metern, und trotz Regen konnte ich die friedlich zwischen den grünen Hängen liegenden Jurten-Dörfer bewundern. Diese Zelt-Siedlungen strahlen etwas Ursprüngliches und Besonderes aus – sie passen perfekt in die weiten, offenen Landschaften Kirgistans.

In einem kleinen Dorfladen am Wegesrand gönnte ich mir – fast schon traditionell – eine Fanta für den schnellen Energieschub. Der jugendliche Verkäufer war sichtlich fasziniert von mir und schenkte mir zum Abschied noch ein paar Mirabellen. Ein schöner Moment.

Die Abfahrt ins Tal war lang und angenehm. Doch je weiter ich hinunterkam, desto deutlicher wurde, was mich erwartete: Hitze. Richtig heiße 38 Grad schlugen mir entgegen, als ich auf unter 1000 Höhenmeter in Osh einrollte. Von der klaren Bergluft der letzten Tage war hier unten nichts mehr zu spüren – stattdessen sommerliche Glut.

Im Park-Hostel angekommen, erwartete mich eine kleine Überraschung: Ich traf gleich mehrere bekannte Gesichter wieder. Die Amerikaner, mit denen ich über das Kaspische Meer geflogen war, Hugo aus Frankreich mit seinem Anhänger, Uta – die Lehrerin aus Heidelberg – und viele neue, spannende Reisende. Es ist immer wieder motivierend, Menschen zu treffen, die ähnliche Wege gehen und mit denen man sofort ins Gespräch kommt.

Ich gönnte mir erstmal eine wohlverdiente Dusche nach zwei harten Tagen und ließ den Abend ruhig angehen. Wieder in einer Stadt, wieder unter Menschen – aber diesmal mit dem beruhigenden Wissen, wie viel ich in den Bergen geschafft habe.


Mein Schlafplatz der letzten Nacht am Fluss in den kirgisischen Bergen 


Am letzten Pass vor Osh angekommen 

Auf 2889m am Pass. Das ist im Vergleich zum Pamir wenig.

Tag 113

Von der Höhe ins Grüne: Kirgistan zeigt sein anderes Gesicht

Nach dem kräftezehrenden Tag gestern startete ich heute meine Weiterfahrt in Richtung Osh. Es ging direkt bergig los, aber nach den ersten Höhenmetern kam die Belohnung: eine langgezogene, fast schon meditative Abfahrt. Von 3200 m auf 2200 m – und das auf wunderbar geteertem Asphalt. Ein echter Genuss! Ich konnte einfach mal rollen lassen, die Landschaft rechts und links in mich aufsaugen und endlich mal wieder entspannt fahren. Das hatte ich in dieser Form zuletzt in Georgien erlebt.

Kirgistan fühlt sich sofort anders an. Die vielen Grüntöne, die sich über die Hügel und Täler ziehen, wirken nach den kargen Höhen des Pamir wie ein Befreiungsschlag für die Augen. Überall grasen Pferde, Nomaden treiben ihre Herden, und in den weiten Wiesen leuchten die weißen Jurten in der Sonne. Es hat etwas Zeitloses. Man spürt sofort, dass die kirgisische Kultur tief verwurzelt ist im Leben in und mit der Natur.

Nach der Hälfte des Tages führte mich der Weg weiter bergab – auf Asphalt, aber begleitet von starkem Gegenwind. Der Wind bremste mich so sehr, dass selbst die Abfahrt anstrengend wurde. Dazu kam die Hitze, die mit jeder Höhenmeter abwärts zunahm. Ich merkte deutlich, wie ich aus dem kühlen Hochland in die heißen Täler kam. Auf etwa 1500 Metern war es dann fast schon sommerlich.

Als ich einen geeigneten Platz an einem Fluss entdeckte, war für mich klar: Hier schlage ich mein Zelt auf. Die perfekte Kulisse – plätscherndes Wasser, ein bisschen Schatten, aber auch spürbar drückendere Luft als noch in den Bergen. Mir wurde bewusst: Noch gestern war ich über 2700 Höhenmeter weiter oben. Dieser enorme Wechsel in Höhe, Luftdruck und Temperatur forderte seinen Tribut.

Also baute ich mein Lager auf, ruhte mich aus und ging früh schlafen – mit dem Plan, am nächsten Morgen lange zu schlafen und neue Energie für den kommenden Anstieg zu tanken.

Nach dem Hochfahren geht es immer auch runter 


Baby-Esel sind so süß

Faszinierende Felsstruktuten bei Gegenwind

Tag 112

Raus aus Tadschikistan, rein ins Chaos: Ein Grenzübertritt mit Stolpersteinen

Heute war es so weit: Der große Tag, an dem ich Tadschikistan verlassen und nach Kirgistan einreisen würde. Aber wie so oft beginnt das Abenteuer nicht an der Grenze, sondern schon viel früher.

Der erste Anstieg des Tages brachte mich auf etwa 4200 Meter – anstrengend, aber machbar. Die Aussicht auf den türkisblauen Karakul-See wurde mit jedem Höhenmeter beeindruckender. Danach ging es in ein wunderschön geformtes Bergtal, dessen Szenerie fast surreal wirkte. Auf dem teils noch gut erhaltenen Asphalt konnte ich das Rad entspannt rollen lassen – ein seltener Genuss in dieser Region.

Doch das hielt nicht lange an. Am Punkt, an dem der Anstieg aus dem Tal wieder begann, drehte das Wetter. Ein brutaler Gegenwind setzte ein, und die Straße verwandelte sich in ein einziges Schlaglochfeld. Es wurde ein richtiger Kampf – gegen Wind, Geröll und steile Passagen. Trotzdem war die Landschaft ringsum atemberaubend.

Nach langem Ringen erreichte ich schließlich den Kryzylart-Pass auf über 4300 Metern – und mit ihm den tadschikischen Grenzposten. Dort lief noch alles halbwegs glatt: Special Permit, Visa, Polizeiregistrierung – alles gültig, also durfte ich weiter.

Doch die Abfahrt auf der kirgisischen Seite wurde zur Tortur. Die Wege wurden nicht etwa besser – nein, sie wurden noch schlechter. Mit gerade einmal 5 km/h schlich ich über Wellblechpisten, Steine und durch Schlammbäche. Besonders eindrucksvoll: Die vielen kleinen Beuteltiere, die hier in der kargen Hochebene aus ihren Erdbauten hervorschauten – ein seltener Anblick auf tadschikischer Seite.

Dann kam ein besonders breiter, schlammiger Fluss. Ich versuchte mein Glück im Durchfahren – ein Fehler. Unsichtbarer Felsen, Gleichgewicht verloren, Fuß ins eiskalte Wasser gesetzt. Nasse Schuhe. Perfekt für 4000 Meter Höhe und Wind. Also: Schuhe aus, Socken auswringen, fluchen, weiter.

An der offiziellen kirgisischen Grenzstation angekommen, dachte ich, der Ärger wäre vorbei – doch es kam schlimmer. Der Grenzbeamte, scheinbar analog sozialisiert, wühlte sich durch eine nach Datum sortierte Papierliste mit Zehntausenden Namen. Ich zeigte ihm sogar die Quittung meiner Agentur – ohne Erfolg. Wäre mir klar gewesen, dass die Liste nach Kaufdatum sortiert ist, hätte ich selbst gezielt helfen können.

Nach 90 Minuten (!) fand er mich endlich – ganz unten auf der Liste. Aber das war erst der Anfang. Denn er war „nicht zuständig“, sondern nur für das Finden des Namens verantwortlich. Ich dachte nur: Wo bin ich hier gelandet? In der Steinzeit?

Nach weiteren Minuten erschien dann sein „Chef“ – mit Kalaschnikow um den Hals – und erledigte in zwei Minuten den Rest. Aber da war der Schaden längst angerichtet: Zwei Stunden Zeitverzögerung, die mir das Tageslicht raubten.

Keine zehn Minuten später zogen tiefschwarze Wolken auf. Ein kurzer, aber heftiger Schauer zwang mich zum Anhalten – das Wasser von oben passte perfekt zum innerlichen Frust über die Grenze.

Mit letzter Kraft erreichte ich nach weiteren 25 Kilometern auf kaputtem Teer das kleine Dorf Sary-Tash (nicht Satachi), wo ich mir ein Hostel nahm. Eine warme Dusche rettete meinen Tag.

Danach hieß es: SIM-Karte besorgen, Bargeld abheben, Offlinekarten laden – ein neues Land bedeutet neue To-dos. Abends gab’s ein deftiges Essen, und dann tauchten auch wieder die Niederländer auf. Zusammen mit einem israelischen Backpacker redeten wir noch bis spät in die Nacht über alles Mögliche – von Kirgistan bis Australien.

Nebenbei musste ich mich aber auch mit einem leidigen Thema beschäftigen: dem immer problematischer werdenden Rahmen meines Fahrrads von Böttcher. Ein echtes Sorgenkind – nervig, aber eben auch Teil des Abenteuers.


Mit extremen Gegenwind ging es auf den letzten Pass in Tajikistan 


Was ein Ausblick auf über 4000m

Endlich an der Grenze zu Kirgistan 

Ein glücklicher Nisse am Kyzyl-Art Pass

In Kirgistan war plötzlich eine Flut an Murmeltieren überall wo ich hinschaute. Sehr magisch. Ihr Warnruf hört sich immer, wie ein Vogelruf an. So kommunizieren sie auch den Vögeln, dass Gefahr nähert. Vögel machen das auch für die Murmeltiere.

Grüne Lunge in Kirgistan 

Bei der Abfahrt ins Tal konnte ich immer wieder tote Yaks sehen. Das war ein schauriger Anblick.

Tag 111

zäher Start, starker Wind und der Karakul-See in all seiner Schönheit

Nach rund neun Stunden tiefem Schlaf wurde ich von der Familie freundlich zum Frühstück eingeladen – es gab Spiegelei, frisches Brot und Quark. Doch heute fühlte ich mich irgendwie anders. Normalerweise bin ich früh auf den Beinen, voller Tatendrang, alles startklar. Doch diesmal war alles langsamer. Die Höhe setzte mir deutlich zu – ich war träge, motivationslos, hätte mich am liebsten wieder hingelegt.

Stattdessen spielte ich zwei Stunden mit den Kindern draußen – inmitten einer unglaublichen Kulisse, auf 4100 Metern Höhe, mit den schneebedeckten Bergen ringsum. Diese Momente gaben mir dann doch die Energie, mich aufzuraffen und loszufahren. Geplant waren heute eigentlich nur entspannte 30 Kilometer ohne größere Anstiege. Doch der Wind machte mir einen Strich durch die Rechnung.

Schon 15 Kilometer vor Karakul konnte ich den gleichnamigen See sehen – und doch schien er einfach nicht näher zu kommen. Der Gegenwind bremste mich regelrecht aus, ich kam kaum vorwärts. Es fühlte sich an, als ob ich auf der Stelle treten würde. Nach endlosen 2,5 Stunden kam ich dann doch endlich in Karakul an – völlig erschöpft von dieser kurzen, aber zermürbenden Etappe.

Im Ort nahm ich mir ein einfaches Hostel für die Nacht. Beine hochlegen? Fehlanzeige. Stattdessen zog es mich – trotz gefühlter 40 Grad in der Sonne – noch zu einem Spaziergang an den See. Auf rund 4000 Metern Höhe ist die Sonneneinstrahlung gnadenlos. Selbst mit Lichtschutzfaktor 50+ kommt man hier an seine Grenzen. Also verschleierte ich mich komplett, um mich vor der Sonne zu schützen, und genoss die Ruhe und die Aussicht auf den türkisfarbenen See, der von majestätischen weißen Gipfeln umrahmt ist – ein Anblick, der sprachlos macht.

Am Abend traf ich dann auch wieder das niederländische Ehepaar, das ich in Murghob kennengelernt hatte. Wir führten lange, tiefgründige Gespräche über das Reisen, das Leben und wie beides oft miteinander verschmilzt. Es war ein ruhiger, aber intensiver Tag – voller Wind, Sonne und Begegnungen, die im Gedächtnis bleiben.

Morgens waren die neugierigen Kinder der Familie um mein Schlafplatz herum und warteten mich zum Frühstücken einzuladen. Ist das nicht süß.


Das leckere Frühstück auf 4100m

Nachwuchs-Radreisender. Solch nette Kinder!

Der Karakul-See kommt mit Gegenwind nur langsam näher.

Der Karakulsee auf ungefähr 4000m und umringt von weißen Bergen 

Bei dieser extremen Sonneneinstrahlung hilft nur Verschleierung.

Auch die Yaks suchen den Schatten an diesem warmen Tag. 

Brunnen für Trinkwasser sind hier oben lebensnotwendig.

Einfach wirken lassen…

Der Kot der Yaks wird hier getrocknet und dann in der kalten Zeit zum Heizen genutzt. Upsycling.

Auch ein paar Yak-Hörner finde ich am See häufiger.

Tag 110

Der höchste Pass: 4655 Meter über dem Meeresspiegel und überglücklich

Heute Morgen hieß es für mich nach einem leckeren Frühstück im Hostel wieder aufzubrechen. Auf dem Plan stand heute der höchste Pass meiner bisherigen Reise: 4655 Meter – ein echtes Schwergewicht im Pamir-Gebirge.

Der Aufstieg begann immerhin auf einer geteerten Straße, was das Fahren deutlich angenehmer machte. Meter für Meter, Stunde um Stunde kämpfte ich mich nach oben. Ab etwa 4000 Metern wurde es dann richtig hart. Die Luft wurde spürbar dünner, und je steiler die Straße wurde, desto öfter musste ich kurze Pausen einlegen. Dabei genoss ich aber auch die spektakuläre Aussicht auf die schneebedeckten Bergriesen um mich herum – ein Anblick, der einem die Strapazen kurz vergessen lässt.

Etwa 3 Kilometer und 300 Höhenmeter vor der Passhöhe wurde ich von einer Familie in einem der letzten Häuser am Berg freundlich hereingewunken. Es gab Tee, Gebäck und Kekse. Diese Herzlichkeit da oben auf über 4300 Metern ist einfach bemerkenswert – wahrscheinlich, weil die Menschen die raue Lebensrealität hier bestens kennen und wissen, wie wichtig gegenseitige Unterstützung ist.

Die letzten Kilometer bis zur Passhöhe waren dann wirklich der blanke Horror. Steil, schweres Gepäck, zu große Gänge und die extrem dünne Luft – eine Kombination, die mich an meine Grenzen brachte. Doch mit vielen kleinen Pausen und der Aussicht auf den Gipfel habe ich auch das geschafft.

Oben auf 4655 Metern angekommen, konnte ich mein Glück kaum fassen. Die Aussicht ins weite Tal, umgeben von gigantischen Sechstausendern, war überwältigend. Dort oben traf ich Hugo aus Frankreich, der mit einem Anhänger reist, sowie die drei deutschen Radfahrer, denen ich in den letzten Tagen immer wieder begegnet bin. Zu fünft machten wir uns dann an die Abfahrt.

Von „runterdüsen“ konnte allerdings keine Rede sein. Über 20 Kilometer ging es über Waschbrettschotter und große Steine mit gerade mal 5–10 km/h hinunter – körperlich fordernd und nervlich zermürbend. Zwischenzeitlich probierte ich Alternativrouten abseits der Straße, die sich aber als genauso schlecht entpuppten. Mein Ziel Karakul musste ich auf morgen verschieben.

Als mein Wasservorrat langsam knapp wurde, hatte ich großes Glück: Ein junges Paar aus Frankreich hielt mit ihrem Jeep an und versorgte mich mit frischem Wasser – eine echte Rettung. Kurz darauf kam ich an einer kleinen Farm vorbei, wo mich ein Junge einlud, einen Tee zu trinken. Als mir die Familie sogar noch anbot, bei ihnen zu übernachten, war ich überglücklich. Auf 4100 Metern, bei sinkenden Temperaturen, hatte ich so einen sicheren Platz an einem warmen Ofen, gutes Abendessen und heiße Getränke – mitten in der wilden Bergwelt des Pamir.

Die Gastfreundschaft dieser Familie war überwältigend. Ich schlief schnell ein – dankbar, erschöpft und erfüllt von dem Erfolg, den höchsten Pass meiner bisherigen Reise bezwungen zu haben.


Was eine Aussicht auf dem Weg zum höchsten BergPass des Pamir-Gebirges.


Hoch hinaus!

Der Schnee und die Gletscher werden mehr.

Kurz vor dem Ak-Baital Pass wurde ich zum Essen und auf Tee im schattigen Auto der Hochgebirgsbewohner dort eingeladen. Gut, um mal  kurz zu verschnaufen.

Auf dem Dach der Tajikischen Welt.

Auf dem Ak-Baital Pass mit 4655m. Ich fühle mich wie ein Vogel. Nur meine Lunge pumpt durch die geringe Sauerstoffkonzentration sehr.

Abfahrt ins Tal bei schlechtesten Wegen und bester Aussicht.

Tag 109

Erholungstag in Murghob: 
Gespräche, Internet und neue Impulse


Am heutigen Tag nahm ich mir bewusst eine Pause. Die letzten Etappen waren extrem anstrengend – körperlich wie mental – und so gönnte ich mir einen Erholungstag in Murghob.

In meiner Unterkunft traf ich auf eine andere Radreisende: Uta, eine Lehrerin aus Heidelberg, die ein Sabbatjahr eingelegt hat. Bald geht es für sie zurück nach Deutschland und in ihren Berufsalltag. Wir unterhielten uns lange über unsere Reisen, die Höhen und Tiefen, und es tat richtig gut, sich mit jemandem auszutauschen, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Sie verstand sofort, was ich meinte, als ich von den oft sehr netten, aber manchmal auch nervtötenden Kindern in Tadschikistan erzählte – etwas, das Außenstehende oft nicht ganz nachvollziehen können.

Nebenher nutzte ich das erstaunlich stabile Internet in Murghob – immerhin auf 3600 Metern Höhe – um meine Kurzvideos weiterzuschneiden. Es war schön, endlich ein bisschen digitale Arbeit nachzuholen.


Später lernte ich noch ein niederländisches Paar kennen, das nach dem Berufsleben nun die Welt mit dem Fahrrad erkunden möchte. Wir hatten inspirierende Gespräche über Langzeitreisen und das Loslassen von Alltag und Routine.

Im Hotel mit dem guten Starlink-Internet kam ich am Nachmittag außerdem mit ein paar Australiern ins Gespräch. Da ich selbst vorhabe, nächstes Jahr mit dem Rad durch Australien zu fahren, war es für mich Gold wert, von ihnen direkt Tipps zu Routen, Regionen und klimatischen Bedingungen zu bekommen.

Als am Abend meine soziale Batterie zur Neige ging, zog ich mich in meine Unterkunft zurück und packte in Ruhe meine Taschen für die morgige Etappe. Körperlich war es heute ruhig – aber geistig unglaublich bereichernd.

Babyhund am Spielen 

Ein klassischer Reifen 

Am Kurzvideos bearbeiten 

Hier sieht man den herausschauenden Schlauch. Wie ein großer Abszess.

Diese Aussicht hier in der besonderen Landschaft ist der Wahnsinn 

Malerische Felsen 

Aussicht über das Tal in dem Murghob liegt.

Tag 108

Von Alichur nach Murghob: Reparatur, Regenschauer und neue Begegnungen

Heute nahm ich mir eine längere Etappe von Alichur nach Murghob vor. Die Straßen waren einigermaßen gut geräumt, sodass ich von den 3900 Metern, auf denen ich übernachtet hatte, relativ gut auf 4200 Meter kam – dort lag der Pass, den ich heute überqueren musste. Oben angekommen, war das Wetter wieder rau, aber die Landschaft unglaublich schön.

Nach etwa 30 Kilometern, noch vor dem Pass, bemerkte ich an meinem Mantel etwas Ungewöhnliches. Ein Blick nach hinten offenbarte, dass aus meinem Mantel an einer Stelle der Schlauch herausragte. Also hieß es anhalten, das Hinterrad abmontieren, die Spannung des Riemens lösen, Mantel und Schlauch ausbauen und das Problem genauer ansehen. Überraschenderweise war der Schlauch unbeschädigt, aber der Mantel hatte sich von seiner Außennaht gelöst.

Glücklicherweise hatte ich einen Ersatzmantel dabei, den ich jetzt einbauen konnte. Mit dem alten Schlauch, neuem Mantel und aufgepumptem Reifen baute ich alles wieder zusammen, spannte den Riemen und konnte weiterfahren.

Oben auf dem Pass machte ich eine kleine Pause und aß ein paar Kekse. Danach ging es den Pass hinab auf relativ gut geteerten Straßen. Plötzlich zogen schnell dunkle Wolken auf, und ich zog mir meine Regensachen an. Genau in diesem Moment kamen die Italiener mit ihrem Van vorbei. So konnte ich mich im trockenen und windgeschützten Van umziehen, bevor ich weiterfuhr.

Je weiter ich nach unten kam, desto besser wurden die Straßen. Einfach mal das Fahrrad rollen lassen, den Fahrtwind im Gesicht spüren und dabei die Landschaft genießen – das brachte mir viele Glücksgefühle und ließ mich zügig vorankommen.

Gegen 16:00 Uhr erreichte ich nach 105 Kilometern Murghob, die Hauptstadt der Pamirregion. Dort traf ich gleich einige Radfahrer: Ein Schweizer, der seit 2022 unterwegs ist, und bereits Südamerika, Neuseeland, Australien und Indonesien durchquert hat und von Singapur zurück in die Schweiz fährt – eine beeindruckende Reise, die bei mir in umgekehrter Richtung im Kopf herumschwirrt.

Außerdem traf ich ein Ehepaar aus Neuseeland, das mit ihrem Tandemrad von Singapur zurück nach Frankreich fährt, sowie die deutschen Jungs, die ich in Dushanbe im Green House Hostel kennengelernt hatte und die ebenfalls nach Japan unterwegs sind.

Murghob ist wirklich ein Treffpunkt für Reisende, die aus Kirgistan kommen oder dorthin wollen. Ich bin gerade mal 200 Kilometer von der Kirgisistan-Grenze entfernt und nur 60 Kilometer Luftlinie von der chinesischen Grenze.

Eine andere deutsche Radreisende, die ich beim Hineinfahren in die Stadt traf, empfahl mir das Hostel Aruf – mit einem fairen Preis und sehr leckerem Essen. Da in der Stadt das Internet ausgefallen war und mobile Daten nicht nutzbar waren, folgte ich ihrem Tipp und ging ins Pamir Hotel in Murghob. Dort gab es in der Lobby WLAN, das wahrscheinlich per Satellit empfangen wird, da die Unterkunft staatlich betrieben ist.

Nach längeren Gesprächen mit anderen Radreisenden in der Lobby ging ich am späten Abend zurück in meine Unterkunft und fiel müde ins Bett.


Aussicht auf dem Hochplateau auf die Berge


Bei über 4000m muss ich mich neben Sonnencreme auch bedecken, da meine Haut in dieser Höhe sonst verbrennt

Die nächste Reparatur hat nicht lange gedauert. Diesmal hat sich der Mantel verabschiedet und ist an der äußeren Naht gerissen. Der Schlauch hat somit aus dieser Naht aus der Felge heraus geschaut. Wie durch ein Wunder ist im Schlauch nichts passiert. Hatte ich auch noch nicht, dass ein Schlauch länger überlebt hat, als der Mantel.

Hier sieht man den herausschauenden Schlauch. Wie ein großer Abszess.

Diese Aussicht hier in der besonderen Landschaft ist der Wahnsinn 

Malerische Felsen 

Aussicht über das Tal in dem Murghob liegt.

Tag 107

Erneuter Rahmenbruch auf der Passstraße und unerwartete Hilfe in Alichur

Am nächsten Morgen zeigten das Thermometer 0 Grad an. Bei solchen Temperaturen ist es immer eine Herausforderung, den warmen Schlafsack zu verlassen. Ich aß wieder mein Porridge und ein paar Kekse zum Frühstück. Draußen zog eine Regen- und Schneefront immer näher, also baute ich zügig alles ab und zog mich warm an. Keine zehn Minuten nachdem ich am See losgefahren war, sah ich hinter mir, dass es dort bereits regnete – perfektes Timing.

Die nächsten zehn Kilometer führten über die schlimmsten Waschbrettschotterstrecken bis zu einer größeren Straße, die das Wakhan Valley abschloss. Doch kaum war ich auf der Straße unterwegs, hörte ich plötzlich ein Knacken. Ich drehte mich um und konnte kaum fassen, was ich sah: Die bereits mehrfach geschweißte Rahmenstelle an meinem Fahrrad war nun zum dritten Mal gebrochen.

Zum Glück passierte das nicht im 120 Kilometer entfernten, sehr abgelegenen Abschnitt mit den extrem schlechten Wegen, wo nur selten Autos unterwegs sind. Doch auf der größeren Straße fuhr ich allein, ohne ein Auto in Sicht. Also blieb mir nichts anderes übrig, als das Fahrrad den Hügel hochzuschieben. Nach etwa 30 Minuten hatte ich dann Glück: Zwei Südkoreaner in einem Offroad-Jeep hielten an und boten mir Hilfe an. Gemeinsam luden wir das Fahrrad und die Taschen ins Auto und fuhren die letzten 20 Kilometer nach Alichur.

Dort angekommen, regnete es erst einmal stark. Bei dieser Kälte und den widrigen Wetterbedingungen in den Bergen können solche Defekte wirklich gefährlich werden. Die Autofahrt nach Alichur war allerdings abenteuerlich – die beiden Südkoreaner hatten sich auf dem Weg in die Höhe zu schnell bewegt und litten unter Höhenkrankheit. Außerdem waren sie am Vortag mit einem Alternativweg in einem Schlammloch stecken geblieben. Da sie nicht wussten, wie man ein Offroad-Auto richtig bedient, hatten sie mehrfach rückwärts Gas gegeben, bis die Schalteinheit kaputtging. Am Morgen holte sie ein Einheimischer aus der misslichen Lage.

Durch die Höhenkrankheit waren sie nicht ganz bei Sinnen, und das machte das Autofahren riskant. Das merkte ich erst, als ich schon im Jeep saß. Der Fahrer schätzte die großen Schlaglöcher falsch ein, fuhr viel zu schnell darauf zu und bremste zu spät. Immer wieder hoben wir mit dem ganzen Auto durch diese Schlaglöcher ab – ich fürchtete kurz um mein Leben.

In Alichur suchte ich nach dem Aussteigen ein Gästehaus auf. Dort packte ich meine Sachen aus und bekam direkt eine warme Mahlzeit. Danach fragte ich die sehr freundliche Besitzerin nach einem Mechaniker im Dorf. Direkt nach dem Essen fuhr ich mit meinem Fahrrad zum Mechaniker, der sich sehr gut mit Schweißen auskannte. Er schweißte mir eine dicke Metallverstärkung an die gebrochene Rahmenstelle. So sollte ich zumindest erst einmal wieder einige Kilometer fahren können.

Eine langfristige Lösung ist das jedoch nicht. Wann der Rahmen das nächste Mal bricht, weiß ich nicht, und ich weiß auch nicht, welche anderen Teile des Fahrrads durch die wiederholten Defekte in Mitleidenschaft gezogen wurden. Bisher habe ich alles bei langsamen Anstiegen bemerkt. Passiert der nächste Defekt bei schneller Fahrt, könnte das lebensgefährlich werden.

Nachdem alles geschweißt und neu lackiert war, zog ich noch alle Schrauben fest und spannte den Riemen erneut. Zum Glück wollte der Mechaniker nichts für seine Arbeit. Zurück im Gästehaus duschte ich erst einmal und überlegte, wie es mit dem Fahrrad weitergehen soll. Eines stand für mich fest: Ich werde mit diesem Fahrrad keine weiteren Tausende Kilometer fahren – das Risiko ist einfach zu groß.

Deshalb nahm ich Kontakt zu Böttcher auf, die mich unterstützen wollen. Ich bin gespannt, welche Lösung sich ergibt, denn das ist nicht der erste Defekt an dem Fahrrad, und ich fahre es noch keine sechs Monate.

Während ich darüber nachdachte, sah ich plötzlich die Italiener mit ihrem Van neben dem Gästehaus parken. Ich gesellte mich zu ihnen und erfuhr, dass sie Mitte 40 sind, ihr früheres Leben aufgegeben haben und nun Vollzeitreisende sind. Auf meine Frage, wie sie das finanzieren, erzählten sie, dass sie keine teuren Länder besuchen. Stattdessen arbeiten sie jeweils zwei Monate im Jahr auf Farmen oder bei anderen Gelegenheitsjobs, um sich das Reisen in günstigeren Ländern für 4-5 Monate zu ermöglichen. So haben sie nur Ausgaben für Essen und Benzin.

Insgesamt sind sie schon seit acht Jahren unterwegs – zunächst als Backpacker, seit zwei Jahren mit ihrem Van. Ich finde diese Lebensweise faszinierend: Mit so wenig Arbeit so viel reisen zu können, ist bewundernswert.

Am Abend gab es im Gästehaus noch ein leckeres Abendessen, und bald wurde es dunkel.

Ausblick auf den See auf ca. 4000m an dem ich übernachtet habe.


Das ist der extreme Waschbrettuntergrund auf dem ich nun lange fahre. Ultra anspruchsvoll. Mit 3km/h geht es voran. 

Trotz schlechter Wege ist der Ausblick sehr faszinierend.

Nach 200 m aus der remoten Area raus und wieder auf Asphalt bricht der Rahmen das dritte Mal an der gleichen Stelle. 

Nachdem ich bis zum nächsten Dorf im Auto mitgenommen wurde, habe ich dort einen Mechaniker aufgesucht, um das Problem wieder zu beheben 

So sieht nun die Stelle mit einem eingeschweißten Metallstück aus, dass es nun länger hält. Das hoffe ich zumindest.

Tag 106

Aufstieg zum Pass und Begegnungen am Chukurkul-See

Am Morgen wollte ich eigentlich früh losfahren. Doch die ganze Nacht hatte es geregnet, und auch am Morgen nieselte es noch. So musste ich erst warten, bis der Regen aufhörte. Gegen 9:00 Uhr war es dann endlich soweit, und ich konnte mein Lager abbauen. Davor gab es im Zelt noch Porridge und ein paar Kekse zum Frühstück.

Dann ging es wirklich los. Die ersten Kilometer waren wieder sehr steil, und die Wege wurden mit jeder Minute schlechter. Das kann man sich kaum vorstellen, denn zuvor waren sie schon ziemlich miserabel. Nun war es extrem grober Waschbrett-Schotter, dazu an den Seiten und stellenweise sogar auf der ganzen Strecke tiefer Schleichsand. Stück für Stück kämpfte ich mich so auf den Pass in der Hochebene hoch.

In Khargush kam ich an einem Militärcheckpoint vorbei. Dort war jedoch niemand, also fuhr ich einfach unter der Schranke hindurch. Hinter dem Checkpoint machte ich eine Pause, in der Hoffnung, dass doch noch jemand auftaucht. Ich aß meine Kekse und wartete etwa 20 Minuten – doch es kam niemand. Also setzte ich meinen Aufstieg zum Pass fort.

Der Anstieg war stetig steil, und auf über 4000 Metern Höhe wurde die Luft immer dünner. Deshalb musste ich sehr häufig kleine Pausen einlegen, in denen ich die atemberaubende Aussicht genießen konnte.

Als der Weg so schlecht wurde, dass ich nicht mehr fahren konnte, nahm ich einen Nebenweg, den viele Autos als Alternative benutzen. Leider endete dieser Weg in einer sehr schlammigen Stelle. Im Schneegestöber musste ich mein Fahrrad zurück auf den leicht erhöhten Hauptweg schieben, was sehr viel Kraft kostete.

Kurz vor der Passhöhe begann es dann zu schneien. Schnell zog ich meine Regensachen über, zog mich warm an und fuhr bei sehr anspruchsvoller Witterung über den Pass auf 4344 Metern Höhe. Hinter dem Pass zogen die Wolken weiter, und die Sonne brach zwischen dramatischen Wolken hervor. Der Ausblick auf das vor mir liegende, steil abfallende Tal war gigantisch.

Ich fuhr sofort weiter bergab, um nicht erneut in einen Schneesturm zu geraten. Der Abstieg war noch viel schlimmer als der Aufstieg: Ein 500 Meter langer Abschnitt voller tiefem Schleichsand zwang mich zum ständigen Einsinken. Danach folgte der schlimmste Waschbrett-Untergrund, den ich je erlebt habe – nicht nur für ein paar Kilometer, sondern über eine sehr lange Strecke.

Ich fuhr daher extrem langsam mit 3 bis 5 km/h und musste mich so konzentrieren, dass ich vom reinen Runterfahren völlig erschöpft war.

Plötzlich hielt neben mir ein Offroad-Jeep an und fragte, ob ich etwas zu essen oder Tee haben möchte. Ohne lange nachzudenken, stimmte ich zu. Wenige hundert Meter später am Chukurkul-See hielt der Wagen, und ich kam hinzu. Das russische Ehepaar im Auto gab mir sofort eine Cola – ein riesiger Segen, denn seit Langar hatte ich keinen Supermarkt mehr gesehen.

Es gab außerdem Gebäck, Tomaten, Gurken, Brot und warmen Tee. Nachdem sich die beiden verabschiedeten, um noch am gleichen Tag nach Murghob zu fahren, gaben sie mir noch eine Wasserflasche, einige Riegel und Kekse mit.

Kurz darauf kam ein weiterer Kastenwagen an. Zwei Italiener, die an diesem Platz übernachten wollten, gesellten sich zu uns. Wir verstanden uns sofort und waren direkt auf einer Wellenlänge.

Ich baute mein Zelt auf, zog mich um und gesellte mich zu ihnen in ihren beheizten Van. Dort gab es leckere Kartoffelsuppe, die wir gemeinsam genossen. Später blieben wir noch lange zusammen, bis es richtig dunkel wurde und ich mit meiner Abendroutine begann: Stretching, Zähneputzen und Cremes auftragen.

Müde fiel ich in meinen Schlafsack, der in der kalten Nacht perfekte Dienste leisten würde.


Am Fluss noch Wasser gefiltert, da es hier sonst keine Trinkwasserstellen oder Shops gibt. 


Die Welt von 4344m 

Tag 105

Vierter Aufstieg, erste Hoffnung

Heute Morgen bin ich wieder sehr früh aufgestanden, da ich zeitig loskommen wollte. Zum Frühstück gab es drei Spiegeleier und etwas trockenes Brot – leider ohne Aufstrich. Danach packte ich meine Fahrradtaschen, stellte mich mental auf die nächste Herausforderung ein und machte mich auf den Weg.

Ich fuhr nun zum vierten Mal denselben sehr steilen und anspruchsvollen Berg in die Hochebene hinauf:
• Das erste Mal war beim ersten Rahmenbruch,
• das zweite Mal bei der gebrochenen Schweißnaht,
• das dritte Mal zur Testfahrt nach der Verstärkung,
• und nun zum hoffentlich finalen Aufstieg.

Nachdem ich das erste große, steile Stück hinter mir hatte und alles noch heil war, wuchs mein Vertrauen: Vielleicht hält es diesmal wirklich.

Wetterwechsel und raues Gelände

Die ersten zehn Kilometer waren extrem steil, steinig und sandig. Kurz nach einer Passkontrolle an einem Militärcheckpoint begann es auch noch zu regnen. Ich zog meine Regensachen an – und fuhr weiter.

Das Wetter war den ganzen Tag wechselhaft, aber ich hatte mich darauf eingestellt. Je höher ich kam, desto karger und schroffer wurde die Umgebung. Die Landschaft war so beeindruckend, dass ich manchmal vor lauter Staunen vergaß, auf den schwierigen Weg zu achten.

Begegnung mit einem Wolf

Nach einigen Flussquerungen und vielen großen Steinen wollte ich eine Pause an einer Kurve mit großartiger Aussicht machen. Doch etwa 50 Meter davor stand plötzlich ein Tier auf dem Weg.

Zuerst dachte ich, es sei ein Hund – doch schnell wurde mir klar: Hier oben, fernab jeglicher Zivilisation, lebt kein Hund. Als ich näherkam, erkannte ich deutlich: Ein junger Wolf, etwa 30 Meter entfernt, sah mich interessiert an.

Ich konnte ein paar Fotos machen, bevor er verschwand. Die Begegnung erinnerte mich sofort an meine erste Wolfserfahrung – damals in den griechischen Bergen, als ich nachts auf einem Pass schlief und das Heulen der Wölfe hörte.

Regen, Wind und freundliche Fremde

Nach einem kleinen Snack aus Gebäck, das ich mir in Langar gekauft hatte, begann es wieder zu regnen. Zum Glück kam der Wind von hinten, sodass der Regen nicht ins Gesicht schlug. Auf über 3300 Metern Höhe wird es mit Regen schnell kalt, aber ich war vorbereitet: Unter meiner Regenkleidung trug ich warme, atmungsaktive Kleidung.

Einige Kilometer später begegnete mir ein altes Auto ohne Allrad, in dem zwei Männer saßen. Sie baten mich um eine Luftpumpe, da ihre defekt war und die Reifen Luft verloren. Leider konnte ich ihnen nicht helfen – meine Pumpe ist nur für französische Ventile, und obwohl ich einen Adapter für Autoventile habe, funktionierte die Kombination hier nicht.

Dass sie überhaupt mit diesem Auto über diesen Weg fuhren – bei solchen Bedingungen, mit Platten und ohne Netz – war schon fast leichtsinnig. Aber sie mussten wohl einfach weitermachen.

Konzentration, Höhenluft und Wassersuche

Die Wege blieben extrem anspruchsvoll: grobe Steine, tiefer Sand, Waschbrettpiste. Ich musste mich dauerhaft konzentrieren – jeder Fehler, jede Unachtsamkeit hätte schnell zu einem neuen Defekt oder Unfall führen können.

Ich machte daher regelmäßig kurze Pausen, sowohl um die Landschaft zu genießen als auch wegen der dünner werdenden Luft. Ich befinde mich jetzt auf etwa 3700 Metern, und mein Körper muss sich erst langsam an die Höhe gewöhnen. Diese Nacht werde ich zur Akklimatisierung nutzen – denn morgen steht der nächste große Pass mit über 4000 Metern an.

Am Abend kochte ich mir Nudeln – aber allein fürs Nudelwasser brauchte ich über einen Liter, und auf den letzten fünf Kilometern kam kein Bach mehr. Also musste ich zum Grenzfluss zwischen Tadschikistan und Afghanistan laufen, nahe meines Schlafplatzes, und dort mit meinem Wasserfilter die Flaschen auffüllen.

Bisher hatte ich den Filter kaum gebraucht, aber hier oben ist er unverzichtbar. In den Bergen kann man das Wasser oft trinken, aber aus den großen Flüssen – nach dem, was ich in Darvoz gesehen habe – definitiv nur gefiltert.

Ein Tag zwischen Erschöpfung und Ehrfurcht

Nach diesem anstrengenden, aber wunderschönen Tag in der Hochebene gehe ich jetzt schlafen – in der Hoffnung, dass morgen alles hält, mein Körper die Höhe gut verträgt und ich den nächsten Pass problemlos bewältigen kann.

Beim Aufstieg in die Hochebene bin ich an diesem schönen Wasserfall in den noch schöneren Bergen vorbeigekommen.

Da stand dann plötzlich ein junger Wolf vor mir auf 3300m.

Dunkle Wolken ziehen auf…

Die weißen Bergzipfel begleiten mich stetig, umso höher ich komme.

Auf einmal trabt eine kleine Herde Esel an mir vorbei. Als wäre es das normalste von der Welt. Wanderausflug !

Für mich eine der schönsten Orte im Pamir im Wakhan Valley 

Diese Aussicht !

Mit dieser Aussicht auf 3600m Essen machen. Ist das nicht schön.

Tag 104

Ein Rahmenbruch, drei Aufstiege und die Hoffnung auf Stabilität

Am heutigen Morgen stand die Vorbereitung auf den großen Anstieg zur Hochebene an. Bereits um 6:00 Uhr saß ich beim Frühstück. Danach machte ich mich fertig, verabschiedete mich von den äußerst netten Betreibern des Hostels und begann den steilen Aufstieg – überzogen von Steinen und tiefem Sand. Es war einer der anspruchsvollsten Anstiege meiner bisherigen Reise.

Doch 500 Meter vor dem Ende des steilen Stücks hörte ich plötzlich ein Knacken. Etwas fühlte sich am Fahrrad nicht mehr stabil an. Ich schaute zurück – und traute meinen Augen kaum:
Die Rahmenstrebe, die zum Bremssattel und Schaltauge führt, war direkt vor der Bremsaufnahme gebrochen.

Ein Rahmenbruch – bei einem hochwertigen, speziell für Expeditionen gebauten High-End-Reiserad aus Stahl – darf eigentlich nicht passieren. Aber genau das war nun Realität.

Ich hatte bereits 200 Höhenmeter hinter mir und musste das Rad nun vorsichtig wieder ins Dorf hinabschieben. Mit einer gebrochenen Rahmenstrebe sollte man auf keinen Fall weiterfahren – die Gefahr eines Totalschadens wäre zu groß.

Erste Reparatur – erste Enttäuschung

Unten angekommen fragte ich mich durch, bis ich einen Mechaniker fand. Ich erklärte ihm mein Problem, und er meinte: „Kein Problem, das kann ich schweißen.“ Also baute ich das Hinterrad aus – was bei meinem Setup mit Rohloff-Nabe, Riemenantrieb und Pitlock-Sicherung jedes Mal eine kleine Herausforderung ist.

Die Strebe wurde an der Bruchstelle verschweißt, und ich baute alles wieder zusammen, montierte die Taschen – und machte mich ein zweites Mal auf den Weg Richtung Hochebene.

Doch nach nur 300 Metern – exakt an der Stelle, wo es zuvor passiert war – brach der Rahmen erneut. Diesmal direkt an der Schweißnaht.

Ich war inzwischen ziemlich wütend.
Ich sah mich mit der Frage konfrontiert: Wie soll das weitergehen?

Zweite Reparatur – ein Plan mit Hindernissen

Ich telefonierte mit meinem Mechaniker in Deutschland und meinen Eltern. Max vom Radelmal in Darmstadt empfahl mir, die komplette Strebe großflächiger und stärker zu verschweißen, da der Bruch genau an einer Ausdünnung des Rohres passiert war.

Ich rollte das Fahrrad also zum zweiten Mal den Berg herunter und überzeugte den Mechaniker im Dorf – der ursprünglich zwei Löcher durch den Rahmen bohren und mit einer Platte verschrauben wollte – von meinem Plan.
Das hätte die Struktur nur weiter geschwächt.

Zum Glück ließ er sich darauf ein.

Dritter Versuch – endlich hält es

Wir verschweißten das gesamte Stück der Strebe großflächig. Danach baute ich wieder alles zusammen und entschied mich für eine Testfahrt: Ich fuhr den Berg zum dritten Mal hoch – diesmal jedoch nur als Test, nicht mit voller Beladung.
Und tatsächlich: Kein Knacken, kein Bruch.
Alles hielt.

Ich war vorsichtig optimistisch, dass ich morgen endlich in einem Rutsch den Pass erklimmen kann – ohne erneut zurück ins Dorf rollen zu müssen.

Erleichterung, aber Misstrauen bleibt

Unten angekommen, wurde ich von der Familie des Mechanikers mit Tee und einer Portion Reis mit Eiversorgt. Eine schöne Geste nach diesem aufreibenden Tag.

Der Mechaniker selbst schlug mir dann noch vor, mich samt Fahrrad mit seinem Offroad-Jeep über den 4200 Meter hohen Pass zur nächsten Stadt zu bringen. Dafür verlangte er jedoch 135 Euro – ein Wucherpreis, vor allem wenn man bedenkt, dass ein tajikischer Lehrer im Monat gerade mal 100–200 Euro verdient.

Ich lehnte mehrfach dankend ab. Sein Auftreten machte ihn nicht sympathischer.

Enttäuschung über das Material

Nach diesem emotional und körperlich anstrengenden Tag fiel ich müde ins Bett. Doch die Gedanken ließen mich nicht los. Ich bin enttäuscht von der Firma Böttcher, die mir mit diesem Fahrrad Qualität und Langlebigkeit versprochen hatte – und die mich damit auch offiziell unterstützt. Aber:
• Zwei gebrochene Schaltaugen in Nordmazedonien,
Etliche Platten in der Türkei,
• Links und rechts gebrochene Aufnahmen für den Gepäckträger,
• Ein Riemen, der nach nur 8000 km ersetzt werden musste,
• Ein Rahmenschloss, bei dem die Schraubenköpfe schon beim ersten Öffnen durchdrehten,
• Und nun ein Rahmenbruch in 3200 Metern Höhe.

Das alles darf bei einem Abenteuerrad dieser Preisklasse nicht passieren.

Ich hoffe sehr, dass Böttcher in Anbetracht dieser Vorfälle kulant reagiert. Und dass das Fahrrad jetzt zumindest eine Weile durchhält – denn gerade in abgelegenen Regionen muss ich mich auf mein Material verlassen können.


Die Aussicht ins Tal beim Aufstieg in die Hochebene.


Rahmenbruch No. 1

Erneuter Bruch nach Schweißen 

Erneutes Schweißen. Jetzt hoffentlich mit längerer Lebensdauer

Tag 103

Frühaufsteher, heiße Quellen und steinige Wege

Am heutigen Morgen stand ich bereits um 5:40 Uhr auf. Ich wollte unbedingt noch ein weiteres Mal in die heißen Schwefelquellen von Bibi Fatima – ein Erlebnis, das ich nicht missen wollte. Der Wärter hatte mir am Vortag gesagt, dass die Quellen um 6:00 Uhr öffnen, also rechnete ich mir gute Chancen aus, wieder allein zu sein. Doch das stellte sich als Trugschluss heraus: Einige einheimische Frauen und Männer waren bereits da – scheinbar hatten sie dieselbe Idee.

Ich war nun also früh aufgestanden, hätte aber auch etwas länger schlafen können. Immerhin war ich heute mal im anderen Becken, das jedoch deutlich unspektakulärer war als das große Hauptbecken vom Vortag. Später, als der Frauenturnus beendet war, durfte ich wieder ins größere Bad wechseln.

Insgesamt gönnte ich mir heute drei Gänge ins heiße Wasser, jeweils unterbrochen von Pausen an der frischen Luft. Dort, auf 3200 Metern Höhe, ließ ich den Blick über das atemberaubende Pamir-Gebirge schweifen, während sich mein Körper nach jedem Bad langsam abkühlte. Es war ein Moment purer Ruhe – fast meditativ.

Mein Frühstück bereitete ich mir anschließend im Hostel aus eigenen Vorräten zu:
250 g Haferflocken, ein großer Joghurt, eine zerquetschte Banane, etwas Brot und ein Löffel Erdnussbutter – nahrhaft und ausgewogen. Mit dem Panorama der Berge vor mir packte ich dann meine Sachen und brach auf.

Heute führte mich mein Weg weiter durchs Wakhan Valley, Richtung der Hochebene. Doch die Bedingungen waren gnadenlos:
Die Wege waren so schlecht wie nirgendwo zuvor auf meiner gesamten Pamir-Strecke.
Große, lose Steine, endlose Waschbrettpisten, tiefer Sand – all das verlangsamte mein Vorankommen massiv. Es war schlichtweg unmöglich, schneller als 7 km/h zu fahren. Jeder Meter war ein Kampf.

Zu allem Überfluss kam von hinten auch noch eine Regenfront näher. Ich versuchte, ihr zu entkommen – doch „wegfahren“ war bei diesen Wegverhältnissen eher ein langsames Wegschleichen. Glücklicherweise schien sich die Wolkenfront hinter jedem neuen Bergrücken und jeder Kurve etwas zu verziehen. Der Wind wurde zwar kräftiger, doch ich hatte Glück:
Es blieb trocken – die dunklen Wolken zogen, begleitet von heftigen Böen, einfach an mir vorbei.

Nach mehreren Stunden voller Durchhaltevermögen, Konzentration und Muskelkraft kam ich schließlich in Langar an. Am Himmel wurde es immer dunkler, und ich wusste: Das ist das letzte Dorf vor dem langen Anstieg auf die Hochebene. Also entschloss ich mich, noch einmal in ein Hostel zu gehen – um morgen ausgeruht in den Anstieg zu starten.

Zum Abendessen wurde ich mit einem traditionellen Gericht namens Osh verwöhnt – einem würzigen Reisgericht mit Gemüse. Dazu gab es Linsensuppe, frisches Gemüse, süße Wassermelone, Brot und grünen Tee.
Ein wunderbarer Abschluss für diesen harten Tag. Danach fiel ich erschöpft, aber zufrieden ins Bett.

Am Morgen nochmal in die heiße Quelle Bibi Fatima. Ein wahrer Genuss.


Weiter entlang des Flusses nach Langar.

Neugierige Kinder auf der Straße 

Der Untergrund…

Emotionale Gespräche mit diesem netten Jungen.

Tag 102

Zwischen Schrauben, steilen Bergen und heißen Quellen

Am heutigen Morgen startete ich früh und konnte noch ein letztes Mal das leckere Frühstück mit frischem Brot und der herrlichen Marillenmarmelade genießen. Ich verabschiedete mich herzlich von der unglaublich netten Familie – es fiel mir fast ein wenig schwer, diesen Ort zu verlassen.

Die Fahrt ging weiter, doch die Wege wurden immer schlechter und zäher. Zu Beginn nieselte es noch leicht, doch nach zwei Stunden kam die Sonne heraus – und brannte gnadenlos auf über 2000 Metern Höhe.

Der Familie aus der letzten Unterkunft hatte ich empfohlen, die heißen Quellen von Bibi Fatima zu besuchen. Genau das hatte ich heute auch vor. Doch bevor ich überhaupt in die Nähe kam, passierte etwas Unerwartetes: Mein Antrieb blockierte plötzlich.

Ich bekam einen Schreck – was war denn jetzt schon wieder los? Beim Nachschauen sah ich, dass sich eine der Rahmenschloss-Schrauben gelockert hatte. Sie stand weit heraus. Offenbar hatte meine Fahrradtasche, durch die ständigen Erschütterungen, immer wieder gegen die Schraube gedrückt, bis sie sich allmählich herausarbeitete. Nun berührte sie das Ritzel und blockierte den Riemenantrieb.

Ich hatte leider keine Zange dabei, also klopfte ich beim nächstgelegenen Haus an. Der Mann dort half mir freundlich weiter – ich konnte die Schraube mit einer Zange wieder reindrehen, ohne gleich das ganze Rad auseinanderbauen zu müssen. Ich war erleichtert. Doch keine 2 km später: dasselbe Problem erneut.

Wieder hatte ich Glück: ich war zufällig neben einem weiteren Haus. Wieder fragte ich nach einer Zange. Ich erklärte dem Mann, dass das Problem vermutlich noch öfter auftreten würde – und ob er vielleicht eine alte Zange hätte, die er nicht mehr brauche. Er schenkte sie mir. Eine ältere, aber voll funktionsfähige Zange – ein Geschenk, das in dieser Situation Gold wert war.

Ich wusste: Jetzt musste ich eine dauerhafte Lösung finden. Mein Plan: im nächsten Dorf eine Metallsäge besorgen, um die Schrauben zu kürzen, damit die Fahrradtasche nicht mehr gegen sie schlagen konnte.

Unterwegs begegnete ich einem jungen Mann in meinem Alter, der meinte, er habe eine Säge. Ich sollte ihm einfach folgen. Doch da ich noch meine Taschen wieder anbringen musste, war er schnell außer Sichtweite. Im Dorf angekommen, fragte ich auf dem Marktplatz nach einer Säge. Man gab mir eine grobe Holzsäge – aber damit kam ich natürlich nicht weit.

Ein pfiffiger Junge beobachtete das Geschehen, verschwand kurz und kam dann mit einer kräftigen Zange mit langem Hebel zurück. Mit dieser Zange konnte ich die hervorstehenden Schrauben einfach abzwicken – so, dass sie nicht mehr störten, aber im Notfall noch mit einer Zange erreichbar waren.

Zur Sicherheit kaufte ich mir im kleinen Dorfladen noch flüssigen Metallkleber und trug etwas davon auf die Außengewinde auf. Das sollte die Schrauben zusätzlich fixieren.

Danach ging’s endlich weiter – ohne weitere Probleme. Was ich jedoch nicht bedacht hatte: Die letzten 8 km bis zur heißen Quelle führten über 500 Höhenmeter, verteilt auf einen steil, sandig und steinigen Weg. Aber ich hatte mir das Ziel schon so sehr in den Kopf gesetzt, dass es für mich keine Option war, umzudrehen. Es war anstrengend und schweißtreibend – aber jeder Meter war fahrbar, wenn auch zäh.

Oben angekommen, checkte ich in einem Hostel ein und machte mich auf den Weg zur heißen Quelle. Dort hatte ich Glück: Obwohl eigentlich gerade die Zeit für Frauenbaden war, durfte ich allein in das Hauptbecken, da keine Frauen anwesend waren. Männer und Frauen wechseln sich dort alle paar Stunden ab, um in den getrennten Becken zu baden.

Das 40°C warme Wasser, das aus der Felswand sprudelte, war wunderbar, aber ich musste auf meinen Kreislauf aufpassen – nach dem anstrengenden Tag war mein Körper bereits ziemlich am Limit. Ich saß dort, umgeben von Moos, Schwefelablagerungen und den rauen Felsen – ein faszinierender Ort. Anschließend kühlte ich mich draußen ab, mit Blick auf die Berglandschaft auf über 3200 Metern Höhe. Es tat unbeschreiblich gut.

Am Abend lernte ich beim Abendessen im Hostel Ali kennen. Er war bereits seit fünf Tagen hier – um sich, wie er sagte, von seinem Alltagsstress zu heilen. Ali kommt aus Mumbai, lebt aber derzeit mit seiner tajikischen Frau in Duschanbe.

Wir redeten lange. Über Indien – das für mich noch ein weißer Fleck auf der Karte ist –, über seine Reisen und meine Tour. Ali arbeitet seit sieben Jahren in Qatar für ein Subunternehmen der FIFA und war unter anderem an der Organisation der Fußball-WM beteiligt. Auch wenn unsere Wege grundverschieden sind, fanden wir erstaunlich viele gemeinsame Gedanken.

Zum Abendessen gab er mir sogar noch etwas von seinem eigenen Essen ab – obwohl mein Teller schon gut gefüllt war. Eine schöne Geste, die ich sehr wertschätzte.

Nach diesen Gesprächen, die mir im Kopf noch lange nachklangen, erledigte ich meine Abendroutine – und fiel müde, aber zufrieden ins Bett.


Bergaussicht.


Der Blick in den Rückspiegel.

Jetzt heißt es 550 Höhenmeter in 9 km hoch zum nächsten Spot.

Da ist schon Bibi Fatima. Ich kann es gar nicht erwarten. 

Da ist auch schon die unglaublich schöne heiße Quelle. Mit 41 Grad ist sie schon sehr heiß, aber genießbar.

Tag 101

Zwischen Grenzfluss, Schraubendrama und Marillenmarmelade

Am Morgen wurde ich von der aufgehenden Sonne geweckt. Endlich nahm ich mir die Zeit für ein ausgewogenes Frühstück: die Nudeln vom Vortag, die ich nicht mehr geschafft hatte, und ein Porridge mit einer völlig zerquetschten Banane – die überleben in meinen Fahrradtaschen ohnehin selten lange. Durch das unebene Gelände werden sie meist noch schneller zu Bananenmatsch.

Nach dem Frühstück baute ich mein Zelt ab und packte meine Taschen. Plötzlich tauchten zwei tadschikische Soldaten auf. Sie erklärten mir freundlich, dass das Zelten am Grenzfluss zu Afghanistan nicht erlaubt sei. Ich nahm es gelassen – sie waren interessiert an meinem Equipment, wirkten aufgeschlossen und waren in meinem Alter. Die Begegnung war eher nett als beunruhigend.

In der nächsten kleinen Stadt hatte ich dann wieder Internetempfang. Das war wichtig, denn ich hatte am Antriebsriemen meines Fahrrads bereits tiefe Risse an den Zähnen entdeckt. Ich schrieb meinem Mechaniker, ob ich noch ein paar Kilometer weiterfahren könne oder ob ein sofortiger Wechsel nötig sei.

Die Antwort war eindeutig:

Unbedingt sofort wechseln! Wenn dir beim Bergauffahren ein Zahn abbricht, können gleich mehrere folgen – du trittst dann ins Leere und riskierst einen schweren Sturz.“

Also suchte ich per iOverlander-App nach einer Werkstatt im Dorf – und fand tatsächlich eine. Dort angekommen, baute ich mein Hinterrad aus und wollte das Rahmenschloss öffnen, um den Riemen herauszubekommen. Das ist notwendig, da es sich um einen geschlossenen Riemen handelt, der nur durch Öffnen des Rahmens entnommen werden kann – anders als bei einer Kette mit Kettenschloss.

Doch da war wieder dieses alte Problem: die billigen Schraubenköpfe des Rahmenschlosses. Ich hatte es schon einmal in Kroatien versucht und damals festgestellt, dass die Schrauben beim kleinsten Drehversuch durchdrehen. Diesen Ärger hatte ich offenbar erfolgreich verdrängt – bis jetzt.

Ich kontaktierte erst mal wieder meinen Mechaniker, bevor ich irgendwelche riskanten Schritte ging. Nach etwas Recherche kamen wir zu dem Entschluss: Die einzige Chance besteht darin, die Schraubenköpfe anzuschweißen, um einen Hebel ansetzen zu können.

Als ich dem örtlichen Mechaniker in der Werkstatt diese Idee erklärte, war er zunächst nicht begeistert. Nebenbei war er gerade damit beschäftigt, Autoreifen zu flicken – ein echter „Mechaniker für alles“. Plötzlich war er verschwunden, und der Chef der Werkstatt tauchte auf. Er forderte mich auf, mein Fahrrad draußen zu lassen und meine Taschen in die Werkstatt zu bringen. Zwei ältere Herren sollten darauf aufpassen.

Mit einem mulmigen Gefühl ließ ich mein Rad zurück und folgte dem Chef zu ihm nach Hause, wo er mir prompt Mittagessen anbot – begleitet von laut laufendem russischem Propagandafernsehen. Während er entspannt aß, wuchs meine innere Unruhe. Ich hatte keine Ahnung, wann oder ob ich überhaupt an diesem Tag weiterfahren konnte.

Nach dem Essen gingen wir endlich zurück. Mein Rad stand noch da, die beiden alten Männer ebenfalls. Kurz darauf kam ein Mann mit einem schwarzen Jeep vorbei – der „Meister“, wie ihn alle nannten. Offenbar der Mann, den man ruft, wenn sonst niemand mehr weiterweiß. Gemeinsam fuhren wir mit meinem Rad zu seiner Werkstatt.

Dort versuchten wir zuerst, die Schrauben mit WD-40 zu lösen – ohne Erfolg. Als nächstes wollten wir Schlitze in die Schraubenköpfe schlagen, um sie mit einem flachen Schraubenzieher öffnen zu können. Auch das funktionierte nicht. Schließlich blieb nur noch Plan C: die Köpfe vorsichtig anschweißen. Damit konnten wir immerhin zwei Schrauben erfolgreich entfernen. Die anderen beiden jedoch brachen ab.

Immerhin: Nun ließ sich das Rahmenschloss entfernen, und da ich zum Glück ein Ersatz-Schloss dabeihatte, konnte ich dieses einfach einsetzen. Ich erinnerte mich an zwei ähnliche Dramen mit Schaltaugen in Nordmazedonien – diesmal war ich vorbereitet.

Ich baute den neuen Riemen ein, verstaute alles wieder und verabschiedete mich von den Kindern, die mir beim Zusammenbauen zuschauten. Als ich dem Meister für seine Hilfe danken wollte, forderte er plötzlich 3000 Somoni – umgerechnet etwa 266 Euro für eine Stunde Arbeit.

Ich war völlig baff. Natürlich machte ich ihm klar, dass das absurd ist. Entweder hatte er sich mächtig verrechnet – oder wollte mich übers Ohr hauen. Ich gab ihm stattdessen 100 Somoni (ca. 9 Euro) – immer noch großzügig für lokale Verhältnisse – und fuhr mit leichtem Kopfweh vor lauter Stress weiter. Ich wollte den neuen Riemen noch “feierlich einweihen”.

Nach ein paar Kilometern kam ich an einem Gästehaus vorbei. Der Gastgeber war unglaublich freundlich, zeigte mir gleich mein Zimmer und erklärte, dass Abendessen und Frühstück kostenlos seien. Ich war sprachlos – er wollte mich einfach nur unterstützen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.

Nach einer kurzen Dusche gab es ein wunderbares Abendessen: Kartoffeln, selbst gemachte Nudeln, frisches Brot – und Marillenmarmelade. Das war das Highlight des Tages. Ich hatte auf der ganzen Reise noch nie Marmelade bekommen – und diese war einfach unglaublich gut.

Ich saß da, mit Brot in der einen und Marmelade in der anderen Hand, und lächelte einfach nur still vor mich hin. Manchmal sind es die kleinsten Dinge, die am meisten Glück bringen.

Am Abend fiel ich todmüde, aber dankbar in mein Bett.

Selbstgemalte Straßenschilder für den Waschbrettuntergrund 


Eine ganze Stadt voller Mausoleen und Gräber

Eingeladen zum Essen mit russischem Propagandafernsehen 

Nächstes Problem kündigt sich an. Diesmal Riemen und Rahmenschloss.  

Aufgrund von minderwertigen Schrauben, die direkt durchdrehten, mussten wir die Schraubenköpfe mit einem L Winkel anschweißen und somit herausdrehen.

Tag 100

Ein halber Pausentag und 50 Kilometer später

Eigentlich hatte ich mir für heute einen Ruhetag vorgenommen. Doch wie so oft auf dieser Reise kam es anders.

Bereits um 5:00 Uhr morgens war ich wach und machte mich auf den Weg zu den heißen Quellen – in der Hoffnung, dort für einen Moment allein sein zu können. Diese Hoffnung wurde schnell enttäuscht: Zwei ältere Herren saßen bereits entspannt im warmen Wasser. Zum Glück blieben sie nicht allzu lange.

Die nächste Stunde genoss ich dann ganz in Ruhe. Das Wasser war wohlig warm, der Dampf stieg sanft auf, und ich blieb so lange, bis meine Haut sich in schrumpelige Waschfrauenhände verwandelte. Es war ein wunderschöner, fast meditativer Start in den Tag.

Anschließend ging ich zum Frühstück in die Cafeteria des Hotels. Alles dort war ziemlich heruntergekommen, und außer mir waren kaum Gäste da. Trotzdem aß ich etwas, bevor ich mich auf einen kleinen Spaziergang durch das Dorf machte.

Ich wanderte ein Stück den Hang hinauf, folgte einem Pfad, der schließlich endete – und legte mich in den Schatten eines großen Steins. Dort lag ich eine Weile, ließ den Blick schweifen und genoss einfach nur den Moment und die Stille.

Zurück in der Unterkunft aß ich noch eine Kleinigkeit und entspannte ein bisschen. Doch das sonnige, angenehme Wetter ließ mich schließlich umdenken: Ich entschloss mich, doch noch weiterzufahren. Zu schön war der Tag, um ihn komplett verstreichen zu lassen.

Also packte ich meine Sachen und machte mich wieder auf den Weg – natürlich über die üblichen holprigen Straßen, die hier längst zur Gewohnheit geworden sind.

Nach 50 Kilometern fand ich schließlich einen wunderschönen Schlafplatz: gut von der Straße geschützt, direkt am Grenzfluss, der Tadschikistan und Afghanistan trennt. Ich baute mein Zelt auf, kochte mir Nudeln, filterte frisches Wasser aus dem Fluss – mein Vorrat war aufgebraucht – und kuschelte mich dann in meinen Schlafsack.

Das gleichmäßige Rauschen des Flusses begleitete mich sanft in den Schlaf.


Die heiße Schwefelquelle Garma Chasma


Das Sprudeln der Quellen ist so sehr beruhigend

Ein bisschen Grün mit den hohen Pamir Bergen im Hintergrund 

Schlafplatz direkt am Grenzfluss zu Afghanistan 

Aussicht von der anderen Seite in die Berge 

Tag 99

Vom Regen in die Quelle – ein Tag zwischen Kälte, Schlamm und heißem Wasser

In der Nacht hatte es leicht geregnet – zum Glück nicht zu stark. Mein Zelt stand auf einer kleinen Grünfläche, eingeschlossen zwischen zwei Bächen. Wären diese durch zu viel Regen angestiegen, hätte ich im Nassen gelegen. Doch der Morgen zeigte Entwarnung: Alles sah aus wie am Vortag.

Ich wartete bis etwa 9:00 Uhr, ehe ich losfuhr – ich wollte nicht direkt in den Tag mit Regen und Kälte starten. Auf über 2000 Metern Höhe kann selbst leichter Regen sehr unangenehm werden.

Auch heute ging es wieder über holprige, steinige Wege. Nach 65 Kilometern erreichte ich die Stadt Khorugh. Da ich aber noch relativ gut in der Zeit war, entschied ich mich, weiterzufahren, statt dort in einer Unterkunft einzukehren. Ich deckte mich noch mit ausreichend Lebensmitteln ein – denn für die nächsten Kilometer würde es wieder nur vereinzelte kleine Läden geben, meist mit einem sehr begrenzten Angebot.

Etwa 15 Kilometer vor meinem Tagesziel begann es dann kräftig zu regnen. Ich konnte gerade noch rechtzeitig meine Regenkleidung anziehen – zum Glück war ich vorbereitet. Dennoch wurde das Fahren auf den nun sandigen, aufgeweichten Wegen deutlich anstrengender.

Der Regen raubte mir Energie – aber immerhin war es nicht ganz so kalt wie bei anderen Regentagen.

Kurz vor einem steilen Anstieg wurde ich an einem weiteren Militärcheckpoint angehalten. Die Polizisten dort warnten mich: Der Anstieg sei bei dem Wetter gefährlich, matschig und anstrengend.
Doch ich hatte bereits 95 Kilometer in den Beinen – 10 davon im Regen – und wollte unbedingt noch bis zu meinem Tagesziel Garma Chashma kommen. Ich sammelte meine restliche Motivation zusammen und trat weiter in die Pedale.

Die nächsten 6 Kilometer hatten es in sich: 350 Höhenmeter, rutschige, steile Wege, Wasser, das sich seinen Weg talwärts suchte – es fühlte sich an, als würde ich gegen einen Bach hochtreten.Der Schlamm spritzte, die Reifen rutschten, und jeder Meter forderte mich heraus.

Doch dann, durchnässt und durchgefroren, kam ich endlich an:
Garma Chashma, bekannt für seine heißen Quellen – und genau das, was ich jetzt brauchte.

Ich checkte gegenüber in ein altes sowjetisches Hotel ein, das schon bessere Zeiten gesehen hatte, zog mich schnell um und ging sofort zur Quelle. Die heiße Quelle ist frei zugänglich, Tag und Nacht. Das 40° warme Wasser umspülte meinen ausgekühlten Körper, während das 60° heiße Zuflusswasser zwischen den Felsen hervorsprudelte.

Ich war fast allein – nur ein paar Einheimische genossen ebenfalls die wohltuende Wärme. Für mich war es ein Moment purer Erholung nach einem der härtesten Tage der Tour.

Wieder zurück im Hotel wollte ich mir noch schnell etwas kochen. Mein Benzinkocher war im Zimmer nicht erlaubt – aber die beiden Hotelmitarbeiter an der Rezeption boten mir kurzerhand einen Elektroherd mit Pfanne an. Zwar dauerte es gefühlt ewig, bis das Wasser heiß genug war, aber irgendwann waren die Nudeln fertig – und ich konnte endlich mein wohlverdientes, kohlenhydratreiches Essen genießen.

Kurz danach fiel ich einfach nur noch todmüde, aber zufrieden in mein weiches Bett.

Die dramatischen Regenwolken hängen in den Bergen 


Mittagspause in Khorog

Hoch auf den Berg zum nächsten Stop 

Heiße Schwefelquelle Garma Chasma  

Nach 350 HM und 6 km Aufstieg im Dauerregen bei 5 Grad war die heiße Quelle das Wohltuenste

Tag 98

Ein harter Tag auf holprigen Wegen – mit Tee, Reis und einem eiskalten Bad

Auch heute startete ich zügig in den Tag – wie immer mit meiner bewährten Morgenroutine. Ich wollte jede Stunde ausnutzen, um gut voranzukommen. Die gute Nachricht: Es gab heute keine Baustellenmehr. Die schlechte: Die Straße war trotzdem kaum befahrbar. Der alte Asphalt war völlig aufgebrochen – reine Holperpiste.

Schon nach wenigen Kilometern ging mir dieser anspruchsvolle, mit großen Steinen übersäte Weg gehörig auf die Nerven. Man konnte nur im Schneckentempo fahren, musste ständig bremsen, ausweichen, ausbalancieren.

Zum ersten Mal seit Langem merkte ich: Meine Zündschnur war kurz.
Die Kinder und Leute am Wegesrand, die mich sonst meist erfreuten oder inspirierten, zogen heute eher Energie. Ich fühlte mich schnell gereizt – ein deutliches Zeichen für Erschöpfung.

Ein paar Kilometer solch einer Strecke sind okay – aber über 70 Kilometer mit Steigung, brennender Mittagssonne und Helm auf dem Kopf, das ist eine echte mentale Prüfung. Ich brütete förmlich unter meinem Helm.

Erst als ich in Rushon ankam, wurde die Straße schlagartig besser. Die letzten 5 Kilometer zu meinem zuvor recherchierten Schlafplatz waren daher zum Glück entspannter zu fahren. Doch dann – kurz vor dem Ziel – wieder ein Militärcheckpoint.

Wie so oft wurde mein Pass und das GBAO-Permit kontrolliert. Doch diesmal folgte eine kleine, herzliche Überraschung: Der Beamte winkte mich nach der Kontrolle in seine Hütte – und stellte mir eine riesige Schüssel Reis sowie heißen Tee auf den Tisch.

Ich war überwältigt.
Nach diesem Tag, an dem mir alles zu viel war, tat dieses Essen unglaublich gut – nicht nur körperlich, sondern auch emotional. Ich musste mir am Zeltplatz kein Essen mehr machen und konnte einfach nur genießen.

Etwa einen Kilometer hinter dem Checkpoint führte ein kleiner Weg ins Grüne, vorbei an einigen kleinen Seen. Doch plötzlich: Der Weg war überschwemmt von mehreren kleinen Gebirgsbächen.

Ich dachte mir: „Da wird heute wohl keiner mehr hinkommen – perfekt für einen ruhigen Zeltplatz.“
Also kämpfte ich mich durch das Wasser, balancierte mein Rad durch die flachen Bachläufe und erreichte schließlich meinen Schlafplatz.

Was ich dort entdeckte, war fast surreal:
Direkt hinter meinem Zelt befand sich ein altes Schwimmbecken aus Sowjetzeiten, gefüllt mit kristallklarem Bergwasser. Ich konnte nicht widerstehen – ich nahm ein Bad.

Das Wasser war eiskalt, aber herrlich erfrischend. Ich ging immer nur für ein paar Sekunden rein, wusch mich schnell ab und stieg wieder raus, um nicht völlig auszukühlen. Danach wieder rein, kurz waschen, wieder raus. So ging das ein paar Mal – eine kleine Zeremonie zwischen Schockfrostung und Reinigung.

Da ich schon gegessen hatte, konnte ich direkt in meine Abendroutine starten: Stretchen, Zähneputzen, Tagesreflexion.
Es war gerade mal 19:30 Uhr – ich war erstaunlich gut in der Zeit.

Um 20:00 Uhr hatte ich noch ein geplantes Telefonat mit der Redakteurin vom Darmstädter Echo, die alle zwei Wochen einen Bericht über meine Reise veröffentlicht.

Danach legte ich mich früh schlafen – erschöpft, aber zufrieden. Der Tag hatte mich gefordert, aber auch reichlich belohnt.


Blick auf die äußerst grüne Afghanische Seite des Flusses.

Gleichaltrigen Engländer getroffen und wir haben uns auf halber Strecke im Pamir getroffen. Er fährt nach England und kommt aus Singapur. Bei mir geht es nur anders herum. 

Das nenne ich mal Berge.

Beim Militärcheckpoint wurde ich mit reichlich Essen und Tee versorgt. Wie im Restaurant, nur besser. 

Schlafplatz neben alten Sowjetschwimmbad mitten in der Natur neben Bächen übernachtet.

Tag 97

Von Darvoz bis ans Ende der Großbaustelle – ein Tag voller Kontraste

Die Sonne schien durch mein Fenster und weckte mich sanft – Zeit zum Aufstehen, Frühstücken und Sachen packen. Als ich im Hostel Roma in Darvoz auschecken wollte, kam es allerdings zu einer unschönen Überraschung: Ich war mir sicher, dass mir der Preis von 200 Somoni (ca. 17 €) für zwei Nächte mit Frühstück und Abendessen genannt worden war. Da ich aus Erfahrung auf meiner Reise gelernt habe, Missverständnisse im Voraus zu vermeiden, frage ich in solchen Situationen meist zweimal nach.

Doch nun hieß es plötzlich: 200 Somoni – pro Nacht.
Nach einer kurzen, sachlichen Diskussion einigten wir uns auf einen Mittelwert. Niemand wusste mehr genau, wo das Missverständnis entstanden war. Ein bisschen Frust schwang dennoch mit – nicht zuletzt, weil ich im Zimmer eine Kakerlake an der Decke entdeckt hatte. Gerade in tropischen Ländern können diese Tiere Krankheiten übertragen. Auch das WLAN war meist instabil.

Trotzdem: Das Essen war lecker, die Betten bequem und die Gastgeber freundlich. Unter dem Strich würde ich das Hostel weiterempfehlen – in Darvoz gibt es ohnehin kaum bessere Optionen.

Dann ging’s endlich los – auf Asphalt!
Nach Tagen auf Schotter und Schlaglochpisten war es ein Hochgefühl, endlich wieder flüssig und ruhig rollen zu können. Leider währte die Freude nur etwa 10 Kilometer, denn der folgende Tunnel war wegen Bauarbeiten gesperrt. Also musste ich einen Umweg über eine ruppige Piste nehmen – zurück auf Stein und Staub.

Die Straße wechselte ab jetzt ständig zwischen guten Asphaltabschnitten und völlig zerfahrenem Gelände. Nach 30 Kilometern begann dann das berüchtigte Baustellenstück des Pamir Highways – rund 70 Kilometer, auf denen die Straße seit Jahren großflächig ausgebaut wird.

Anfangs war der frische Asphalt ein Traum. Doch schon nach einigen Kilometern wechselte die Strecke zu unbefestigten Teilstücken. Auf einer Fahrbahnseite wurde frischer Teer verteilt, während die andere voller Staub, Dreck und Baumaschinen war.

Einige Kilometer weiter: Stau.
Ein riesiger Felsbrocken blockierte die Fahrbahn. Arbeiter versuchten mit Presslufthämmern, ihn zu zerschlagen. Der Verkehr zwängte sich mit knapper Not zwischen Geröllhalden und dem Abgrund zum Fluss vorbei – und ich mittendrin auf meinem Rad. Der Staub wurde jetzt zur echten Herausforderung.

Jeder vorbeifahrende LKW hüllte mich in eine dichte Wolke aus Sand und Dreck. Ich versuchte immer wieder, die Luft anzuhalten oder einen klaren Luftzug zu erwischen – nicht einfach bei dieser Dauerbelastung.

Dann traf ich auf Theo aus England – 19 Jahre alt, genau wie ich. Er hatte seine Radreise in Singapur begonnen und wollte zurück nach Großbritannien – also exakt entgegengesetzt zu meiner Route. Es war faszinierend und irgendwie witzig, sich mitten in dieser staubigen Hölle auf halber Strecke zu begegnen, beide mit der gleichen Leidenschaft, aber ganz unterschiedlicher Richtung.

Am Ende der Großbaustelle suchte ich mir auf der App iOverlander eine Unterkunft über einem kleinen Supermarkt aus. Ich kaufte noch ein paar Lebensmittel ein und fragte nach einem Zimmer. Der junge Mann an der Rezeption – kaum älter als ich – wollte dafür allen Ernstes 25 € haben. Für eine einfache Unterkunft, ohne besonderen Komfort, war das zu viel.

Ich sagte ihm klar: „Entweder 9 Euro – oder ich schlafe gegenüber im Zelt.
Er merkte schnell, dass ich kein „reicher Tourist“ bin, der jeden Preis schluckt, nur weil er westlich aussieht. Am Ende nahm er mein Angebot an – 100 Somoni sind für ihn schließlich auch viel Geld, vor allem in einer Gegend, wo selten Gäste vorbeikommen.

Fazit: In Tadschikistan sollte man bei Unterkünften immer verhandeln. Oft ist der „Touristenaufschlag“ der erste Preis, den man hört. Ein Drittel weniger – oder mindestens die Hälfte – ist meist realistisch.

Ich machte mir auf meinem Kocher noch eine Portion Nudeln, legte mich in das einfache Bett und schlief erschöpft ein. Ein weiterer intensiver Tag auf dem Pamir Highway ging zu Ende.

Endlich mal wieder für ein paar Kilometer Asphalt.


Mittagspause vom Feinsten mit Zucker, Zucker und  ja natürlich, nochmals Zucker. 

Vorbei an interessanten Felsformationen mit vielen Löchern.

Die Decken der Mausoleen sind reich beschmückt 

Nach dem vielen laufen in der Stadt ist eine Stärkung wichtig

Um 21:00 Uhr abends ist hier eine wirklich fantastische Projektionsshow. Dort wird die Geschichte der Seidenstraße, der Entstehung Usbekistans, der Entstehung der Menschheit und der Entstehung der Kontinente visuell aufbereitet. 

Die beleuchteten Mausoleen sind bei Nacht fast genauso schön, wie bei Tag.

Tag 96

Ein wohlverdienter Ruhetag in Kalaikhum

Heute ließ ich den Morgen ruhig angehen. Ich hatte mir fest vorgenommen, einen Ruhetag einzulegen – die letzten Etappen auf dem Pamir Highway hatten es wirklich in sich.

Natürlich ist „Pause“ relativ. Auch an einem Ruhetag gibt es einiges zu tun: Ich überarbeitete die Texte für meine Website und wollte diese mit passenden Bildern ergänzen. Leider reichte der Internetempfang nicht aus, um die Inhalte auch hochzuladen.

Stattdessen konzentrierte ich mich auf die Produktion meiner Kurzvideos für Social Media. Insgesamt schnitt, vertonte und untertitelte ich sechs neue Clips – ein echter Kraftakt, besonders bei der langsamen Internetverbindung, die den Prozess noch zusätzlich verzögerte.

Am Mittag machte ich einen kurzen Abstecher in den Supermarkt und kaufte Haferflocken und Obst. Daraus zauberte ich mir ein leckeres Müsli – das Frühstück, das ich sonst täglich esse, wenn ich nicht gerade auf Radreise bin. Der Geschmack rief direkt Erinnerungen an mein Leben vor der Reise wach.

Später am Tag nahm ich mir noch die Zeit, mein Fahrrad zu putzen, und spazierte erneut zum Fluss, der Tadschikistan von Afghanistan trennt. Immer wieder beeindruckte mich, wie nah und doch wie verschieden diese zwei Welten sind – getrennt nur durch das Wasser.

Beim Abendessen im Hostel traf ich zwei weitere Touristen – ebenfalls aus Deutschland. Sie hatten sich in Osh ein Auto gemietet und erkundeten den Pamir Highway auf vier Rädern in 20 Tagen. Natürlich deutlich schneller als ich mit dem Fahrrad, aber dennoch waren sie neugierig auf meine Erlebnisse. Wir unterhielten uns lange über unsere Eindrücke, Routen und Begegnungen.

Bevor ich schlafen ging, widmete ich mich noch dem Hochladen und Planen meiner Videos. Da ich wusste, dass ich in den nächsten Tagen nur sehr selten Empfang haben würde, wollte ich alles vorbereiten. So werden die Videos automatisch zu festgelegten Zeiten veröffentlicht – ohne Stress, ganz entspannt.


Die Grenze ist militärisch gut überwacht.

Seit langem mal wieder ein frisches Müsli mit allen Früchten, die ich kriegen konnte, gegessen.

Das erste Mal ein Blick auf Afghanistan aus nächster Nähe 

Tag 95

Aufstieg, Begegnungen und ein Ruhetag in Kalaikhum

Am Morgen wurde ich mal wieder von den Vögeln und den ersten Sonnenstrahlen geweckt. Ein weiterer schöner Tag kündigte sich an. Da ich mich mit meinen Essensvorräten ein wenig verkalkuliert hatte, bestand mein Frühstück heute nur aus ein paar Keksen. Nicht gerade die beste Energiequelle für einen anstrengenden Tag – aber es musste bis zum nächsten Supermarkt reichen.

Der Weg von meinem Schlafplatz führte steil nach oben. Meter für Meter schlängelte sich der Pfad in die Höhe. Auf der Karte waren Dörfer eingezeichnet, doch keiner davon hatte einen Markt. Also hieß es: Keksreserven haushalten. Wasser konnte ich immerhin problemlos aus den klaren Gebirgsbächen trinken.

Nach etwa zehn Kilometern und 550 Höhenmetern legte ich eine Pause in einem kleinen Häuschen ein. Von hier aus hatte ich einen grandiosen Blick auf die schneebedeckten Berge auf 2700 Metern. Bald gesellte sich ein älterer Mann zu mir, der versuchte, ein bisschen mit mir zu kommunizieren. Leider klappte das nur mäßig – und da oben funktionierte Google Translate auch nicht, weil der Empfang zu schlecht war.

Die Sonne brannte in dieser Höhe schon stark, also kremte ich mich noch einmal gründlich ein. Dann standen noch rund acht Kilometer und etwa 600 Höhenmeter bis zur Passhöhe an. Der Weg wurde zunehmend schlechter: matschig und steil, gesäumt von immer mehr Gletschern und Schneefeldern, die unter der Sonne schmolzen und den Boden aufweichten.

Nach vier Stunden voller Anstrengung, Schweiß und Staub erreichte ich die Passhöhe auf 3252 Metern. Ein kalter Wind blies dort oben, also zog ich sofort meine Jacke an. Hirten weideten mit ihren Schaf-, Ziegen- und Kuhherden in der Nähe, doch ansonsten war es still. Ich machte Pause und knabberte weiter an meinen Keksen. Mein Magen begann langsam zu knurren – ich wusste, ich brauchte bald etwas Energiereicheres, doch das musste noch warten.

Vor mir lagen noch 37 Kilometer bis zur Stadt Kalaikhum. Obwohl es fast nur bergab ging, brauchte ich dafür knapp vier Stunden. Die Wege waren so anspruchsvoll und steinig, dass ich kaum schneller als 5 km/h fahren konnte. Das zog sich wie Kaugummi.

Mitten auf dem Weg kam mir eine riesige Schaf- und Ziegenherde entgegen. Die Hirten waren mit Eseln unterwegs, die Vorräte und Gepäck trugen. Dieses Bild, auf über 2000 Metern inmitten der atemberaubenden Berglandschaft, werde ich noch lange in Erinnerung behalten.

Kurz darauf erreichte ich einen Imker mit vielen Bienenstöcken. Er bot mir Tee und Fladenbrot mit Honig an – eine willkommene Pause in der brütenden Sonne. Während er ein kleines Hütchen für die kommende Saison präparierte, plauderten wir ein wenig. So konnte ich meinen Hunger mit etwas Honig stillen und mich stärken.

Die letzten zehn Kilometer bis nach Kalaikhum gingen dann wirklich bergab. 10 Kilometer vor der Stadt kontrollierte ein Militärposten meinen Pass. Zum Glück waren die letzten fünf Kilometer zur Stadt geteert – die legte ich in nur zehn Minuten zurück. In den Bergen hatte ich für fünf Kilometer oft die dreifache Zeit gebraucht.

In der kleinen Stadt wurde ich direkt bei der Suche nach einer Unterkunft von einem Hostelbetreiber abgefangen, der wohl die Ankunftszeiten von Radfahrern kannte. Für 17 Euro bekam ich ein gemütliches Zimmer für zwei Tage, inklusive Frühstück und Abendessen. Morgen gönne ich mir einen Ruhetag.

Nach einer erfrischenden Dusche erkundete ich den kleinen Ort. Der Pyandzh-Fluss trennt Tadschikistan hier von Afghanistan – die Menschen dort waren kaum hundert Meter entfernt, auf der anderen Flussseite. Das war surreal: Zwei Länder, so unterschiedlich und doch nur durch einen schmalen Fluss getrennt.

Was mich jedoch sehr erschreckte: Mehrere Frauen warfen während ich die Aussicht genoss, Müll direkt in den Fluss. Ich konnte kaum fassen, wie wenig hier auf die Natur geachtet wird. Ob es eine Müllabfuhr gibt, weiß ich nicht. In vielen Dörfern verbrennt man den Müll – was dann einen beißenden Rauch über die Siedlungen legt. Beides ist keine gute Lösung.

Beim Aufstieg auf über 3000m solch eine Aussicht bei sehr steilen Wegen genießen.

Vorbei an Gletschern auf den Weg nach ganz oben. 

Am Gipfel bei 3252,8m angekommen.

Wenn ich sehe, was im Pamir noch so kommt, ist dieser Gipfel eher klein.

Schönste Natur und grauselige Wege den Berg runter


Auch bei der Abfahrt sehe ich noch mehr Gletscher im satten Grün der Berge.

Gigantische Felsen, die sich vor mir auftuen.

Ich wurde vom Imker auf Honigbrote und warmen Tee eingeladen. Das kam mir gelegen, da mein Trink und Essensvorrat zu Neige ging.

Tag 94

Englischunterricht im Pamir, ein Bach voller Stolperfallen und ein Schlafplatz mit Gewitterblick

Heute wachte ich schon früh um 5:30 Uhr auf – kein Wunder, denn ich war am Vorabend recht zeitig ins Bett gegangen und fühlte mich nun ausgeruht. Ich aß ein schnelles Frühstück aus Brot mit Erdnussbutter, dehnte mich ein wenig und wartete auf die ersten Sonnenstrahlen, die langsam in das kühle Tal hinabstiegen. Auf 1300 Metern Höhe war es nachts recht frisch gewesen, und auch am Morgen brauchte ich noch meine Daunenjacke. Erst nach etwa 20 Minuten Fahrt wurde mir warm genug, um wieder in kurzer Kleidung weiterzufahren.

Der Weg war am Morgen angenehm eben, was mir gutes Vorankommen ermöglichte. Dennoch blieben die großen Steine und der lockere Schotter eine ständige Herausforderung – für mich und mein Rad. Nach einiger Zeit kam ich an einem kleinen Supermarkt vorbei und legte eine kurze Pause ein, bevor es weiter in die Berge ging.

Am Mittag erreichte ich einen Polizeiposten. Dort fragte ich, ob ich durch mein GBAO Permit – die Genehmigung für Reisen im Pamir – automatisch bei der Polizei registriert sei oder ob ich das noch erledigen müsse. Da der Beamte kein Englisch sprach, rief er kurzerhand einen Englischlehrer aus dem Dorf an, der als Übersetzer einsprang. Dieser bestätigte mir, dass ich registriert sei und keine Probleme bei der Ausreise zu befürchten habe – eine Erleichterung, denn am Vortag hatten mir andere Radreisende von Strafzahlungen berichtet, wenn man das versäumt.

Der Lehrer, Muhammad, lud mich anschließend spontan zu einem Mittagessen ein. Wir überquerten eine Brücke und gelangten ins Dorf Tavildara, wo ich auf seine Empfehlung hin das traditionelle Gericht Osh probierte – ein würziger Teller aus Reis, Gemüse und etwas Fleisch, begleitet von Tee und Fladenbrot. Es schmeckte hervorragend. Während des Essens unterhielten wir uns lange über die tajikische Kultur, seine Arbeit und das Leben im Dorf.

Ich fragte ihn, ob er für meine Dokumentation ein Interview geben würde – und er sagte sofort zu. Also führte er mich in einen kleinen Klassenraum, den er selbst angemietet hatte. Er arbeitet nämlich privat als Englischlehrer, da er damit deutlich besser verdient als in einer staatlichen Schule – rund 400 bis 500 US-Dollar im Monat statt der üblichen 100 bis 200.

Doch bevor das Interview starten konnte, trudelten nach und nach immer mehr Schüler ein – und plötzlich hieß es: „Heute machst du den Unterricht.“ Also saß ich da, wurde von den Kindern und Jugendlichen mit Fragen durchlöchert und stellte auch selbst einige. Es war ein lebendiger, herzlicher Unterricht, bei dem Englisch sprechen und Verstehen im Vordergrund stand. Muhammad konnte sich derweil entspannt zurücklehnen und mir zusehen. Obwohl ich gar nicht so lange Pause machen wollte, war diese unerwartete Unterrichtsstunde eine sehr bereichernde Erfahrung.

Nach dem Unterricht führten wir dann das Interview, bevor ich mich wieder auf den Sattel schwang. Der Weg wurde nun wieder steiler. Plötzlich musste ich einen Bach überqueren – doch es war nicht nur ein kleiner Bach, sondern ein breiter Strom, trüb und schlammig. Ich konnte den Grund nicht sehen und musste besonders vorsichtig sein, denn direkt daneben ging es steil bergab. Natürlich blieb ich mitten im Bach hängen, doch dank einiger höherer Steine bekam ich immerhin keine komplett nassen Füße. Mit etwas Mühe kam ich auf die andere Seite.


Die großen Berge !


Eine grüne Oase.

Moschee in Pamir Gebirge.

Unerwartetes Treffen mit einem Englischlehrer im Pamir Dorf.

Dann soll ich plötzlich eine Unterrichtsstunde in Englisch halten. Ok, let’s Go!

Große Berge und kleiner Nisse.

Einfach wirken lassen…

Gewittersicherer Schlafplatz in schönster Bergkulisse vor Wasserfall.

Tag 93

Staubige Pisten, herzliche Begegnungen und ein Schlafplatz im Dorfladen

Heute weckte mich die Sonne, die langsam hinter den Bergen emporstieg. Die Luft war frisch, der Fluss rauschte neben mir, und die grünen Hügel rundherum leuchteten in warmem Morgenlicht. Zwischen den blühenden Pflanzen wirkte alles fast ein bisschen magisch – ein wunderschöner Start in den Tag.

Ich aß ein einfaches Frühstück, packte meine Sachen zusammen und schob mein Rad zurück auf den Weg. Das Tal, in dem ich geschlafen hatte, lag eingebettet zwischen zwei großen Anstiegen – das hieß für mich: gleich wieder bergauf, über grobe Schotterpisten, die jede Schraube meines Fahrrads auf die Probe stellten. Es war ein ständiges Auf und Ab – Kurve um Kurve, Stein um Stein, immer weiter durch die Berge.

Nach gut 30 Kilometern erreichte ich ein Tal, in dem gerade ein großer Sonntagsmarkt stattfand. Plötzlich war alles voller Leben: Händler riefen, Kinder rannten herum, überall wurden Kleidung, Werkzeug, Gemüse, Obst und allerlei Kleinkram verkauft. Ich nutzte die Gelegenheit, um meine Wasservorräte aufzufüllen – es war wieder sehr warm heute.

Einige Anstiege später erreichte ich einen Polizeiposten, an dem zwei Wege zusammenliefen: der neue, asphaltierte Pamir Highway – und der alte, deutlich ruppigere. Ich hatte mich ganz bewusst für den alten Pamir Highway entschieden. Zwar sind die Straßen dort kaum befahrbar, aber die Landschaft ist atemberaubend – und man spürt auf diesen alten Pfaden noch mehr die Geschichte des Landes.

Ab diesem Punkt wurde die Piste noch schlechter – tiefer, staubiger, löchriger. Doch die Landschaft entschädigte für alles. Irgendwann entdeckte ich auf einer Art Lichtung ein Wohnmobil, das mir bekannt vorkam – und tatsächlich: Es gehörte dem spanischen Ehepaar, das ich im Green House Hostel in Duschanbe kennengelernt hatte! Sie waren heute Morgen losgefahren und hatten sich diesen Platz für ihre erste Übernachtung ausgesucht. Wir plauderten eine Weile und sie verwöhnten mich mit selbstgemachtem Raw Food – ein echter Luxus mitten im Nirgendwo.

Nach insgesamt 65 Kilometern und rund 1.400 Höhenmetern erreichte ich am Abend ein kleines Dorf mit einem Minimarkt. Ich wollte eigentlich nur ein paar Vorräte nachkaufen – doch der Besitzer merkte schnell, dass ich auch einen Schlafplatz suchte. Er bot mir freundlich an, in einem Nebenraum seines Geschäfts zu übernachten, in dem ein paar Matratzen lagen. Ich nahm dankend an – so viel Gastfreundschaft ist keine Selbstverständlichkeit.

Nebenan im Gemeindehaus konnte ich mich sogar noch waschen – eine Wohltat nach einem staubigen Tag mit Sonne, Schweiß und Sonnencreme. Kurz darauf trafen auch zwei andere Radreisende ein, von denen mir die Spanier schon erzählt hatten: eine Ungarin und ein Italiener. Auch sie übernachteten hier – und so bildeten wir spontan eine kleine Radlergemeinschaft.

Gemeinsam saßen wir noch lange beisammen, teilten unser Abendessen und tauschten Geschichten und Tipps aus. Die Stimmung war herzlich, entspannt, fast familiär. Nach meiner Abendroutine legte ich mich gegen 20:30 Uhr schlafen – zufrieden, erschöpft und voller Vorfreude auf den nächsten Tag.

Flussüberquerung…


Das Tor zum Pamir 

Unglaubliche Aussicht. 

Der Pillendreher-Käfer

Kraftbolzen auf dem Weg in die hohen Berge.

Tag 92

Erster Tag Richtung Pamir – Raus aus der Stadt, rein in die Berge

Der Wecker klingelte heute früh – 6:30 Uhr. Ich frühstückte das, was ich mir gestern im Supermarkt gekauft hatte, sprach im Foyer noch kurz mit ein paar anderen Radreisenden – und dann begann das eigentliche Warm-Up des Tages: alle Taschen vom vierten Stock wieder nach unten zum Fahrrad schleppen. So kam ich zumindest schon vor dem Losfahren ordentlich ins Schwitzen.

Der Start in den Tag verlief – sagen wir – chaotisch. Der Verkehr in Duschanbe ist ein einziges Hupen, Drängeln, Abkürzen, Einfädeln und Ausweichen. Jeder fährt, wie er will. Ich war froh, als ich langsam aus dem Stadtgebiet herauskam und sich die Autos mehr und mehr ausdünnten. Mit jedem Kilometer Richtung Berge wurde es ruhiger – und auch landschaftlich immer beeindruckender.

Der erste richtige Anstieg ließ nicht lange auf sich warten. Über 70 Kilometer kämpfte ich mich stetig nach oben – bis auf 1.700 Meter Höhe. Dort, auf dem höchsten Punkt des Tages, machte ich meine Mittagspause – mit traumhafter Aussicht auf die schroffen Felsen, die sich ringsum auftürmten.

Nach der Pause rollte ich den Berg wieder hinunter. Doch unten angekommen, wurde es plötzlich ernst: Der Asphalt war zu Ende. Ab hier bestand der Weg aus Sand, losen Steinen und grobem Schotter. Die Abfahrt wurde zur Rüttelpartie, und bergauf ging es von nun an nur noch mit viel Kraft – und Geduld.

Nach 105 Kilometern und über 1.500 Höhenmetern war für heute Schluss. Ich fand eine einfache, aber sehr praktische Schlafmöglichkeit: eine Art überdachter Rastplatz mit Teppichboden – wie eine Mischung aus Carport und Freiluftzimmer. Solche Plätze hatte ich schon in Usbekistan gesehen, in der Wüste – ein echter Glücksgriff, wenn man nicht direkt auf dem Boden schlafen will.

Ich war ziemlich erschöpft vom Tag, aber zur Ruhe kam ich erstmal nicht: Rund um meinen Schlafplatz versammelten sich sofort Kinder aus dem angrenzenden Dorf – neugierig, lachend, redselig. Einer von ihnen kam mit einem kleinen kaputten Fahrrad an. Natürlich half ich. Ein paar Schrauben fehlten, andere waren locker. Ich kramte in meinem Ersatzteillager, befestigte alles neu – und schenkte dem Jungen damit ein funktionierendes Fahrrad zurück. Seine Freude war riesig – und auch die der anderen Kinder, die das Ganze mit strahlenden Augen verfolgten.

Zum Abendessen gab es heute Brot mit Erdnussbutter, Walnüsse und ein paar Kekse. Für Nudeln fehlte mir die Lust und die Kraft. Irgendwann wurde ich richtig müde – und musste den Kindern und Jugendlichen deutlich machen, dass jetzt Schlafenszeit für mich ist. Sie verstanden das, verabschiedeten sich höflich und zogen sich in ihr kleines Wellblech-Dorf zurück, das direkt an meine Unterkunft grenzte.

So endete ein langer, körperlich fordernder, aber erfüllender Tag – der erste Schritt auf dem Weg Richtung Pamir.


Es geht den ersten Berg stetig hoch. Pamir, ich komme!


Wanderschaft ist auch bei den Eseln angesagt.

Statuen mit Vögeln und die Berge machen mich glücklich. 

Die Berge kommen immer näher, endlich.

Steinhühner auf der Bushaltestelle, ist das nicht schön.

Mega Aussicht auf die hohen Berge und sehr schlechte Wege hoch. 

Tag 91

Ein Pausetag in Duschanbe – Organisation, Begegnungen und ein Stück Geschichte

Heute stand ich etwas früher auf – trotz Pausentag, denn ich hatte einiges zu erledigen. Zum Frühstück gab es Müsli, das ich mir am Vortag im Supermarkt selbst zusammengestellt hatte. Dann ging es direkt mit dem Taxi in die Stadt. Mein erstes Ziel: eine tadschikische SIM-Karte.

Ich entschied mich nicht nur für eine, sondern für gleich zwei Karten – eine von TCell, die andere vom Anbieter Megafon. Der Grund: In den abgelegenen Regionen des Pamir-Gebirges hat man oft nur mit einem der beiden Anbieter Empfang – welcher gerade funktioniert, hängt vom jeweiligen Tal oder Pass ab. Auch wenn das insgesamt knapp 20 € kostet, war es mir die Sicherheit auf meiner Solo-Reise wert. Wer allein in solch abgelegenen Höhen unterwegs ist, möchte nicht nur Netz haben, wenn es zufällig verfügbar ist – sondern dann auch darauf zugreifen können.

Nachdem das erledigt war, ging es weiter ins Kaufhaus. Dort kaufte ich mir eine einfache Sonnenkappe – bislang hatte ich nur meine Fahrradkappe, die in der prallen Sonne nicht ganz ausreicht. Außerdem ließ ich bei einem Handyshop meine Displayschutzfolie wechseln. Die alte war schon mehrfach gerissen – höchste Zeit für Ersatz.

Anschließend ging es mit dem Taxi weiter zum Treffpunkt einer Free Walking Tour, die ich spontan am Vorabend gebucht hatte. Vor Ort stellte ich schnell fest, dass ich der einzige Teilnehmer war – der eigentliche Guide war krank geworden, dafür sprang sein Vater ein: ein 61-jähriger Tadschike, der mit großer Ruhe und echter Leidenschaft durch die Stadt führte.

Obwohl Duschanbe nicht mit einer Fülle historischer Bauwerke aufwarten kann – viele kulturelle Schätze Tadschikistans befinden sich bis heute in Samarkand, das früher einmal Teil des Landes war –, war die Tour unglaublich spannend. Wir besuchten verschiedene Monumente, gingen durch Parks und machten sogar einen Abstecher in die große Staatsbibliothek, wo ich einen seltenen Blick hinter die Kulissen alter sowjetischer Architektur werfen konnte.

Zum Abschluss setzten wir uns noch gemeinsam auf eine Bank im Schatten. Wir sprachen lange – über Kultur, Familie, Geschichte und das Leben in Tadschikistan. Es war eine Begegnung, die mir in Erinnerung bleiben wird. Der Mann war nicht nur informativ, sondern auch unglaublich herzlich.

Danach lief ich zu Fuß zur Visabehörde, wo ich mir mein GBAO Permit abholte – die spezielle Einreisegenehmigung für das Pamir-Gebirge. Ohne sie ist die Durchfahrt dort nicht erlaubt.

Bevor ich zurück zur Unterkunft fuhr, verbrachte ich noch eine ruhige Stunde am großen See mitten in der Stadt. Im Schatten entspannte ich, ließ die vielen Eindrücke des Tages auf mich wirken und sammelte Kraft.

Wieder im Hostel angekommen, widmete ich mich meinem Fahrrad. Nach der Schlammschlacht über den Pass war es überfällig, die Kette zu reinigen, den Rahmen abzuwischen und die Schaltung durchzuchecken. Danach ruhte ich mich viel aus – und ging am Abend erneut Nudeln essen, um meinen Energiespeicher für den nächsten Tourtag aufzufüllen.

Auch wenn ich heute nicht auf dem Rad saß, war der Tag voller kleiner Etappen, Aufgaben und Begegnungen. Ein produktiver und zugleich bereichernder Pausetag in Duschanbe.

Die Bibliothek 


Monument

Das Theater

Die alte Sowjet Bank

Lenin Statue, und der ältere Guide wollte unbedingt ein Foto von mir davor machen

Der beste Guide, der für mich die beste Privattour in Dushanbe gemacht hat.

Tag 90

Von eiskaltem Regen, rauchenden Schlöten und warmer Gastfreundschaft – Mein Weg nach Duschanbe

Heute Morgen wachte ich durch den stetig lauter werdenden Verkehr auf der Straße oberhalb meines Schlafplatzes auf. Ich hatte noch etwas gekochte Hirse aus Samarkand übrig, die ich mir mit etwas Gemüse zum Frühstück zubereitete. Nach dem Abbau meines Zelts und dem Packen der Taschen entschied ich mich bewusst dagegen, mein Fahrrad direkt zu bepacken. Der schmale, etwa 30 Meter lange Weg zurück zur Straße war leicht ansteigend, extrem schmal und verlief direkt an einer Abbruchkante, die steil zum Fluss hinabfiel. Das war mir zu riskant. Also trug ich alle Taschen einzeln zur Straße hoch und montierte sie dort wieder ans Rad.

Dann setzte ich meine Fahrt fort – hinein in die gigantischen Berge Tadschikistans, die sich rechts und links eindrucksvoll über mir erhoben. Nach etwa 30 Kilometern durch enge, spektakuläre Schluchten kam der angekündigte große Anstieg: Auf nur 15 Kilometern sollten mich 1.000 Höhenmeter erwarten. Der Anstieg begann auf etwa 1.700 Metern – steil, kurvig und kräftezehrend. Kurve um Kurve arbeitete ich mich hoch. Die Landschaft war atemberaubend: verschiedenste Gesteinsformen, Farben und Höhenzüge wechselten sich ständig ab – ein Anblick, an dem ich mich kaum sattsehen konnte.

Doch nach rund 6 Kilometern und 300 Höhenmetern kam der Wetterumschwung: Auf etwa 2.000 Metern begann es plötzlich zu regnen. Innerhalb kürzester Zeit fielen die Temperaturen drastisch – von angenehmen 20 Grad unten auf nur noch 5 Grad. Ich zog mir zwar schnell meine Regenjacke über das kurze Trikot, dachte aber, es handle sich nur um einen kurzen Schauer. Leider täuschte ich mich. Der Regen wurde stärker, und weil ich meine Regenhose, die Überschuhe und Handschuhe in den Taschen verstaut hatte, war ich bald bis auf die Knochen durchnässt – und ausgekühlt.

Ich wusste, ich muss irgendwo Unterschlupf finden. Hoch oben in den Bergen ist das aber alles andere als einfach. Dann sah ich einen Rauch aufsteigen. Ein Schlot, mehrere LKWs – vielleicht eine Raststätte für Trucker? Ich fuhr hin – und hatte Glück. In einem kleinen Hüttchen wurde gerade Essen für die Fahrer zubereitet, und ein Ofen wärmte den Raum. Erst am Feuer merkte ich, wie stark unterkühlt ich wirklich war. Eine wichtige Lehre: Regenkleidung sollte immer griffbereit sein – und auf mehrere Lagen setzen.

Ein Trucker winkte mich schließlich zu sich und bat mich, ihm zu folgen. Ich ließ mein Fahrrad stehen und stieg zu ihm in den LKW. Er schaltete für mich die Standheizung ein, bot mir den Platz auf seinem Bett hinter dem Fahrersitz an, während er selbst im Sitz döste. Ich trocknete meine Socken, Handschuhe, Schuhe – alles, was nass war. Und ich schlief ein bisschen. Nach rund zwei Stunden war das meiste trocken, und ich bereit, weiterzufahren. Der Regen hatte kurz nachgelassen – ich nutzte die Gelegenheit, holte meine restlichen Regensachen heraus, und fuhr weiter.

Natürlich begann es nach fünf Minuten erneut zu regnen – stärker als zuvor. Doch ich fuhr weiter, durchgeweicht, aber entschlossen. Die letzten 10 Kilometer und 700 Höhenmeter bis zum Pass schaffte ich durch pure Willenskraft.

Oben am Pass angekommen – am sogenannten „Tunnel des Todes“ – wurde ich von der Polizei gestoppt. Die Durchfahrt sei mit dem Fahrrad nicht erlaubt. Also musste ich erneut alle Taschen vom Rad nehmen und versuchen, per Anhalter durch den Tunnel zu kommen. Doch bevor es so weit war, wurde ich von einem Polizisten und seinem Kollegen ins Wärterhäuschen eingeladen. Sie machten die Heizung an, bereiteten mir ein scharfes Curry zu, schnitten frisches Gemüse und reichten heißen Tee. Diese Gastfreundschaft – mitten im Nirgendwo, auf 2.700 Metern Höhe – war einfach nur herzerwärmend.

Nach dem Essen machte ich mich ans Trampen. Es war nicht einfach: Der meiste Verkehr kam aus der entgegengesetzten Richtung. Nach rund 30 Minuten hielt ein Sprinter an und nahm mich samt Gepäck durch den 5 Kilometer langen Tunnel mit.

Auf der anderen Seite begann die lange Abfahrt ins Tal Richtung Duschanbe. Unterwegs gab es noch viele weitere Tunnel – kürzer, aber nicht weniger gefährlich. Viele hatten Schlaglöcher, manche so groß und tief, dass ich beim Durchfahren fast stürzte. Die Dunkelheit in den Tunneln und die engen Fahrbahnen machten das Fahren zu einer Nervenprobe.

Doch die Landschaft, die sich vor mir ausbreitete, entschädigte für alles: Riesige grüne Berge, karge Felsen, dramatische Höhenunterschiede – Tadschikistan zeigte sich in seiner ganzen wilden Schönheit.

Am Abend, noch vor Sonnenuntergang, erreichte ich schließlich Duschanbe. Ich nahm mir ein Zimmer im bekannten Green House Hostel, einem beliebten Treffpunkt für Radreisende, die den Pamir befahren oder gerade von dort zurückkommen. Es war herrlich, endlich wieder unter Gleichgesinnten zu sein. Wir tauschten Geschichten, Tipps – und Lachen.

Später ging ich noch Nudeln essen. Dann fiel ich – vollkommen erschöpft, aber erfüllt – ins Bett.


Der Weg durch die malerischen Schluchten 


Ich machte Pause, und plötzlich liefen eine ganze Ziegenherde an mir vorbei. Ein tolles Erlebnis!

Es geht sehr steil bergauf. 

Die Aussicht von weit oben auf dem Berg.

Nach einem sehr starken Regenfall, als ich die Grenze von 2000 m überschritten hatte, und mir plötzlich sehr schnell kalt wurde, fand ich Unterschlupf in einem rastenden LKW, der direkt für mich die Heizung im LKW anmachte.

Nachdem es 5 Minuten aufgehört hatte zu regnen, machte ich mich wieder auf den Weg. Es fing natürlich danach direkt wieder an zu regnen. Davon lass ich mir aber nicht die Laune vergehen.

Vor dem Tunnel des Todes oben auf dem Pass auf über 2600m bei Regen und Kälte angekommen.

Die Aussicht oben vom Pass.

Tag 89

Begegnungen, Berge und Begeisterung – Mein erster Tag in Tadschikistans Inland

Am nächsten Morgen klingelte mein Wecker bereits um 7:00 Uhr. Eine halbe Stunde später klopfte Ozodbeks kleine Schwester an die Tür unseres Raumes und brachte uns das Frühstück: wieder Kompott, frisches Brot und Spiegelei – eine einfache, aber nahrhafte Mahlzeit, mit der ich gut in den Tag startete.

Meine Kleidung vom Vortag war noch klatschnass vom Dauerregen. Da sich dieser erst spät am Abend gelegt hatte, war bisher kaum etwas getrocknet. Heute jedoch zeigte sich die Sonne am Himmel, und so konnte ich die Sachen zumindest ein wenig antrocknen lassen, bevor ich sie wieder einpackte. Dann verabschiedete ich mich herzlich von Shohrux, Ozodbek und seiner Familie, die mir eine so warme und offene Gastfreundschaft entgegengebracht hatten. Wie so oft wurde bei der Verabschiedung noch mit jedem ein Erinnerungsfoto gemacht – ein schöner Brauch, der mich immer wieder ehrt. Anschließend begleiteten mich die beiden Jungs noch bis zur Hauptstraße, wo wir uns schließlich endgültig trennten.

Nun begann mein Weg ins bergige Inland Tadschikistans. Die Landschaft veränderte sich zunehmend: Es ging beständig bergauf – jedoch nicht in einem durchgehenden Anstieg, sondern in einem ständigen Auf und Ab, das insgesamt aber an Höhe gewann. Diese Abwechslung tat mir gut, denn sie machte die Strecke trotz der Steigungen kurzweiliger, auch wenn das ständige Auf und Ab körperlich durchaus fordernd war.

Was mich an diesem Tag besonders bewegte, waren die vielen spontanen Begegnungen unterwegs. Bei fast jeder Pause, die ich einlegte, bildete sich schnell eine Gruppe Neugieriger um mich – mit vielen Fragen, viel Interesse, manchmal aber auch mit einer Intensität, die meine Ruhephasen erschwerte. Doch gleichzeitig berührte mich die Herzlichkeit der Menschen tief: In jedem Dorf, durch das ich fuhr, wurde ich mit einem fröhlichen „Halooo!“ begrüßt – aus Gärten, von Schulkindern, von älteren Menschen am Straßenrand. Viele Kinder wollten mich abklatschen, und ich nahm mir die Zeit, so viele Hände wie möglich zu erwidern.

Diese Offenheit, dieses ehrliche Interesse – es war keine aufgesetzte Neugier, sondern eine spürbar herzliche Freude über meine Anwesenheit. Ich hatte das Gefühl, willkommen zu sein. Und mehr noch: Tadschikistan fühlte sich auf Anhieb besonders an. Vielleicht entwickelt sich dieses Land zu meinem bisherigen Favoriten auf der Reise. Mal sehen, was noch kommt.

Nach rund 120 Kilometern und über 1.600 zurückgelegten Höhenmetern war es an der Zeit, mein Nachtlager aufzuschlagen. Ich fand einen kleinen, geschützten Platz auf einem Felsvorsprung neben einer Brücke, direkt an einem rauschenden Fluss. Es war die einzige etwas abgelegene Stelle abseits der Straße – mit einer wunderschönen Aussicht.

Ich bereitete mir meine Nudeln zu, dehnte mich noch etwas, rollte meine Beine mit der Faszienrolle aus und fiel, erschöpft und voller Eindrücke, ins Zelt. Ein Tag voller Anstrengung, Begegnung – und Begeisterung.

Ich komme langsam in die Berge. Diese Abwechslung ist sehr gut.


Der Fluss schlängelt sich durch die Berge 

Was eine Aussicht, einfach krass!

 In den Schluchten mit dem Fahrrad unterwegs.

Ist das nicht ein magischer Schlafplatz ?

Ein besonderer Ort. Wer findet mein Zelt?

Tag 88

Ein Abschied im Regen: Von Samarkand nach Tadschikistan

Am heutigen Morgen hieß es für mich Abschied nehmen – und zwar nicht nur von Samarkand, sondern auch von Usbekistan. Nach einem letzten Frühstück in der Unterkunft packte ich meine Sachen, befestigte sie wie gewohnt am Fahrrad und machte mich auf den Weg. Doch bereits nach einem Kilometer bemerkte ich ein merkwürdiges Gefühl beim Fahren. Zunächst konnte ich es nicht genau einordnen, doch kurze Zeit später wurde mir klar: Ich hatte meine Lenkerfahrradtasche in der Unterkunft vergessen. Also kehrte ich um und holte sie – glücklicherweise lag sie noch unberührt an ihrem Platz.

Nun konnte die Etappe endgültig beginnen. Was ich allerdings nicht erwartet hatte: Es regnete. Nach Wochen voller Hitze und Trockenheit war das eine überraschende Wendung. Ein Einheimischer erklärte mir später, dass es in dieser Region meist genau einen Regentag im Mai gebe – bevor die Sommerhitze im Juni einsetzt. Und genau diesen Tag hatte ich mir natürlich ausgesucht. Typisch Nisse – kein Wetter auslassen.

Der Regen wurde rasch stärker, sodass ich nach etwa 20 Kilometern beschloss, mich vollständig zu regensichern. Ich zog Regenjacke, -hose, Schuhüberzüge und das Helm-Cape an. So blieb ich trotz der widrigen Bedingungen halbwegs trocken, auch wenn das Fahren bei strömendem Regen alles andere als angenehm war.

Nach etwa 40 Kilometern erreichte ich die usbekisch-tadschikische Grenze. Durch das schlechte Wetter schien auch die Motivation der Grenzbeamten gedämpft, sodass sie auf eine Kontrolle meines Gepäcks verzichteten. Mir war das nur recht. Die Abfertigung verlief insgesamt erfreulich zügig, und bereits nach einer halben Stunde hatte ich tadschikischen Boden unter den Füßen – bzw. unter den Reifen.

Doch der Regen machte auch hier nicht halt. Es war eine kleine Herausforderung, Pässe und Dokumente zu handeln, ohne dass sie komplett durchnässt wurden. Nach weiteren 15 Kilometern erreichte ich den Ort Bostondeh. Dort erspähte ich einen Bankautomaten, an dem ich mich mit ausreichend Bargeld versorgte – ein notwendiger Schritt, da in Tadschikistan, ähnlich wie in Usbekistan, bargeldloses Bezahlen eher die Ausnahme ist.

In einem kleinen Minimarkt, dem einzigen im Ort, kaufte ich ein paar süße Snacks – mehr gab das Sortiment nicht her. Wie so oft kam ich vor dem Laden mit neugierigen Einheimischen ins Gespräch. Einer von ihnen, Ozodbek, ein 17-jähriger Schüler, lud mich ein, bei ihm zu Hause Schutz vor dem Regen zu suchen und dort auch zu übernachten. Trotz der negativen Erfahrung in Usbekistan – als mir nach einer ähnlichen Einladung 100 Dollar gestohlen wurden – entschloss ich mich, ihm zu vertrauen. Seine offene und herzliche Art überzeugte mich, dem Ganzen noch einmal eine Chance zu geben.

Nach einer matschigen Fahrt durch den Ort kamen wir schließlich bei ihm zu Hause an. Dort wurde ich sofort mit Getränken und kleinen Speisen empfangen. Besonders auffällig war der Kompott, der in verschiedenen Variationen serviert wurde: Himbeerkompott mit Fladenbrot sowie Marillenkompott zum Trinken. Eine clevere Methode, um Obst haltbar zu machen – vor allem in Regionen, in denen moderne Kühlmöglichkeiten begrenzt sind.

Der Strom war im ganzen Dorf ausgefallen, auch bei Ozodbek. Er erklärte mir, dass die Leitungen oft nicht für große Wassermengen ausgelegt seien und das Regenwasser sich stauen würde, da es nur selten regne.

Nach dem Imbiss legte ich mich für zwei Stunden schlafen – mein Magen war weiterhin etwas gereizt und mein Puls höher als gewöhnlich. Die Ruhe tat gut.

Am Abend spielten wir Karten, bevor es erneut Essen gab. Wieder wurde Kompott serviert – diesmal mit Spiegelei und frischem Gemüse aus dem eigenen Garten. Danach zeigten mir Ozodbek und sein Freund Shohrux ihren Garten, der mich tief beeindruckte: ein großes Feld mit Kartoffeln, Tomaten, Gurken, sowie Marillen- und Apfelbäumen. Dazu Kühe und ein Kälbchen für die Milchversorgung, Hühner für die Eier. Die Familie lebte weitgehend autark und war kaum auf externe Lebensmittel angewiesen.

Als die Nacht hereinbrach, rollte ich meine Schlafmatte im Raum aus, in dem wir zuvor gegessen hatten, und schlief rasch ein – dankbar für die Gastfreundschaft, die Ruhe und einen Tag voller neuer Erfahrungen.


Eingeladen bei Ozodbek mit bestem Tajikischen Essen.


Sie haben auch einen Riesengarten mit verschiedenen Früchten, Hühnern, Schafen und Kühen gehabt. Alles, was man braucht, um Selbstversorger zu sein. Für den Winter haben Sie die Früchte aus dem Sommer eingelegt und so haltbar gemacht.

Tag 87

Ein Arbeitstag in Samarkand: Blogpflege, Registan und Magenbeschwerden

Heute Morgen gönnte ich mir etwas mehr Schlaf. Es stand kein Radfahren auf dem Plan, dafür aber einige Aufgaben, die ich bisher aufgeschoben hatte. Bereits am Vortag hatte ich die Kurzvideos der letzten Woche für meine Social-Media-Kanäle geschnitten und finalisiert. Heute widmete ich mich dem nächsten großen Punkt auf meiner Liste: der Aktualisierung meines Blogs für die vergangenen elf Tage.

Was zunächst einfach klingt, entpuppt sich schnell als aufwändige Arbeit. Die Tagebucheinträge müssen stilistisch überarbeitet, passende Bilder ausgesucht und anschließend alles Stück für Stück auf meiner Website eingefügt werden. Das kostet viel Zeit und erfordert Geduld.

Parallel sicherte ich meine Videoaufnahmen aus Usbekistan, die ich für zukünftige Dokumentationen aufheben möchte. Als ich schließlich alles abgeschlossen hatte, verspürte ich den Wunsch nach etwas Abwechslung – eine gute Gelegenheit, den Registan-Platz noch einmal in Ruhe zu besuchen. Da der Eintritt nicht ganz günstig ist, wollte ich mir nun wirklich Zeit für die Erkundung nehmen.

Die monumentalen Paläste und Medresen beeindruckten mich tief. Es ist ein Ort voller Geschichte und architektonischer Schönheit – ein Highlight meiner bisherigen Reise. Nach dem Besuch kehrte ich in meine Unterkunft zurück, denn es stand ein Online-Meeting mit dem Darmstädter Echo an. In dem Gespräch ging es um den nächsten Zeitungsbeitrag über meine Fahrradreise. Nach rund anderthalb Stunden war das Interview abgeschlossen.

Im Anschluss telefonierte ich mit einem guten Freund, den ich längere Zeit nicht gesprochen hatte. Die Pflege der Kontakte zu Freunden ist auf einer solchen Langzeitreise nicht immer einfach, aber umso wichtiger. Zum Glück bringen viele Verständnis dafür auf, dass ich unterwegs nicht jederzeit erreichbar bin.

Seit dem Morgen verspürte ich ein leichtes Unwohlsein im Magen. Ich vermutete, dass eine Falafelrolle vom Vortag nicht gut vertragen wurde. Das flaue Gefühl machte mich müde und bereitete mir leichte Kopfschmerzen. Deshalb legte ich am frühen Abend ein kurzes Powernap ein, bevor ich mich dem Abendessen widmete.

In der Unterkunft traf ich auch Vincent wieder – den deutschen Radreisenden, dem ich diese Unterkunft empfohlen hatte. Er war heute angekommen. Netterweise kochte er für uns beide ein einfaches, aber wohltuendes Gericht aus Hirse und etwas Gemüse. Das bekam meinem Magen deutlich besser.

Anschließend ging ich früh ins Bett, denn am nächsten Tag wollte ich meine Reise fortsetzen.

Registan Palast


Wundervolle Eingangsbereiche 

Auch mal entspannen und im Gras liegen.

Tag 86

Freier Tag in Samarkand: Free Walking Tour und Lichtshow am Registan

Am heutigen Morgen stand ich für einen Radfahrer-ruhetag relativ früh auf – um 7:30 Uhr, um pünktlich um 8:00 Uhr frühstücken zu können und um 9:00 Uhr am Treffpunkt der Free Walking Tour in Samarkand zu sein. Die Zeit hatte ich jedoch etwas unterschätzt, sodass ich etwa eineinhalb Kilometer joggen musste, um rechtzeitig anzukommen.

An der Tour nahmen neben mir drei Chinesen, ein Deutscher und ein Österreicher teil. Mit dem deutschen und dem österreichischen Teilnehmer, die zusammen reisten, verstand ich mich sofort sehr gut. Sie verbrachten einige Tage Urlaub in Usbekistan.

Die dreieinhalbstündige Tour war äußerst informativ. Besonders beeindruckten mich die prächtigen Moscheen und Mausoleen der Stadt. Nach der Tour kehrte ich gemeinsam mit den beiden deutschsprachigen Reisenden in ein Café ein, um bei einem Stück Kuchen eine kleine Pause einzulegen und mich von der langen Stadtführung zu erholen. Die Sonne schien an diesem Tag stark, jedoch hielt sich die Hitze mit angenehmen 30 Grad in Grenzen.

Im Anschluss besuchten wir zu dritt noch das Schahi-Sinda-Ensemble, eine Ansammlung zahlreicher Mausoleen an einem Ort. Wir fotografierten ausgiebig und bewunderten die beeindruckende Architektur. Danach trennten sich unsere Wege, und jeder von uns nahm ein Yandex-Taxi zu seiner Unterkunft. Zum Vergleich: Meine Fahrtstrecke von etwa fünf Kilometern bei einer Fahrzeit von rund 15 Minuten kostete inklusive Trinkgeld lediglich 70 Cent – ein wirklich erstaunlich günstiger Preis.

Zurück in meiner Unterkunft gönnte ich mir eine Pizza zum Abendessen. Danach putzte ich mein Fahrrad sowie meinen Riemen, den ich am nächsten Tag wieder einsprühen wollte. Dafür musste er zuvor gründlich gereinigt und über Nacht trocknen.

Im Anschluss schnitt ich zwei einhalb Stunden lang die täglichen Kurzvideos der vergangenen Woche. Später am Abend machte ich mich erneut auf den Weg, um pünktlich um 21:00 Uhr die Lichtshow vor der Madrese am Registan-Platz zu sehen. Dort hatten sich bereits viele Menschen versammelt.

Die Show war schlichtweg atemberaubend: Riesige, scharfe Projektionen wurden auf die historischen Gebäude geworfen und erzählten animiert die Geschichte der Seidenstraße, die Entstehung Usbekistans sowie die Entwicklung der Welt. Die Darbietung war äußerst professionell und beeindruckend.

Offenbar hatte ich die vorherige Vorstellung, die etwa 20 Minuten dauert, am Vortag verpasst und nur eine kleinere Lichtershow gesehen.

Während der Show sprach mich ein Usbeke an, der sein Deutsch verbessern wollte. Er erzählte, dass er seit acht Monaten Deutsch lernt und in Deutschland studieren möchte, um Lektor zu werden. Deshalb komme er jeden Abend an diesen Platz, wo viele Touristen und auch Deutsche sind, um mit ihnen zu sprechen und so seine Sprachkenntnisse zu festigen. Sein Deutsch war für die kurze Lernzeit bereits sehr gut und die Unterhaltung war weit mehr als nur einfache Grundlagen.

Lustigerweise hatte ich kurz zuvor bei einem Essen mit einem anderen Mann ein ähnliches Gespräch geführt, der ebenfalls nach Deutschland gehen will, um als Lektor zu arbeiten und aus diesem Grund seit Monaten Deutsch lernt. Ob ich da etwas verpasst habe oder warum so viele Usbeken diesen Beruf anstreben, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall finde ich es bemerkenswert, wie engagiert sie sind und wie schnell sie Fortschritte machen.

Zum Schluss traf ich die beiden deutschsprachigen Teilnehmer der Walking Tour wieder. Gemeinsam holten wir uns noch eine Falafelrolle und als krönenden Abschluss des Tages genoss ich ein Walnuss-Eis.


Ein gigantisches Mausoleum


Eine ganze Stadt voller Mausoleen und Gräber

Und das nächste Mausoleum mit schönster Architektur

Die Decken der Mausoleen sind reich beschmückt 

Nach dem vielen laufen in der Stadt ist eine Stärkung wichtig

Um 21:00 Uhr abends ist hier eine wirklich fantastische Projektionsshow. Dort wird die Geschichte der Seidenstraße, der Entstehung Usbekistans, der Entstehung der Menschheit und der Entstehung der Kontinente visuell aufbereitet. 

Die beleuchteten Mausoleen sind bei Nacht fast genauso schön, wie bei Tag.

Tag 85

Ankunft in Samarkand und Reparaturen am Fahrrad

Am nächsten Morgen stand ich erneut früh um 5:30 Uhr auf. Auch zu dieser Zeit waren bereits mehrere Menschen auf dem Feld, auf dem Trauben wuchsen, beschäftigt. Während ich meine Sachen zusammenpackte, gesellten sich die Leute von gestern sowie einige neue Personen hinzu. Einer der beiden sprach etwas Englisch, sodass ich kurz mit ihm sprechen konnte. Anschließend machte ich mich auf den Weg – noch etwa 85 Kilometer lagen bis nach Samarkand vor mir.

Leider blies auch heute wieder ein ungünstiger Gegenwind, der mich ständig bremste und viel Kraft kostete. Nach großem Durchhaltevermögen und vielen Mühen erreichte ich schließlich am Mittag mein Ziel. Ich steuerte ein vorab ausgesuchtes Hotel an, wo ich problemlos ein Zimmer erhielt. Als erste Amtshandlung nahm ich eine erfrischende Dusche.

Dabei bemerkte ich, dass an der gegenüberliegenden Seite der Gepäckträgerbefestigung am Fahrradrahmen unterhalb leichte Risse entstanden waren. Um einer Ausbreitung dieser Schäden vorzubeugen, beschloss ich noch am selben Tag, die Stelle schweißen zu lassen. Im Fahrradladen wurde die Reparatur zügig durchgeführt. Da dort jedoch kein Klarlack zur Verfügung stand, um die Schweißnaht vor Korrosion zu schützen, machte ich mich auf die Suche nach einer Autowerkstatt.

Eine erste kleinere Werkstatt hatte ebenfalls keinen passenden Lack vorrätig. Schließlich fand ich in einer größeren Werkstatt den benötigten Schutzlack und etwas Farblack. Zwischen den einzelnen Lackschichten musste ich mehrere Minuten warten, bis alles trocknete. Während dieser Wartezeiten kam ich mit den Autoreparaturmeistern ins Gespräch, die sehr interessiert an meiner Reise waren. Bevor ich die Werkstatt verließ, baten sie um ein gemeinsames Foto, das sie in ihrem Betrieb aufhängen wollten – eine große Ehre für mich.

Anschließend erkundete ich die Stadt auf eigene Faust und besuchte einen Friseur. Meine Haare waren seit meinem letzten Haarschnitt in Erzerum, Türkei, stark gewachsen. Der Friseur lieferte ausgezeichnete Arbeit ab, schnitt meine Haare und pflegte meinen Bart – besser als ich es erwartet hätte. Ich hatte im Vorfeld gezielt einen Friseur mit sehr guten Bewertungen ausgewählt.

Am Abend fand auf dem Registan-Platz, der von mehreren Mausoleen umgeben ist, eine Lichtshow statt. Diese war zwar nicht spektakulär, aber dennoch sehenswert. Voll neuer Eindrücke fiel ich auch an diesem Tag müde ins Bett.



In Samarkhand angekommen, habe ich gemerkt, dass auf der anderen Seite auch leichte Risse an der Aufhängung am Rahmen für den Gepäckträger sind. Das habe ich direkt schweißen lassen, damit es nicht wie auf der anderen Seite wird.


Der Registan-Platz

Sehr gewaltige Architektur

Brotöfen aus Lehm

Sehr schöne Verzierungen nach Minarett

Ein Hirtenstein ließ sich auch mal von Näherem Blicken

Die schöne Lichtshow am Registan Platz

Am Abend dann endlich noch mal bei einem Friseur nach langer Zeit

So sitzt die Frisur wieder, und der Bart ist gepflegt

Tag 84

Vertrauensbruch und eine unerwartete Begegnung am Schlafplatz

Am nächsten Morgen weckte ich Azizbek und ließ mich zu meinem Fahrrad fahren. Ich wollte meine Sachen wieder an ihrem Platz verstauen, bemerkte jedoch, dass mehrere Taschen durchwühlt waren. Am Vortag hatte er mir noch versichert, dass Überwachungskameras vorhanden seien und der Abstellplatz sicher sei. Diese Zusicherung erwies sich als trügerisch. Ich war verärgert, da ich nicht wusste, wer und aus welchem Motiv die Taschen durchsucht hatte. Glücklicherweise fehlte nichts Materielles, jedoch konnte ich 100 US-Dollar aus meinem Notgeld nicht mehr auffinden.

Die Möglichkeiten waren beschränkt: Entweder Azizbek selbst, jemand aus seiner Familie oder ein Fremder – wobei ich Letzteres für unwahrscheinlich hielt – hatte an meinen Taschen hantiert. Auf meine Konfrontation hin behauptete Azizbek, das Fahrrad sei umgefallen. Da ich es jedoch so abgestellt hatte, dass es kaum umfallen konnte, war ich überzeugt, dass er die Taschen durchsucht hatte. Enttäuscht und wütend über diesen Vertrauensbruch zog ich mich an, verabschiedete mich und setzte meine Reise fort. Diese unangenehme Erfahrung beschäftigte mich noch den ganzen Tag.

Das Fahrradfahren gestaltete sich erneut mühsam, da der Wind von vorne kam und viel Kraft kostete. Nach mehreren kurzen Pausen erreichte ich einen kleinen Supermarkt, wo ich ausreichend Wasser für die kommenden 2 bis 3 Kilometer kaufte, denn dort wollte ich mein Nachtlager aufschlagen. Ich fragte die Verkäuferin nach einem geeigneten Schlafplatz. Mithilfe von Google Translate erfuhr ich, dass sich in der Nähe ein schöner Fichtenwald befinden sollte. Allerdings fand ich keine derartige Vegetation vor.

So schlug ich mein Zelt am Rand eines Feldes auf, das am weitesten von den umliegenden Dörfern entfernt lag. Beim Aufbau wurde ich schnell bewusst, dass auf dem kleinen Kiesweg in Sichtweite meines Zeltes regelmäßig Autos vorbeifuhren und Passanten entlanggingen. Bald standen sieben Menschen um mich herum und versuchten, mit mir in Kontakt zu treten. Alle waren sehr interessiert und freundlich, doch ich war innerlich nicht in der Verfassung, mich voller Begeisterung auf Gespräche einzulassen. Nach dem Vertrauensbruch am Morgen brauchte ich Zeit für mich, um das Erlebte zu verarbeiten.

Trotzdem blieb ich höflich und offen, während ich parallel meine Abendroutine abschloss und mich ins Bett legte. Nach und nach verschwanden auch die neugierigen Besucher und kehrten in ihre Häuser zurück.

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Abschied von den beiden netten Jungs mit gemischten Gefühlen. Taschen durchwühlt und 100 $ weg. Ich ich glaube, es war der ältere der beiden, der neidisch auf meine ganzen Sachen war und dachte, dass 100 $ nicht auffallen, wenn sie verschwinden

Sehr architektonisch interessante Grabstätte

Ob ich wohl mit 10 l Wasser genug Wasser dabei habe? Es hat auf jeden Fall auch fürs Waschen gereicht.

Und natürlich blieb mein Zelt nicht lange unentdeckt, und ich bekam viel Bekanntschaft 

Tag 83

Ausflug zum Tudakul-See und Gastfreundschaft in Kizil-Tepe

Heute Morgen stand ich um 7:00 Uhr auf, packte meine Sachen und ging zum Frühstück. Nach einer ausgiebigen Mahlzeit machte ich mich mit dem Fahrrad von Buchara aus auf den Weg Richtung Samarkand. Leider blies der Wind erneut ungünstig, sodass ich starken Gegenwind hatte, was das Fahren sehr anstrengend machte. Nach etwa 55 Kilometern legte ich eine Mittagspause an einem kleinen Markt mit Imbiss ein. Dort wurde mir ein Essen mit mehreren Eiern, Salat und Brot zubereitet. Mehrere Jugendliche zeigten großes Interesse an meiner Reise. Einer von ihnen, Azizbek, 25 Jahre alt und Berufsfischer, lud mich ein, mit ihm zum nahegelegenen Tudakul-See zu fahren. Bei der Hitze erschien mir das als willkommene Abwechslung und eine besondere Erfahrung, gemeinsam mit den Einheimischen den See zu besuchen.

Ich packte die benötigten Sachen aus meinem Fahrrad und stellte es sicher in einem Lagerraum neben dem Kiosk ab. Anschließend fuhren wir mit einem Chevrolet Damas etwa eine halbe Stunde durch die Wüste, bis die Landschaft in der Nähe des Sees wieder grüner wurde. Kurz vor dem See machten wir einen Umweg über einen von der Polizei kontrollierten Weg, wo häufig Lastwagen unterwegs waren. Dort befanden sich auch einige Fischer. Am Bauwagen zweier Männer, die Fischhändler sind, kaufte Azizbek 30 Kilogramm Fisch. Der Polizist, der den Fischer kontrollierte, nahm zudem noch eine Zahlung entgegen, die er offenbar für sich behielt. Dies erschien mir zwar unfair, scheint hier jedoch üblich zu sein.

Nach der Abwicklung fuhren wir zum See. Dort erwartete uns ein weiterer Bekannter. Gemeinsam stiegen wir in ein motorbetriebenes Schlauchboot, das uns auf dem weitläufigen See mit hoher Geschwindigkeit über die Wellen jagte. Der Bootsführer zeigte eindrucksvoll seine Fahrkünste, sodass ich mich gut festhalten musste, um nicht ins Wasser zu fallen. Zwischendurch hielten wir an, sprangen ins Wasser und genossen die warme Sonne bei angenehmer Abkühlung. Anschließend setzten wir die Fahrt über den See fort, bevor wir zurückkehrten.

Der Bruder von Azizbek lud mich noch zum Schwimmen ein, dem ich gern nachkam. Nach dem Trocknen in der Sonne fuhren wir zurück nach Kizil-Tepe, wo mich die Gruppe sehr gastfreundlich mit Pizza, Eis und Getränken bewirtete. Diese Herzlichkeit hat mich tief beeindruckt.

Später fuhren wir noch mit Azizbek durch die Stadt. Dabei war ich mir nicht immer sicher, was er in den verschiedenen Restaurants geschäftlich erledigte. Er erklärte, dass er manchen Betreibern Geld leiht, was mir etwas dubios vorkam. Schließlich holten wir noch Nummernschilder für das neue Auto seines Vaters ab und befestigten sie mit meinem Fahrrad-Multitool.

Das Haus seiner Familie war ein großes Anwesen, das von außen wie ein Schloss wirkte. Innen jedoch war die Einrichtung recht heruntergekommen. Aufgrund der stickigen und heißen Luft im Inneren zog ich mich nach draußen zurück, wo ich bis 5:30 Uhr schlief.


Mit den beiden neuen Kumpels ab zum See mit einer Chevrolet Damas


Aus dem Auto heraus sieht man nun ausgetrocknete Seebereiche, die mal salzig und feucht waren

Am See angekommen sind wir erst mal mit dem Schlauchboot über den See gefetzt. Ich musste mich ganz schön festhalten, damit ich nicht beim Springen über die Wellen herausfalle.

Der kleinere Bruder der beiden Jungs war sehr interessiert an mir und was ich so im Leben mache

Dann ging es wieder mit dem Kleinbus in die Stadt

Was ein tolles Badeerlebnis mitten in der Wüste und bei totaler Trockenheit drumherum

Die eigenen Schafe der Familie, bei der ich untergekommen bin

Und dann noch ein nettes Gespräch mit dem 20 Jahre jungen Schäfer gehabt, der gerade englisch lernt und in Zukunft Pilot werden möchte. 

In dem riesigen Hauskomplex, dass wir einen Palast ähnelte, schlief ich die Nacht bei der Familie

Tag 82

Von Schweißnähten, Granatäpfeln und Hammam-Dampf – Ein produktiver Tag in Buxoro

Als ich morgens mein Fahrrad noch einmal genauer unter die Lupe nahm, entdeckte ich eine unschöne Überraschung: Eine der Halterungen des Gepäckträgers war aus dem Rahmen gebrochen. Das bedeutete, dass der Stahlrahmen an dieser Stelle beschädigt war – eine Reparatur war also dringend nötig, um größeren Schaden zu vermeiden.

Da mein Rahmen aus Stahl besteht, war mir zum Glück klar: Das lässt sich ohne Probleme schweißen. Nach dem Frühstück machte ich mich deshalb direkt auf den Weg zu einem Fahrradladen in Buxoro. Vorher telefonierte ich noch mit meinem Mechaniker des Vertrauens, der mir genau erklärte, worauf ich bei der Reparatur achten muss. Mit meinen Notizen im Gepäck ging ich in den besten Fahrradladen der Stadt und erklärte dort mein Problem.

Sie versicherten mir, dass das kein Problem sei – ich müsse nur kurz warten. Nach etwa einer halben Stunde war mein Fahrrad an der Reihe. Zunächst wurde die beschädigte Stelle vom Lack befreit, damit die Schweißarbeiten überhaupt möglich waren. Dann wurde das abgebrochene Teil mit Kabelbindern fixiert – Schrauben wären bei der Hitze des Schweißens im Gewinde festgeschmolzen. Ich war wirklich froh, dass hier jemand mit Sachverstand am Werk war. Der Mechaniker arbeitete sorgfältig, schweißte mehrere Lagen übereinander, flexte die Nahtstellen glatt und versiegelte alles mit mehreren Schichten Klarlack und schwarzem Lack. Nach rund einer Stunde war alles erledigt – und das für gerade einmal acht Dollar. Ich war erleichtert und konnte beruhigt zurück ins Hotel fahren.

Meine zweite Baustelle an diesem Tag war mein Geldbeutel. Der Reißverschluss hatte den Geist aufgegeben – einige Zähne waren kaputt. Statt ihn wegzuwerfen, wollte ich ihn nachhaltig reparieren lassen. Ich fand einen Schneider, der mir für ebenfalls acht Dollar einen komplett neuen Reißverschluss einnähte. Außerdem fügte er eine neue Innentasche mit einem hübschen Granatapfel-Print hinzu – ein Stoff, aus dem er auch Kleidung und Accessoires fertigte. Mir gefiel der Print so gut, dass ich mir gleich noch ein passendes T-Shirt dazu kaufte.

Direkt im Anschluss stand meine gebuchte Free Walking Tour an. Der Guide war super – charmant, witzig und voller spannender Informationen. Zusammen mit einer Engländerin, zwei Niederländern und mir führte er uns durch Moscheen, Mausoleen und die beeindruckende Altstadt. Wir verstanden uns alle auf Anhieb richtig gut, und am Ende der Tour wurde viel gelacht und gewitzelt.

Danach zog es mich noch einmal in den Park an der Stadtmauer. Dort hörte ich viele Rabenkrähen, die gerade ihre Jungtiere fütterten. Drei kleine Ästlinge saßen noch unbeholfen auf der Wiese, und immer wieder flogen die Eltern heran, um sie zu versorgen. Auch wenn ich nur mein Weitwinkel dabei hatte, konnte ich ein paar schöne Porträts machen. Es war schön zu sehen, dass ich sogar auf dieser Reise meiner Leidenschaft für die Naturfotografie nachgehen konnte. Auf dem Rückweg bemerkte ich in einigen Bäumen die Schlafplätze von Hirtenstaren – laut, lebhaft und, sagen wir mal… nicht gerade sauber.

Als es dunkler wurde, stand noch mein morgendlicher Termin im Hammam an. In einem traditionellen usbekischen Hammam ließ ich mich massieren, auf heißen Steinen entspannen und ordentlich abschrubben. Nach den letzten kräftezehrenden Etappen war das genau das Richtige. Im Vergleich zum türkischen Hammam fiel mir auf, dass die Massage hier deutlich intensiver war und der Stein spürbar heißer – eine Sauna gab es hingegen nicht.

Zurück in der Stadt besorgte ich mir noch einen kleinen Snack und fiel dann müde, aber zufrieden ins Bett. Ein Tag voller Reparaturen, Entdeckungen und Entspannung – Buxoro hatte heute alles zu bieten.


Beim Zusammenschweissen des heraus gebrochenen Gepäckträgergewindes am Rahmen 


Reparatur meines Geldbeutels, aus Nachhaltigkeitsgründen, da ich mir keinen neuen kaufen möchte. Mit noch zusätzlich eingenähter Granatapfel-Kartentasche

Gewaltiges Mausoleum 

Gigantische Architektur 

Eine sehr alte und verzierte Moschee

Wiedehopf in Gräberstädte auf Futtersuche

Am Abend noch im Usbekischen Hammam. Die Massage und der heiße Stein, auf den man sich legt hat sehr gut getan.

Tag 81

Kampf gegen den Wind – Ankunft in Buxoro

Auch am heutigen Morgen hieß es wieder früh aufstehen. Noch vor Sonnenaufgang saß ich auf dem Rad und fuhr direkt hinein in den neuen Tag. Leider machte mir der Wind heute ordentlich zu schaffen. Ein zäher, stetiger Gegenwind blies mir frontal ins Gesicht, was das Vorankommen zur echten Geduldsprobe machte. Kilometer um Kilometer arbeitete ich mich langsam vorwärts – die Landschaft war dabei recht eintönig, was das Ganze nicht unbedingt leichter machte.

In solchen Momenten hilft nur eines: Musik auf die Ohren und den Kopf frei bekommen. Das funktionierte zum Glück auch heute wieder erstaunlich gut. Mit der richtigen Playlist konnte ich mich motivieren und den Fokus bewahren.

Am Nachmittag drehte der Wind dann zu meiner Erleichterung endlich – ein leichter Rückenwind schob mich voran und machte die letzten Kilometer deutlich angenehmer. So konnte ich nach einem kräftezehrenden Vormittag tatsächlich noch Buxoro (Buchara) erreichen.

Dort angekommen, checkte ich in einem Hotel ein und machte mich gleich zu Fuß auf, die Umgebung zu erkunden. Die Altstadt mit ihrem orientalischen Flair wirkte nach der eintönigen Wüstenetappe wie ein kleiner Kulturschock – aber ein sehr willkommener.

Zum Abendessen gönnte ich mir im italienischen Restaurant eine große Portion Pasta und eine herrliche Pizza Quattro Formaggi – ein echter Genuss nach diesem strapaziösen Tag.

Müde, satt und zufrieden freute ich mich dann einfach nur noch auf mein weiches Bett – wohlverdient nach rund 120 Kilometern im Kampf gegen den Wind.


Bei Morgenröte um 5:00 auf dem Rad durch die Wüste 


Leider mit Gegenwind auf der Straße 

Tausende von diesen Heuschrecken wurden heute von den Autos auf der Straße platt gefahren 

Den Japaner, den Giovanni und ich in Beineu im Hostel kennen gelernt haben, ist mir zufällig über die erste Straße in Buhara über den Weg gelaufen. Ein mega Zufall.

O shit. Das Gewinde im Rahmen, dass den Gepäckträger a das Fahrrad hält, ist komplett aus dem Rahmen herausgebrochen. Darum muss ich mich morgen kümmern!

Lecker Nudeln und Pizza im fancy Restaurant essen.

Bei Abend angestrahlte Moschee in Buhara

Auch Mausoleen gibt es reichlich

Sehr schöne Usbekische Feuerwehrautos

Tag 80

Begegnungen in der Wüste – ein Tag voller Menschlichkeit
 
Heute Morgen klingelte mein Wecker bereits um 4:45 Uhr – nötig, denn der Tag sollte wieder extrem heiß werden. Zum Glück musste ich nur noch mein Fahrrad kurz fertig packen, und schon konnte ich starten. In der kühlen Morgendämmerung loszuradeln, war ein Genuss. Nur wenige Kilometer später, gegen 5:15 Uhr, ging die Sonne auf. Die Magie dieses frühen Morgens war unbeschreiblich – alles lag still, und der Horizont glühte langsam auf. 
 
Nach rund 50 Kilometern legte ich meine Frühstückspause ein. Danach schwang ich mich wieder auf den Sattel und setzte meinen Weg durch einen weiten Wüstenabschnitt fort – mitten im Herzen Usbekistans. Insgesamt zieht sich dieses Wüstenstück über etwa 280 Kilometer. Glücklicherweise gab es immer wieder kleine Cafés oder Minimärkte, an denen ich meine Wasservorräte auffüllen und Snacks kaufen konnte. 
 
An einem dieser Stopps kam ein Reisebus mit deutschen Touristen an. Als sie mich sahen, waren sie direkt fasziniert. Ich kam mit vielen von ihnen ins Gespräch und erzählte, soweit es in der kurzen Zeit möglich war, ein wenig von meiner bisherigen Reise. Ihre Begeisterung war ansteckend. 
 
Später, an einem kleinen Kiosk, traf ich auf eine Reisegruppe aus Sri Lanka. Auch sie waren sehr neugierig und wollten unbedingt Fotos mit mir machen. Einige motivierten mich direkt dazu, Sri Lanka einmal zu bereisen. Ich musste ein wenig schmunzeln und erklärte, dass ich mich nun erst einmal auf diese Tour konzentriere – aber wer weiß, was in Zukunft noch alles möglich ist. 
 
Nach 140 Kilometern und erneut sehr viel Gegenwind erreichte ich schließlich eine Stelle mit einigen kleinen Marktständen. Davor standen traditionelle usbekische Liegen, die sowohl für kurze Pausen als auch zum Übernachten genutzt werden können. Ich machte es mir auf einer davon gemütlich und richtete meinen kleinen Schlafplatz ein. 
 
Bevor ich mich zur Ruhe legte, kochte ich mir noch ein paar Nudeln auf meinem Campingkocher – nach so einem Tag braucht der Körper wieder Energie. Am Abend kamen dann noch zwei LKW-Fahrer dazu, mit denen ich mich über Google Translate länger unterhielt. Einer von ihnen wohnt hinter Taschkent – vielleicht werde ich ihn dort sogar wiedersehen. Diese Offenheit, Freundlichkeit und echte Neugier der Menschen berührt mich jedes Mal aufs Neue. 
 
Da mein Lagerplatz direkt an der Hauptstraße lag, nutzte ich Schlafmaske und Ohrstöpsel – ohne sie hätten mich die hellen Lichter der LKWs, das Gehupe und das Anfahren hinter der Polizeikontrolle sicher um den Schlaf gebracht. So jedoch schlief ich erstaunlich gut ein – dankbar für die vielen schönen Begegnungen des Tages. 


Meine Aussicht in die Wüste 


Tierische Freunde 

Sand, Sonne, Wind und Asphalt

Am heutigen Schlafplatz angekommen 

Meine heutige Kochstation 

Überall diese Heuschrecken 

Schlafplatz auf dieser Liege direkt an der einzigen Wüstenstrasse

Tag 79

Von der Sandpiste zurück zum Fluss – Hitze, Staub und ein Naturparadies
 
Am nächsten Morgen setzte ich meine Reise fort. Nach einem recht spartanischen Frühstück machte ich mich auf den Weg zur Straße Richtung turkmenischer Grenze, die mich zurück auf die Hauptstraße führen sollte. Doch bereits nach wenigen Kilometern bereute ich meine Entscheidung – die Straße war in einem katastrophalen Zustand. Über fast 90 Kilometer musste ich mich durch tiefe Schlaglöcher und zerfurchte, bröckelnde Asphaltreste kämpfen. Es war anstrengend und forderte höchste Konzentration, um nicht vom Rad geschleudert zu werden. 
 
Umso erleichterter war ich, als ich endlich die Hauptstraße erreichte, die in Richtung Buchara führte. Trotz der großen Hitze und Temperaturen von über 37 Grad wehte ein angenehmer Wind. So schaffte ich an diesem Tag weitere 60 Kilometer. Kurz bevor die Sonne unterging, kehrte ich in ein kleines Restaurant ein, um mir etwas zu trinken zu holen. Dort wurde mir spontan eine Übernachtungsmöglichkeit angeboten – das passte perfekt, denn ich wollte sowieso in der Nähe des Amudarja-Flusses übernachten, der sich nur zwei Kilometer entfernt durch die Wüste schlängelte. 
 
Ich nahm das Angebot gerne an und bekam zunächst die Gelegenheit, mich zu waschen. In einem Eimer mit warmem Wasser konnte ich mich ganz in Ruhe mit einer Schöpfkelle reinigen – eine Wohltat nach der staubigen und heißen Etappe. Auch meine durchgeschwitzten Radsachen wusch ich aus und hängte sie in die glühende Spätnachmittagssonne – bei diesen Temperaturen trocknet alles in Windeseile. 
 
Da ich unbedingt noch zum Fluss wollte, machte ich mich mit meiner Kameraausrüstung auf den Weg. Nach einem kurzen Marsch von zwei Kilometern erreichte ich die Uferzone mit ihren angrenzenden Seen. Das Leben dort pulsierte. Ich konnte viele Vögel beobachten: Nachtreiher, verschiedene Seeschwalben, Stelzenläufer, zahlreiche Limikolen – und sogar wieder einen Blauwangenspint. Auch die Insektenwelt war aktiv, und überall quakten Frösche. In dieser friedlichen Naturkulisse genoss ich die letzten Sonnenstrahlen und beobachtete, wie sich der Tag in die blaue Stunde verabschiedete. 
 
Auf dem Rückweg zum Restaurant verlief ich mich leicht, da ich das Haus vom Weg aus nicht erkennen konnte – es lag etwas versteckt am Hang. Ich kam etwa 500 Meter oberhalb des eigentlichen Wegpunkts wieder heraus. Aber der Umweg hatte auch sein Gutes: Ich entdeckte viele kleine Käfer, eine Wüstenschlange und weiteres spannendes Getier, das im Sand lebte. 
 
Wieder am Restaurant angekommen, wurde mir kostenlos ein warmes Abendessen serviert. Ich konnte richtig entspannen. Zum Schlafen wurde mir ein separater Raum mit einer einfachen, dünnen Matratze auf dem Boden angeboten – mehr brauchte ich nicht. Zufrieden und voller Eindrücke schlief ich ein. 


Gebetshaus hinter bunten Mauern 


Vor verschlossenen Schranken 

Übergang zwischen Grünwuchs und Wüste 

Fans von mir aus Sri-Lanka getroffen 

Klamotten gewaschen und von der Wüstensonne trocknen lassen.

Am Ende des Wüstenflusses Sonnenuntergang genießen 

Ich bin glücklich 

Kleine Löcher im Wüstensand. Wer hier wohl wohnt ?

Viele Krabbelkäfer sind am Abend aktiv 

Meine erste lebendige Schlange in der Wüste

Tag 78

Von Pause, Sandsturm und Staubpiste – ein Kontrasttag in Xiva und auf dem Weg zum Amudarja

Heute war ein Pausentag in Xiva angesagt. Die letzten beiden Nächte hatte ich jeweils nur fünf bis sechs Stunden geschlafen – mein Körper verlangte also dringend nach Erholung. Dass daraus allerdings 13,5 Stunden Schlaf wurden, hätte ich nicht gedacht. Als ich um 14:30 Uhr aufwachte, konnte ich die Uhrzeit erst kaum glauben. Auch das Frühstück, das nur bis 10 Uhr serviert wurde, hatte ich damit natürlich verpasst. Also musste ich meine Tagespläne etwas beschleunigen.

Zuerst stand der Kauf einer neuen SIM-Karte an. Meine bisherige eSIM war einfach viel zu langsam – mit dem Ucell-Netz erhoffte ich mir besseren Empfang. Danach nutzte ich die verbleibende Zeit, um mir die Sehenswürdigkeiten Xivas genauer anzusehen. Besonders faszinierend fand ich die vollständig aus Lehm gebaute Stadtmauer. In einem angrenzenden Park hörte ich viele Rabenkrähen rufen und entdeckte schließlich auch einige Ästlinge – also junge Krähen, die gerade ihr Nest verlassen haben und am Boden noch von ihren Eltern gefüttert werden. Ich hatte zwar nur mein Weitwinkelobjektiv dabei, aber weil die Jungvögel keinerlei Scheu zeigten, konnte ich trotzdem ein paar schöne Aufnahmen machen. So begleitet mich die Vogelfotografie auch auf dieser Reise, ganz ohne Teleobjektiv.

Anschließend besuchte ich die Altstadt mit ihren zahlreichen Moscheen, Minaretten, Grabstätten und Tempeln. Für rund sieben Euro stieg ich auf eines der Minarette – von oben bot sich mir ein weiter Blick über die Stadt. Der blaue Himmel war jedoch hinter einem dichten Sandsturm verborgen, der eine feine Staubschicht über alles legte.

Später ruhte ich mich auf einer traditionellen usbekischen Sitzgelegenheit aus. Plötzlich erklang laute Musik – in der Altstadt begann eine Tanzvorführung junger Einheimischer in traditionellen Gewändern. Viele Zuschauer, darunter auch ich, versammelten sich, feuerten an und genossen die ausgelassene Stimmung. Es war berührend zu sehen, wie selbstbewusst die Jugendlichen ihre Kultur präsentierten – mitten zwischen all den Touristen.

Am Abend traf ich mich mit zwei Deutschen, die ich schon in Beineu kennengelernt hatte. Sie waren ebenfalls in Xiva angekommen und wir kehrten in das Restaurant ein, in dem ich auch am Vorabend gegessen hatte. Gemeinsam verbrachten wir einen schönen Abend und wurden sogar mit einer Live-Musikdarbietung überrascht – ein anderer Tisch hatte Musiker gebucht, und wir durften kostenlos zuhören.

Zurück im Hostel machte ich mein Rad noch etwas sauber, schmierte den Riemen mit Silikonspray und packte meine Sachen für die nächste Etappe. Am nächsten Morgen ließ ich es ruhig angehen, da ich spät ins Bett gekommen war. Nach einem einfachen Frühstück ging es wieder los – zurück zur Hauptstraße, auf 90 Kilometern kaputter, zerfurchter Strecke, die man kaum noch als Straße bezeichnen kann. Ich schlängelte mich Richtung Nordosten, in Richtung der turkmenischen Grenze. Ab Kilometer 90 wurde die Straße dann schlagartig besser – ich fuhr die restlichen 65 Kilometer zügig bis zum nächsten Dorf am letzten Zipfel des Flusses Amudarja.

Dort war ich dann wirklich erschöpft. Als ich in einem kleinen Restaurant nur nach Wasser fragte, bot man mir gleich eine Übernachtungsmöglichkeit an – ein echtes Geschenk. Ich wusch mich dort mit einem Eimer Wasser und einer Kelle – mit Wasser wird hier sehr sparsam umgegangen. Auch meine Radkleidung konnte ich notdürftig per Handwäsche von den Salzrückständen des Schweißes befreien.

Da ich eigentlich noch an den Fluss wollte, ließ ich Fahrrad und Schlafsachen in der Unterkunft und machte mich zu Fuß auf – ein Spaziergang von zwei Kilometern bis zum großen Amudarja. Dort erwartete mich eine wunderschöne Szenerie. Ich konnte meinen ersten Blauwangenspint beobachten, der zur Familie der Bienenfresser gehört, sowie Stelzenläufer und einige Limikolen. Im Licht der untergehenden Sonne trat ich den Rückweg an. Kurz verlor ich ein wenig die Orientierung, fand aber im Dunkeln doch wieder zur Unterkunft zurück. Unterwegs begegnete mir noch eine kleine Schlange und einige flink huschende Käfer.

In der Unterkunft wurde mir zum Abschluss noch eine leckere Nudelsuppe serviert – dann war der Tag geschafft und ich fiel müde ins Bett.


Minarett in der faszinierenden Altstadt


Aussicht aus einem Minarett mit Aussicht auf die Altstadt von Xiva

Bekannstachaft mit einem netten Usbeken gemacht.

Tag 77

Ein Umweg nach Xiva – Begegnungen, Hitze und ein lohnendes Ziel

Auch an diesem Morgen stand ich wieder früh auf und kam um 6:30 Uhr los. Gerade einmal fünf Kilometer gefahren, traf ich einen Baustellenarbeiter, der an der Bahnlinie arbeitete. Wir unterhielten uns sehr nett – er war sichtlich interessiert an meiner Reise und daran, was ich mit dem Fahrrad hier mache.

Nur zwei Kilometer weiter, kurz vor der großen Straße, sprang plötzlich eine Gruppe von sieben Männern aus einem Daewoo Damas – diesen kleinen Kastenwagen, die hier überall unterwegs sind. Sie machten jede Menge Fotos mit mir, boten mir ihre Gastfreundschaft für meinen Aufenthalt in Samarkand an und verschwanden dann wieder, um die Straße zu vermessen. Diese spontane Begegnung hat mich einmal mehr begeistert – es ist einfach schön, wie freundlich und offenherzig die Menschen hier sind.

Einer der Männer empfahl mir, nicht der direkten Straße zu folgen, sondern einen Schlenker über Xiva zu machen. Ich nahm den Tipp an und bog nach etwa 30 Kilometern von der Hauptstraße in Richtung Stadt ab. Die Straßen wurden allerdings zunehmend schlechter – je weiter ich fuhr, desto holpriger, kaputter und anstrengender wurde die Strecke. Eigentlich hatte ich nicht vor, die gesamte Etappe bis Xiva noch heute zu fahren, entschied mich dann aber doch dazu, durchzuziehen.

Bei der Hitze musste ich einige kürzere Pausen einlegen. Gegen 17:00 Uhr kam ich schließlich in Xiva an – mit 150 gefahrenen Kilometern in den Beinen. Google Maps schickte mich zunächst an einen falschen Ort, wo angeblich ein Hotel sein sollte. Leider lag es genau auf der anderen Seite der Stadt. Da ich keine Lust mehr auf weitere zehn Kilometer hatte, nahm ich ein Einzelzimmer in einem nahegelegenen Hostel. Es lag zudem deutlich näher an der Altstadt.

Nach einer gründlichen Dusche – Sonnencreme, Schweiß und Staub hatten sich gut angesammelt – machte ich mich auf, die beeindruckende Altstadt zu erkunden. Die historische Architektur war wirklich atemberaubend. Am Abend gönnte ich mir einen Kuchen und frischen Karottensaft in einem kleinen Café, bevor ich in einem Restaurant noch gefüllte Teigtaschen mit Pilzen und Ei bestellte – eine usbekische Spezialität, die meistens mit Fleisch serviert wird, hier aber auch vegetarisch angeboten wurde.

Vollkommen erschöpft, aber zufrieden, fiel ich schließlich ins Bett.


Foto mit den Straßen Vermessungsarbeitern, die sehr interessiert waren 


Ein sehr interessanter Berg in der Wüste

Interessante Ortsnamen

Ästhetische Stadttore im Niemandsland

Baby- Gottesanbeterin trampt bei mir mit.

In Xiva angekommen 

Im stylischen Caffé 

Altstadt im Dunklen 

Schöne Stimmung am Abend 

Tag 76

Ein grünes Paradies zwischen Wüste und Fischteichen

Heute Morgen stand ich um 4:45 Uhr auf, packte die letzten Sachen und schnallte alles ans Fahrrad. Die angenehmen Temperaturen in der Morgendämmerung machten das frühe Losfahren richtig schön. Nach 50 km frühstückte ich gegen 8:30 Uhr am Straßenrand im Grünen.

Weiter ging es für mich durch Nukus. Nach 100 km legte ich eine weitere Pause ein und unterhielt mich mit ein paar Einheimischen. Leider verstanden sie mich oft nicht richtig, und Google Translate hat auf Usbekisch keine Vorlesefunktion. Als ich mehrfach versuchte zu fragen, ob es im nächsten Dorf einen Markt für Wasser gibt, konnte mir niemand helfen. Ich war mir aber sicher, dass es dort irgendwo einen kleinen Laden geben musste – zur Sicherheit nahm ich genug Wasser mit.

Nach 150 km erreichte ich schließlich das Dorf am Fluss Sarybay und kaufte dort noch einen 5-Liter-Kanister. Da ich am nächsten Morgen früh los wollte und der Laden erst um 8:00 Uhr öffnete, war ich nun mit 12 Litern Wasser gut vorbereitet.

Hinter dem Dorf ging es auf kleineren Wegen weiter – vorbei an spielenden Kindern im Wasser – bis zu einer Stelle, die ich spannend fand. Und tatsächlich: eine wunderschöne grüne Oase mit Fischteichen. Noch eben war ich in der Wüste, jetzt war ich umgeben von Wasser, Schilf, Insekten und einer aktiven Vogelwelt. Ich konnte Seeschwalben, Nachtreiher, Bienenfresser, Eisvögel, Stelzenläufer und viele Käfer beobachten. Die turkmenische Grenze war von hier nur etwa drei Kilometer Luftlinie entfernt.

Ein Bauer, der seine Kühe an den Teichen hatte, nahm mich ein Stück mit durch die Natur. Danach kochte ich mir Nudeln und genoss die Aussicht auf dieses grüne Archipel. Obwohl ich teilweise bei 40 °C unterwegs war, war es durch die Wolken erträglich – trotzdem spürte ich die Anstrengung.

Gerade als ich mich gedehnt hatte und ins Bett gehen wollte, kam ein Auto vorbei. Im Wagen saß der Eigentümer des Reservats. Er bat mich, mein Zelt auf einem anderen Teil seines Grundstücks aufzubauen. Erst war ich zögerlich, wollte dann aber auch die Gastfreundschaft nicht ausschlagen – und es war ja sein Gelände. Also packte ich zusammen, ging etwa 300 Meter weiter und bekam dort direkt Essen serviert: Hackfleisch, Tomaten und Gurken. Auch hier setzte ich meine vegetarischen Prinzipien mal außer Kraft – Teil der kulturellen Erfahrung.

Wodka wurde mir ebenfalls mehrmals angeboten, doch ich lehnte dankend ab. Ich trinke kaum Alkohol, und so etwas würde mich direkt umhauen. Für die russisch geprägte Region ist es jedoch völlig normal, abends gemeinsam eine Flasche zu leeren. Später kam noch ein zweiter Herr dazu, die beiden saßen zusammen, während ich etwas abseits die Stimmung genoss.

Die Menschen waren wieder unglaublich herzlich und hilfsbereit. Um mich herum quakten die Frösche, die Natur kam langsam zur Ruhe – und ich schlief bald in dieser friedlichen Atmosphäre ein.


Statuen in der Wüste


Lange Straßen in der Wüste

Zug durch die Wüste

Voll bepackt mit 12 l Wasser in einer grünen Oase an der Wüste 

Abendessen mit Nudeln am See machen 

Eisvogel in Baum am See am Jagen 

Seeschwalben am Himmel beim Jagen 

Von den beiden netten Usbeken in der Natur zum Essen eingeladen.

Traktorscheninwerfer als Lampen Licht, geht auch 

Tag 75

Ein entspannter Tag im Hostel – neue Bekanntschaften und etwas Alltag

Nach vier weiteren Stunden Schlaf war ich wieder fit. Am Morgen musste ich mir zunächst Bargeld in der usbekischen Währung SOM besorgen. Als ich den Hostelbetreiber fragte, wo der nächste Geldautomat sei, bot er mir direkt an, mich mit dem Auto dorthin zu fahren – wirklich sehr freundlich. Wir fuhren gemeinsam los, und ich hob 1 Million SOM ab, was etwa 70 € entspricht. Damit konnte ich dann auch gleich die erste Nacht im Hostel bezahlen.

Auf dem Rückweg hielten wir noch an einem kleinen Markt, wo ich mir ein paar Utensilien fürs Frühstück kaufte. Zurück in der Unterkunft gönnte ich mir erst einmal eine ausgiebige Dusche – nach der schweißtreibenden Zugfahrt ohne Klimaanlage war das eine wahre Wohltat.

Wie schon erwartet, war das Frühstück im Hostel recht übersichtlich: drei Spiegeleier, etwas Fladenbrot und warmer Tee – das war’s. Mit meinen eigenen Vorräten ergänzte ich das Ganze um ein Müsli und etwas Erdnussbutter auf Brot.

Später lernten Vincent, Giovanni und ich einen weiteren Reisenden im Hostel kennen: Patrick Keller, der unter dem Namen The Great Zickzack zu Fuß um die Welt reist und seine große Instagram-Community daran teilhaben lässt. Wir unterhielten uns lange mit ihm – es war inspirierend, all die unterschiedlichen Reisegeschichten zu hören, die jeder von uns im Gepäck hatte.

Den restlichen Tag verbrachte ich damit, meinen Blog auf den neuesten Stand zu bringen und die Veröffentlichung meiner nächsten Kurzvideos vorzubereiten. Viel mehr geschah an diesem Tag nicht. Am Abend saßen wir noch lange zusammen und unterhielten uns, nur Giovanni war schon früher mit dem Bus nach Urganch weitergefahren.

Ich packte meine Sachen so gut wie vollständig zusammen, damit ich am nächsten Morgen wieder früh starten konnte.


Frühstück im Hostel und Tag 1 in Usbekistan 


Tag 74

Grenzformalitäten, Gleise und gespannte Nerven

Heute Morgen wachte ich gut ausgeschlafen in einem angenehm temperierten Zimmer auf. Endlich einmal keine Hitze beim Aufwachen – ein kleiner Luxus nach den letzten Tagen in der Wüste. Ich packte in Ruhe meine Sachen für die Grenzüberschreitung nach Usbekistan, schnitt noch schnell ein paar meiner Videos zu Ende und machte mich mit Sack und Pack auf den Weg zur Bahnstation.

Dort wartete ich in der Hitze auf den Zug. Vincent – der andere deutsche Radreisende – war inzwischen auch wieder dabei, ebenso wie Giovanni aus Italien. Gemeinsam verstauten wir unsere Räder und Taschen in einem Abteil. Das Einladen der gesamten Ausrüstung kostete mich viele Nerven: Fahrräder, Taschen, Trinkwasser, Proviant – alles musste seinen Platz finden. In dem engen Zugabteil war das ein ziemlicher Kraftakt und ziemlich stressig.

Unsere Pässe wurden mehrfach kontrolliert: von der kasachischen Bahn, der Polizei und sogar vom Militär. Dann setzte sich der Zug gemächlich in Bewegung und schaukelte mit etwa 60 km/h durch die weite Wüste.

An der Grenze zu Usbekistan kam der Zug zum Stillstand – für ganze zwei Stunden. Das usbekische Militär durchkämmte den Zug akribisch: mit Spiegeln an langen Stangen, ähnlich wie Selfie-Sticks, suchten sie unter den Sitzen nach Schmuggelware. Auch wir wurden überprüft. Vincent und ich mussten unsere Fahrradtaschen öffnen – zum Glück aber nur die, die direkt am Rad befestigt waren. Die großen Packtaschen blieben verschont. Hätten wir auch die noch auspacken müssen, wäre das komplette Chaos ausgebrochen.

Immer wieder setzten sich Grenzbeamte und Polizisten zu uns ins Abteil und begannen Gespräche. Es fühlte sich teils etwas gezwungen an – wir versuchten natürlich, einen möglichst guten Eindruck zu hinterlassen. Wahrscheinlich war das eine Mischung aus Neugier, Kontrolle und Smalltalk.

Da der Zug ein Schlafwagen war, klappten wir abends die Betten aus. Es war heiß, die Luft stand im Abteil, aber trotzdem gelang es mir, einigermaßen gut zu schlafen. Vincent und Giovanni hatten leider weniger Glück – ihnen machte die Hitze deutlich mehr zu schaffen.

Gegen 2:00 Uhr nachts erreichten wir schließlich Kungrad. Müde, verschwitzt und etwas durch den Wind luden wir wieder unsere Räder und Taschen aus. Direkt gegenüber vom Bahnhof fanden wir ein einfaches Hostel, wo wir sofort eincheckten. Ohne viele Worte fielen wir in die Betten – erschöpft, aber erleichtert, dass die Grenzprozedur hinter uns lag und ein neues Kapitel unserer Reise beginnen konnte.


Marktplatz von Beineu


Autos in Kasachstan 

Ausblick aus dem Zug 

An der Usbekischen Grenze warten 

An der Grenze mit Usbeken Bekanntschaft machen.

Nachts um 2:00 in Kungrad in Usbekistan angefangen 

Tag 73

Grenzen, Gegenwind und kleine Glücksmomente

Der Wetterbericht versprach wieder über 35 °C, also stellte ich mir den Wecker diesmal auf 5:00 Uhr. Ich aß eine Kleinigkeit und saß pünktlich um 6:00 Uhr auf dem Fahrrad – bei noch angenehmer Wärme. Dieser Plan ging gut auf: Nach anderthalb Stunden und rund 30 Kilometern erreichte ich das nächste Dorf, auch wenn mich starker Seitenwind auf den letzten Kilometern über einen holprigen Schotterweg begleitete.

Laut Google Maps sollte es dort zwei Supermärkte geben – doch an den eingetragenen Orten fand ich nur verlassene Betonbauten. Kein Leben, keine Lebensmittel. Ich fragte ein Schulkind, das gerade auf dem Weg zur gegenüberliegenden Schule war, wo ich Wasser und ein bisschen Essen bekommen könnte. Es sagte mir, ich solle einfach in einem Haus nachfragen, jemand würde dann den Kiosk öffnen. Leider zeigte es mir aber nicht, welches Haus es meinte – und verschwand.

Das nächste Kind war etwas älter, sprach ein wenig Englisch und klopfte freundlicherweise bei der richtigen Frau. Diese sagte mir, der Kiosk öffne erst in 40 Minuten – zu lang, um in der zunehmend drückenden Hitze zu warten. Doch sie schickte ihre Tochter, kaum sieben Jahre alt, mit mir los. So bekam ich einen 5-Liter-Kanister Wasser und ein paar Lebensmittel – genug, um die nächsten 90 Kilometer bis Beineu durchzustehen.

Auf dem Weg dorthin hatte ich Glück: Die Straße drehte sich genau in den Rückenwind und Wolken schoben sich vor die Sonne. Trotz 35 °C war es dadurch erträglich. Um 13:30 Uhr erreichte ich Beineu. Erst einmal versorgte ich mich in einem kleinen Laden mit Essen, dann ging ich direkt zur Bahnstation.

Ich hatte zuvor nicht bedacht, dass die Grenze zu Usbekistan wegen Bauarbeiten derzeit nur für Züge und LKW passierbar ist – Radfahrer müssen den Zug nehmen. Ganz naiv fragte ich bei einem Zug, der gerade dort stand, ob er nach Usbekistan fahre – ja, das tat er. Aber er war komplett ausgebucht. Ich hatte nicht erwartet, dass man so weit im Voraus online buchen muss.

In dieser misslichen Lage hatte ich großes Glück: Ich traf ein Berliner Ehepaar, das seit Jahren mit dem Fahrrad unterwegs ist und Russisch spricht. Der Mann war unglaublich hilfsbereit und organisierte mir ein Ticket für den nächsten Tag – obwohl dieser Zug online als ausgebucht galt. Auch ein italienischer Backpacker, den ich dort traf, bekam dank seiner Hilfe ein Ticket.

Da wir noch einen Tag bis zur Abfahrt hatten, checkten wir gemeinsam in ein Hotel ein. Endlich wieder duschen, ein klimatisierter Raum – ich fühlte mich wie neu geboren. Danach erkundeten wir noch ein wenig die Stadt und gönnten uns eine Pizza, die leider alles andere als empfehlenswert war.

Beineu selbst hinterließ keinen bleibenden Eindruck – ein staubiger Umschlagplatz inmitten der Wüste. Die Menschen dort waren oft unfreundlich, versuchten mehrfach, uns übers Ohr zu hauen, und hupten grundlos, wenn man eine Straße überquerte – selbst wenn reichlich Platz war. Ich war nicht traurig, diesen Ort bald wieder verlassen zu können.

Am Abend schnitt ich noch meine täglichen Kurzvideos – eine Arbeit, die immer viel Zeit frisst – und fiel spät ins Bett. Wieder ein Tag voller Überraschungen, Herausforderungen und kleiner Glücksmomente.


Am nächsten Dorf angekommen. Das letzte Dorf war 105km entfernt, das nächste 90km. Das heißt Wasserspeicher reichlich auffüllen bei 36 Grad und Trockenheit.


Mit den aufziehenden Wolken ist die brütende Sonne nicht mehr so stark da. Trotzdem noch 35 Grad.

Ab geht es nach Beineu

Ein Güterzug ins Nirgendwo 

In Beineu angekommen. 

Tag 72

Ein neuer Rhythmus – Frühstart in die Weite 
 
Heute stellte ich mir den Wecker auf 6:00 Uhr. Ich wollte meine Strategie ändern: früher aufstehen, bei Sonnenaufgang losfahren – bevor die Hitze des Tages unerträglich wird. Das Frühstück war ein Geschenk: frische Eier von den eigenen Hühnern, selbstgebackenes Brot, köstliche Marmelade. Es stärkte mich für den anstehenden Tag. Zwei Flaschen Wasser bekam ich noch mit auf den Weg, ich verabschiedete mich herzlich von meinen Gastgebern – und los ging es. 
 
Mein erstes Ziel war ein kleines Hochplateau, das auf rund 300 Höhenmetern lag. Der Aufstieg war in der morgendlichen Wärme noch gut machbar und sogar angenehm. Oben angekommen eröffnete sich ein atemberaubender Blick über die weite, scheinbar endlose Ebene. Der Weg führte mich über geschwungene Straßen weiter – mit leichtem Rückenwind und stetigem Gefälle. Ich kam zügig voran. 
 
Nach 70 Kilometern erreichte ich das nächste Dorf, wo ich direkt meine Wasservorräte auffüllte – insgesamt 8 Liter. Das war auch nötig, denn die nächste Siedlung lag über 100 Kilometer entfernt. Für diese Strecke musste ich gut vorbereitet sein. 
 
Dank des Rückenwinds und des leichten Gefälles fuhr es sich angenehm – doch mit steigender Sonne stieg auch die Hitze. Gegen Mittag kletterte das Thermometer über 35 °C. Ich legte immer wieder Pausen ein, um meinen Körper nicht zu überfordern. Die trockene Luft, die Hitze, das schwere Fahrrad – und dazu die 8 Liter Wasser – all das kostete Kraft. 
 
Nach rund 140 Kilometern, gegen 16:30 Uhr, beschloss ich, Schluss für heute zu machen. Ich entdeckte von der Straße aus einen schmalen Weg, der zu einigen Kieshügeln führte – ein perfekter Platz: geschützt, ruhig und nicht einsehbar. Ein idealer Ort zum Zelten. 
 
Links und rechts raschelten Ziesel durchs Gestrüpp, Lerchen sangen in der Luft, kleine Käfer krabbelten um meine Füße. Auf einem Kieshügel balzte ein Wiedehopf, und Bienenfresser zogen ihre Kreise am Himmel. Trotz der großen Hitze fühlte ich mich in diesem Moment tief verbunden mit der Natur, ja fast geborgen. 
 
Ich machte in Ruhe meine Abendroutine, aß Brot mit Erdnussbutter, und kroch müde, aber zufrieden in mein warmes Zelt. Der Schweiß lief mir noch bis spät in die Nacht über die Haut – aber ich schlief schnell ein. 


Abschied von Sabit.


Ab 300m hoch auf die Hochebene

Blick in die weite Tiefebene der Wüste 

Pause am Straßenrand an der Leitplanke, da hier keine Schattenplätze und Häuser sind.

Kurz chillen in einem kleinen Kiosk im Nirgendwo.

Tag 71

Ein Tag in der Wüste – Zwischen Sonne, Kamelen und neuen Begegnungen

Am Morgen weckte mich die bereits kräftige Sonne. Ich genoss den weiten Blick auf das große Felsmassiv und die faszinierende, beinahe erschreckend stille Wüstenlandschaft. Vincent und ich entschieden uns heute, wieder getrennte Wege zu gehen. Vermutlich werden wir uns ab und an begegnen, doch jeder möchte die Reise in seinem eigenen Tempo fortsetzen.

Um 8:00 Uhr packte ich mein Zelt zusammen – die Sonne war da schon ziemlich stark. Gegen 9:00 Uhr brach ich auf in Richtung Shetpe. Dort wollte ich meine Wasservorräte auffüllen, etwas zu essen besorgen und vor allem Bargeld abheben – was sich als die größte Herausforderung des Tages herausstellen sollte.

Google Maps zeigte mehrere Banken an, doch bei der ersten wurde mir gesagt, dass dort kein Geld abgehoben werden kann. Ein freundlicher Bankangestellter verwies mich auf eine andere Filiale. Dort angekommen, war die Tür jedoch mit einem massiven Riegel versperrt. Gegenüber lag eine Polizeistation, also fragte ich dort nach. Die Beschreibung des Polizisten war etwas vage, weshalb ich nochmals jemanden um Hilfe bitten musste. Letztlich fand ich die richtige Bank und konnte endlich Bargeld abheben – in Kasachstan oft die einzige Möglichkeit, außerhalb der Großstädte zu bezahlen.

Bis ich mit allem fertig war und Shetpe wieder verlassen konnte, waren über zwei Stunden vergangen. Die Sonne stand inzwischen hoch am Himmel und brannte erbarmungslos. Die trockene Wüstenluft machte das Weiterfahren noch anstrengender. Nach rund 50 Kilometern erreichte ich eine kleine Raststätte, wo ich Wasser trank und mich mit Nüssen und Keksen aus meiner Vorratsbox stärkte. Dort traf ich auch Vincent wieder, der schon deutlich früher gestartet war, aber lieber alleine weiterziehen wollte.

Während der Fahrt machte mir mein hoher Puls Sorgen – trotz gemäßigtem Tempo lag er dauerhaft zwischen 150 und 160. Bei Bergetappen habe ich sonst selten mehr als 140. Diese Hitze war eine echte Belastung, also entschied ich mich, das nächste Dorf anzusteuern – das letzte für die kommenden 70 Kilometer.

Das Dorf war klein, und viele Häuser schienen unbewohnt. Bei der ersten Tür hatte ich kein Glück – die Frau war schwanger und wollte keinen Gast aufnehmen. Beim nächsten Haus zögerte die Bewohnerin zunächst, bot mir dann aber ihre Hilfe an. Ich wollte gerade mein Fahrrad holen, als ein Mann es begutachtete. Er war der Bewohner des ersten Hauses, an dem ich geklopft hatte. Nach einer kurzen Erklärung meiner Situation bot er mir spontan eine Übernachtung bei seiner Familie an – ich war unglaublich erleichtert.

Im Haus wurde mir sofort ein Platz zum Ausruhen hergerichtet, doch lange kam ich nicht zur Ruhe. Auf dem Tisch warteten bereits viele Leckereien – Nüsse, Kamelbeeren, süßes Gebäck. Mein Gastgeber Raschid ist Kamelzüchter und stellt aus der Milch nicht nur Käse, sondern auch eine Art Marzipan her. Beides war sehr lecker.

Nach dem Essen ging es zu den Kamelen. Ein Kollege hatte die Herde bereits mit dem Motorrad vom Feld geholt. Die Kälber warteten im Stall, während die Mütter nacheinander hereingeführt wurden. Während die Jungen tranken, melkte eine Frau unbemerkt das Kamel. Diese Nähe zu den Tieren und die Einblicke in das Leben eines Kamelzüchters waren unglaublich faszinierend.

Als die Kamele versorgt waren, wurden die Ziegen freigelassen, die Hühnernester kontrolliert und frische Eier in die Küche gebracht. Später holte derselbe Kollege die Pferde von der Weide. Was ich dort sah, stimmte mich traurig: Viele der Pferde trugen Metallhaken an den Hufen, um sie am schnellen Laufen zu hindern. Eines hatte sich dabei verletzt. Die folgende Behandlung war für mich schwer mit anzusehen: Das Tier wurde mit Schlingen fixiert, zu Boden gezwungen, zitterte, wieherte panisch – ich empfand das als Tierquälerei, auch wenn mir bewusst ist, dass hier andere Traditionen herrschen.

Trotz dieser harten Eindrücke suchte ich das Gespräch mit den Bauern, mit Hilfe von Google Übersetzer. Es war spannend, auf diese Weise mehr über ihre Sichtweisen, ihren Alltag und die Lebensweise in dieser abgelegenen Region zu erfahren.

Als die Sonne unterging, kehrten wir ins Haus zurück. Die Frauen bereiteten das Abendessen vor, während die Männer einfach Platz nahmen – ein Rollenbild, das mich erneut nachdenklich stimmte. Das Essen war reichhaltig und vielfältig – Reis, Brot, Kekse, Nüsse.

Später wurde mir eine Matratze mit Decke in einem separaten Raum zurechtgelegt. Ich legte mich hin – dankbar, erschöpft und voller Eindrücke. Heute Morgen hätte ich nicht gedacht, dass der Tag so verlaufen würde.


Hitze und Trockenheit.


Ich in meinem weißen Ganzkörperkondom.


Mit Sabit im angenehm frischen Wohnraum. Mega Typ. 

Bei den Babykamelen von Sabit.

Babykamel mit Mama

Stolzer Kamelzüchter

Bestes Kanelportrait

Oder doch lieber mit geschlossenem Mund.

Die Pferde von Sabit mit Pfohlen.

Abendessen mit der ganzen kasachischen Familie 

Tag 70

Zweiter Radtag in Kasachstan – Zwischen Wüste, Wildtieren und sowjetischer Geschichte

Auch an diesem Morgen, dem zweiten Fahrradtag in Kasachstan, wachte ich fasziniert auf – fasziniert von der Weite, der Stille und der Magie dieser wüstenartigen Landschaft. Die Steppe hat für mich etwas Unerklärliches, fast schon Meditatives. Und obwohl sie auf den ersten Blick karg wirkt, wimmelt es hier nur so vor Leben: kleine Echsen, flinke Ziesel, Käfer, Ameisenstraßen und unzählige Vogelarten – vor allem Haubenlerchen, die mich mit ihrem Gesang durch den Tag begleiten.

Da Vincent noch schlief und wir beschlossen hatten, einen weiteren Tag gemeinsam zu fahren, schnappte ich mir meine Kamera und machte mich auf den Weg zu einer kleinen Herde Kamele und Dromedare, die ich in der Ferne entdeckt hatte. Da ich mein schweres Teleobjektiv bewusst zu Hause gelassen hatte, musste ich mich mit dem Weitwinkelobjektiv sehr nah an die Tiere heranwagen. Glücklicherweise waren sie nicht besonders scheu, und so konnte ich eindrucksvolle Bilder aus nächster Nähe machen.

Leider fiel mir auf, dass viele der Dromedare an den Vorderbeinen mit einer kurzen Kette verbunden waren – vermutlich, um sie am Davonlaufen zu hindern. Eine gängige Praxis der Viehhalter hier, aber für die Tiere natürlich alles andere als artgerecht.

Auf dem Rückweg zu unserem Camp entdeckte ich noch einen Fuchsbau, zahlreiche Ameisenstraßen, die in tiefe Bodenrisse führten, und unzählige Zieselbauten. Auch Käfer und kleine Echsen kreuzten meinen Weg. Die kasachische Steppe, gerade jetzt nach einem regenreichen April, wirkt erstaunlich grün und lebendig.

Nach dem Frühstück ging es für uns weiter Richtung Nordosten. Wir fuhren über sanfte Hügel, durchquerten kleine Dörfer und kamen immer wieder mit freundlichen Kasachen in Kontakt. Besonders die Kinder begegneten uns mit Neugier und Freude. Viele Erwachsene zeigten großes Interesse an unserer Art zu reisen.

Allerdings hatten Vincent und ich uns angewöhnt, uns als Schweizer auszugeben. Uns wurde im Hotel in Aktau geraten, besser nicht zu sagen, dass wir Deutsche seien – besonders heute nicht, denn der 9. Mai ist in Kasachstan ein offizieller Feiertag zur Feier des Sieges der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. In Gesprächen hatten wir schon mehrmals bemerkt, dass Deutsche hier teilweise noch immer pauschal mit Faschismus oder Nazitum assoziiert werden. Das wollten wir lieber vermeiden – auch wenn wir natürlich nichts für die Taten unserer Vorfahren können. Als “Schweizer” wurden wir dagegen immer freundlich und gelassen empfangen.

Am Nachmittag erreichten wir schließlich das imposante Bergmassiv Шерқала тауы – ein Ort von großer Symbolkraft, der sogar auf dem 100-Tenge-Geldschein abgebildet ist. Die steil aufragenden Felsen waren einfach beeindruckend. Während wir dort verweilten, kamen bestimmt 15 Autos mit rund 50 Leuten vorbei – alle machten schnell ein Foto vor dem Massiv und fuhren direkt weiter. Für viele waren wir Radreisenden offenbar ebenfalls eine Attraktion, denn nach dem Bild mit dem Berg wollten einige auch noch eins mit uns machen. Kurios, aber irgendwie auch schön.

An einer kleinen Oase mit grünem Baumbestand wollten wir eigentlich unsere Wasservorräte auffüllen. Leider war die Quelle durch Müll stark verschmutzt und das Wasser kaum noch brauchbar. Also machten wir uns auf, in der Umgebung nach Hilfe zu fragen – mit Erfolg: Am Ende standen wir mit 12 Litern frischem Wasser wieder an unseren Fahrrädern.

Mit dem Wasser konnten wir uns sogar eine kleine Dusche gönnen. Ich bohrte Löcher in den Deckel eines Kanisters – fertig war der Outdoor-Duschkopf. Mit etwas Seife und sparsamer Wassernutzung konnte ich mich gründlich waschen. Bei 27 Grad, strahlendem Sonnenschein und trockener Luft war das eine herrliche Erfrischung.

Unser Zeltplatz lag auf einem Hügel mit fantastischer Sicht auf das Bergmassiv. Beim Kochen von Nudeln und Gemüse genossen Vincent und ich den Sonnenuntergang über dem Canyon. Die Luft füllte sich mit dem Ruf von Staren und Felsensteinmetzern, die in großen Trupps ihre Schlafplätze anflogen – ein wunderschönes Schauspiel im goldenen Abendlicht.

Als die Dämmerung hereinbrach, hörten wir einen Steinkauz rufen und weiter oben am Massiv den markanten Schrei eines Steinadlers. Mit dem Aufziehen der Mücken und dem zunehmenden Dunkel zog ich mich ins Zelt zurück. Der Vollmond jedoch blieb – als letzte natürliche Lichtquelle über der weiten, stillen Steppe Kasachstans.


Ein großes Felsmassiv in der Wüste ist eine schöne Abwechslung.


Auch hier waren Kamele wieder neben den Straßen.


Die trockenen Wüstenstrassen und diese Weite !

Die Hitze hat mich schön gebruzelt.

Off-road Abfahrt von einem größeren Hügel in der Wüste

Schlafplatz vor dem ultra schönen Bergmassiv

Tag 69

Aufbruch in die kasachische Weite – Ein neuer Tag auf dem Rad 
 
Am nächsten Morgen checkte ich noch einmal alles an meinem Fahrrad: Ich stellte die Ortlieb-Haken an meinen Fahrradtaschen neu ein, cremte mich gründlich mit Sonnencreme ein und bereitete mich auf den Tag vor. Auch Vincent war startklar, doch bevor wir wirklich losfahren konnten, mussten wir noch eine kleine bürokratische Pflicht erledigen: die Abholung unserer Immigrationspapiere vom Hotel. In Kasachstan ist es nämlich Vorschrift, sich registrieren zu lassen – fehlt dieser Nachweis bei der Ausreise, kann es zu Geldstrafen kommen. Also lieber auf Nummer sicher gehen. 
 
Bevor es losging, prüften wir noch ein letztes Mal die Route für die kommenden Tage und deckten uns mit ausreichend Wasser ein. Denn nach etwa 20 Kilometern sollte laut Karte für rund 90 Kilometer keine Einkaufsmöglichkeit mehr kommen. In dieser kargen, aber beeindruckenden Halbwüstenlandschaft ist gute Vorbereitung essenziell. 
 
Die Strecke war einfach atemberaubend. Die Weite, die Trockenheit und zugleich die Farbenpracht der Steppe faszinierten mich immer wieder aufs Neue. Die Straße schlängelte sich durch eine fast surreal anmutende Welt. Immer wieder begegneten uns hupende Autofahrer – nicht aus Ungeduld, sondern als Zeichen der Anerkennung. Viele winkten begeistert oder streckten den Daumen nach oben. Nach einigen Kilometern hielt ein Autofahrer an und drückte mir lächelnd eine Wasserflasche in die Hand. Ich hatte zwar selbst genug dabei, trank sie aber gerne aus – allein schon wegen der netten Geste. 
 
Etwa 20 Kilometer weiter hielt der nächste an und schenkte mir eine Flasche 7up. Ich konnte nicht alles mitnehmen und hatte nur noch Platz für eine Flasche am Rad. Wenige Minuten später hielt wieder jemand an und wollte mir einen Energydrink geben – dieses Angebot musste ich schweren Herzens ablehnen. Ich hatte bereits genug Flüssigkeit dabei, und irgendwann muss ich auch realistisch einschätzen, was ich tragen und gebrauchen kann. 
 
Trotz dieser kleinen „Luxusprobleme“ war ich überwältigt von der Freundlichkeit der Menschen hier. Immer wieder kamen interessierte Fragen, ehrliche Begeisterung für unsere Reise und eine Wärme, die mir sehr guttut. 
 
Nach etwa 85 Kilometern, einigen kleineren Hügeln und den ersten richtigen Eindrücken der kasachischen Landschaft, machten wir uns auf die Suche nach einem Schlafplatz. In der offenen Weite der Wüste ist das gar nicht so leicht – ungestört und ungesehen zu bleiben, ist hier schwieriger als anderswo. Wir fanden schließlich einen schmalen Sandweg, der etwa einen Kilometer von der Straße wegführte. Dort, hinter einem kleinen Hügel, konnten wir unsere Zelte zwischen typischer Wüstenvegetation aufstellen – ruhig, geschützt und mit schöner Aussicht. 
 
Ich genoss den Sonnenuntergang bei einer Handvoll Nüsse – die gaben mir genau die Proteine zurück, die ich über den Tag verbraucht hatte. Vincent machte sich Quinoa mit Gemüse, ich aß noch Brot mit Erdnussbutter. Die Abendroutine hatte ich heute bereits vor dem Essen erledigt, also konnte ich nach dem Abwasch direkt ins Zelt. 
 
Ich bin todmüde ins Bett gefallen – aber auch glücklich. Ich merke, wie mein Körper sich erst wieder an die tägliche Belastung gewöhnen muss, nachdem ich ein paar Tage nicht geradelt bin. Trotzdem freue ich mich schon jetzt auf den nächsten Tag auf dem Fahrrad – durch die Weiten Kasachstans. 


Ich gewöhne mich mit meinem Fahrrad an die Hitze der Wüste.


Die Gasleitungen in Kasachstan sind sehr abenteuerlich.


Ein netter Kasache der uns mit Wasser versorgt hat. Eine tolle Begegnung. 

Die ersten Kamele, die ich gesehen habe, waren sehr beeindruckt, 

Ölabbauschaufeln in der Landschaft.

In der Wüste ist mehr Leben, als ich dachte. Diese kleinen Echsen sind so sehr faszinierend. 

Tag 68

Ankunft in Aktau – Weiterfahrt in Zentralasien

Der Flug verlief zum Glück völlig reibungslos, und mitten in der Nacht landete ich in Aktau, Kasachstan. Gemeinsam mit dem anderen deutschen Radreisenden, Vincent, nahm ich ein Taxi zum Hotel, das ich bereits im Voraus gebucht hatte. Ich lud ihn kurzerhand ein, dort mit unterzukommen.

Vor dem Hotel bauten wir unsere Fahrräder direkt wieder zusammen und prüften, ob der Transport alles heil überstanden hatte. Zu unserer Erleichterung funktionierte alles einwandfrei – keine Schäden, nichts verzogen, alles saß, wie es sollte.

Ohne Schlaf und ziemlich übermüdet genehmigten wir uns noch ein Frühstück, bevor wir endlich ins Bett fielen. Sieben Stunden später – es war schon 16:30 Uhr – wachten wir einigermaßen erholt wieder auf. Ich pumpte die Reifen meines Rads noch einmal ordentlich auf, denn Vincent und ich wollten die Stadt erkunden und den Sonnenuntergang am Kaspischen Meer erleben.

Unser kleiner Ausflug wurde dann jedoch zur Benzin-Odyssee. Die erste Tankstelle existierte nicht mehr, die zweite führte nur Gas, die dritte ebenfalls. Erst bei der vierten wurden wir fündig. Ein äußerst freundlicher Kasache füllte unsere Benzinflaschen und weigerte sich sogar, Geld dafür anzunehmen. Solche Momente der Gastfreundschaft schätze ich immer ganz besonders – sie bleiben hängen.

Zurück im Hotel machten wir uns dann selbst ein Abendessen: Couscous, Gemüse und Kartoffeln – einfach, aber lecker.

Technisch lief an diesem Tag nicht alles ganz so rund: Ich hatte große Probleme, meine eSIM zu aktivieren. Die Verbindung brach ständig ab, nichts funktionierte richtig. Nach mehreren Versuchen gab ich schließlich auf und kaufte eine neue eSIM. Diese lief endlich stabil, hatte allerdings nur 2 GB Datenvolumen, statt unbegrenztem. Nicht ideal, aber immerhin hatte ich jetzt wieder Verbindung zur Welt. Ich werde eben sparsam damit umgehen und meine täglichen Kurzvideos nur über WLAN hochladen.

Erschöpft, aber zufrieden über die ersten positiven Eindrücke in Kasachstan, fielen wir beide müde ins Bett – bereit für den nächsten Abschnitt dieses Abenteuers.


Mit dem Fahrrad am kaspischen Meer eine kleine Spritztour nach dem anstrengenden Flug in der Nacht 


Aktau ist der einzige Hersteller für Ammoniumnitrat und Ammoniak. Die Stadt steht für die Erdöl-,Atom-, Schiffshandelwirtschaft.


Tag 67

Zwischenstation: Abschied von Georgien und Flug über das Kaspische Meer

Nachdem ich mit meinen Eltern eine Woche Urlaub in Georgien gemacht hatte – von Tiflis aus über das Inland bis an das Schwarze Meer –, konnte ich mich gut erholen. Parallel musste ich jedoch meine Weiterreise planen. Schnell wurde klar: Der Weg über Land war diesmal keine Option. Russland und der Iran schieden aufgrund der unsicheren politischen Lage aus, und Aserbaidschan hatte seine Landgrenzen weiterhin geschlossen. So blieb mir nichts anderes übrig, als das Kaspische Meer mit dem Flugzeug zu überqueren.

Ich suchte nach einem Flug von Tiflis nach Aktau in Kasachstan. Doch das war leichter gesagt als getan: Die Preise bei Azerbaijan Airlines stiegen täglich – von anfangs 280 Euro (ohne Fahrrad oder Zusatzgepäck) bis auf über 500 Euro. Als ich sah, dass sich die Preise innerhalb eines Tages verdoppelt hatten, musste ich schnell handeln. Glücklicherweise fand ich noch einen Direktflug von Tiflis nach Aktau für nur 170 Euro, mit einer Flugzeit von gerade einmal 1 Stunde und 40 Minuten. Ich schlug sofort zu.

Am Ende kostete der gesamte Flug mit zwei aufgegebenen Gepäckstücken, Handgepäck, meinem Fahrrad und mir rund 350 Euro. Kein Schnäppchen, aber angesichts der Menge an Gepäck und der schwierigen Reiseroute ein fairer Preis. Mit dem Ticket in der Tasche konnte ich den Urlaub noch einmal mehr genießen – die Weiterreise war gesichert.

Am Tag des Abflugs nahm ich ein Bolt-Taxi, das mich für umgerechnet nur 2 Euro in einer halben Stunde vom Apartment in Tiflis zu dem Fahrradladen brachte, bei dem ich mein Rad während des Urlaubs untergestellt hatte. Die Mitarbeiter dort hatten mir angeboten, mein Fahrrad gegen eine faire Gebühr sicher in eine Transportbox zu verpacken und mich samt Box zum Flughafen zu bringen – ein unschlagbarer Service. Da mein Flug um 2:00 Uhr nachts ging, öffneten sie sogar extra am Abend noch einmal den Laden, um alles fertig zu machen.

Pünktlich um 23:00 Uhr ging es dann los – der Fahrer brachte mich samt Fahrradbox und Gepäck zum Flughafen. Meine Eltern kamen mit den Fahrradtaschen nach und halfen beim Check-in. Wir hatten die Taschen in reißfeste, wasserdichte Zementsäcke verpackt, die perfekten Schutz boten. Die Haken für die Gepäckträger hatten wir vorsichtshalber abgeschraubt, damit sie beim Transport nicht beschädigt werden konnten.

Als auch der letzte stressige Teil – das Einchecken des Fahrrads und der Taschen – geschafft war, fiel mir ein großer Stein vom Herzen. Ich verabschiedete mich von meinen Eltern, die mich die Woche über begleitet hatten, und ging gemeinsam mit zwei weiteren Radreisenden – einem Franzosen und einem Deutschen – durch den Sicherheitscheck. Dort trafen wir sogar noch zwei US-Amerikaner mit ihren Rädern.

In dieser Nacht flogen also fünf Fahrräder mit uns nach Kasachstan – allein auf diesem einen Flug. Es zeigt, wie viele Radreisende diese Route wählen. Ein kleines, aber starkes Netzwerk von Menschen, die auf zwei Rädern die Welt entdecken.



In Tiflis im Fernsehen direkt interviewt worden.


In der Werkstatt das Fahrrad mit dem netten Monteur auseinanderbauen für den Flug.


Den Fahrradkarton im Auto des Mechanikers gerade so noch reinbekommen.

Der beste Mechaniker mit dem es zum Flughafen ging.

Bei Nacht im Flieger mit Fahrrad von Tiflis nach Aktau 

Im Flieger habe ich vier andere Radreisende getroffen, die mega nett waren. 

Tag 66

Regen, Höhenmeter und ein herzlicher Empfang in Tiflis

An diesem Morgen wachte ich noch leicht verschlafen auf. Ich wollte heute möglichst früh los, da eine weitere anstrengende Etappe vor mir lag. Zum Frühstück bereitete mir die Chefin der Jugendherberge extra etwas zu: Spiegelei, Käse, Butter, Weißbrot und georgische Teigtaschen mit Granatapfel-Füllung – eine lokale Spezialität. Für gerade einmal fünf Euro war das Frühstück nicht nur lecker, sondern auch extrem günstig, und ich wurde richtig satt.

Beim Bezahlen gab es jedoch ein unerwartetes Problem. Am Vortag hatte ich noch extra überprüft, ob Kartenzahlung möglich ist – laut Aushängen und vorhandenem Kartenlesegerät war das der Fall. Doch am Morgen hieß es plötzlich, das Gerät sei nicht funktionsfähig. Bargeld hatte ich mir in Georgien nicht besorgt, da ich nicht lange im Land bleiben wollte. Auch eine Auslandsüberweisung funktionierte nicht. Am Ende blieb mir nur, mein Notfallgeld und die restlichen türkischen Lira zusammenzukratzen, um damit zu bezahlen. Zunächst zögerten die Betreiber, doch schließlich akzeptierten sie das Geld. So war ich meine letzten Lira los – und konnte endlich starten.

Die Strecke führte mich durch atemberaubende, aber anspruchsvolle Berglandschaften. Die Anstiege waren zäh, doch die Aussicht entschädigte. Rechts von mir zogen dunkle Wolken auf, es regnete dort stark, während ich noch im Trockenen unterwegs war – begleitet von frischem Wind. Als ich den höchsten Anstieg des Tages geschafft hatte, kam der Regen auch zu mir – etwa 30 Kilometer vor Tiflis setzte er heftig ein. Das ärgerte mich sehr, denn ich hatte mich auf eine trockene Einfahrt in die Hauptstadt gefreut.

Doch es war, wie es war. Ich wurde klatschnass, hatte aber auch keine Lust mehr, meine Regenhose, Überschuhe und Kapuze anzuziehen. Auf über 1300 Metern wurde es zudem spürbar kälter. Meine Hände waren irgendwann so steif, dass ich kaum noch meine Kamera bedienen konnte.

Als ich schließlich Tiflis in der Ferne sah und der Regen langsam nachließ, stieg meine Motivation wieder. Die letzten Kilometer ging es steil bergab – die Temperaturen wurden angenehmer, aber auch der Verkehr dichter. In der Stadt herrschte ein regelrechtes Verkehrschaos, das für mich als Radfahrer gefährlich war. Zum Glück konnte ich die Busspuren nutzen, die mich etwas vom Autoverkehr abschirmten. Ohne sie wäre ich nur schwer und deutlich riskanter durchgekommen.

Kurz darauf erreichte ich die Unterkunft – und dort warteten meine Eltern auf mich, die mich für ein paar Tage in Tiflis besuchen. Nach zwei Monaten unterwegs war es ein wunderschöner, emotionaler Moment, sie wiederzusehen. In der Wohnung nahm ich erst einmal eine warme Dusche und machte mich frisch.

Am Abend gingen wir gemeinsam essen und ließen den Tag gemütlich ausklingen. Nach 90 Kilometern und über 1200 Höhenmetern fiel ich wie so oft müde, aber glücklich ins Bett.


Der Regen in den georgischen Bergen kommt immer näher zu mir.


Was ein krasses Bergmassiv links neben mir. So schön.


Stadtgrenze von Tiflis auf über 1400m erreicht. Jetzt heißt es noch 1km Höhenmeter und 30 km Distanz runter nach Tiflis.

Wer hätte es gedacht. Es regnet mal wieder. Sehr kraftraubend.

Tiflis von oben.

In Tiflis bei meinen Eltern, die mich hier besuchen, angekommen. Jetzt erstmal durchschnaufen, bis es nach Kasachstan geht.

Tag 65

Grenzübertritt, Schlaglochmeer und ein georgischer Foodtruck

Am nächsten Morgen weckte mich die Sonne, die durch die Fenster des Wintergartens schien. Ich wachte sofort auf und begann meine gewohnte Morgenroutine: ein paar Kekse zum Frühstück und das Packen meiner Sachen. Dann hieß es: zurück auf die undankbare Schotterpiste. Weitere 7 Kilometer zog sich der holprige Weg entlang des Çıldır-Sees, bis ich endlich wieder auf eine richtige Straße kam. Ein Aufatmen – ich musste nicht mehr jeden Stein einzeln umkurven.

Je näher ich der Grenze zwischen der Türkei und Georgien kam, desto mehr stieg die Spannung. Ein letzter Tunnel trennte mich noch vom Karzachi-See, der genau auf der Grenze liegt: halb Türkei, halb Georgien. An der türkischen Grenze wurde ich zuerst nach meinem Reisepass gefragt. Da ich als deutscher Staatsbürger jedoch mit dem Personalausweis einreisen konnte – und es auch bei der Einreise kein Problem war –, zeigte ich diesen vor. Nach kurzem Hin und Her akzeptierte der Beamte meinen Ausweis. Ehrlich gesagt hatte ich auch keine Lust, meinen tief verstauten Reisepass aus den Taschen zu kramen.

Zwischen den Grenzposten ging es durch mehrere Schleusen. Ein türkischer Grenzbeamter wollte eine Taschenkontrolle durchführen und bat mich, meine große Tasche am Gepäckträger zu öffnen. Als er darin nur meine Jacke sah und einen kurzen Blick hineinwarf, war die Kontrolle auch schon beendet – eher pro forma, würde ich sagen.

Auch auf der georgischen Seite dauerte es ein wenig, da wieder mein Personalausweis für Verwirrung sorgte. Bei der Gepäckkontrolle kam ich mit einem georgischen Grenzbeamten ins Gespräch. Als ich ihm erzählte, dass ich aus der Nähe von Frankfurt komme, antwortete er plötzlich auf Deutsch. Er hatte in Köln studiert und sechs Jahre lang in Deutschland gearbeitet. Heimweh hatte ihn schließlich zurück nach Georgien gebracht, wo er nun als Grenzbeamter arbeitet. Ein sehr freundlicher Mensch, der mich ohne große Umstände passieren ließ. Wenn man mit den Menschen ins Gespräch kommt, wird vieles einfacher.

Kaum war ich in Georgien, änderte sich der Straßenzustand drastisch – leider zum Schlechteren. So schlechte Straßen hatte ich auf der gesamten bisherigen Reise nicht gesehen, weder auf dem Weg ans Nordkap noch im Baltikum oder in der Türkei. Ein Meer aus Schlaglöchern – von Straße konnte man kaum noch sprechen. Ich musste ständig aufpassen, nicht in ein tiefes Loch zu geraten.

Im ersten Dorf kam mir ein Auto entgegen – gesteuert von einem etwa fünfjährigen Kind! Zuerst konnte ich es gar nicht fassen. Aber tatsächlich: Der Vater saß lachend auf dem Beifahrersitz und ließ seinen kleinen Sohn das Auto lenken. Das russische Kennzeichen ließ vermuten, dass es sich um eine russische Familie handelte. Eine ziemlich verrückte Begegnung.

Über schlechte Straßen ging es weiter bis in die erste Kleinstadt. Dort bemerkte ich, dass mein Vorderreifen langsam Luft verlor. Ich hoffte, dass es nur durch ein Schlagloch passiert war und das Ventil etwas Luft verloren hatte. In einer Art Kantine gönnte ich mir drei Stücke Pizza und eine aufgewärmte Teigtasche. Ein russischer Mann setzte sich zu mir und begann ein Gespräch. Er war nach Ausbruch des Krieges aus Moskau geflohen und lebt seitdem in Georgien auf dem Land. Er erzählte, dass er sich hier mit verschiedenen Jobs über Wasser hält, aber nicht wirklich glücklich ist. Er fragte mich, wie man nach Europa kommen kann und ob ich ihm bei einer Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland helfen könnte – leider musste ich das verneinen.

Nach dem Essen setzte ich mich wieder aufs Rad. Der Vorderreifen war nun deutlich platter. Ich pumpte ihn mit der Handpumpe auf und hoffte, dass sich das Loch vielleicht durch Talkum selbst versiegeln würde. Doch während ich den nächsten Berg hochfuhr, hörte ich ein seltsames Klackern. Schließlich entdeckte ich einen dicken Glassplitter im Mantel. Er hatte sich durch den verstärkten Reifen gebohrt – kein Wunder also, dass mehr Luft entwich. Genau in dem Moment begann es zu regnen, und ich war bereits auf über 1800 Metern. Es war kalt und windig – keine idealen Bedingungen für einen Schlauchwechsel. Trotzdem musste ich ran und wechselte den Schlauch so schnell es ging.

Danach ging es weiter bergauf, bis ich bei etwa 2100 Metern den Parawani-See erreichte. Die Aussicht auf die schneebedeckten, über 4000 Meter hohen Berge war atemberaubend. Tiefe Wolken zogen über die Berggipfel und sorgten für eine dramatische Kulisse. In dieser Höhe wurde es ohne Sonne richtig kalt, und ich konnte mir keine langen Pausen leisten.

Die Abfahrt vom See führte mich hinunter zum Tsalka-See. Inzwischen hatte ich 145 Kilometer und über 1200 Höhenmeter hinter mir – die Kälte, der Wind, die lange Strecke und der anstrengende Tag machten sich deutlich bemerkbar. Völlig erschöpft entdeckte ich am See eine Jugendherberge. Für nur 15 Euro bekam ich dort ein Zimmer – ein echtes Schnäppchen.

Leider hatte ich vorher nicht geschaut, wo es Essensmöglichkeiten gibt. Das nächste Dorf mit Restaurants war ein paar Kilometer entfernt – und da ich bereits eingecheckt hatte, überredete ich mich selbst, doch noch einmal auf mein Rad zu steigen. Was ich nicht bedachte: Es ging bergab ins Dorf – was bedeutete, dass ich später wieder alles hochfahren musste.

Im Dorf waren die meisten Restaurants um 21 Uhr bereits geschlossen. Doch ein Café, das gleichzeitig ein Foodtruck war, hatte noch geöffnet. Dort bestellte ich drei große georgische Teigtaschen, gefüllt mit Ei, Käse und Spinat – unglaublich lecker. Ich unterhielt mich lange mit der Besitzerin über Politik, Georgien und ihre Sorgen bezüglich Russland. Sie sagte, dass eine gewisse Angst da sei, aber sie hoffe, dass diplomatische Beziehungen Schlimmeres verhindern würden.

Nach diesem interessanten Gespräch fuhr ich den Berg wieder hinauf zur Herberge. Dort beendete ich meine Abendroutine und fiel erschöpft, aber zufrieden, ins Bett.

Für die Nacht im Wintergarten eines Ferienhauses vom rauen Wetter auf 2000m Schutz gefunden.


Ein Fuchs auf der Wiese neben mir. So eine schöne Beobachtung.


Am See entlang bei schönstem Wetter.

Eine unglaublich schöne Biodiversität.

Schneller als mein Schatten über die Georgische Grenze.

Auf über 2100m hoch oben in den Bergen Georgiens.

Diese Wolken und dieser Sonnenuntergang. Wahnsinn!

Tag 64

Versunkene Dörfer, holprige Pfade und ein Wintergarten als Unterkunft

Heute früh wachte ich in dem kleinen, leerstehenden Haus auf und nutzte die Gelegenheit, mir den See noch einmal genauer anzuschauen. Ein faszinierender, fast surrealer Anblick: Vor ein paar Jahren ist der Damm am Karakurt-See gebrochen und hat die halbe Ortschaft überschwemmt. Eine Moschee und mehrere Häuser stehen seitdem als Ruinen mitten im Wasser – ein Lost Place, der still, traurig und gleichzeitig beeindruckend wirkt.

Um 8:30 Uhr war ich zum Frühstück bei der Familie eingeladen, die mir auch am Vorabend so großzügig geholfen hatte. Ich aß mich satt, bedankte mich herzlich und packte anschließend meine Sachen. Immer mehr Kinder aus dem Dorf kamen neugierig vorbei, beobachteten mich beim Packen und bestaunten mein Fahrrad – ein kleines Highlight im sonst ruhigen Dorfleben.

Danach ging es wieder bergauf – auf über 2000 Meter. Die Sonne schien, der Wind kam leicht von hinten, und die Aussicht war fantastisch. Mal wieder ideale Bedingungen zum Radfahren. So fuhr ich stetig Richtung Kars. In der Stadt angekommen, wurde es allerdings hektisch. Der Verkehr war chaotisch: Roller, Autos, Busse – alles durcheinander, ohne klare Regeln. Ich musste voll konzentriert bleiben, um nicht einfach übersehen zu werden.

Nachdem ich Kars durchquert hatte, erwartete mich erneut ein großer Anstieg. Zunächst ging es bergab ins Tal, doch dann wieder hoch – erneut auf über 2000 Meter. An der letzten Tankstelle vor dem Aufstieg füllte ich noch meine Benzinkartusche fürs Kochsystem und meine Wasserflaschen auf. Während des Anstiegs hielten zwei Transporter an, deren Fahrer mir anboten, mich mit meinem Fahrrad mitzunehmen – ein Angebot, das ich freundlich ablehnte. Es bleibt für viele Menschen hier schwer nachvollziehbar, dass jemand freiwillig diese Strapazen auf sich nimmt – und dabei auch noch Freude daran hat.

Als ich am Çıldır-See ankam, wurde die Straße zunehmend schmaler – bis sie schließlich ganz aufhörte. Was folgte, war ein übler, steiniger Pfad. Faustgroße Steine ragten aus dem Boden, sodass ich kaum schneller als fünf km/h fahren konnte. Ich hatte ständig Angst, mir den Reifenmantel aufzuschlitzen oder einen Durchschlag zu erleiden. Dieser Weg zog sich über acht Kilometer – und dazu ging es nochmal 120 Höhenmeter bergauf, auf über 2100 Meter.

Dann begann es zu regnen. Der Wind frischte auf, dunkle Wolken entluden sich, und mir wurde plötzlich richtig kalt. Ich zog schnell meine Jacke über und hielt Ausschau nach einer Unterkunft. Mein Plan war, im nächsten Dorf jemanden zu fragen. Just in dem Moment kam mir ein Transporter auf dem holprigen Weg entgegen. Ich fragte den Fahrer, ob er wüsste, wo ich hier übernachten könne. Er sagte mir, dass ich in rund 10 Kilometern die nächste Stadt erreichen würde – allerdings war ich komplett erschöpft. 142 Kilometer und über 1600 Höhenmeter lagen bereits hinter mir, ich hatte keine Kraft mehr für weitere 10 Kilometer.

Er erklärte mir, dass ich in diesem Dorf in jedes beliebige Haus gehen könne – sie seien alle Ferienhäuser, die aktuell unbewohnt seien. Ich suchte also nach einem offenen Haus, doch alle waren abgeschlossen. Bei einem Haus fand ich einen Wintergarten direkt am Gebäude – überdacht und windgeschützt. Das war meine Rettung. Zwar hatte ich ein leicht mulmiges Gefühl, in einem fremden Wintergarten zu schlafen, aber da der Mann mir das ausdrücklich erlaubt hatte, fühlte ich mich sicher genug.

Mein Wasser war inzwischen aufgebraucht, aber zum Glück hatte ich meinen Wasserfilter dabei. Am See filterte ich frisches Wasser und kochte mir anschließend Nudeln. Völlig erschöpft fiel ich nach einem langen, intensiven Tag ins Bett – 142 Kilometer, 1600 Höhenmeter, steinige Pfade und ein neues Abenteuer mehr.


Der überschwommene Teil des Dorfes.


Von dem Dammbruch zerstörte Häuser.


Von den Fluten zerstörte Moschee

Die Moschee der Geisterstadt von Innen.

Meine kleine Schlafunterkunft für die Nacht.

Abschied von den neugierigen Kindern des Dorfes am See in den Bergen

Die Berge am See. Schon gewaltig.

Vorbei an einer sehr symmetrischen Moschee in der Stadt Kars.

Tag 63

Gegenwind, Gastfreundschaft und Behördenstress

An diesem Morgen wachte ich früh auf und warf einen Blick aus dem Fenster: Regen. Laut Wetterbericht sollte es auch noch ein paar Stunden weiterregnen. Also drehte ich mich nochmal um und gönnte mir eine halbe Stunde mehr Schlaf. Danach raffte ich mich auf und genoss das ausgesprochen gute Frühstücksbuffet im Hotel – eines der besten bisher. Satt gegessen wartete ich noch ein wenig, bis der Regen nachließ, zog mich dann an und machte mich auf den Weg Richtung Kars.

Der Regen hatte mittlerweile aufgehört, doch nun hatte ich mit starkem Gegenwind zu kämpfen. Der Wind blies mir frontal ins Gesicht und raubte mir ordentlich Energie – ziemlich demotivierend. Da heute viel Straße auf dem Plan stand, war das angesichts des Wetters aber die richtige Entscheidung. Trotz allem kam ich ganz gut voran.

Nach rund 60 Kilometern machte ich an einer Raststätte Pause und gönnte mir ein Mittagessen – für satte neun Euro. Für türkische Verhältnisse ein stolzer Preis. Ich vermute, ich wurde abgezogen, aber satt war ich auf jeden Fall. Mit frischer Energie ging es weiter.

An der Raststätte bot man mir an, mich samt Fahrrad mit dem Bus nach Kars mitzunehmen – ein Angebot, das ich dankend ablehnte. Für mich gilt: Solange es irgendwie geht, will ich meine Strecke komplett selbst fahren. Später hielt ein Transporter neben mir an, auch hier bot man mir Hilfe an – wieder lehnte ich freundlich ab. Diese Hilfsbereitschaft schätze ich sehr, auch wenn viele hier einfach nicht verstehen, dass man freiwillig mit dem Rad durch Wind und Wetter fährt – und dabei sogar Spaß hat.

Als ich mich schließlich an den Anstieg eines größeren Berges machte, wurde ich mit einem absolut traumhaften Panorama belohnt. Die Sonne kämpfte sich langsam durch die Wolken und tauchte die Landschaft in ein warmes Licht. Es wurde sogar ein bisschen wärmer – aber da es schon spät war, senkte sich die Sonne bald wieder, und mit dem Wind wurde es schnell wieder kalt.

Mein Ziel war heute der Karakurt-See. Doch als ich dort ankam, war mir ehrlich gesagt zu kalt, um mein Zelt aufzubauen und meine Abendroutine durchzuziehen. Also hielt ich Ausschau nach Menschen. Ich traf zunächst zwei Teenager, die mir aber nicht weiterhelfen konnten. Als ich dann einen Traktorfahrer sah und ihm meine Situation erklärte, deutete er mir, ihm zu folgen. Er brachte mich zu einer Wiese mit toller Aussicht auf den See – dachte aber, ich suche nur einen Platz zum Zelten.

Nach einigem Hin und Her lud er mich schließlich doch zu sich und seinen Eltern nach Hause ein. Dort wurde direkt der Ofen für mich angefeuert und ich bekam ein köstliches Abendessen serviert: frisches Weißbrot, eine besondere Butter von den eigenen Kühen, Käse, Honig mit Wabe von den eigenen Bienen, Oliven aus dem eigenen Garten und natürlich türkischer Tee. Ein richtiger Bauernhof-Teller – alles hausgemacht.

Wir unterhielten uns über Google Translate, was erstaunlich gut funktionierte. Nach einer Weile kam noch jemand dazu – der Bürgermeister des kleinen Dorfes mit rund 200 Einwohnern. Er wollte meinen Ausweis sehen und musste meine Anwesenheit bei der Polizei melden. In dieser Region der Osttürkei, wo viele Kurden leben, herrschen besonders strenge Regeln für ausländische Gäste.

Als ich fragte, ob ich in dem Raum schlafen könnte, wurde mir mitgeteilt, dass die Polizei das leider nicht erlaubt. Man fragte mich, ob ich 25 Kilometer weiter zum nächsten Hotel radeln wolle – bei Dunkelheit, Kälte und 132 Tageskilometern auf dem Tacho natürlich ein klares Nein von mir. Auch ein Taxi lehnte ich ab.

Nach kurzer Beratung zwischen mehreren Dorfbewohnern wurde entschieden, dass ich in einem leerstehenden Haus im Dorf schlafen darf. Dort breitete ich mich aus, machte meine übliche Abendroutine mit Stretching, der Faszienrolle, meiner Po-Creme und dem Massageöl für die Knie.

Für den nächsten Morgen wurde ich noch zum Frühstück um 8 Uhr eingeladen – eine Aussicht, auf die ich mich jetzt schon freue. Die Menschen hier waren unglaublich nett und hilfsbereit, aber man merkte deutlich, dass hier in der Region eine gewisse Anspannung herrscht – ganz anders als bei meinen bisherigen Gastgebern in der Westtürkei.

Die wunderschöne Aussicht vom Radel beim Bergfahren


Ich habe mir bei der Autobahnraststätte mal so richtig gegönnt. Diese Energie brauchte ich auch.


Schwerlast-Esel auf dem Berg.


Ein Bergmassiv schöner als das andere.

Heute Unterschlupf bei dieser sehr herzlichen Familie in der östlichsten Ost-Türkei gefunden.

Der Dorf- Bürgermeister wollte auch noch unbedingt ein Bild mit mir. Sehr nette Menschen.

Am Abendessen mit reichlich gedecktem Tisch und warmen Ofen.

Tag 62

Zwischen Back-ups, Moscheen und der Suche nach einem Hammam

Heute Morgen wachte ich endlich einmal ausgeschlafen auf – ein gutes Gefühl nach den letzten anstrengenden Tagen. Ich nutzte die Ruhe des Vormittags, um meine ganzen Aufnahmen zu sichern – sowohl für meine Doku als auch für die geplanten Vorträge. Danach schnitt ich noch einige meiner täglichen Kurzvideos der letzten Tage, um mit dem aktuellen Stand wieder aufzuholen.

Gegen Mittag machte ich mich auf in die Stadt – Erzerum, die größte Stadt Ostanatoliens mit rund 750.000 Einwohnern. Überraschenderweise werden hier keine geführten Stadttouren angeboten. Also erkundete ich alles auf eigene Faust. Obwohl es auf den ersten Blick nicht viel zu entdecken gab, beeindruckten mich doch einige Orte sehr – allen voran die zahlreichen Moscheen mit ihrer eindrucksvollen Architektur. Auch die alte Burg, von der aus man einen tollen Blick über die Stadt und die angrenzenden, schneebedeckten Berge hat, war ein echtes Highlight.

Anschließend besuchte ich das Atatürk-Haus, das ehemalige Wohnhaus von Mustafa Kemal Atatürk, das heute ein kleines Museum ist. Leider war es kaum ausgeschildert und wirkte recht unscheinbar – schade eigentlich, denn dieser geschichtsträchtige Ort hätte definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient.

Beim Herumlaufen fiel mir auf, dass viele Gebäude in der Stadt heruntergekommen oder halb verfallen sind. Auch ist es recht schwer, bestimmte Dinge wie Läden oder Dienstleistungen zu finden. Ich machte mich auf die Suche nach einem Hammam, um mir eine Massage zu gönnen. Laut Google Maps gab es drei – ich lief zu allen, fand aber keines davon. Niemand, den ich fragte, wusste etwas über sie oder bestätigte sogar, dass sie überhaupt je existiert hätten. Sehr merkwürdig.

Am Nachmittag ging ich dann zum Friseur. Dort traf ich auf einen netten Türken, der etwas Deutsch sprach. Wir kamen ins Gespräch, und ich erzählte ihm von meiner erfolglosen Hammam-Suche. Er bot spontan seine Hilfe an, gab mir seine Nummer – und kurze Zeit später schickte er mir den Standort eines funktionierenden Hammams. Es war tatsächlich das einzige aktive Hammam in der Stadt – in einem Bereich einer alten, nicht mehr vollständig intakten Moschee untergebracht.

Das Hammam war sehr traditionell – ganz anders als das touristisch geprägte Erlebnis, das ich in einem Hotel in Antalya hatte. Die Massage des Hammam-Meisters war hervorragend. Etwas störend war allerdings, dass im Ruhebereich geraucht wurde – eine Eigenart, an die ich mich nicht gewöhnen kann.

Am Abend begab ich mich noch auf die Suche nach einem Supermarkt – eine ähnlich frustrierende Erfahrung wie mit den Hammams. Viele der Läden, die bei Google Maps eingezeichnet waren, existierten entweder gar nicht mehr oder waren leer. Nach einiger Suche fand ich schließlich doch einen, kaufte ein paar Vorräte für meine morgige Weiterfahrt und machte mich auf den Rückweg.

Im Hotel angekommen, setzte ich mich noch an meinen Blog, bearbeitete einige Beiträge auf meiner Website – und fiel danach müde, aber zufrieden ins Bett.

Aussicht über Erzerum  


Ein leckeres Walnuss-Keydif. Eine traditionell türkische Nachspeise.


Beim Friseur und Barbar.

Nach sehr langem Suchen endlich das einzige Hamam in Erzerum gefunden. Sehr traditionell. Mega!

Tag 61

Donner, Matsch und Herzlichkeit – Ein Tag zwischen Naturgewalten und Menschlichkeit

Als ich heute Morgen am See erwachte, war ich erleichtert, dass der angekündigte Regen in der Nacht ausgeblieben war. Auch die dunklen Wolken am Horizont verzogen sich langsam. So saß ich dort, am Ufer des Tercan Barajı, mit Blick auf das glatte Wasser und genoss mein Frühstück – Toastbrot mit Erdnussbutter. Eine willkommene Abwechslung zu den täglichen Schokokeksen.

Gegen 8:30 Uhr brach ich auf, stets wachsam, um keine Glasscherben oder spitzen Müllteile in meinen Reifen zu erwischen – leider lag dort am See ziemlich viel Müll herum. Die ersten 25 Kilometer forderten mich direkt: 550 Höhenmeter bis auf 2057 Meter Höhe. Die Straßen waren steil, der Regen hängte in der Luft und das Atmen fiel durch die feuchte, schwere Höhenluft nicht leicht. Ich bekam leichtes Kopfweh – und genau als ich oben ankam, setzte auch der Regen ein.

Die Abfahrt nach Aşkale war daher alles andere als genussvoll: Nasse Straßen, vorbei an donnernden LKWs, durch den kalten Regen. In Aşkale angekommen, suchte ich lange nach etwas Essbarem, bis ich schließlich einen Çiğköfte-Laden fand. Zwei Çiğköfte, ein Softdrink – eine kurze Pause zum Aufwärmen und Durchatmen.

Wenig später machte ich mich auf zum nächsten großen Anstieg. Es lagen rund 60 Kilometer und viele Höhenmeter bis Erzurum vor mir. Kaum hatte ich die Stadt etwas hinter mir gelassen, befand ich mich auf freiem Feld – als plötzlich eine Gewitterzelle auf mich zurollte. Innerhalb kürzester Zeit donnerte und blitzte es bedrohlich. Und dann – keine hundert Meter von mir entfernt – ein gleißender Blitz. Der Donner folgte sofort. Es war der Moment, in dem mir bewusst wurde, wie knapp ich dem Tod entkommen war.

Ich war der höchste Punkt im Umkreis – auf offenem Feld. Ohne zu zögern bremste ich, legte mein Fahrrad ab und kauerte mich unter einem Busch am Straßenrand, während der Regen wie aus Eimern fiel. Das Gewitter tobte noch einige Minuten weiter, dann verzog es sich ebenso schnell, wie es gekommen war.

Kaum hatte ich mich wieder aufgerafft, kam ein Landwirt mit seinem Traktor vorbei. Er fragte mich, warum ich mir das alles antue – eine Frage, die mir oft gestellt wird. Und doch ist die Antwort immer die gleiche: Ich liebe das Abenteuer. Ich liebe es, den direkten Kontakt zu Menschen, zur Kultur, zur Landschaft zu erleben. Der Mann winkte mich schließlich in sein Dorf – Güllüdere, ein kleines Nest in den Bergen. Gemeinsam mit einem weiteren Bauern fuhren wir im Traktor die kurvige, steile Strecke hinauf.

Oben angekommen, wurde sofort der Ofen angeschmissen, Tee gekocht und Google Translate gezückt. Wir redeten über alles – so gut es ging. Auch diese Familie hatte Verwandte in Deutschland, und es dauerte nicht lange, bis per Handy ein Onkel angerufen wurde, um von mir zu erzählen. Es war schön zu sehen, wie sehr sich diese Menschen über meinen Besuch freuten – sie sagten, es sei noch nie jemand mit dem Fahrrad zu ihnen gekommen.

Nach anderthalb Stunden Tee, Gesprächen und Lachen brach ich wieder auf. Der Sohn der Familie, Mohammed, sagte mir, der Weg, den ich geplant hatte, sei gut fahrbar. Doch der vorherige Regen hatte die Offroad-Abkürzung in eine Schlammlandschaft verwandelt. Der lehmige Matsch klebte in dicken Schichten an meinen Reifen, blockierte Schutzbleche und drohte sogar, meinen Riemenantrieb zu beschädigen. Ich kämpfte mich durch, schabte Schlamm von den Reifen, trug das Rad ein Stück bergauf und schob es auf einem schmalen Grasstreifen zurück zur Straße.

Diese Tortur hatte mir alles abverlangt. Ich war erschöpft, entkräftet, aber wusste: Es lagen noch rund 50 Kilometer vor mir – mit weiteren Höhenmetern. Ich fuhr, so gut ich konnte, hochkonzentriert und mit schwindenden Energiereserven. Keine Tankstellen, keine Läden – nur ich, mein Fahrrad und die Straße.

Kurz vor der Hauptstraße türmte sich hinter mir eine gewaltige, dunkle Gewitterfront auf. Ich rettete mich gerade noch rechtzeitig in eine Tankstelle. Dort fing es Minuten später heftig an zu blitzen und regnen. Die Mitarbeiter der Tankstelle – beide um die dreißig – waren direkt herzlich. Ich bekam Tee und wir kamen ins Gespräch. Einer der beiden fragte mich, ob ich eine Möglichkeit kenne, wie er nach Deutschland kommen könne – sein Visumantrag war bereits zweimal abgelehnt worden. Es ist ein Thema, das ich auf dieser Reise immer wieder höre: Die Sehnsucht vieler junger Menschen nach einer Perspektive außerhalb der Türkei – und die Enttäuschung über verschlossene Türen.

Als das Gewitter sich gelegt hatte, machte ich mich auf die letzten 16 Kilometer Richtung Erzurum. Die Luft war kühl, der Wind rau – die Stadt liegt auf knapp 2000 Metern Höhe. Am Hotel angekommen, bestand ich darauf, mein Fahrrad sofort vom Schlamm zu befreien, bevor sich die Erde zu einer festen Kruste verwandeln konnte. Danach konnte ich meine Taschen ins Zimmer bringen – und mich endlich duschen.

Fünf Tage ohne Körperhygiene – heute fiel alles von mir ab. Dreck, Schweiß, Sonnencreme – wie Schichten einer langen Etappe. Nach dieser Erlösung gönnte ich mir in der Stadt noch Pizza und Salat. Müde, aber erfüllt, fiel ich ins Bett – mit dem Wissen, dass ich morgen einen Erholungstag habe. Und den werde ich brauchen.


Ein schöner Schlafplatz mit bester Aussicht

Durch die hügelige Hochebene 


Heute am nächsten Berg über 2000 Metern 


Nach Regen, Blitz und Donner im warmen aufgenommen.

Der Landwirt, der mich aufgegabelt hat, wollte ein Bild mit mir…

Der Sohn vom Landwirt ist auch Fan von mir. 

Abschied von den netten Landwirten, die mich aufgenommen haben 

Nach ultra viel Schlamm das erste mal wieder Hände waschen 

Ich in der Tankstelle mit warmen Tee, draußen Weltuntergang mit Regen 

Mit Sonnenuntergang und letzten Regenwolken nach Erzerum 

Tag 60

Magie zwischen Felsen, Tee und politischen Gesprächen

Der Tag begann in meinem kleinen Häuschen auf 2160 Metern Höhe. Als ich aufstand und die ersten Sonnenstrahlen durch die Fenster fielen, lag ein stiller Zauber über den weißen Bergketten ringsum. Der Ausblick war gewaltig – klar, frisch, fast wie gemalt. Mein Frühstück bestand – wie so oft – aus ein paar Keksen. Nicht viel, aber genug, um mich auf die große Abfahrt nach Erzincan einzustimmen.

Die Fahrt hinunter war ein Genuss. Links und rechts türmten sich mächtige Felsmassive auf, die sich bis zum Horizont zogen. Ich war so fasziniert vom Panorama, dass ich mich mehrfach selbst daran erinnern musste, den Blick wieder auf die Straße zu richten.

In Erzincan angekommen, spürte ich sofort den Trubel der Stadt. Nach rund 75 Kilometern entdeckte ich ein kleines Restaurant an einer Tankstelle – dort wurde Frühstück für die LKW-Fahrer angeboten. Für 200 Lira (etwa 4,50 €) bekam ich ein reich gedecktes Mahl: Brot, Tee, Käse, Honig, Marmelade, Gemüse – ein Festessen, das mir neue Energie gab.

Gut gestärkt machte ich mich auf den Weg zu meinem heutigen Anstieg. Am Fuß des Berges winkte mir ein Mann aus einem winzigen Dorf zu. Ich hielt an – und ehe ich mich versah, saß ich mit seiner ganzen Familie bei Tee und warmem Gebäck. Er erzählte mir, dass sein Cousin als Arzt in Bochum arbeitet. Es ist fast schon ein roter Faden dieser Reise: Jeder kennt jemanden in Deutschland – meistens in Bochum, Mannheim, Hamburg oder Frankfurt.

Nach drei Tees und warmen herzhaften Gesprächen verabschiedete ich mich und machte mich an den Aufstieg. Und was soll ich sagen: Es war eine der schönsten Etappen meiner Reise. Die Felsen, die sich in unterschiedlichsten Farben und Formen auftürmten, die Stille auf dem Weg – kein einziges Auto, nur ich und die Berge. Ich war so dankbar, nicht die Hauptstraße gewählt zu haben.

Der letzte Abschnitt des Aufstiegs hatte es in sich: grobe, faustgroße Steine, steile Rampen, ausgespülte Wege. Doch als ich den Gipfel erreichte, wurde ich belohnt – mit einer spektakulären Aussicht auf das Tal dahinter. Ich fuhr vorsichtig bergab, musste mich aufgrund des schwierigen Terrains sehr konzentrieren, doch Stück für Stück arbeitete ich mich nach unten.

Im ersten Dorf angekommen, fuhr ich wieder auf Asphalt. Die Erleichterung war spürbar – endlich rollen lassen. Doch dann: Plattfuß. Nummer acht. Inzwischen ist mein Umgang damit fast schon routiniert: Taschen ab, Schlauch raus, wechseln, aufpumpen, weiter geht’s. Kein Ärger mehr, nur Ruhe und Akzeptanz.

Kurz darauf hielt ein Mann im Pick-up neben mir an. Er sprach überraschend gut Deutsch, erzählte, dass er aus einem Dorf in der Nähe kommt, und stellte mir interessiert Fragen. Seine warme Art, seine Offenheit – das war wieder so ein Moment, der mir neue Energie schenkte.

Im nächsten Dorf musste ich dringend Wasser auffüllen – die Bergetappe hatte alles aufgebraucht. Dort traf ich einen ehemaligen Lehrer, der durch den gescheiterten Putsch am 9. Juli und die Folgen der Erdoğan-Regierung seine Arbeit verloren hat. Er sprach offen und ehrlich über seine Sorgen, seine Wut, seine Ohnmacht. Viele andere trauen sich nicht, politische Themen anzusprechen, zu groß ist die Angst vor Repression. Umso mehr berührte mich dieses Gespräch.

In Tercan angekommen, suchte ich nach einer Unterkunft – ich hatte mich seit Kapadokien nicht mehr gewaschen. Doch Hotel Nummer eins war geschlossen. Nummer zwei ebenso, die angegebene Nummer nicht erreichbar. Nummer drei? Eine halbfertige Bruchbude über einer Tankstelle. Also fuhr ich weiter zum Tercan Barajı See, wo ich bei untergehender Sonne mein Zelt aufschlug.

Ich setzte meine Nudeln auf, blickte beim Essen auf das ruhige Wasser und die Berge in der Ferne. Nach einem langen, eindrucksvollen Tag, voller Begegnungen, Naturwunder und Herausforderungen, fiel ich zufrieden und müde ins Zelt.


Aussicht auf den sich durch die wundervolle Landschaft schlängelnden Weg

Ich wurde in einem Mini-Dorf auf einen Tee eingeladen.


Wundervolle Fahrt die Berge hoch 

Ein wundervolles Panorama

Mein Geraffel an meinem Lenker in vollem Einsatz

Mal wieder auf 2000 Metern am Schnee

Bergpanorama im Hintergrund 

Bei Sonnenuntergang am See angekommen 

Das Schwergewicht erfüllt volle Dienste

Tag 59

Ein Hüttenabend auf 2160 Metern

Die Sonne strahlte durch mein Zelt und weckte mich sanft. Ich wusste sofort: Heute wird ein guter Tag. Ich öffnete den Reißverschluss, streckte mich, trat hinaus – und staunte nicht schlecht über die Aussicht, die sich mir bot. Mein Schlafplatz, der gestern noch im Dämmerlicht versteckt lag, offenbarte jetzt seine ganze Pracht: Weite, Berge, Stille.

Mein Frühstück war eher spartanisch – ein paar Kekse, ein paar süße Reste aus der Tasche. Nicht das üppigste Mahl, aber genug, um mich auf den Tag einzustimmen. Denn der hatte es in sich: Zwei Anstiege standen bevor, beide über 2000 Meter hoch.

Der erste Anstieg brachte mich auf 2140 Meter – steil, herausfordernd, aber wunderschön. Die weiße Berglandschaft, die klare Luft, die Sonne über mir – es war, als wäre ich in einer anderen Welt. Der leichte Rückenwind tat sein Übriges und schob mich sanft die Höhenmeter hinauf.

Nach dem ersten Gipfel ging es runter ins Tal – auf 1500 Meter – nur um danach gleich den zweiten Anstieg auf 2160 Meter in Angriff zu nehmen. Die Beine brannten, aber mein Kopf war ruhig. Diese Landschaft, diese Luft, dieser Moment – es war jeden Tropfen Schweiß wert.

Eigentlich wollte ich nach dem zweiten Gipfel weiter nach Erzincan rollen und mir auf dem Weg dorthin einen Schlafplatz mit Aussicht suchen. Doch es kam anders.

Oben auf dem Gipfel, ganz in der Nähe der Straße, entdeckte ich ein kleines Häuschen auf einem Hügel. Neugierig stellte ich mein Fahrrad ab, kletterte hinauf und schaute nach, ob die Tür offen war. Sie stand sperrangelweit offen – für mich das Zeichen: Willkommen.

Ich holte mein Fahrrad und meine Taschen, machte es mir im Inneren gemütlich – zumindest so gemütlich, wie es ging. Der Boden war dreckig, also fegte ich erst einmal durch. Die Fenster waren milchig vor Staub und Dreck, doch da kam der Deutsche in mir durch: Ich zückte meinen Fahrradschwamm, putzte die Fenster, trocknete sie mit ein paar Blättern Klopapier, und siehe da – plötzlich hatte ich freie Sicht auf die verschneiten 4000er in der Ferne. Ich glaube, so sauber waren diese Fenster lange nicht mehr. Es fühlte sich gut an, diesem verlassenen Ort etwas Liebe zu schenken.

Dann saß ich da – am Fenster – mit Blick auf ein atemberaubendes Panorama. Die Sonne ging langsam unter, tauchte die Gipfel in goldene Töne, während ich einfach nur da war.

Ich legte mich schließlich auf das alte Sofa, das ich in der Hütte gefunden hatte. Und während draußen die Nacht über die Berge zog, hoffte ich auf eine ruhige Nacht in meinem selbstgewählten Hochlager.


Am heutigen höchsten Berg auf 2160m angekommen.

Aussicht von meinem Schlafplatz 


Aussicht auf die tiefere Hochebene 

Auf über 2000 Metern entlang an schneebedeckten Bergen 

Gipfelbesteigung 

Besondere Bergformationen an der Straße 

Tag 58

Von Schäfern, Sonnencreme und Sturm – ein Tag voller Kontraste

Heute weckte mich das einfallende Sonnenlicht. Die Nacht war erholsam gewesen, mein Körper hatte sich gut regeneriert, und ich spürte: Ich bin bereit für den neuen Tag. Ich stand auf, packte meine Sachen zusammen und wartete auf das Frühstück, das mir Harun am Vorabend versprochen hatte.

Währenddessen nahm ich mir Zeit für mein Fahrrad – mein treuer Gefährte. Ich reinigte den Riemen, der mir schon durch so viele Tage und Wetterlagen zuverlässig Kraft auf die Pedale überträgt. Kein Öl, keine schmierigen Hände – dafür ein bisschen Staub und Dreck, der sich in den Rillen sammelt. Ich bürstete alles sauber, ließ es trocknen und sprühte Silikonspray auf. Danach lief der Antrieb wieder wunderbar ruhig.

Dann wurde zum Frühstück gerufen. Und wie! Fladenbrot, Weißbrot, Honig, Schafskäse, Butter, Nutella, Eiersalat, Oliven, Tomaten, Gurken und natürlich: türkischer Tee. Diese Herzlichkeit, diese Fülle – es war ein echtes Abschiedsmahl. Ich genoss jeden Bissen, das Gespräch mit der Familie, die Wärme, die mir geschenkt wurde.

Aber auch heute kam der Moment, an dem ich mich verabschieden musste. Ich bedankte mich von Herzen bei Harun – für alles – und machte mich wieder auf den Weg Richtung Osten, mein heutiges Ziel: Sivas.

Davor lagen noch zwei große Berge. Als ich den ersten Gipfel erreichte, begegnete mir ein Wanderschäfer – auf einem Esel, begleitet von seiner Herde und imposanten Kangal-Hunden. Groß, wachsam, aber zu mir völlig ruhig. Wir unterhielten uns – ganz ohne gemeinsame Sprache. Seine Worte auf Türkisch, meine Gedanken, die zwischen Raten, Gestikulieren und Lächeln pendelten. Es war ein schöner, stiller Austausch – irgendwo da oben zwischen Himmel und Erde.

Die Aussicht auf den Bergen war ein Geschenk. Weite, Licht, Wind – und ich wusste nicht, wo ich zuerst hinschauen sollte.

In Sivas angekommen, stand „Sonnencreme“ auf meiner Liste – doch überraschend war das eine echte Herausforderung. Große Supermärkte winkten ab, als hätte ich nach etwas Exotischem gefragt. Ich dachte mir nur: Cremen die sich hier bei dieser Sonne echt nicht ein? Schließlich fand ich eine offene Apotheke – am Sonntag. Für 12,01 € kaufte ich mir eine kleine Tube. Wahnsinnig teuer, aber nötig.

Mit Rückenwind und Sonne ging es weiter nach Zara. Eigentlich wollte ich dort meinen Tag beenden, aber es lief einfach zu gut. Also fuhr ich weiter. Ich wollte höher schlafen, nicht unten im Tal – also hieß es: nochmal Höhenmeter machen.

Und dann kam der Regen. Leise erst, dann kräftiger. Aber gleichzeitig schob sich die Sonne tief über den Horizont, während eine dunkle Wolkenfront über das Tal zog. Der Kontrast – goldenes Licht, prasselnder Regen, tiefgrauer Himmel – war spektakulär. Eine Szene wie aus einem Film. Ich hielt kurz inne, einfach um diesen Anblick zu speichern.

Es wurde dunkel. Ich brauchte schnell einen Schlafplatz. Am Gipfel eines Hügels fand ich ein kleines Kreuz – und daneben eine Fläche mit Panoramaausblick. Der Wind wehte kräftig, der Regen setzte erneut ein, also musste alles schnell gehen: Innenzelt aufbauen, beschweren, Außenzelt drüberziehen, Paracord zum Sichern spannen. Es war ein kleiner Kampf gegen die Elemente.

Aber dann stand alles. Ich kochte mir Nudeln, saß im Zelt, schaute auf das nun dunkle Tal – und war einfach nur dankbar. Für den Tag, für die Menschen, die Berge, die Begegnungen, das Draußensein. Nach fast 150 Kilometern und 1550 Höhenmetern fiel ich müde, aber erfüllt ins Bett.


Von Schäfern, Sonnencreme und Sturm – ein Tag voller Kontraste

Heute weckte mich das einfallende Sonnenlicht. Die Nacht war erholsam gewesen, mein Körper hatte sich gut regeneriert, und ich spürte: Ich bin bereit für den neuen Tag. Ich stand auf, packte meine Sachen zusammen und wartete auf das Frühstück, das mir Harun am Vorabend versprochen hatte.

Währenddessen nahm ich mir Zeit für mein Fahrrad – mein treuer Gefährte. Ich reinigte den Riemen, der mir schon durch so viele Tage und Wetterlagen zuverlässig Kraft auf die Pedale überträgt. Kein Öl, keine schmierigen Hände – dafür ein bisschen Staub und Dreck, der sich in den Rillen sammelt. Ich bürstete alles sauber, ließ es trocknen und sprühte Silikonspray auf. Danach lief der Antrieb wieder wunderbar ruhig.

Dann wurde zum Frühstück gerufen. Und wie! Fladenbrot, Weißbrot, Honig, Schafskäse, Butter, Nutella, Eiersalat, Oliven, Tomaten, Gurken und natürlich: türkischer Tee. Diese Herzlichkeit, diese Fülle – es war ein echtes Abschiedsmahl. Ich genoss jeden Bissen, das Gespräch mit der Familie, die Wärme, die mir geschenkt wurde.

Aber auch heute kam der Moment, an dem ich mich verabschieden musste. Ich bedankte mich von Herzen bei Harun – für alles – und machte mich wieder auf den Weg Richtung Osten, mein heutiges Ziel: Sivas.

Davor lagen noch zwei große Berge. Als ich den ersten Gipfel erreichte, begegnete mir ein Wanderschäfer – auf einem Esel, begleitet von seiner Herde und imposanten Kangal-Hunden. Groß, wachsam, aber zu mir völlig ruhig. Wir unterhielten uns – ganz ohne gemeinsame Sprache. Seine Worte auf Türkisch, meine Gedanken, die zwischen Raten, Gestikulieren und Lächeln pendelten. Es war ein schöner, stiller Austausch – irgendwo da oben zwischen Himmel und Erde.

Die Aussicht auf den Bergen war ein Geschenk. Weite, Licht, Wind – und ich wusste nicht, wo ich zuerst hinschauen sollte.

In Sivas angekommen, stand „Sonnencreme“ auf meiner Liste – doch überraschend war das eine echte Herausforderung. Große Supermärkte winkten ab, als hätte ich nach etwas Exotischem gefragt. Ich dachte mir nur: Cremen die sich hier bei dieser Sonne echt nicht ein? Schließlich fand ich eine offene Apotheke – am Sonntag. Für 12,01 € kaufte ich mir eine kleine Tube. Wahnsinnig teuer, aber nötig.

Mit Rückenwind und Sonne ging es weiter nach Zara. Eigentlich wollte ich dort meinen Tag beenden, aber es lief einfach zu gut. Also fuhr ich weiter. Ich wollte höher schlafen, nicht unten im Tal – also hieß es: nochmal Höhenmeter machen.

Und dann kam der Regen. Leise erst, dann kräftiger. Aber gleichzeitig schob sich die Sonne tief über den Horizont, während eine dunkle Wolkenfront über das Tal zog. Der Kontrast – goldenes Licht, prasselnder Regen, tiefgrauer Himmel – war spektakulär. Eine Szene wie aus einem Film. Ich hielt kurz inne, einfach um diesen Anblick zu speichern.

Es wurde dunkel. Ich brauchte schnell einen Schlafplatz. Am Gipfel eines Hügels fand ich ein kleines Kreuz – und daneben eine Fläche mit Panoramaausblick. Der Wind wehte kräftig, der Regen setzte erneut ein, also musste alles schnell gehen: Innenzelt aufbauen, beschweren, Außenzelt drüberziehen, Paracord zum Sichern spannen. Es war ein kleiner Kampf gegen die Elemente.

Aber dann stand alles. Ich kochte mir Nudeln, saß im Zelt, schaute auf das nun dunkle Tal – und war einfach nur dankbar. Für den Tag, für die Menschen, die Berge, die Begegnungen, das Draußensein. Nach fast 150 Kilometern und 1550 Höhenmetern fiel ich müde, aber erfüllt ins Bett.


Sehr herzliche Begegnung mit Schafhirten auf Esel

Sehr leckeres Frühstück mit Harun 


Abschied von Harun.

Aussicht in Hochebene

Moschee Nr. XY

Mit Schatten in die dunklen Wolken 

Regen, Wolken, Sonnenuntergang und Berge

Regen, Wolken, Sonnenuntergang mit fröhlichem Nisse 

Nächtliches Essen auf dem Berg 

Tag 57

Zwischen Steinwüsten und Herzenswärme – ein Tag voller Kontraste 
 
An diesem Morgen wachte ich mit der Sonne auf – begleitet vom fernen, klagenden Ruf der Limikolen und dem wilden Geschnatter verschiedener Gänsearten. Ihre Stimmen hallten über den stillen Salzsee, der noch in das weiche Licht des Morgens getaucht war. Diese Geräuschkulisse war einmal mehr magisch – ein fast surreales Erwachen. Ich ließ meine Drohne steigen, um die friedliche Stimmung von oben einzufangen, dann begann ich mein Zelt zusammenzupacken. 
 
Der Salzsee lag eingebettet in ein weites Tal zwischen Bergen. Um auf meine geplante Route zurückzukehren, musste ich das Tal hinter mir lassen und erneut einen dieser Berge überwinden. Komoot führte mich zunächst noch einige Kilometer durch das Tal – doch die Wege, auf die ich dort traf, waren eine Katastrophe: tiefer Sand, lockerer Schotter, steiniger Untergrund und dazwischen das typische Waschbrettprofil. Immer wieder donnerten schwere LKWs an mir vorbei, die Schotter, Sand oder Steinmaterial aus dem Tal abtransportierten. 
 
Jeder Meter war eine Herausforderung. Die Reifen meines Fahrrads rutschten, der Lenker vibrierte, und mein ganzer Körper musste mitarbeiten, um überhaupt voranzukommen. Als es dann bergauf ging, war der Weg weiterhin nicht geteert – nur ein holpriger, schlammiger Pfad mit über 200 Höhenmetern. Trotz aller Anstrengung wurde ich mit einer großartigen Aussicht belohnt. Die Natur war zum Greifen nah, und für einen Moment vergaß ich das Gerüttel und Geklapper. 
 
Doch kaum hatte ich den Abstieg hinter mir, zog Regen auf. Erst ein paar Tropfen, dann ein stetiger Niesel, bis es ab etwa 15 Uhr schließlich ununterbrochen regnete. Ich zog meine Regensachen an und stellte mich auf einen langen, nassen Nachmittag ein. Irgendwann war ich bis auf die Haut durchnässt und wusste: Ich brauchte dringend eine Unterkunft. 
 
Ich suchte zunächst Schutz bei einer kleinen Moschee. Zwei neugierige Jungs kamen vorbei, schauten sich mein Rad an und fragten mich aus. Sie waren fasziniert, konnten mir aber nicht helfen. Die Moschee war ungeheizt und sogar kälter als draußen – dort zu übernachten war keine Option. 
 
Als der Regen kurz nachließ, bemerkte ich Bewegung auf einem benachbarten Bauernhof. Ich fasste mir ein Herz und fragte den Landwirt, ob ich bei ihm unterkommen könnte. Harun, etwa 35 Jahre alt, überlegte kurz – und sagte dann zu. Er brachte mich in das Gästehaus des Hofes, zündete sofort den Ofen an und half mir, wieder warm zu werden. Ich war unglaublich dankbar. 
 
Kurz darauf servierte er mir ein üppiges Abendessen: Nudeln mit Bolognese, frischer Salat und eine dampfende türkische Suppe. Es war so reichlich, dass ich nur einen Bruchteil davon essen konnte – mein Magen war irgendwann einfach voll. Später kamen noch ein paar Freunde von Harun vorbei, ebenfalls Landwirte aus dem kleinen Dorf mit rund 500 Einwohnern. Gemeinsam saßen wir im Wohnraum, tranken Tee und redeten so gut es ging. Es war eine angenehme, ruhige Stimmung – ganz im Kontrast zu dem rauen, anstrengenden Tag davor. 
 
Gegen 22 Uhr verabschiedeten sich die Männer. Ich begann meine Abendroutine: Dehnen, die Faszienrolle für die Beine, Supplements, Zähneputzen und schließlich noch etwas Pflege für meine Knie – mit Massageöl und einer beruhigenden Creme. Müde, aber zufrieden, fiel ich wenig später in das warme Bett. 




atemberaubend schöner Schlafplatz am Tuzla Gölü Salzsee

Es wird dunkler 


Ich glaube da braut sich was zusammen 

Ab geht’s mit Lächeln ins Dunkle 

Beim Landwirt mit seinen Landwirtfreunden im warmen untergekommen.

Tag 56

Abschied mit Aufwind – Ballonfahrt, Berge und ein Platz am Salzsee

Um 4:45 Uhr klingelte der Wecker. Noch im Halbschlaf schlüpfte ich in die am Abend zuvor bereitgelegten Sachen, schnappte meine Ausrüstung und trat in die kühle Dunkelheit vor dem Hotel. Der Shuttlebus zur Ballonfahrt stand schon bereit – gut organisiert, denn bei über hundert Ballons, die täglich starten dürfen, herrscht sonst pures Chaos.

Die Stimmung war wie kurz vor Mitternacht an Silvester: ein leises Knistern in der Luft, gespannte Vorfreude, Menschen in Stille vereint – nur dass hier nicht das neue Jahr erwartet wurde, sondern der Moment, in dem man abhebt.

Und dann ging alles ganz schnell: Ich stand im Korb, gemeinsam mit 19 anderen. Es war ein Komfort-Ballon – nicht ganz so überfüllt wie die Standard-Version mit bis zu 30 Leuten. Ein glücklicher Zufall, denn ich hatte nicht gewusst, was mich erwartet. Genauso viel Glück hatte ich mit dem Preis – 220 Euro statt der 350+, die tags zuvor aufgerufen wurden. Immer noch viel, aber das Erlebnis: unbezahlbar.

Langsam schwebten wir in die Höhe, bis auf 1400 Meter. Der Himmel färbte sich mit jeder Minute mehr in warmes Orange, die Sonne kroch über den Horizont – und unter mir erstreckte sich die gesamte Magie Kappadokiens. Täler, Felsen, Höhlen, Ballons um uns herum. Es war, als hätte jemand eine riesige Schneekugel geschüttelt – nur dass sie in diesem Moment still stand. Ein perfekter Abschluss.

Nach einer Stunde landeten wir sanft. Es gab eine kleine Zeremonie mit Urkunde, Sekt (naja, eher Wein) und Frühstücksbeutel – charmant kitschig, aber irgendwie süß.

Mit diesem Erlebnis konnte ich meinen inneren Kappadokien-Haken setzen: Ich war gewandert, getourt, geklettert, durch Schnee, Regen, Hagel, Sonne marschiert – hatte alles gesehen, von unten, von oben, von mittendrin. Es war Zeit, weiterzuziehen.

Nach dem Frühstück verabschiedete ich mich vom Hotel und fuhr noch kurz beim Diadem Hostel vorbei. Dort war ich am Vortag auf einen Tee eingeladen worden – eine letzte Tasse, ein letzter herzlicher Blick, bevor es endgültig hieß: Tschüss Kapadokien.

Mein Weg führte mich weiter in den Osten der Türkei. Die ersten 80 Kilometer rollte ich auf Highways – nicht besonders spannend, aber effizient. Erst nach 81 Kilometern fand ich eine Gelegenheit zur Pause. An einer kleinen Abzweigung tankte ich bei einem Supermarkt Snacks und Wasser nach. Doch Wasser gab’s keins. Der Besitzer verwies mich an einen Dönerladen nebenan. Dort wurde ich mit offenen Armen empfangen – und obwohl ich eigentlich schon gegessen hatte, wurde mir ein vegetarisches Menü aus Reis, Salat, Gemüse und Pommes aufgetischt. Ich konnte nicht Nein sagen. Und ja – es passte noch rein.

Nach ein paar gemeinsamen Fotos mit dem Team rollte ich weiter – bei strahlender Sonne und langsam wieder knapper werdender Energie. Auf der Karte hatte ich einen vielversprechenden Ort entdeckt: den Tuzla Gölü, einen Salzsee zwischen Bergen. Was ich nicht gesehen hatte: dass ich erst einen mächtigen Anstieg vor mir hatte. Die Steigung zog mir den letzten Saft aus den Beinen. Ich kam in ein Energieloch. Die einfachsten Tritte wurden zur Qual, mein Atem pumpte, mein Kopf wurde leer.

Doch wie so oft lohnte sich die Mühe. Oben angekommen, öffnete sich der Blick auf den See – still, spiegelnd, umgeben von weiter Natur. Ich rollte die letzten Kilometer bergab, fuhr noch ein Stück am Ufer entlang, bis ich eine Stelle fand, die perfekt war: ein Platz neben einer alten Schaftränke, trockener Boden, guter Untergrund für mein Zelt.

Ich war noch satt vom Dönerladen und kochte nichts mehr. Stattdessen saß ich da, während die Sonne unterging und die ersten Vögel – Schwalben oder vielleicht Ziegenmelker – ihr abendliches Summen begannen. Ein vibrierendes, fast außerweltliches Geräusch, das mich langsam in den Schlaf begleitete.


Ballons werden um 5:00 morgens für den Start ready gemacht 

Langsam heben die Ballons ab in die Höhe 

Die Gebirge Kapadokiens von oben 

Sonnenaufgang !

Strahlender Nisse

Am Boden gleich viel unspektakulärer

Auf ein leckeres Essen bei Murat eingeladen 

Heutiger Schlafplatz am Salzsee Tuzla Gölü

Umfunktionierte Tränke für Tiere nun für meine Taschen und Fahrrad

Das Kraftpaket hat den Ehrenplatz in der Tränke 

Tag 55



Ruhetag mit Aussicht auf Höhepunkte

Heute habe ich mir endlich mal einen Morgen zum Ausschlafen gegönnt. Nach den anstrengenden Wanderungen der letzten Tage und der unruhigen Nacht brauchte mein Körper einfach etwas Zeit zur Regeneration. Ein bisschen runterkommen, ein bisschen Durchatmen.

Der Vormittag war meiner digitalen Reise gewidmet: Ich überarbeitete meinen Blog, schnitt Kurzvideos für meine Social-Media-Kanäle und plante die kommenden Wochen meiner Tour bis nach Tiflis. Während draußen das Leben in Göreme seinen gemächlichen Lauf nahm, tippte ich mich durch Erinnerungen, bearbeitete Momente, setzte Struktur in all das Erlebte – eine andere, aber genauso wichtige Seite meiner Reise.

Trotz des „Bürotags“ konnte ich es mir natürlich nicht nehmen lassen, auch heute wieder ein Stück Kapadokien zu Fuß zu entdecken. Diesmal stand das Pigeon Valley auf dem Plan – ein Tal, das mir bisher noch gefehlt hatte. Vom Zentrum Göremes ging es etwa fünf Kilometer durch das verwinkelte, friedliche Tal. Zwischen bizarren Felsformationen, kleinen Höhlen und jahrhundertealten Taubenschlägen fühlte ich mich erneut wie in einer anderen Welt. Diese Ruhe, die sich mit jedem Schritt durch die weichen Pfade verstärkt, ist einfach unbezahlbar.

Am Ende des Tals stieg ich hinauf nach Uçhisar. Dort wartete ich an der Burg auf den Bus zurück – doch ich musste gar nicht lange warten. Ein freundlicher Mann, der für eine Ballonfirma arbeitet, nahm mich kurzerhand in seinem Auto mit nach Göreme. Hitchhiking ohne Daumen raus – manchmal rollt das Leben einfach mit.

Zurück in der Stadt erledigte ich dann etwas, worauf ich lange gewartet hatte: Ich buchte meinen eigenen Ballonflug – für den allerletzten Morgen in Kapadokien. In den letzten Tagen lagen die Preise zwischen 350 und 500 Euro. Heute jedoch ging es – endlich – etwas runter. Für 220 Euro bekam ich meinen Platz im Korb. Kein Schnäppchen, aber ein Wunsch, den ich mir unbedingt erfüllen wollte. Da der Preis in bar bezahlt werden musste, hob ich kurzerhand 9600 Türkische Lira ab – was bei einem maximalen Scheinwert von 200 Lira fast schon filmreif wirkt. Ein halber Ziegelstein Bargeld.

Zurück im Alpha Stone House arbeitete ich weiter an meinen Kurzvideos, lud mein tägliches Update hoch und holte mir am Abend zwei Cigköfte-Rollen bei einem kleinen Laden um die Ecke. Eigentlich hatte ich geplant, früh ins Bett zu gehen – der Wecker für den Ballonflug morgen wird schließlich gnadenlos früh klingeln. Aber wie das so ist: Die Zeit verfliegt, und so lag ich erst gegen 23:30 Uhr im Bett – voller Vorfreude auf das morgige Abenteuer am Himmel.


Ich fühle mich wie ein Millionär mit rund 9600 Türkischen Lira für ein Ballonflug


Wanderung durch das Pogeon-Valley von Geröme nach Uchisar

Leckere Humus-Vorspeise mit Brot 

Tag 54

Magischer Morgen und plötzlicher Rückschlag

Der heutige Morgen war der erste seit Tagen, an dem das Wetter wieder so gut war, dass die Ballons endlich fliegen konnten. Also machten sich Fabio, Cheyenne – eine Amerikanerin, die ich im Hostel kennengelernt habe – und ich bereits um 5:00 Uhr morgens auf den Weg zu einem Aussichtspunkt, um das Spektakel zu erleben.

Das Wetter war perfekt. Der Himmel wurde langsam heller, die ersten Ballons stiegen lautlos in die Luft – und die Magie begann. Als schließlich die aufgehende Sonne die hoch oben schwebenden Heißluftballons in goldenes Licht tauchte, wusste ich gar nicht, wohin ich zuerst schauen sollte. Ich wollte diesen Moment mit meiner Kamera einfangen, aber gleichzeitig einfach nur genießen. Es war einfach atemberaubend schön – ein Erlebnis, das sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt hat.

Zurück im Hostel gab es ein leckeres Frühstück, und bevor ich auscheckte, sicherte ich noch all meine Kameraaufnahmen. Zum Glück durfte ich meine Sachen bis zum Abend dort lassen, bevor ich mir eine neue Bleibe suchen musste.

Meine Priorität an diesem Tag war klar: Ich wollte nach Nevşehir fahren, um mir im Fahrradladen endlich ein paar Ersatzschläuche zu besorgen. Das klappte zum Glück reibungslos.

Später traf ich mich mit Fabio an der Burg von Uchisar. Von dort aus hatten wir eine unglaubliche Aussicht über das nördliche Tal Kappadokiens. Wir beschlossen, von dort zurück nach Göreme zu wandern – durch das White Valley und anschließend durch das Love Valley. Wie schon bei meiner Wanderung vor zwei Tagen war auch heute kaum jemand unterwegs. Die Ruhe, die frische Luft und der weite Blick auf diese außergewöhnliche Landschaft – das alles war einfach pures Glück.

Im White Valley beeindruckten uns vor allem die hellen, fast weißen Gesteinsformationen. Im Love Valley dagegen formte die Natur Skulpturen, die sehr deutlich an das männliche Geschlecht erinnerten – surreal, witzig, fast wie aus einer anderen Welt. Es ist kaum zu glauben, dass solche Formen natürlich entstanden sind.

Nach rund 15 Kilometern zu Fuß und über 30.000 Schritten gönnten Fabio und ich uns wieder ein Abendessen. Als ich zurück zum ursprünglich gebuchten Hostel kam, war dort jedoch niemand anzutreffen. Nach einiger Wartezeit erschien jemand von der Rezeption – und erklärte mir, ich hätte ein Bett im Frauenschlafsaal gebucht. Laut meiner Reservierung stimmte das jedoch nicht. Da das Hostel nun ausgebucht war, musste ich kurzfristig etwas Neues finden.

Etwas gestresst, aber entschlossen, ging ich direkt zu einem nahegelegenen Hotel, anstatt über Booking zu buchen. Ich konnte dem Betreiber klar machen, dass er sich die Plattformgebühren spart – und so bekam ich das Zimmer für zwei Nächte für 80 € statt 92 €. Direkt ein besserer Deal.

Doch kaum war ich fertig mit dem Essen, merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Ich begann stark zu schwitzen, fühlte mich plötzlich sehr unwohl. Ich weiß bis heute nicht, was genau der Auslöser war. Schnell ging ich in meine neue Unterkunft und legte mich hin. Die Nacht war alles andere als erholsam. Ich verbrachte einige Zeit auf der Toilette – mein Magen musste wohl etwas loswerden – und konnte erst danach wieder einigermaßen schlafen.


In den Ballons 


Burg Uchisar

Aussicht von Burg Uchisar

White Valley

Heutige Wanderung wieder 15km

Im Love Valley

Tag 53

Eine Tour mit gemischten Gefühlen

Der nächste Tag startete mit einer Empfehlung des Hostelbetreibers: eine geführte Tour zu einer der beeindruckenden unterirdischen Städte Kapadokiens und einem wunderschönen See. Da diese Orte mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer zu erreichen sind, ließ ich mich auf das Angebot ein – in der Hoffnung, so mehr von der Region zu sehen.

Leider entsprach die Tour nicht meinen Erwartungen. Mit einem kleinen Bus ging es von einem touristischen Hotspot zum nächsten. Kaum angekommen, blieben uns jeweils nur etwa zehn Minuten, um die Orte zu erkunden. Für meinen Geschmack viel zu wenig, um wirklich Atmosphäre aufzunehmen oder in Ruhe Fotos zu machen.

Zwischendurch wurden wir in einen Juwelier gebracht, in dem man versuchte, uns etwas zu verkaufen. Ich hatte kein Interesse und fühlte mich dabei eher fehl am Platz. Am Ende der Tour folgte noch ein Stopp in einem Süßwarengeschäft – auch hier mit dem klaren Ziel, uns zum Kaufen zu animieren. Das Ganze hatte mehr von einer Verkaufsveranstaltung als von einer echten Entdeckungsreise.

Das einzig wirklich beeindruckende Highlight war die unterirdische Stadt. Eine von vielen in der Region – aber diese war besonders groß, gut erhalten und zugänglich. Es gab dort Belüftungsschächte, Lagerräume, Speisekammern, Notfalltunnel, Viehställe und Aufenthaltsräume. Es war faszinierend zu sehen, wie durchdacht und komplex diese Stadt unter der Erde gebaut wurde. Gleichzeitig war es aber auch überlaufen – Touristen, soweit das Auge reichte.

Mir wurde an diesem Tag bewusst: Solche geführten Gruppentouren sind nicht meine Art, einen Ort kennenzulernen. Ich brauche Zeit, Raum, Freiheit. Ich will anhalten, wo es mich fesselt, und nicht dann weiterfahren, wenn die Gruppe ruft. Ich fühlte mich eher herumgereicht als inspiriert.

Am Abend ging ich mit Fabio, den ich im Hostel kennengelernt habe, noch etwas essen. Nach diesem Tag voller Eindrücke – und auch kleiner Enttäuschungen – fiel ich müde ins Bett.


Kappadokien bei Hagel  


Nar-See

Tag 52

Ein Wintermorgen in Kapadokien – Schnee, Staunen und ein kleiner Dämpfer

Am Vortag hatte ich mir den Wecker auf 4:00 Uhr morgens gestellt. Zu dieser Zeit beginnt die Sonne langsam aufzugehen, und die berühmten Heißluftballons bereiten sich darauf vor, in den Himmel zu steigen. Als ich jedoch den Reißverschluss meines Zelts öffnete, spürte ich sofort, dass etwas anders war. Der Reißverschluss klemmte – ungewöhnlich. Und dann sah ich es: Kapadokien war über Nacht unter einer Schneedecke verschwunden. Die Temperaturen waren unter null gefallen, und mehrere Zentimeter Schnee hatten sich über die märchenhafte Landschaft gelegt. Der Anblick war magisch – noch am Abend zuvor hatte ich die Felsen ohne Schnee gesehen, und nun lag alles in einem weißen, nebligen Schleier.

Die Ballons starteten an diesem Morgen nicht – zu viel Schnee, zu wenig Sicht. Stattdessen holte ich direkt meine Kamera raus, fing die Szenerie aus verschiedenen Perspektiven ein und genoss diesen ganz eigenen, stillen Zauber.

Anschließend packte ich mein Zelt zusammen und rollte vom Hügel hinunter in die Stadt Göreme. Dort hatte ich mir vor ein paar Tagen ein Hostel für zwei Nächte gebucht. Im Diadem Hostel angekommen, wurde ich freundlich empfangen. Der Gastgeber betreibt das Hostel mit viel Liebe zum Detail und Herzlichkeit. Da ich zu früh dran war, vertrieb ich mir die Zeit bei ein paar Gläsern Tee und Gesprächen mit dem Gastgeber und anderen Reisenden.

Als mein Fahrrad und meine Taschen sicher verstaut waren, machte ich mich auf zu einer Wanderung durch die Felslandschaften Kapadokiens. Zuerst besuchte ich das Open Air Museum von Göreme. Es bot nicht nur einen faszinierenden Einblick in die Entstehung dieser Landschaft, sondern auch in die Lebensweise der Menschen, die hier vor Jahrhunderten in Höhlen lebten. Die Felsen sehen teils aus wie von Künstlerhand geformt – Gesichter, Skulpturen, ganze Gebäude scheinen sich aus dem weichen Tuffstein zu erheben.

Nach dem Museumsbesuch wanderte ich weiter, durch enge Schluchten, vorbei an skurrilen Felsformationen und kleinen, herausfordernden Pfaden. Besonders beeindruckend war das Red Valley mit seinen rötlich gefärbten Steinen, die teilweise auch gelbe, grüne oder weiße Nuancen aufwiesen. Überall waren in die Felsen kleine Fenster, Türen, Kirchen und sogar burgähnliche Strukturen gemeißelt – es fühlte sich an wie eine Reise durch eine andere Welt. Insgesamt wanderte ich an diesem Tag rund 15 Kilometer durch Schnee, Hagel, Sonne und Wolken – von Schlucht zu Schlucht, ein Naturwunder nach dem anderen.

Am Abend ging ich in der Stadt etwas essen. Zuerst wollte man mir für eine Pizza 20 € abknöpfen – ich ließ mich jedoch nicht abzocken und fand kurz darauf eine leckere Pizza für faire 8 €. Der Moment erinnerte mich daran, dass man in einem touristischen Ort wie Göreme als Reisender immer wachsam sein muss.

Am nächsten Tag empfahl mir der Hostelbetreiber eine geführte Tour – sie sollte zu einer unterirdischen Stadt und einem schönen See führen. Da die Orte nur schwer mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind, entschied ich mich, mitzufahren. Leider wurde ich enttäuscht. Statt einer echten Erfahrung wurde ich von Hotspot zu Hotspot im Minibus gekarrt – jeweils mit kaum 10 Minuten Zeit zum Verweilen. Es gab Stopps bei einem Juwelier und einem Süßwarenladen, bei denen man offensichtlich zum Kauf animiert werden sollte. Die unterirdische Stadt war jedoch ein echtes Highlight: ein gigantisches System aus Lüftungsschächten, Speisekammern, Lagerräumen, Notgängen und Viehställen – alles tief unter der Erde.

Trotzdem merkte ich, dass solche geführten Touren einfach nicht mein Ding sind. Ich will Orte fühlen, erleben, erkunden – und nicht im Eiltempo durchgeschleust werden.

Am Abend ging ich mit Fabio essen, den ich im Hostel kennengelernt hatte. Wir hatten gute Gespräche und lachten viel. Danach fiel ich müde, aber zufrieden, in mein Bett.


 

Mega Aussicht !

Glücklicher Nisse bei verschneitem Kappadokien 

Verschneites Radel.

Diese Schönheit. 

Am Nachmittag ist alles geschmolzen. Nun kommen die Farben und die Gewaltigkeit der Felsen so richtig zur Geltung. 

15 km Wanderung an Pausetag 

Diese Strukturen !

Tag 51

Ein frostiger Start und ein warmes Herz 
 
In der Nacht hatte es viel geregnet, und am Morgen waren die Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Der Regen war über Nacht zu Eis geworden, das sich wie eine Schicht Glas über mein Zelt gelegt hatte. Nachdem ich mein Frühstück am Ufer des Salzsees gegessen hatte – ein magischer Ort, gerade in dieser morgendlichen Kälte – packte ich meine Sachen zusammen. Heute stand eine große Etappe bevor. 
 
Zunächst fuhr ich noch einige Kilometer entlang des Toz Gölü, dann ging es langsam hinein in die Berge. Kaum hatte ich ein paar Höhenmeter gemacht, fuhr ich an einem Gemeindehaus vorbei, aus dem mir ein Mann zuwinkte. Er bat mich in die warme Gemeindestube und servierte mir zwei Gläser Tee. Wir versuchten, so gut es ging, miteinander zu sprechen – ein schönes, kleines Gespräch, das mir gut tat. 
 
Ein paar Kilometer weiter begegnete ich einem älteren Mann, der mit dem Auto an mir vorbeifuhr, kurz anhielt und ausstieg. Irgendwie erkennen die Leute sofort, dass ich Deutscher bin. Er erzählte mir, dass er 17 Jahre in Hotels in Österreich gearbeitet hat und danach noch 17 Monate in einer Fischfabrik in Deutschland war. Es war ein richtig herzliches Gespräch, das mir den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf ging – diese Offenheit und Freundlichkeit der Menschen hier bewegt mich immer wieder. 
 
Die Route führte mich weiter durch kleine Bergdörfer und über das erste von zwei Bergmassiven. Danach ging es ein Stück durch ein Tal, bevor der zweite, noch etwas steilere Abschnitt begann, der mich schließlich näher und näher an Kapadokien heranführte. 
 
Die heutigen Anstiege waren zahlreich. Sie waren zwar nicht sehr lang, aber oft sehr steil – eine echte Herausforderung für Beine und Kopf. Als ich am Abend in Göreme ankam, zeigte mein Tacho über 1.700 Höhenmeter und fast 130 Kilometer. Ich war fix und fertig, aber auch unglaublich zufrieden. 
 
Ich suchte mir ein schönes Plätzchen für mein Zelt – mit perfekter Aussicht auf die zerklüfteten Berge Kapadokiens. Ich hoffe, dass morgen früh die Ballons starten – auch wenn Schnee angesagt ist. Es wäre ein krönender Auftakt für das nächste Kapitel dieser Reise. 


Abendlicher Ausblick über Kappadokien

 

Auf einen Tee oder auch zwei eingeladen 

Kappadokien ich komme !

Burg Uchisar

Genialer Ausblick !

Bester Koch-Spot.

Es gibt auch schlechtere Schlafplätze

Sonnenuntergang über Göreme in Kappadokien 

Aussicht bei Nacht 

Tag 50

Am heutigen Morgen brachte mich der Großvater mit dem Auto zurück zum Haus der Familie – eine Strecke von gerade einmal 500 Metern. Man hätte sie locker zu Fuß gehen können, aber der Großvater fährt grundsätzlich alles mit dem Auto. Dort angekommen, wartete schon ein leckeres Frühstück auf mich. Ich schlug noch einmal richtig zu, um für den bevorstehenden Tag genügend Energie zu haben.

Wie immer hieß es irgendwann Abschied nehmen. Bevor ich losfuhr, drehte ich mit den Großeltern noch eine kleine Interviewsequenz für meine Dokumentation über die Radreise – ein schöner Abschluss dieses unerwarteten, aber intensiven Zwischenstopps.

Die ersten 70 Kilometer führten mich über eine flache Ebene mit ein paar Hügeln, bis ich mein heutiges Ziel erreichte: den Toz Gölü – ein riesiger Salzsee, der sich wunderschön in die Landschaft einfügt. Im Sommer soll er leicht rosa schimmern, heute im Winter sah er eher aus wie ein gewöhnlicher See. An seinem Rand entdeckte ich große weiße Salzhügel, wo das Salz aus dem Seewasser gefiltert und dann auf LKWs verladen wird – beeindruckend zu sehen.

Doch die Idylle wurde kurz unterbrochen: Ich bemerkte, dass mein Vorderreifen platt war – der zweite Platten auf meiner gesamten Tour, und das auch noch direkt einen Tag nach dem letzten. Genervt wechselte ich den Schlauch und fuhr weiter. Bei der nächsten Tankstelle pumpte ich ihn auf den richtigen Druck auf. In der nahegelegenen Kleinstadt gab es sogar einen Fahrradladen, aber leider hatten sie keine passenden Ersatzschläuche – ich fahre mit französischem Ventil, hier ist das Autoventil Standard.

Also hieß es: weiterfahren. Mein Plan war, mir eine schöne Schlafstelle am See zu suchen. Nach weiteren 25 Kilometern, also insgesamt 103 km für den Tag, fand ich einen tollen Spot direkt am See mit Blick auf die weite Salzfläche. Die Kulisse war beeindruckend – absolute Ruhe, Weite, Salz unter den Füßen.

Ich begann meine Abendroutine, kochte mir Nudeln, während es langsam kälter wurde. Kurz darauf setzte auch der Regen ein – gerade noch rechtzeitig war ich im Schlafsack.


 

Abschied von der Dänisch-Tükischen Familie, die mich gestern verfroren aufgenommen haben.

Auf einen Tee vom netten Resul eingeladen. Top Typ!

Mein CO2 Fußabdruck beim Radfahren =0

Tag 49

An diesem Morgen wurde ich mal wieder vom Schnee überrascht. Während ich frühstückte, sah ich aus dem Fenster, wie die ersten Flocken fielen. Ein Blick auf die Wetter-App bestätigte: Es sollte noch mehrere Stunden lang schneien. Ich nahm es als sportliche Herausforderung. Doch kaum hatte ich meine Sachen gepackt, fiel mir auf, dass ich erneut einen Platten am Hinterrad hatte – zum fünften Mal auf dieser Reise. Genervt wechselte ich den Schlauch, was mich fast eine Stunde Zeit kostete.

Als ich endlich losfuhr, wurde der Schneefall immer intensiver. Begleitet von heftigem Wind kämpfte ich mich durch den Sturm. Besonders hart wurde es, als es auf einen kleinen Berg ging. Schneeverwehungen bedeckten die Straße, und ich konnte kaum noch erkennen, wie der Untergrund beschaffen war. Der Wind peitschte mir mal von der Seite, mal direkt ins Gesicht.

Je höher ich kam, desto extremer wurde der Schneesturm. Als ich kurz auf mein Handy schaute, merkte ich, dass sich Eiszapfen an meinen Augenbrauen und Wimpern gebildet hatten. Dank meiner Sturmhaube blieb immerhin mein Bart vor dem Gefrieren verschont. Trotz mehrerer Kleidungsschichten drang die Kälte durch. Der Wind, der Schnee – alles raubte mir Kraft. Ich wusste: Ich musste dringend einen warmen Unterschlupf finden. Aber weit und breit war kein Dorf in Sicht.

Ich kämpfte mich weiter durch den Sturm, Meter für Meter, bis ich endlich ein kleines Dorf erreichte. In der Hoffnung auf einen trockenen Platz suchte ich die Moschee auf – doch sie war verschlossen. Im ganzen Dorf war niemand auf der Straße. Die Stimmung war trostlos, der Schnee peitschte weiter, meine Hoffnung schwand.

Dann sah ich plötzlich Bewegung hinter einem Fenster. Ich fasste mir ein Herz und ging zu dem Haus. Es gab keine Klingel, also öffnete ich vorsichtig die nicht verschlossene Tür, um mich bemerkbar zu machen. Kurz darauf kamen einige Kinder und eine Frau ins Haus – vorsichtig, skeptisch. Sie forderte meinen Pass, um sicherzugehen, dass ich kein Eindringling war. Später erfuhr ich, dass in der Gegend immer wieder Diebstähle durch durchziehende Gruppen aus verschiedenen Ländern vorkommen. Als sie sah, dass ich wirklich nur Schutz vor dem Wetter suchte, schlug ihre Zurückhaltung schnell in Gastfreundschaft um.

Sie bot mir sofort etwas zu essen an – und wie! Es gab türkische Suppe, Gebäck, Tee, verschiedene Säfte und mehr. Ich war überglücklich – aufzutauen, mich zu stärken und einfach mal durchzuatmen.

Die Frau erzählte mir, dass sie mit ihrer Familie in Dänemark lebt. Das Haus im Dorf ist ihr Sommerhaus – sie sind etwa fünfmal im Jahr hier. Ihren Mann hat sie kennengelernt, als sie ihre Großeltern besuchte, die in diesem Dorf leben. Dass ich sie ausgerechnet an diesem Tag getroffen habe, war wirklich pures Glück.

Zum Mittagessen kam die ganze Familie zusammen: Reis, Salat, Dips, Gemüse, Suppe – ich wurde rundum verwöhnt. Danach fuhren die beiden Söhne mit ihrem Großvater und mir zu den Kuşça Peri Bacaları – faszinierende Felsformationen, die wie aus einer anderen Welt wirkten. Mir wurde gesagt, das sei ein kleiner Vorgeschmack auf Kapadokien. Wenn das ein Vorgeschmack war, kann ich mir kaum vorstellen, wie mich Kapadokien umhauen wird.

Am Abend gab es noch Pancakes mit Erdnussbutter und Schokokuchen – ein echtes Highlight. Wir unterhielten uns viel, schauten gemeinsam meine kurzen Videos an, und die Familie war richtig begeistert.

Da Männer und Frauen in muslimischen Familien getrennt schlafen, konnte ich nicht im Haupthaus übernachten. Stattdessen brachte mich der Großvater zu sich nach Hause und bot mir dort eine warme Schlafmöglichkeit an – was für eine Selbstverständlichkeit für ihn, was für ein großes Geschenk für mich.


Im Eis-/Schneesturm


Im Eis-/Schneesturm alles verweht bei Sturmböen 


Rettung nach dem Eis-/Schneesturm mit bestem Essen.


Ich werde mit allem versorgt und bei der sehr netten Familie gut aufgenommen 

Entspannen im Wohnzimmer

Ich werde besser, als in jedem Hotel versorgt 

Tag 48

Heute Morgen wachte ich in einem angenehm warmen Zimmer auf. Der Ofen hatte die Nacht durchgeheizt, und es war richtig gemütlich. Doch kaum trat ich aus dem Zimmer, traf mich die kalte Realität: draußen lagen ein paar Zentimeter Schnee, und das Thermometer zeigte eisige -2 °C. Die Aussicht auf die schneebedeckten Hügel war atemberaubend – ein wunderschöner, ruhiger Morgen. Doch der Gedanke daran, gleich in dieser Kälte aufs Rad zu steigen, ließ mich noch etwas zögern. 
 
Zum Glück wurde ich zunächst mit einem leckeren Frühstück mit der Familie verwöhnt. Danach hieß es für mich wieder aufs Rad steigen. Der Schnee hatte mittlerweile aufgehört, und die Sonne kämpfte sich durch die Wolken. Zwei große Anstiege standen heute an: der erste auf 1650 m, der zweite sogar auf 1730 m Höhe. Ich war gespannt, wie die Straßenverhältnisse sein würden. 
 
Ab etwa 1300 m lag links und rechts der Straße überall Schnee – ein paar Zentimeter, die die Landschaft in ein winterliches Märchen verwandelten. Doch die Straße selbst war frei und gut befahrbar. Ich kam langsam, aber stetig voran. Der Gegenwind machte es nicht leichter, aber bei dieser Kulisse konnte ich kaum klagen. Sonnenlicht auf dem Schnee, weitläufige Hügel, Ruhe – das war purer Genuss. 
 
Nach den Höhenmetern folgte eine traumhafte Abfahrt ins Tal. Unten lag kein Schnee mehr, und ich konnte wieder etwas schneller fahren. Mein Tagesziel war Çeşmelisebil, etwa 130 km von meinem Startpunkt entfernt. Doch 30 km vor dem Ort checkte ich erneut die Wetter-App – die Nacht sollte wieder frostig werden, mit Temperaturen bis -4 °C. Mein Zelt wäre unter diesen Bedingungen keine gute Option gewesen. 
 
Also begann ich, mich im Dorf nach einer Schlafmöglichkeit umzuhören. Hotels oder Ferienunterkünfte gab es hier natürlich keine. Ich fuhr durch das fast ausgestorbene Dorf, klopfte hier und da – ohne Erfolg. Dann sah ich ein Auto – ein Hoffnungsschimmer! Ich trat kräftig in die Pedale und erwischte den Fahrer gerade noch, bevor er losfuhr. 
 
Er erklärte mir, dass er selbst nur zu Besuch sei und bald zurück nach Konya fahren würde. Doch er fragte seinen Gastgeber, ob ich vielleicht bei ihm unterkommen könne. Und tatsächlich – kurze Zeit später bekam ich die Zusage: Ich durfte im Gästehaus des Farmers übernachten. Der Bauer erwartete uns bereits und heizte den Kamin im Hauptraum an – dringend nötig, denn es wurde schnell bitterkalt. 
 
Auf die Frage, ob ich etwas essen wolle, sagte ich natürlich ja. Mein Helfer brachte mich mit dem Auto zum einzigen Restaurant im Dorf – geschlossen. Doch das war kein Problem. Er rief den Besitzer an, der versprach, mir in einer Stunde frisches Essen ins Gästehaus zu bringen. 
 
In der Zwischenzeit bereitete der Bauer Tee zu, und wir unterhielten uns so gut es ging. Er erzählte, dass er Weizen und Gerste anbaut und in diesem Dorf geboren wurde. Als ich ihn fragte, ob er schon mal beim nahen Salzsee gewesen sei – nur etwa 100 km entfernt – lachte er nur und sagte, dass er da mit seinem Traktor nicht hinkomme. Das zeigte mir einmal mehr, wie einfach das Leben hier ist – und wie stark es von der täglichen Arbeit geprägt ist. 
 
Er beklagte sich über die niedrigen Preise für seine Ernte und die steigenden Abgaben. Die Politik, sagte er, mache es den Bauern schwer, noch gut zu leben. Später kam der Restaurantbesitzer mit frischem Lahmacun vorbei – ein weiteres Beispiel für die unglaubliche Hilfsbereitschaft der Menschen hier. Er rief sogar direkt einen Freund an, der Deutsch spricht, um die Kommunikation zu erleichtern – ein typischer Move, den ich mittlerweile öfter in der Türkei erlebt habe. 
 
Nach dem Essen und einem letzten Tee war ich müde und zufrieden. Der Bauer hatte mir eine Matratze vorbereitet, ich rollte mich ein, spürte die Wärme des Ofens – und schlief tief und fest. 


Frühstück im Kaminraum und meinem Schlafplatz 

 

Abschied von meiner Gastfamilie für die letzte Nacht.

Immer mehr Schnee, umso weiter ich nach oben Fahre 

Fahren bei -1 am ganzen Tag 

Moschee NR. 1000

Winter Wonderland auf 1730m

Eis, Eis Baby!

Schneeeee !

Mit dem Kraftpaket bei jedem Wetter unterwegs.

Ich habe eine Saatkrähenkolonie entdeckt. 

Im warmen untergekommen und der Ofen wird angeheitzt.

Mit den zwei lieben Herren am Tee trinken und Essen.

Tag 47

Am heutigen Morgen wurde ich durch ein Klopfen geweckt – Beryasin, der Deutsch-Türke von gestern, stand vor der Tür. In den Händen hielt er ein liebevoll zusammengestelltes Frühstück: Tomaten, Gurken, Oliven, süßes Gebäck, Fladenbrot, Wurst, Schafskäse und Eier. Aus den Eiern zauberte ich mir in der kleinen Pfanne ein Rührei, das Fladenbrot genoss ich mit meiner mitgebrachten Erdnussbutter. Doch ich kam gar nicht dazu, alles aufzuessen – es klopfte erneut. 
 
Ein weiterer Bekannter von gestern, Arif, stand vor der Tür und lud mich herzlich zu sich nach Hause ein. So ließ ich das erste Frühstück stehen und wurde direkt zum nächsten gebracht. Auch bei Arif war der Tisch reich gedeckt, und ich konnte erneut nicht widerstehen. Zwei Frühstücke, zwei große Portionen Herzlichkeit – und mein Magen war bestens versorgt. 
 
Draußen regnete es noch immer. Trotzdem fuhren Arif und ich gemeinsam zur kleinen Hütte zurück. Ich packte meine Sachen, zog meine Regenkleidung an – und just in dem Moment, als ich starten wollte, hörte der Regen auf. Vorerst. 
 
Nach etwa 20 Kilometern, am Ufer des Beyşehir Gölü angekommen, schlug das Wetter plötzlich wieder um. Der Regen kam mit voller Kraft zurück, begleitet von kaltem Wind, der gegen mein Gesicht peitschte. Die atemberaubende Kulisse, die mich eben noch verzaubert hatte, wurde von Kälte, Nässe und Gegenwind verschluckt. 
 
Ich suchte kurz Zuflucht in einem kleinen Çiğköfte-Laden in Beyşehir, wo ich zwei Çiğköfte aß und mich etwas aufwärmte. Der Verkäufer gab mir den Tipp, die berühmte Eşrefoğlu-Moschee zu besuchen – und ich folgte seinem Rat. Die Moschee war beeindruckend: ein architektonisches Juwel aus Holz, voller Geschichte und Anmut. 
 
Doch danach wurde es hart. Der Regen ließ nicht nach, der Wind schien stärker zu werden, und die Kälte kroch mir langsam unter die Haut. Ich begann, nach einer warmen Schlafmöglichkeit zu suchen – aber die Gegend war wie ausgestorben. Ich klingelte mich durch ein kleines Dorf, doch niemand öffnete. Der Regen tropfte mir inzwischen durch die Ärmel. Die Hoffnung schien zu schwinden. 
 
Dann kam ich in Çukurağıl an – durchnässt, durchfroren, aber noch nicht entmutigt. Genau in diesem Moment hielt ein Auto hinter mir an. Ein älterer Herr stieg aus, und ich nutzte die Gelegenheit. Ich sprach ihn an, erklärte meine Situation und fragte, ob es irgendwo einen warmen Unterschlupf für die Nacht gäbe. Zunächst wollte er mich in der Moschee des Dorfes unterbringen, doch der Aufenthaltsraum war verschlossen, und der Imam nicht auffindbar. 
 
Also brachte er mich kurzerhand zu dem anderen älteren Mann, den er zuvor abgesetzt hatte. Und dort, in diesem einfachen, aber warmen Zuhause, fand ich schließlich Schutz. Der Ofen wurde für mich angeheizt, es gab warmes Essen, und meine müde, durchgefrorene Seele konnte endlich zur Ruhe kommen. 
 
Am Abend fiel der Regen langsam in Schnee über. Ich saß in der warmen Stube, der Kamin knisterte, draußen tanzten Schneeflocken durch die Dunkelheit – und ich war einfach nur dankbar. Für die Hilfe. Für das Vertrauen. Für diesen Moment. 


 

Frühstück mit Arif bei ihm zuhause.

Abschied von bestem Mann, Arif.

Eşrefoğlu-Moschee in Beyşehir

Nach Dauerregen, Kälte und Ungemütlichkeit bei netter Familie untergekommen. 

Abends fing es an zu schneien 

Temperatur für die Nacht und nächsten Tag 

Blick auf das Meer.

Eine Turteltaube hat ihr Nest auf den Schriftzug einer Strandbar gebaut. Gute Brutsaison!

Ich genieße meine Pita direkt am Meer.

Tag 46

Der Tag begann heute ungewohnt früh. Serkan musste zur Arbeit und wollte, dass ich gemeinsam mit ihm das Haus verlasse. Leider vertraute er mir nicht genug, um mir zuzutrauen, dass ich alleine alles in Ruhe zusammenpacke und das Haus selbstständig abschließe. So begann meine Morgenroutine bereits um sechs Uhr: schnelles Frühstück, Sachen packen – und los.

Zunächst rollte ich flach an der Küste entlang, vorbei an den morgendlichen Silhouetten Antalyas. Nach etwa 55 Kilometern begann der eigentliche Teil des Tages: der Anstieg ins Hochland. In einem kleinen Dorf vor dem Pass versorgte ich mich noch einmal mit ausreichend Wasser und Proviant. Dann warteten 850 Höhenmeter auf 17 Kilometern auf mich – eine echte Herausforderung.

Je höher ich kam, desto beeindruckender wurde die Landschaft. Felswände ragten auf, die Luft wurde klarer, die Aussicht weiter. Kurz vor dem Hochplateau ging es durch einen 5 Kilometer langen Tunnel – ein leicht beklemmendes Erlebnis, aber zum Glück war kaum Verkehr. Danach war ich auf über 1.000 Metern angekommen – und mir blieb regelrecht der Atem weg. Das Panorama war atemberaubend: gewaltige Berge, tiefe Täler und diese Ruhe, wie sie nur in der Höhe zu finden ist.

Ich fuhr weiter durch die Hochebene, über kleine Anstiege und Abfahrten – tief hinein ins Herz des Hochlands. Nach etwa 130 Kilometern checkte ich meine Wetter-App: Es war Regen für die ganze Nacht und den nächsten Morgen angesagt. Ich wollte unbedingt vermeiden, mein Zelt im strömenden Regen aufbauen zu müssen – also machte ich mich auf die Suche nach einem überdachten Platz. Ich fuhr einige Kilometer weiter, fand aber keine alte Baracke oder ähnliches.

Plötzlich sah ich ein Auto, das ich schon auf dem Anstieg einige Male gesehen hatte. Die Männer im Wagen grüßten mich wieder mit einem Hupen und Daumen nach oben. Diesmal hielten sie an einer Raststelle, und ich nutzte die Gelegenheit, sie nach einem trockenen Unterschlupf zu fragen. Ein Hotel kam für mich nicht infrage – und 40 zusätzliche Kilometer bis zum nächsten Ort waren keine Option. Als ich ihnen erklärte, was ich suchte – einfach nur ein trockener Platz für mein Zelt – boten sie mir direkt ihr Gartenhaus an.

Also ging es für mich noch einmal 6 Kilometer zurück – diesmal bergauf. Doch die Mühe lohnte sich: Das Gartenhaus war mit Teppichen ausgelegt, es gab einen Ofen, und die Männer wollten sogar für mich kochen. Ich genoss draußen noch die letzten Sonnenstrahlen mit Blick über die Landschaft, bevor die Gruppe – inzwischen waren auch Cousins und Freunde dazugekommen – mit dem Essen zurückkam.

Wir saßen zusammen, aßen Reis, Fladenbrot, Salat, Lammfleisch und Süßigkeiten. Die Stimmung war herzlich, auch wenn der Raum von Zigarettenrauch durchzogen war – in der Türkei wird leider überall und andauernd geraucht, und das musste ich nun eben aushalten. Trotz der Sprachbarriere – mit Google Translate und ein wenig Deutsch kamen wir gut zurecht. Zwei der Männer sprachen sogar ein bisschen Deutsch, einer von ihnen war sogar gerade aus Deutschland zu Besuch. Er erzählte mir, dass er dort als Schweißer gearbeitet hatte, bis sein Arbeitsplatz gestrichen wurde. Die Arbeit habe ihn körperlich stark belastet – seine Augen, sein Rücken, sein Nacken: alles tat ihm weh. Nun war er in der Türkei, um sich ärztlich durchchecken zu lassen – hier sei das einfacher und schneller, sagte er.

Auch die anderen erzählten von ihrem Leben: Einer war saisonal als Erdbeerbauer tätig, ein anderer hatte kürzlich seinen Job als Koch gekündigt. Ein Dritter arbeitete für die Stadt als LKW- und Gabelstaplerfahrer. Und einer konnte aktuell gar nicht arbeiten – aus gesundheitlichen Gründen. Es war spannend, ihren Geschichten zuzuhören und einen Einblick in ihre Lebensrealität zu bekommen. Ganz unterschiedliche Lebenswege, aber alle verbunden durch Gastfreundschaft, Wärme – und den Wunsch nach einem guten Leben.

Am Ende baute ich mir einen Schlafplatz in der Hütte auf, ein Ofen wurde noch einmal für mich angeheizt, und während draußen der Regen auf das Dach prasselte, schlief ich warm und trocken ein – dank dieser Begegnung, die ich nie vergessen werde.


 

Abschied von Serkan in Antalya 

Hoch hinaus !
Berge,Berge,Berge…

Wie oft findet ihr das Wort “Bali” im Bild ?

Ausblick von der Hochebene 

Ich bin in hoher Höhe in atemberaubender Landschaft 

Hilfe am Abend. Danke euch !

Abendessen in der Gartenhütte genießen.

Tag 45

Nach einer erholsamen Nacht wachte ich ausgeschlafen auf – der neue Tag stand ganz im Zeichen kleiner Erledigungen, wie sie an einem Pausentag eben dazugehören. Zuerst machte ich mich auf die Suche nach neuem Massageöl, das ich jeden Abend für meine Knie benutze. Es ist ein kleiner, aber wichtiger Teil meiner Regeneration nach den täglichen Belastungen auf dem Rad. Danach besorgte ich mir neue Pocrème – auch diese neigte sich langsam dem Ende zu, und ohne sie geht’s auf langen Etappen nicht wirklichx angenehm weiter.

Im Anschluss brachte ich meine Radkleidung zur Schneiderei. Durch die ständige Bewegung, das viele Sitzen im Sattel und die Reibung hatten sich an ein paar Stellen kleine Löcher gebildet. Die Schneiderin arbeitete so präzise, dass ich im Nachhinein kaum noch sehen konnte, wo sie die Nähte gesetzt hatte – wirklich beeindruckend.

Am Nachmittag widmete ich mich meinem Blog. Über mehrere Stunden brachte ich meine Website auf den aktuellen Stand, sortierte Fotos, schrieb neue Einträge und kümmerte mich auch um die Vorbereitung neuer Reels für Social Media. Auch die Planung für die kommenden Etappen stand auf dem Programm: Karten checken, Höhenprofile durchgehen, Wetterprognosen vergleichen. Es ist erstaunlich, wie schnell so ein Pausentag mit all diesen Dingen vergeht.

Zum Abend hin gönnte ich mir noch einen letzten Kumpir – diesen mit besonders viel Belag – wohl wissend, dass ich die nächsten Tage im Hochland unterwegs sein werde, fernab von größeren Städten und deren kulinarischer Auswahl. Ein Abschied auf Zeit vom Stadtleben, bevor es wieder rauer, abgelegener und naturverbundener wird.






Tag 44

Heute nahm ich an einer kostenlosen Walking Tour durch die Altstadt von Antalya teil. Der Bus, den ich nehmen wollte, kam jedoch lange Zeit nicht, und die Zeit für die geführte Tour wurde immer knapper. Also entschloss ich mich, per Anhalter zu fahren. Zunächst verlief es einige Minuten erfolglos. Als ich schon aufgab, fuhr jedoch ein Auto vorbei, das mich zuvor gesehen hatte und fragte, wohin ich wollte. Der freundliche Autofahrer war Kasache und lebt seit sieben Jahren in Antalya. Da er mit seinen Kindern zum Marathon wollte, der an diesem Tag in Antalya stattfand, führte uns seine Route direkt an meinem Ziel vorbei. Er brachte mich rechtzeitig zum Treffpunkt der Tour, was mir zeigte, dass auch Trampen eine gute Möglichkeit sein kann.

Die Walking Tour war sehr interessant und beleuchtete die Geschichte von Antalya. Wir besichtigten einige Moscheen und erfuhren viel über die Kultur und Architektur der Stadt.

Nach der Tour entschloss ich mich, eine lange Strecke bis zum Steinstrand von Antalya zu gehen. Dort kaufte ich mir eine Pita und genoss sie direkt am Meer. Anschließend schlummerte ich noch ein wenig am Ufer und ließ mich vom Rauschen des Meeres beruhigen.

Am Abend lief ich noch etwas am Strand entlang und aß einen Kumpir zum Abendessen. Danach nahm ich den Bus für eine einstündige Fahrt zu meiner Unterkunft bei Serkan. Währenddessen war er mit seinem Motorrad auf einer Tour mit einigen Freunden unterwegs. Da er gerade ein Projekt abschließen muss, arbeitet er seit einigen Wochen täglich etwa zehn Stunden. Es ist beeindruckend, wie hart viele Menschen hier in der Türkei arbeiten und dabei oft vergleichsweise wenig verdienen.



 

Kunst aus Alten Baumstämmen in einem kleinen Park.

Der nette Herr, der mich bei meinem Tramp Versuch mit in die Altstadt nach Antalya genommen hat, da der Bus unzuverlässiger Weise nicht kam.

In einer Moschee

Marathon in Antalya. Und ich bin nicht dabei. Was ist da los ;)

Die schöne Altstadt von Antalya mit ihren vielen unterschiedlichen Häusern.

Der Eingang in eine Moschee

Blick auf das Meer.

Eine Turteltaube hat ihr Nest auf den Schriftzug einer Strandbar gebaut. Gute Brutsaison!

Ich genieße meine Pita direkt am Meer.

Tag 43

Heute Morgen erwachte ich mit Blick auf das Mittelmeer. Ich setzte mich auf einen Stein am Ufer, blickte in die Ferne und genoss den Sonnenaufgang über dem Meer. Heute war die Fahrt zu meiner Warmshowers-Unterkunft bei meinem Gastgeber nur 30 km entfernt. Der Weg durch Antalya gestaltete sich relativ einfach, da es gut ausgebaute Radwege gab.

Als ich bei Serkan in Antalya ankam, stellte ich meine Sachen ab und machte mich auf, die Stadt ein wenig auf eigene Faust zu erkunden. Nachdem ich ein Kumpir gegessen hatte, entschloss ich mich, ein Hammam zu besuchen. Ein Hammam ist eine traditionelle Art von Spa. So verbrachte ich die nächsten drei Stunden im Hammam und genoss eine klassische Hammam-Massage, drei Saunagänge, einen Dampfsaunagang, ein Salzpeeling, eine traditionelle Massage, ein Bad im Jacuzzi, begleitet von Tee und einer Gesichtsmaske. Obwohl der Spaß nicht günstig war, hat es sich für mich sehr gelohnt.

Am Abend nahm mich Serkan mit zum Abendessen am Meer in einen Park. Dort bauten wir Campingstühle und einen Campingtisch auf. Gemeinsam mit einer Arbeitskollegin von Serkan und deren Mutter genossen wir Lahmacun und die Aussicht auf die untergehende Sonne über dem Meer. Ich führte viele Gespräche mit der Arbeitskollegin von Serkan, die immer wieder bereichernd sind. In solchen Gesprächen erfahre ich viel über die Menschen und die Kulturen, insbesondere hier in der Türkei. Danach gingen wir noch zu einem Eisladen, den Serkan mir unbedingt zeigen wollte.

Nach all den Eindrücken fiel ich an diesem Abend einfach nur müde ins Bett.

 

Blick von meinem morgendlichen Stein am Mittelmeer.

Und hier der ganze Strand

Im Hamam 

Heute habe ich mir das komplette Entspannungsprogramm gegeben :)

Serkan am Organisieren für unser Essen.

Unser Ausblick in Richtung Meer. Es war schlussendlich kälter als gedacht, da es in der Nähe regnete. 

Serkans Empfehlung: das nächtliche Eis

Tag 42

Am nächsten Tag setzte ich meine Reise in Richtung Antalya fort. Auch für diesen Tag war ein sehr großer Berg auf meinem Plan. Die ersten 50 Kilometer fuhr ich noch angenehm entlang der Küste, an zahlreichen Buchten, die eine schöner war als die andere. Das Wasser schimmerte in der Sonne in einem wunderschönen Türkis. Als es für mich dann auf den nächsten großen Anstieg ging, änderte sich das Wetter jedoch abrupt. Zunächst war es nur ein kurzer Schauer, doch bald darauf regnete es sich ein. Es war ein wenig unheimlich, auf einem Berg zu fahren, während über mir Blitze in die Bäume einschlugen, der Donner laut grollte und es durch den Regen immer kälter wurde. Da ich keine Lust hatte, meine Regenkleidung anzuziehen, wurde ich immer nasser. Ich hoffte, oben auf dem Berg eine Tankstelle zu finden, um mich aufzuwärmen und etwas zu essen. Die Tankstellen befanden sich jedoch nur auf der anderen Straßenseite, die durch eine Leitplanke blockiert war, sodass ich diese nicht erreichen konnte. Also musste ich den Berg noch ein Stück weiter hinunterfahren.

Bei einem kleinen Supermarkt hielt ich an und kaufte etwas zu essen. Zu diesem Zeitpunkt war ich jedoch bereits ziemlich durchnässt und fror stark. Ich fragte die Besitzer des Kiosks, ob sie einen warmen Raum hätten, in dem ich mich ein wenig aufwärmen könnte. Sie luden mich freundlicherweise zu sich nach Hause ein, schalteten den Ofen ein und servierten mir eine warme Suppe mit leckerem Salat. Nach etwa einer Stunde war ich wieder aufgewärmt und trocken.

Dann setzte ich meine Fahrt fort, fuhr den Berg weiter hinunter und kam meinem Ziel, Antalya, immer näher. Nach vielen Höhenmetern und 120 Kilometern erreichte ich schließlich einen Campingplatz kurz vor Antalya. Dort kochte ich abends meine Nudeln am Strand und genoss meinen letzten richtigen Tag am Mittelmeer.


 

Ich konnte heute etliche traumhafte buchten in der Süd-Türkei sehen 



Küste bedeutet automatisch auch viel Berg fahren

Mein Koch Setup am Strand auf einem kleinen Felsen. Jetzt erst mal Nudeln kochen.

Ein glücklicher Nisse vor den Toren von Antalya am Meer 

Tag 41

Heute Morgen wachte ich in meinem kleinen Apartment, dem Gebetsraum, angenehm im Trockenen auf. Die Sonne ging wunderschön auf, weshalb ich die Gelegenheit nutzte, meine Drohne über die malerische Kulisse fliegen zu lassen. Danach gönnte ich mir ein kleines Frühstück. Ein Straßenhund näherte sich vorsichtig und leistete mir Gesellschaft. Währenddessen erblickte ich in der Ferne einen Schäfer, der mit seinen Schafen und Ziegen über die weiten Felder der Hochebene zog. Die Sonne stieg weiter empor, und meine noch feuchten Kleidungsstücke vom Vortag begannen langsam zu trocknen, während ich auf meinem Stuhl die Aussicht genoss. 
 
Der heutige Tag führte mich wieder über zahlreiche Berge auf dem Weg zum Mittelmeer. Als ich dort ankam, war die Sonne so stark, dass ich mir zuerst etwas Sonnencreme auftragen musste. Während ich entlang der Küste fuhr, traf ich auf Tahir, der mit seinem Gravel-Bike unterwegs war. Er lud mich ein, mit ihm einen Tee zu trinken, um in Ruhe sprechen zu können, da es auf dem Fahrrad bei der stark befahrenen Straße schwierig war. Tahir erzählte mir, dass er Polizeibeamter ist und heute eine Ausfahrt gemacht hat, da er Nachtschicht hat. Er lebt in Tash, einer Stadt, die er als die schönste der Türkei empfindet. Tahir riet mir, besonders vorsichtig zu sein, damit mich keine Autos oder Lkw auf den Straßen übersehen. Besonders spannend war, dass er seit seinem 20. Lebensjahr zehn Jahre lang in der Sondereinheit der Polizei und des Militärs tätig war und nun bereits seit fünf Jahren als Polizei Officer arbeitet. Er erwähnte, dass er mit 40 Jahren in Rente gehen wird, was in der Türkei aufgrund der langen Arbeitstage von bis zu 12 Stunden täglich nach 20 Jahren Dienst üblich ist. Dies führt jedoch zu Fragen über den Lebensstandard, den eine solche Rente ermöglicht. 
 
Leider hatte ich meine Radkappe im Restaurant vergessen, in dem Tahir mich sogar noch zum Essen eingeladen hatte. Als ich erst bei meinem nächsten, anspruchsvollen Anstieg mit über 500 Höhenmetern bemerkte, dass sie fehlte, war es nicht mehr möglich, umzukehren. Glücklicherweise organisierte Tahir alles für mich und sorgte dafür, dass ich die Kappe in Demre an der Bushaltestelle des Busbahnhofs abholen konnte. Also ließ ich mein Zelt mit all meinen Sachen am Strand zurück und fuhr in die Stadt. Auf dem Weg dorthin entdeckte ich einen Laden, der Cıgköfte anbot, was mir als Vegetarier empfohlen wurde. Ich bestellte mir drei dieser köstlichen Gemüserollen und ein Getränk, um mich für den Abend zu stärken. Es war ausgesprochen lecker und zu einem sehr fairen Preis – für die drei Rollen und einen Liter Getränk bezahlte ich lediglich 7,80 €, was für die Menge sehr günstig war. 
 
Nach dem köstlichen Mahl machte ich mich auf den Rückweg zum Strand, allerdings navigierte ich zunächst zum falschen Strand. Nach einem kurzen Umweg fand ich schließlich mein Zelt wieder, und zum Glück war alles an seinem Platz. Der Tag war nach den vielen Bergen, die ich mit insgesamt 2200 Höhenmetern und 115 km zurückgelegt hatte, sehr anstrengend, und ich freute mich darauf, mich in meine Abendroutine zu begeben und den Tag mit einer wohlverdienten Nachtruhe zu beenden.

 

Ich konnte heute etliche traumhafte buchten in der Süd-Türkei sehen 



Küste bedeutet automatisch auch viel Berg fahren

Mein Koch Setup am Strand auf einem kleinen Felsen. Jetzt erst mal Nudeln kochen.

Ein glücklicher Nisse vor den Toren von Antalya am Meer 

Tag 40

Heute Morgen erwachte ich nach einer erholsamen Nacht und blickte aus dem Fenster. Der Regen hatte immer noch nicht nachgelassen. Daher fasste ich einen Plan: Ich würde abwarten, bis der Regen nachlässt, und dann meine Reise antreten. Laut Wettervorhersage sollte dies etwa gegen 10:00 Uhr der Fall sein. In der Zwischenzeit genoss ich in Ruhe mein Frühstück mit Müsli und Obst. Nachdem ich meine Sachen zusammengepackt und den Riemen meines Fahrrads gepflegt hatte, war ich bereit, loszufahren.

Jedoch war der Regen nach wie vor unvermindert stark, und es schien nicht so, als würde er, wie von der Wetter-App angekündigt, bald nachlassen. So trat ich die Fahrt dennoch an, in der Hoffnung, dass der Regen in den nächsten ein bis zwei Stunden nachlassen würde. Doch das Wetter änderte sich erneut, und es war nun absehbar, dass der Regen den gesamten Tag über anhalten würde. Glücklicherweise war der Niederschlag heute nicht so intensiv wie am Vortag, sondern eher konstant und ohne die erhofften Regenpausen.

Der zweite Tag im Dauerregen stellte sich als ebenso anstrengend heraus wie der erste. Der Regen raubt erstaunlich viel Energie. Die Pausen sind stets unangenehm kalt, und beim Fahren schwitzt man durch die Isolierschichten, sodass man von innen und außen nass ist. Das Problem von gestern mit den nassen Socken, die durch das Wasser, das in die Schuhe und durch die wasserdichten Überzieher eindrang, gelöst zu haben, war heute von großem Vorteil. Ich hatte anfangs gedacht, dass die wasserdichten Fahrradsocken lediglich unnötiges Gepäck wären, doch heute bewährten sie sich als äußerst nützlich. Zwar drang auch Wasser in meine Schuhe, doch die Socken hielten meine Füße trocken, sodass sie nicht so aufweichten wie am Vortag.

Wie auch gestern legte ich immer wieder Pausen an Tankstellen und Supermärkten ein, um mich ein wenig aufzuwärmen und den ständigen Regen zu vermeiden. Am Mittag kehrte ich in einem kleinen Restaurant ein, wo ich Spinat mit Ei und Reis zu mir nahm. Diese Mahlzeit gab mir deutlich mehr Energie als die Schokokekse, die in den Supermärkten die einzige nennenswerte Energiequelle darstellten.

Auf meiner Fahrt passierte ich einige Berge, die von einer beeindruckenden Landschaft umgeben waren und einfach gigantisch wirkten. Leider konnte ich die Szenerie aufgrund des Regens und der in den Bergen hängenden Wolken nicht so genießen, wie ich es mir gewünscht hätte. Nach dem letzten steilen Anstieg des Tages erreichte ich einen kleinen Zwischenhalt zwischen zwei Bergen, wo sich eine weitere wunderschöne Aussicht bot. Plötzlich fuhr ich an einem kleinen Häuschen vorbei, das auf Stelzen stand und im oberen Bereich Fenster hatte. Ich dachte mir, wenn dieser kleine Raum nicht verschlossen wäre, wäre das mein Glückstag – und tatsächlich, die Tür war offen. Zu meinem Erstaunen war es dort auch deutlich wärmer als draußen.

Es stellte sich heraus, dass es sich um ein Gebetshäuschen handelte, das mit Teppichen ausgelegt war, was es einladend und angenehm machte. Dank des geschützten Raums musste ich mein Zelt nicht aufbauen und konnte meine Isomatte sowie meinen Schlafsack auspacken und die Nacht im Trockenen und ohne Kosten verbringen. Alles, was ich hoffe, ist, dass ich nicht in der Nacht oder am Morgen von einem Gläubigen überrascht werde, der hier sein Gebet verrichten möchte. In dieser abgelegenen Gegend, in der ich mich derzeit befinde, wäre es jedoch ein außergewöhnlicher Zufall, wenn ich genau heute Abend oder morgen früh auf jemanden treffen sollte.

Nun werde ich meine Abendroutine durchführen und mich dann zur Ruhe begeben.

 

Vorbei ging es an einem Bergfluss

Die Aussicht vom Berg aufs Mittelmeer


Moschee Nummer 1

Moschee Nummer 2

Ich bin happy in der Sonne

Sehr nette Gespräche hatte ich mit Tahir. Er ist Polizeiofficer in Kash und leidenschaftlicher Fahrradfahrer.

Hoch hinaus über die Berge.

Wunderschöner Schlafplatz am Meer 

Tag 39

Schon am Abend zuvor hatte es nach dem Essen zu regnen begonnen. Dazu kam der kräftige Wind, der mich bereits den ganzen vorherigen Tag begleitet und ordentlich geschlaucht hatte. Wind, Regen und dann auch noch donnernde Gewitter mit grellen Blitzen – die Nacht wurde zu einem kleinen Abenteuer. Zum Glück hatte ich mein Zelt mit etwas Weitsicht auf einer kleinen Anhöhe inmitten einer Olivenplantage aufgeschlagen. Ich dachte, dort würde es bei Regen weniger matschig werden als im Tal – ein halbwegs logischer Plan. Doch auch hier verwandelte sich der harte Boden durch den nächtlichen Starkregen in klebrigen Schlamm. Die Ausgangslage war fast identisch mit der vom Vortag – nur dass es dieses Mal durchgängig regnete, und zwar heftig.

Am Tag zuvor hatte mir der Wind wenigstens noch geholfen, das Zelt morgens halbwegs trocken abzubauen. Heute war das anders. Ein Blick auf die Wetter-App bestätigte: keine regenfreie Phase in Sicht. Eine Situation, die ich normalerweise mit viel Planung vermeide – denn Zeltabbau im strömenden Regen auf schlammigem Grund ist eine ziemliche Sauerei. Doch heute hatte ich keine andere Wahl.

Also frühstückte ich im Zelt, packte im Inneren alles so weit wie möglich zusammen und baute dann im Regen das Zelt ab – in voller Regenmontur, aber trotzdem wurde ich beim Abbau schon komplett durchnässt, ohne einen einzigen Kilometer gefahren zu sein. Um mir den Rückweg zur Straße abzukürzen, wollte ich quer durch die Plantage einen Ausgang finden. Allerdings stellte sich schnell heraus, dass die gesamte Anlage von einer etwa ein Meter hohen, durchgehenden Steinmauer umgeben war – kein Durchkommen. Also musste ich mein vollgepacktes Fahrrad im Regen und Matsch den Hügel wieder hinaufschieben – zurück zum Ausgangspunkt.

Ein zweiter Versuch brachte mich diesmal auf einen Weg ohne Mauer, lediglich ein niedriger Graswall, den ich überwinden konnte. Von dort rollte ich durch den prasselnden Regen ins Dorf hinunter. Dort angekommen, fiel mir auf, dass ich einen kleinen Navigationsfehler gemacht hatte: Ich war der falschen größeren Straße gefolgt und musste nun den nächsten Hügel wieder hochstrampeln, um zurück zur eigentlichen Route zu gelangen. Wäre ich einfach den Weg vom Vortag zurückgefahren, hätte ich mir das alles ersparen können. Wieder was gelernt.

Zurück auf der richtigen Straße, wurde der Regen nur noch heftiger. Ich fuhr weiter, aber nach kurzer Zeit war ich bis auf die Haut durchnässt – trotz Regenhose und Überschuhen. Irgendwann war’s zu viel, also steuerte ich die nächste Tankstelle an. Dort wrang ich meine Socken aus, in denen sich regelrechte Wasserbecken gebildet hatten. Die Tankstellenwärterin kam mit einem Lächeln zu mir und reichte mir einen heißen, türkischen Tee. Ich setzte mich in die warme Ecke der Tankstelle und versuchte, mich ein wenig aufzuwärmen.

Während ich so aus dem Fenster sah, stellte ich mir die Frage, warum ich mir das überhaupt antue – den ganzen Tag im Regen, durchweicht und durchgefroren. Doch die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Das ist eben auch Teil meines Abenteuers. Ich will kein Schönwetter-Radler sein. Gerade solche Tage wie dieser machen die Tour besonders. Sie fordern mich heraus und lassen mich die sonnigen, windstillen Momente umso mehr schätzen.

Nach rund 80 Kilometern erreichte ich schließlich das Städtchen Köyceğiz. Ein erneuter Blick auf die Wetter-App zeigte: Der Regen soll die ganze Nacht und auch am nächsten Tag unaufhörlich weitergehen. An Zelten war nicht zu denken – das Zelt war nass, das Innenzelt ebenfalls, und ich hätte es nirgendwo trocknen können. Also entschied ich mich für eine Unterkunft.

Ich fand ein Zimmer in der “Villa Solmaz” – kurzfristig gebucht, spontan bezogen. Als ich ankam, war die ganze Familie gerade damit beschäftigt, das Haus herzurichten. Da gerade Vorsaison war, wohnten sie bis vor kurzem noch selbst dort und zogen nach meiner Buchung kurzerhand in ein kleines Nebenhaus um, das ihnen ebenfalls gehört. Ich war der einzige Gast – und hatte somit das komplette Haus für mich allein: vier Schlafzimmer, drei Bäder, ein riesiges Wohnzimmer, eine große Küche, ein breiter Balkon und ein Außenpool. Ich fühlte mich wie ein Prinz.

Der Pool war leider noch nicht gereinigt und bei den kühlen Temperaturen sowieso nicht einladend, aber die Zimmer wusste ich zu nutzen: In einem deponierte ich meine Taschen, im nächsten ließ ich das Zelt und meine Klamotten mithilfe der Klimaanlage trocknen, und mit dem Föhn kümmerte ich mich um meine nassen Schuhe. Im dritten Zimmer schlief ich schließlich – warm, trocken und zufrieden.

Einziger Wermutstropfen: Der Boiler lieferte nur lauwarmes Wasser, und das WLAN war so langsam, dass selbst eine Schnecke neidisch geworden wäre. Aber das waren Luxusprobleme. Nach einem Tag voller Nässe, Kälte und Umwege fiel ich in mein großes, warmes Bett – und war einfach nur dankbar.



 

Auch heute hat es fast durchgehend geregnet.


Trotz Regen sind die Landschaften sehr schön und urig.


Tag 38

In der Nacht hatte es erneut geregnet. Der ohnehin schon matschige Ackerboden um mein Zelt herum – vier Quadratmeter Wiese mitten in einer Olivenplantage – war jetzt noch klebriger. Der lehmige Boden haftete an allem: meinen Schuhen, den Taschen, dem Zelt. Ich musste extrem aufpassen, um nicht alles komplett einzusauen. Beim ersten Blick auf mein Fahrrad dann der nächste Dämpfer: Schon wieder war der Hinterreifen platt – zum dritten Mal in kürzester Zeit. Der Frust war entsprechend groß. 
 
Eins war klar: Mitten im Schlamm, umgeben von nasser Erde, würde ich den Schlauch hier ganz sicher nicht wechseln. Also holte ich die Handpumpe raus, brachte zumindest etwas Luft in den Reifen und machte mich auf den Weg zur nächsten Tankstelle. Der Weg dorthin war noch einmal ein kleines Abenteuer für sich: Umgestürzte Barrikaden, riesige Pfützen, verschlammte Wege und überspülte Abschnitte verlangten mir und dem Rad einiges ab. 
 
An der Tankstelle angekommen, versuchte ich, das Rad mit dem Hochdruckreiniger zu säubern. Der Wasserstrahl war jedoch auf exakt eine Minute begrenzt – für den Preis der Waschmünze ein schlechter Scherz. Trotzdem schaffte ich es, den gröbsten Dreck zu entfernen. Dann baute ich das Hinterrad aus und untersuchte den Schlauch. Und tatsächlich: Das Loch befand sich exakt an der gleichen Stelle wie am Tag zuvor. Ein klarer Hinweis darauf, dass im Mantel irgendetwas stecken musste, das die Schläuche immer wieder beschädigt. 
 
Ich inspizierte den Mantel gründlich – tastete, bog, drehte ihn um, suchte nach Splittern, Dornen oder Draht. Aber ich konnte nichts finden. Da ich aber keine Lust hatte, morgen erneut mit einem Platten zu starten, entschied ich mich schweren Herzens, meinen Ersatzmantel einzusetzen und nicht nur den Schlauch, sondern gleich das gesamte Hinterrad-Setup zu wechseln. Den alten Mantel werde ich bei nächster Gelegenheit noch mal gründlich prüfen, um dem Problem endgültig auf die Schliche zu kommen. 
 
Als ich danach versuchte, den Reifen mit dem Luftdruckgerät an der Tankstelle final aufzupumpen, riss es mir fast den letzten Nerv: Der Gummischlauch der Pumpe platzte, und statt Luft aus dem Ventil, zischte sie nun aus einem Loch im Schlauch. Also wieder zur Handpumpe gegriffen – so gut es eben ging – und zur nächsten Tankstelle gerollt. Auch dort: kaputtes Gerät. Erst die dritte Tankstelle hatte ein funktionierendes Luftdrucksystem. Das hätte auch einfacher laufen können. 
 
Endlich wieder unterwegs, ging es weiter Richtung Berge. Doch nun frischte der Wind stark auf – und zwar direkt von vorn. Es fühlte sich an, als hätte ich 20 Kilo mehr auf dem Gepäckträger oder als würde ich erneut mit einem Platten fahren. Nach etwa 45 Kilometern war der Energiepegel im Keller. Am ersten kleinen Pass kam ein Restaurant in Sicht, direkt an der Straße gelegen. Ich kehrte ein. 
 
Das Restaurant hatte zwar nur ein einziges vegetarisches Gericht auf der Karte – doch was für eins! Ein Frühstücksteller, wie ich ihn in dieser Form noch nicht erlebt hatte: Käse, frisches Gemüse, Oliven, Marmelade, verschiedene Honigsorten, Brot, Aufstriche, Pommes, eine Frühlingsrolle und ein Spiegelei – alles liebevoll angerichtet. Ich ließ mir Zeit und genoss jeden Bissen, um wieder zu Kräften zu kommen. 
 
Die Wolken hingen inzwischen tief über den Bergen. Ich rechnete jeden Moment mit einem ordentlichen Regenschauer – aber der blieb zum Glück aus. Der eigentliche Gegenspieler heute war nicht der Regen, sondern der Wind, der mir den ganzen Tag über erbarmungslos entgegenblies. 
 
Mit viel Geduld, Anstrengung und Willenskraft erreichte ich schließlich Yatağan. Zur Belohnung gönnte ich mir an der Tankstelle ein Eis, bevor ich mich auf die Suche nach einem geeigneten Schlafplatz machte. Fündig wurde ich auf einem kleinen Hügel oberhalb der Stadt, wo ich in einem windgeschützten Mauerdreieck einer weiteren Olivenplantage mein Zelt aufschlug. 
 
Meine Abendroutine musste ich heute etwas beschleunigen, denn die ersten Regentropfen fielen bereits. Und laut Wetterbericht soll es die ganze Nacht durchregnen – und auch in den nächsten zwei Tagen ist viel Niederschlag angesagt. Vielleicht habe ich ja wieder so viel Glück wie heute und bleibe halbwegs trocken. Noch wichtiger wäre mir allerdings, dass der Wind nachlässt. Der hat mir heute ordentlich zugesetzt. 



 Man gönnt sich ja sonst nichts…


Es hat heute wieder den ganzen Tag geschüttet

Ich hatte mich jedoch dazu entschieden, bei jedem Wetter zu fahren. 

Wenn ich mehrere 100 Höhenmeter einen Berg hoch fährt und es dauern schüttet, ist mir auch eher nach umdrehen

Tag 37

Ein weiterer Tag voller Höhen, Tiefen – und skurriler Begegnungen

Heute Morgen ging es für mich wieder weiter Richtung Süden. Nachdem ich in meinem Zimmer aufgewacht war, überprüfte ich erst einmal mein Fahrrad. Leider bemerkte ich schnell, dass mein Hinterreifen platt war – schon der zweite Platten in kürzester Zeit. Das war ziemlich nervig. Also hieß es: alles ausbauen, den Schlauch wechseln, aufpumpen und wieder einbauen. Danach gönnte ich mir noch ein ausgiebiges Frühstück am Buffet, bevor ich mich gestärkt auf den Weg aus Izmir machte.

Gleich zu Beginn stand ein Berganstieg an, der jedoch mit einer angenehmen Steigung gut zu fahren war. Immer wieder hielten vorbeifahrende Autofahrer kurz an, fragten, woher ich komme und wohin ich unterwegs sei, und wünschten mir viel Glück. Diese kleine Geste motivierte mich sehr, und so trat ich mit neuer Energie in die Pedale. Der zweite Anstieg war deutlich fordernder – rund fünf Kilometer mit einer Steigung von 15 %. Es war so steil, dass ich mir Serpentinen selbst zeichnen musste, indem ich in Schlangenlinien hochfuhr. Stück für Stück kämpfte ich mich nach oben, und als ich schließlich den Gipfel erreichte, wurde ich mit einem fantastischen Panorama über eine weite Ebene und dahinterliegende Bergketten belohnt. Die ganze Anstrengung hatte sich absolut gelohnt.

Kurz nach dem Gipfel erreichte ich ein kleines Dorf. Dort suchte ich einen Supermarkt auf, um meine Energiereserven aufzufüllen. Beim Essen meiner Wegration sprach mich ein freundlicher Mann an und lud mich spontan auf einen Tee ein. Wir unterhielten uns lange über meine Reise, meine bisherigen Erlebnisse, und ich erfuhr, dass er Fahrradmechaniker in der nahegelegenen Stadt Kuşadası ist. Nach und nach kamen auch einige neugierige Kinder dazu und stellten mir allerlei Fragen – eine wirklich herzerwärmende Begegnung. Die türkische Gastfreundschaft beeindruckt mich jedes Mal aufs Neue.

Nach einem zweiten Tee verabschiedete ich mich und fuhr weiter. Die Abfahrt vom Berg eröffnete mir erneut einen atemberaubenden Blick über die Ebene – mit sanftem Licht, das auf die Felder und Berge fiel. Der Weg, auf den mich Komoot lotste, war schmal und nach dem Regen der letzten Tage ziemlich schlammig. Der lehmige Untergrund klebte förmlich an den Reifen, und mehrmals musste ich durch kleine Bachläufe oder regelrechte Pfützen fahren, die sich über den Weg gebildet hatten. Es war ein echtes Abenteuer.

Als ich schließlich die Ebene erreichte und in Richtung Aydın weiterfuhr, suchte ich mir einen Schlafplatz in der Nähe einer Olivenplantage am Straßenrand. Dort kam plötzlich eine Frau schnellen Schrittes auf mich zu, begleitet von einem älteren Mann, der mir neugierig Fragen über meine Reise stellte. Die Frau versuchte mir wiederholt etwas zu zeigen und bedeutete mir, ich solle mit ihr mitkommen. Da ich sie nicht verstand, fragte ich den älteren Mann. Mit einem schelmischen Lächeln meinte er: „Sie ist eine sexy Lady.“

Die Situation war eigenartig – die Frau war etwa Mitte 50, nicht besonders gepflegt, und die ganze Szene wirkte etwas unangenehm. Ein paar Meter weiter standen mehrere Jungs, vielleicht zwischen zehn und 14 Jahre alt, an einem Gebüsch. Ich konnte zunächst nicht erkennen, was sie dort taten – bis ich genauer hinsah und bemerkte, dass sich hinter dem Busch eine Frau befand, mit einem der Jungen, der eindeutige Bewegungen machte. Es war eine irritierende, schwer einzuordnende Szene. Ich wusste nicht, ob die Frau das freiwillig tat oder ob etwas anderes dahintersteckte.

Plötzlich wurde mir klar, was die Frau von vorhin mit ihrem Angebot gemeint hatte. Es schien, als wollte sie mir dieselbe „Dienstleistung“ anbieten. Mit diesem Gedanken im Kopf, und der Unsicherheit darüber, was dort wirklich vorging, entschied ich mich, die Situation schnellstmöglich zu verlassen. Alles fühlte sich einfach merkwürdig und unangenehm an.

Ein paar Hundert Meter weiter, an meinem Schlafplatz, begann ich zu recherchieren, was ich da eigentlich erlebt haben könnte. Ich stieß auf Informationen darüber, dass am ersten Tag nach dem Ende des Ramadan, also heute, das sexuelle Enthaltsamkeitsgebot aufgehoben wird. Möglicherweise hatten sich einige Männer – vielleicht sogar Jugendliche – gezielt für diesen Tag Prostituierte oder andere Frauen organisiert. Dennoch war die Altersdifferenz und das Verhalten der Jungs verstörend. Es wirkte, als würden minderjährige Jungen Frauen ausnutzen, die mindestens doppelt so alt waren.

Diese Szene hat mich ziemlich mitgenommen. Ich brauche wohl etwas Zeit, um sie zu verarbeiten – nicht nur, weil sie unerwartet war, sondern weil sie so viele Fragen aufgeworfen hat. Reisen bringt einen manchmal an die schönsten Orte – und manchmal auch an die härteren Realitäten dieser Welt.

 

Das heutige Motto: Regen, stärkere Regen und extremer Dauerregen. Und das den ganzen Tag.

Der bisher steilste Anstieg meiner ganzen Tour. 


Sein Fahrrad durch den Acker einer verregneten Olivenplantage zu schieben, war hier nicht allzu schlau. Die Reifen haben eigentlich keine braune Farbe.

Der kleinste Grünstreifen, den es wahrscheinlich in dieser Olivenplantage gab. Es war alles sehr, sehr matschig.

Tag 36

Unverhofft kommt oft – Mein Tag in Izmir 
 
In Izmir im Hotel aufgewacht, startete ich den Tag mit einem ausgiebigen Frühstück. Das Buffet ließ keine Wünsche offen, also nahm ich mir Zeit und aß mich ordentlich satt – mal wieder ein kleiner Luxusmoment auf dieser Reise. 
 
Für den Mittag hatte ich eine Free Walking Tour gebucht, um mehr über Izmir zu erfahren. Um 12:00 Uhr stand ich pünktlich am Treffpunkt – doch vom Guide keine Spur. Ich wartete, suchte in der Umgebung, fragte sogar Passanten. Über eine Stunde verging, bis ich schließlich eine Nachricht bekam: Der Guide sagte ab, weil ich die einzige Anmeldung war. Ein Hinweis vorher wäre nett gewesen… 
 
In meinem Herumirren fragte ich ein Mädchen in meinem Alter, ob sie wisse, ob es vielleicht noch einen anderen Treffpunkt gäbe. Sie wusste zwar auch nichts Genaues – bot mir aber spontan an, sie, ihre Schwester und deren Freundin zu begleiten, denen sie gerade die Stadt zeigte. Ich nahm das Angebot gerne an – und was soll ich sagen: Es wurde ein richtig schöner, unerwarteter Nachmittag. 
 
Mit der Schwester, die als einzige gut Englisch sprach, unterhielt ich mich stundenlang. Sie erzählte mir, dass sie Informatik und Softwareentwicklung studieren will – am liebsten in Deutschland. Aber sie macht sich Sorgen wegen der hohen Lebenshaltungskosten dort, insbesondere wegen der Mieten. Sie ist 17, hat noch ein Jahr Schule vor sich – und träumt von einem besseren Leben. Es war spannend und berührend, so offen über ihre Wünsche und Ängste zu sprechen. 
 
Nach einiger Zeit verabschiedete ich mich von der Mädelsgruppe – nicht ohne ein herzliches Dankeschön für die tolle spontane Stadtführung. Ich steuerte noch einen Fahrradladen an, um ein paar Kleinigkeiten zu besorgen, und gönnte mir anschließend – wie könnte es anders sein – wieder ein Kumpir. Und ja, es war wieder absolut köstlich. 
 
Zurück im Hotel ruhte ich mich kurz aus, bevor ich noch einen Friseurbesuch einschob. Der Laden direkt gegenüber war ein Volltreffer. Die Jungs dort waren total locker, und als sie erfuhren, dass ich aus Deutschland komme, legten sie direkt ein paar deutsche Songs auf. Mit frischer Frisur, gutem Essen und einem Tag voller schöner Begegnungen fiel ich schließlich müde, aber zufrieden ins Bett. 
 
Manchmal sind es eben gerade die ungeplanten Dinge, die eine Reise besonders machen. 


 Ein Früchte Smoothie, den mir die drei Local Mädels hier empfohlen haben



Das waren die drei netten Mädels mit denen ich den Tag verbracht habe.


Der alte Aussichtsturm von Izmir


Dieses Café war mir direkt sympathisch

Auch auf ein Bier würde ich von den Mädels überredet. Es war ein Craftbeer. Sehr gut !

Ein Bild vom Outdoorler in der Stadt. 

Am Abend ging es dann endlich mal zu einem türkischen Friseur. Die glatt gegelte Frisur wurde danach jedoch wieder deutlich lockerer gemacht. 

Tag 35

Zwischen Klippen, Flamingos und politischen Spannungen – Mein Tag auf dem Weg nach Izmir

Am frühen Morgen wachte ich mit Blick auf das ruhige Mittelmeer auf meiner Klippe auf. Die Sonne kämpfte sich durch graue Wolken, denn der Wetterbericht hatte für heute Regen angekündigt. Deshalb packte ich zügig meine Sachen zusammen – mit dem Wunsch, noch trocken loszufahren. Zum Glück blieb es vorerst ruhig.

Zum Frühstück gab’s heute mal etwas Abwechslung: Statt Keksen ein Becher Joghurt mit Müsli und frischem Obst – ein kleiner Luxus, den ich sehr genossen habe. Doch die Idylle hielt nur kurz. Bereits nach 500 Metern merkte ich, dass mein Vorderreifen rapide an Luft verlor – bis er schließlich komplett platt war. Ich hatte schon am Vortag ein komisches Fahrgefühl bemerkt, aber jetzt war klar: Der Reifen war hinüber.

Also alles abladen, das Vorderrad ausbauen, den Schlauch wechseln, wieder aufpumpen – Routine für einen Radreisenden wie mich, aber eben doch lästig. Danach konnte es endlich weitergehen in Richtung Izmir.

Unterwegs wurde ich trotz immer wieder einsetzender Schauer mit spektakulären Ausblicken belohnt. Besonders beeindruckend war ein riesiges Naturschutzgebiet mit Wattlandschaften und flachem Wasser. Dort sah ich plötzlich – völlig unerwartet – eine riesige Gruppe Flamingos! Hunderte standen dort im Wasser, suchten nach Nahrung oder standen einfach still da. Diese eleganten Tiere in freier Wildbahn zu sehen, war ein unvergesslicher Moment. Viel schöner und würdevoller als in einem Zoo.

Nach dieser ausgedehnten Beobachtungspause rollte ich weiter in die Großstadt. In Izmir angekommen, wurde ich im Hotel freundlich empfangen – samt Begrüßungstee. Nach vier Tagen Wildnis freute ich mich besonders auf eines: eine Dusche! Nach mehreren Tagen mit Schichten aus Sonnencreme, Staub und Schweiß fühlte ich mich wie eine Salzkruste auf zwei Rädern. Die Dusche war wie eine Wiedergeburt.

Am Nachmittag machte ich mich zu Fuß auf, um Izmir zu erkunden. Die Stadt ist riesig – über 4 Millionen Einwohner, die sich um einen weiten Meerbusen verteilen. Der Verkehr war chaotisch, fast wie in Istanbul – ein echtes Abenteuer mit dem Fahrrad. Aber mittendrin fand ich auch ruhige, schöne Straßen und schließlich eine lebendige Promenade am Meer mit vielen Restaurants.

Ich gönnte mir ein Kumpir – diese gefüllte Ofenkartoffel, die ich in Istanbul entdeckt hatte – und holte mir anschließend ein paar Sesamringe, mit denen ich mich an die Küste setzte, um die tiefer stehende Sonne zu genießen.

Zum Abendessen gab’s eine frische Pita, und zum Nachtisch ein Eis – perfekter Abschluss eines abwechslungsreichen Tages.

Auf dem Rückweg zum Hotel fiel mir auf, dass viele Polizeieinheiten in der Stadt unterwegs waren. Der Grund dafür war ernst: Präsident Erdoğan hatte völlig überraschend seinen politischen Rivalen Ekrem İmamoğlu, den Bürgermeister von Istanbul, verhaften lassen. Die Nachricht verbreitete sich schnell, und in der Bevölkerung brodelte der Unmut. Es war ein beunruhigender, trauriger Beweis dafür, wie brüchig Demokratie sein kann, wenn Macht missbraucht wird.

Mit all diesen Eindrücken – Naturwunder, Begegnungen, Pannen, Großstadttrubel und politischen Spannungen – fiel ich abends erschöpft, aber dankbar ins Bett.


 

Vor ist mir in einem großen Naturschutzgebiet, konnte ich hunderte wild lebende Flamingos beobachten



Großstadttrubel. Und ich bin mittendrin. 

Natürlich durfte als erstes Essen ein Kumpir nicht fehlen.

Wunderschöner Sonnenuntergang an der Promenade von Izmir.

Zum Abschluss des Tages noch eine selbst gemachte türkische Pita.

Tag 34

Ein Tag voller Matsch, Magie und Menschlichkeit 
 
Heute Morgen bin ich in schönster Kulisse direkt am Strand aufgewacht. Noch leicht verschlafen ließ ich meine Drohne in die Luft steigen, um die traumhafte Szenerie einzufangen. Während der Sonne langsam über dem Meer aufging, machte ich mir ein Frühstück – mit Blick auf das Wasser und das sanfte Rauschen der Wellen. Einziger Wermutstropfen: Die ersten Mücken meiner Reise waren auch schon wach und machten mir das Leben ein wenig schwer. Also hieß es: schneller packen als sonst und rauf aufs Rad. 
 
Zu Beginn der Etappe ging es gleich wieder einige Berge hinauf. Mein GPS schickte mich irgendwann auf einen kleinen Pfad durch Olivenbaum-Plantagen. Der Weg bestand aus gehärtetem Matsch, war aber gut befahrbar – wenn auch langsam. Nach etwa einem Kilometer kamen mir zwei Bauern mit ihren Traktoren entgegen. Einer von ihnen hielt an und sprach mich mithilfe einer Übersetzungs-App an. Er riet mir dringend, nicht weiterzufahren, da der Weg bald sehr matschig werde. Ich erklärte ihm, dass ich solche Wege mag – abseits der großen Straßen, mitten im Abenteuer. Er lächelte nur, sagte „Tamam“ – also „okay, wie du willst“ – und fuhr weiter. 
 
Wenige hundert Meter später wusste ich genau, was er meinte. 
 
Der gehärtete Boden wurde zu weichem, lehmigen Matsch. Meine Reifen versanken, der Matsch klebte an den Schutzblechen, blockierte die Räder und sammelte sich wie Kleber überall an. Ich musste meine Schuhe von der dicken Lehmschicht befreien, um sie überhaupt wieder in die Klickpedale zu bekommen. Immer wieder folgten matschige Passagen, aber irgendwie kämpfte ich mich durch – Meter für Meter. Oben am Gipfel wurde ich dann belohnt: Ich fuhr durch idyllische, fast ausgestorbene Dörfer und genoss eine traumhafte Abfahrt durch wilde Natur, eingerahmt von schön geformten Bergketten. 
 
Unten in der Ebene angekommen, ging es weiter auf der Straße. Zu meiner Linken und Rechten lagen grüne Wiesen, darüber die Hügel in voller Pracht – ein herrlicher Anblick. Nach einer Weile kam ich durch ein kleines Dorf, wo ich in einem Mini-Markt Proviant kaufte. Plötzlich standen sieben neugierige Kinder um mich herum. Sie stellten mir Fragen auf Türkisch, die ich nur erahnen konnte, und freuten sich riesig, mit mir zu sprechen. Einer der Jungs schenkte mir ein Eis – das ich natürlich direkt mit großem Genuss verputzte. 
 
Der Trubel der Kinder blieb nicht unbemerkt. Ein etwa 35-jähriger Mann aus dem Dorf kam auf mich zu – er sprach Englisch und fragte, ob ich Zeit für einen Tee hätte. Hatte ich. Aus einem Tee wurden zwei, und wir unterhielten uns bestimmt eine Stunde lang. Es war wieder einer dieser Momente, die mich so sehr an dieser Reise begeistern: die Offenheit, die Herzlichkeit, das ehrliche Interesse. 
 
Am späten Nachmittag fuhr ich noch ein Stück weiter an der Küste entlang. Kurz vor Aliağa entdeckte ich einen wunderschönen Schlafplatz – direkt auf einer Klippe mit Blick auf das Mittelmeer, mitten in der Natur. Ich erkundete die Umgebung ein wenig zu Fuß und machte mir dann mein Abendessen – mit einer Aussicht, die jeden Campingplatz der Welt blass aussehen lässt. 


 

Nach einer äußerst steilen Auffahrt in die Berge bei großer Hitze ist ein Eis eine große Belohnung


Es ging durch sehr bergige Landschaften auf sehr schottrigen Straßen mit einer langen Abfahrt durch atemberaubende Felslandschaften.


Vor ein paar Tagen hatte ich in der Nacht noch Minusgrade, jetzt habe ich am Tag fast 30°. 

Das ist die Aussicht von meinem heutigen Schlafplatz aus aufs Mittelmeer 

Kocher kocht, Friese sitzt. Alles Top. ;)

Das nenne ich Abenteuer. Auch wenn ich danach erst mal zwei Platten hatte, weil ich mir auf dem Weg dorthin Dornen in meine Mäntel gefahren habe.

Tag 33

Ein Morgen an der Küste und ein weiter Weg durchs Inland

Am frühen Morgen erwachte ich an meinem idyllischen Zeltplatz mit freiem Blick auf das Mittelmeer. Den Sonnenaufgang hinter leichten Wolken genoss ich bei meinen morgendlichen Keksen, einigen Sesamringen und frischem Obst. Anschließend ließ ich die neue Drohne noch einmal steigen, um spektakuläre Aufnahmen für meinen kommenden Film zu gewinnen. Obwohl die Nacht unruhig war und ich mich zunächst etwas schlapp fühlte, hellte sich meine Stimmung rasch auf, sobald ich in die Pedale stieg.

Meine Route führte mich nun etwas landeinwärts, wo eine Reihe sanfter, aber langgezogener Hügel zu überwinden waren. Der mühsame Aufstieg lohnte sich bei jeder Abfahrt: Die Aussicht auf die Küste, die flachen Landstraßen und die malerischen Dörfer mit ihrem lebhaften Alltagsgeschehen entschädigten für jede Anstrengung. In den engen Gassen erhielt ich ungewohnte Einblicke in das türkische Wohnen und Leben – Eindrücke, die ich ohne mein Fahrrad nie gewonnen hätte. Bei einer Rast an einer Tankstelle kam ich mit einem Einheimischen ins Gespräch, der fasziniert von meinem Reiserad war.

Gegen 17:00 Uhr erreichte ich eine kleine, von Pinien gesäumte Bucht zwischen Akçay und Bahçelievler, die mir als heutiger Schlafplatz dienen sollte. Die milde Nachmittagssonne lud zu einem kurzen Abstecher in den Supermarkt ein, wo ich mir ein Eis gönnte und bereits mein Frühstück für den nächsten Morgen besorgte. Beim magischen Farbenspiel des Sonnenuntergangs über dem Meer saß ich lange am Ufer, bevor die Temperaturen mit Einbruch der Dunkelheit merklich sanken.



An der Tankstelle ist mein Fahrrad und bin ich eine Attraktion.


 

Mal wieder mein äußerst ausgewogenes Frühstück. ;)

Dieser äußerst entspannte türkische Kangal gesellte sich beim Essen zu mir

Das ist doch ein Bild für die Götter. 

So lässt es sich für mich am Abend gut genießen.

Tag 32

Von Şarköy nach Çanakkale – Eine Tagesetappe entlang des Mittelmeers 
 
Am Morgen packte ich mein Gepäck und brach um 10:00 Uhr in Şarköy auf. Da abseits der Schnellstraße lediglich sehr schlechte Schotterpisten oder erhebliche Umwege zur Verfügung standen, entschied ich mich bewusst für die Hauptverkehrsroute. 
 
Bei milden 17 °C, jedoch mit kräftigem Gegenwind, radelte ich entlang der Landzunge am Mittelmeer. Zwar entfielen große Anstiege, doch summierten sich zahlreiche kleinere Steigungen, die meine Kräfte forderten. In einem guten Rhythmus unterwegs, gönnte ich mir erst nach 100 Kilometern am Fähranleger von Kilitbahir eine ausgedehnte Pause. Dort stärkte ich mich mit Käsebrötchen, mit Butter gefüllten Blätterteigtaschen, Sesamkringeln, Äpfeln und Keksen. 
 
Um 16:00 Uhr setzte ich mit der Fähre nach Çanakkale über. An Bord kam ich mit einem freundlichen Kanadier ins Gespräch, der auf einer Busreise von Istanbul bis Kappadokien unterwegs war. Wir tauschten uns über unsere bisherigen Reiseerlebnisse und meine Eindrücke von der Türkei aus – es ist immer wieder bereichernd, wie leicht man unterwegs mit Fremden ins Gespräch kommt. 
 
Nach der Ankunft in Çanakkale folgten weitere 20 Kilometer, vorbei an einer eindrucksvollen Moschee, bis ich schließlich inmitten der mediterranen Landschaft einen geeigneten Zeltplatz fand. Leider trübte achtlos weggeworfener Müll vielerorts den Charme dieser ansonsten so idyllischen Küstenregion. 


 Kunstwerk auf dem Berg hinter Sarköy. 


Durch einige Tunnel auf der Landzunge, an der ich entlang geradelt bin


Mit der Fähre nach Cannacale

Vorbei an einer gigantischen Moschee in Cannacale

Schwerte bepackt am Supermarkt noch die Vorräte für den Abend einkaufen

Der Schlafplatz in der Natur auf einer Klippe mit Mittelmeerblick

Tag 31

Ein weiterer ereignisreicher Tag und die Rückkehr nach Şarköy

Am Morgen erwachte ich im Hotel und genoss ein reichhaltiges Frühstück mit frischem Brot, Honig, Marmelade, Butter, einem weich gekochten Ei und einer Tasse Tee – der ideale Start in den Tag.

Bereits am Vorabend hatte ich bei demselben Guide, der mich tags zuvor durch Sultanahmet geführt hatte, eine zweite Free-Walking-Tour gebucht. Diese sollte tiefer in die Geschichte Istanbuls und der Türkei eintauchen, den Islam beleuchten und mir noch umfassendere Einblicke in die Kultur ermöglichen. Heute führte uns die dreistündige Tour zu weiteren bedeutenden Moscheen sowie auf den Gewürz- und Ägyptischen Basar. Die intensiven Erklärungen und die Fülle an Details ließen mich die Stadt und ihre Geschichte mit ganz anderen Augen sehen. Anschließend lud mich der Guide in seinen Laden zu Tee, Lokum und Baklava ein – eine köstliche Abrundung des Vormittags.

Am Nachmittag stand der Erwerb einer leichteren Film‑Drohne auf dem Programm, mit der ich die Schönheit der türkischen Landschaften aus der Luft dokumentieren wollte. Leider stieß ich auf ein Kartenlimit, das sich vor Ort nicht anpassen ließ. Ich durchstreifte mehrere Banken und Geldautomaten – erfolglos. Erst ein von meinem Vater übermittelter Zahlungslink aus dem türkischen DJI-Store ermöglichte schließlich den Kauf. Der Aufwand war beträchtlich, doch nun besitze ich wieder eine Drohne.

Im Anschluss galt es, zurück zum Busbahnhof zu gelangen. Der dichte Nachmittagsverkehr Istanbuls, das unübersichtliche Busnetz und die ständige Hektik setzten mir zu. Erst fand ich die Haltestelle nicht, dann fielen Busse aus und der Stau wurde immer dichter. Um 16:55 Uhr erreichte ich gerade noch rechtzeitig den Busbahnhof, sodass mein Bus um 17:00 Uhr planmäßig abfahren konnte. Erleichtert atmete ich auf, als wir uns in Bewegung setzten – ein solches Verkehrschaos mit dem Fahrrad zu durchqueren, wäre einem Selbstmordkommando gleichgekommen.

Nach einer weiteren viereinhalbstündigen Fahrt erreichte ich erschöpft Şarköy. In Mustafas Hotel, wo mein Fahrrad und meine Ausrüstung sicher untergebracht waren, durfte ich erneut ein Zimmer beziehen. Mustafa hatte sogar am Vorabend extra für mich einen vegetarischen Döner und eine süße Nachspeise zubereiten lassen, obwohl die Küche bereits geschlossen war. Für diese Gastfreundschaft und seine großzügige Hilfe bin ich ihm zutiefst dankbar.


 Wie schön die Decken der Moscheen dekoriert sind.




Wahnsinnige Bauwerke.

Auf dem Ägyptischen Basar

So sieht ein glücklicher Nisse in Istanbul aus

Tag 30

Ein Tag in Istanbul – Zwischen Busfahrt, Free Walking Tour und kulinarischen Entdeckungen

Am Morgen stieg ich um 7:45 Uhr in den Bus nach Istanbul. Als Proviant hatte ich mir einige Sesamkringel und frisches Obst eingepackt. Die vierstündige Fahrt verlief ruhig und pünktlich erreichte ich um 12:00 Uhr die pulsierende Metropole.

Vom Busbahnhof aus kämpfte ich mich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln durch den dichten, hektischen Verkehr zum Sultanahmet-Viertel, wo die Blaue Moschee als Orientierungspunkt diente. Hungrig entdeckte ich in einer Seitenstraße ein kleines Lokal, das Kumpir anbot – eine im Ofen gegarte, in Öl gebackene Riesenkartoffel, deren cremiges Inneres an Kartoffelpuffer erinnert. Dieses neue Gericht begeisterte mich auf Anhieb.

Um 14:30 Uhr nahm ich an einer zuvor gebuchten Free Walking Tour teil. Weil ich zuvor noch zum Goldenen Horn und zur Bosporusbrücke blicken wollte, unterschätzte ich die Distanzen in Istanbul und wählte kurzerhand ein Taxi zum Treffpunkt – wenn auch zu einem stolzen Preis von 20 € für acht Minuten Fahrt. Pünktlich angekommen, erlebte ich eine lebendige, informativ gestaltete Führung, die in knapp zweieinhalb Stunden die wichtigsten historischen und kulturellen Höhepunkte der Altstadt näherbrachte.

Anschließend setzte ich mit der Fähre nach Beşiktaş über. Dort empfing mich eine lebendige Essenskultur: Ich genoss einen vegetarischen Falafel-Döner und rundete das Mahl mit einer Kombination aus warmem Topping und kaltem Vanilleeis ab – eine köstliche Versuchung.

Die nächste Fähre brachte mich nach Kadıköy auf der asiatischen Seite Istanbuls. Ein markanter Unterschied zum europäischen Ufer war nicht spürbar; Kulturgrenzen verlaufen hier fließend. Nach Sonnenuntergang erkundete ich die belebten Gassen, bevor ich zurück nach Sirkeci fuhr. Spontan buchte ich ein zentrales Hotelzimmer für 18 € inklusive Frühstück – ein echtes Schnäppchen, das bis auf einen undichten Duschkopf keinerlei Wünsche offenließ.

Nach rund 25.000 Schritten und etwa 20 Kilometern Fußweg inmitten des geschäftigen Treibens – Autoverkehr, Hupkonzerte, Gebetsrufe und die Stimmen von Millionen Menschen – ließ ich mich erschöpft ins Bett fallen. Die Fülle an Eindrücken machte diesen Tag in Istanbul zu einem unvergesslichen, wenn auch anstrengenden Erlebnis.


 

Heute habe ich das Gericht Kumpir entdeckt. Es war unglaublich lecker. Eine große Kartoffel mit ein bisschen Öl und je nach Belieben auch Füllung mit Toppings.

Die unglaublich großen Moscheen und Paläste sind sehr beeindruckend


Ein Turm der blauen Moschee mit einem kleinen Regenbogen im Hintergrund

In der Stadt habe ich ein spezielles Eis gegessen. Unten war kaltes Vanilleeis und oben war nussübriges, warmes Eis. Der Temperaturunterschied hat es sehr lecker gemacht.

Auf der Fähre zwischen der europäischen und der asiatischen Seite von Istanbul

Istanbul Skyline mit Moschee am Abend.

Tag 29

Am Morgen, als ich erwachte, wurde ich überraschend vom Bauern begrüßt, der bereits in aller Früh auf seinem Feld arbeitete – direkt neben dem Lager, das ich am Vorabend errichtet hatte. Zunächst befürchtete ich, einen Rüffel zu bekommen, doch entgegen meiner Annahme war er überaus freundlich. Der Bauer schlug sogar vor, dass ich hätte klingeln sollen, damit ich im Stall mein Zelt aufstellen könnte, da es dort wärmer sei.

Am Vortag hatte ich über die App Warmshowers, eine Plattform für Radreisende, eine Zusage von Mustafa erhalten, bei ihm in Sarköy zu übernachten. Doch die letzten 20 Kilometer bis dorthin gestalteten sich zu einer wahren Tortur. Die Routenplanung von Komoot führte mich über schier unbezwingbare Schotterpisten mit extrem steilen Anstiegen und Abfahrten. Einige Steigungen hatten bis zu 20-25 % Gefälle, und der Boden war teilweise sandig. Ich war schon von den vorherigen Etappen erschöpft, sodass ich mein Fahrrad gleich dreimal die steilen Hänge hinaufschieben musste. Zudem verlor mein Reifen durch das anspruchsvolle Terrain mehr Luft als gewöhnlich, sodass ich zwischendurch immer wieder mit der Handpumpe nachhelfen musste, um mein Ziel zu erreichen. An meinem Ziel angekommen, wollte ich den Schlauch wechseln und an der nahegelegenen Tankstelle den Reifen so stark aufpumpen, dass kein Risiko eines Durchschlags aufgrund zu geringen Drucks mehr bestand.

Es stellte sich heraus, dass Mustafa ein Hotel besaß, und so erhielt ich ein Zimmer kostenlos – eine unerwartete und besonders erfreuliche Überraschung. Nachdem ich den Schlauch im Hotelzimmer gewechselt hatte, bemerkte ich, dass eine Schraube meines Gepäckträgers durchgedreht war. Ich machte mich auf den Weg, um sie zu ersetzen, und stieß dabei zufällig auf einen Fahrradladen, der in keiner Karte verzeichnet war. Dort traf ich auf Ahmet, der mir nicht nur eine neue Schraube einbaute, sondern auch die alte, die sich nicht lösen ließ, problemlos entfernte. Zusätzlich half er mir, den Reifendruck korrekt einzustellen. An einer Tankstelle in der Nähe nutzte ich die Gelegenheit, um mein Fahrrad mit einem Hochdruckreiniger gründlich zu säubern, nachdem es die letzten Etappen überstanden hatte.

Ahmet lud mich daraufhin zu einer Tasse Tee ein, und wir kamen ins Gespräch. Als er seinen Laden schließen wollte, bot er mir an, mit ihm essen zu gehen – ein Angebot, das ich dankend annahm. Zum Essen gab es zunächst eine Bohnensuppe, danach eine Pita und als Nachspeise die traditionelle türkische Süßspeise Kadayıf. Als ich mich zum Bezahlen vorbereitete, lehnte Ahmet ab und sagte, dass er mich eingeladen hatte. Er wollte nichts von mir, sondern betonte, dass er die Zeit mit mir genossen habe und sich freute, mir helfen zu können und mich kennenzulernen. Diese großzügige Gastfreundschaft rührte mich tief.

Ahmet, ein Mann Mitte 40, wurde in Şarköy geboren und lebte zwischen 2016 und 2019 in Heilbronn, Deutschland. Dort war er bei Audi in der Produktion von Filtersystemen als Mechaniker tätig und hatte seine damalige Frau kennengelernt. Leider trennten sich ihre Wege nach drei Jahren, und Ahmet kehrte in seine Heimat zurück, wo er nun als Fahrradmechaniker arbeitet und im Sommer Fahrräder verleiht. Im Gespräch mit ihm konnte ich viele meiner Fragen klären. Er half mir, einige Missverständnisse über die Türkei, ihre Sitten und den Einfluss des Islams auf die Kultur zu entkräften. Viele Vorurteile, die ich über die türkische Gesellschaft und den Islam gehört hatte, entpuppten sich als unbegründet. Ahmet erklärte, dass die türkische Kultur in vieler Hinsicht der westlichen Kultur nahe sei. Leider würden viele Menschen Terrorgruppen und streng religiöse Auslegungen des Islams fälschlicherweise mit der gesamten türkischen Kultur in Verbindung bringen. Dies sei vergleichbar mit der Vorstellung, dass alle Deutschen als “Kartoffel- und Schweinefresser” oder Biertrinker und Nazis abgestempelt werden. Diese Konversation öffnete mir die Augen für die Tücken von Vorurteilen und den Wert, Dinge auf ihre Richtigkeit zu prüfen.

Nach diesem bereichernden Abend begann ich, meine Reise für den nächsten Tag zu planen, an dem ich mit dem Bus nach Istanbul weiterfahren wollte.


 

Mein Schalfplatz für die letzte Nacht am Feld.



vorbei an Moscheen, die noch gebaut werden

Essen eines Mehrgängemenüs mit Ahmet, der einfach ein super lieber Mensch ist.

Ich habe an dem Abend mit Ahmet noch sehr viel geredet. Es war sehr schön. Meine erste richtig herzliche Begegnung mit Menschen in der Türkei.

Tag 28

Von den Morgentrommeln zum türkischen Gastfreundschaftserlebnis 
 
Um 3:00 Uhr morgens hörte ich das Trommeln und Rufen, ein Brauch, der insbesondere von den Muslimen, vor allem aber von Kindern und Jugendlichen, praktiziert wird, um die Menschen zu wecken und zum Suhurmahl, dem Frühstück vor dem ersten Gebet und dem Sonnenaufgang, zu rufen. Doch ich schlief wieder ein und nahm mein Frühstück, wie so oft, erst bei Sonnenaufgang zu mir – bestehend aus Keksen und Obst. 
 
Heute stand jedoch ein bedeutender Tag bevor, denn ich wollte die türkische Grenze überqueren. Zunächst galt es, einen großen Berg über Alexandropolis zu erklimmen, bevor ich wieder zum Mittelmeer gelangte. Von Alexandropolis aus führte mich der Weg weiter ins Landesinnere, zur türkischen Grenze. Nach etwa 90 km erreichte ich die Grenze und passierte die türkischen Kontrollposten problemlos und unkompliziert. 
 
Anschließend setzte ich meine Reise vom Grenzübergang Ipsala nach Kesan fort. In Kesan angekommen, schob ich mein Fahrrad über einen Wall an der Hauptstraße und erreichte einen Seitenstreifen am Rande eines Feldes. Dort richtete ich mein Nachtlager ein und genoss die Aussicht von meinem Hügel auf die Stadt Kesan. So begann mein erster Tag in der Türkei, begleitet von einer Mischung aus Erleichterung und Vorfreude auf die kommenden Erlebnisse. 




 

Stärkung muss sein. Auch wenn es gerade nicht das gesündeste Essen ist, gibt es mir viel Energie.



Der Grenzübergang von Griechenland in die Türkei

Vor den Toren des Orients

Tag 27

Eine frostige Nacht und herzliche Gastfreundschaft in Venna

Am Morgen weckte mich gefrorenes Kondenswasser an der Zeltdecke: Die Temperatur war in der Nacht auf – 2 °C gesunken. Selbst auf meinen Fahrradtaschen hatte sich eine dünne Eisschicht gebildet, gespeist von der Feuchtigkeit des nur 15 Meter entfernten Mittelmeers. Doch kaum eroberte die Sonne den Horizont, stiegen die Temperaturen wieder auf ein angenehmes Niveau. Bei strahlendem Licht genoss ich am Strand mein Frühstück aus Keksen und etwas Obst und sammelte ein paar schöne Muscheln als Erinnerung.

Nach dem Zusammenpacken stellte ich erneut fest, dass mein Hinterreifen Luft verlor. Da ich ihn nach der ersten Panne nur mit meiner Handpumpe aufgefüllt hatte, hatte sich durch die holprigen Straßen und steinigen Pisten wieder ein schleichender Durchschlag gebildet. Mein bewährtes Vorgehen lautete: Morgens mit der Handpumpe so weit aufpumpen, dass ich zur nächsten Tankstelle komme, dort den Luftdruck auf 4 Bar bringen und weiterfahren. Nervig, aber bisher erstaunlich zuverlässig.

So führte mich die Route durch die weite Ebene Griechenlands in östlicher Richtung. Bereits auf den ersten Kilometern erlitt ich ein starkes Nasenbluten – wohl eine Kombination aus gereizter Nasenschleimhaut nach der kalten Nacht und einem leichten Sonnenbrand. Glücklicherweise ließ das Blut bald nach, und ich konnte die Fahrt fortsetzen. Die Wege waren abenteuerlich und rüttelten mein Fahrrad heftig durch. An kleinen Dörfern vorbei fielen mir zunehmend muslimische Gebetshäuser auf.

Am Abend erreichte ich Venna und suchte zunächst in der Natur nach einem geeigneten Schlafplatz – jedoch ohne Erfolg. Eine Bäckerei verwies mich schließlich zu einer kleinen Moschee (Mescit), doch dort war niemand anzutreffen. Im Dorf begegnete ich dann zwei Deutschen, die zwanzig Jahre in Hamburg gelebt und nun in ihre Heimat zurückgekehrt waren. Sie erkundigten sich beim örtlichen Imam, ob ich im Gebetshaus übernachten dürfe – und erhielten glücklicherweise Zustimmung.

Zum Fastenbrechen nach Sonnenuntergang lud mich die Familie des Imams zu einem festlichen Mahl ein. Anschließend heizten sie im Gemeinschaftsraum den Ofen an, sodass es dort angenehm warm wurde. Auf den bereitgestellten Gebetsmatratzen schlief ich erschöpft, aber dankbar für diese unerwartete Gastfreundschaft, ein.


 Wenn ich mit solch einer Aussicht direkt am Mittelmeer am Strand aufwache, wird mir mein Herz ganz warm. Auch wenn es in der Nacht Minusgrade waren.


Die Mandelbäume blühen hier schon. So schön!


Ein sehr besonderes Erlebnis hier auf einem kleinen Dorf in der Moschee im Aufenthaltsraum schlafen zu können. Solch eine nette Gastfreundschaft, auch während des Ramadan.

Tag 26

Beim Frühstück in atemberaubender Kulisse – ausgerüstet mit meinem Swarovski Optik CL Companion 10×32-Fernglas – konnte ich die Vogelwelt aus nächster Nähe beobachten. Der Hund von der vergangenen Nacht kehrte ebenfalls zurück. Solange man ihm jedoch deutlich macht, wer hier die Rangordnung bestimmt, bleibt er gelassen. Zeigt man hingegen Unsicherheit oder flüchtet, wird sein Jagdtrieb geweckt und er verfolgt bellend. Sollte ein Hund beim Radfahren plötzlich angreifen, halte man sofort an, rufe laut und schaffe notfalls mit Kieselsteinen oder einem Stock Abstand. Hunde handeln nicht aus Bosheit, sondern aus Furcht und können ein Fahrrad als Bedrohung missverstehen.

Nachdem ich mein Zelt aus dem Seesand abgebaut hatte, führte mich die Route ins griechische Inland. In Serres besorgte ich im Fahrradladen Ersatzschläuche und versandte meine professionelle Filmdrohne nach Deutschland, da für Drohnen über 500 g in der Türkei und den folgenden Ländern strenge Vorschriften gelten.

Vorbei an weiten Feldern näherte ich mich den Lekani-Bergen. Die 1.298 Meter hohen Gipfel waren noch schneebedeckt und wirkten in der Landschaft majestätisch. Ich hatte nicht erwartet, noch bis Kavala vorzudringen, da ich auf dem letzten großen Pass nach einem geeigneten Lagerplatz suchte. Doch die zunehmende Besiedlung ließ keine geeignete Stelle finden, sodass ich weiter talwärts fuhr.

Oben am Pass traf ich auf Nika, der von Kavala zurück nach Drama unterwegs war. Er hatte an einem Aussichtspunkt mit Blick auf die Ebene Rast gemacht. Während ich mich mühsam mit einer Steigung von zehn Prozent an ihm vorbeischob, sprach er mich an. Unser Gespräch war herzlich: Er schenkte mir ein Viertel seiner eingepackten Pizza und machte ein Foto von mir, um es seinen Freunden zu zeigen. Nika empfahl mir, den White Beach hinter Kavala anzusteuern.

Da bereits Sonnenuntergang war und die Temperaturen spürbar sanken, biss ich die Zähne zusammen und radelte weitere zehn Kilometer – obwohl mein Tageskilometerstand bereits 120 km erreicht hatte. Am White Beach angekommen, wurde ich erneut von einem freundlichen Straßenhund begrüßt, der mich bis zur Abendroutine bewachte. Ich erreichte den Strand erst 45 Minuten nach Sonnenuntergang und fror so sehr, dass ich mich umgehend in meinen Schlafsack verkroch. Erst spät in der Nacht kehrte die Wärme zurück.


Mein heutiger Schlafplatz, direkt an einem großen Naturschutzgebiet, das nur so vor Artenvielfalt wimmelte.


Auch Pelikane konnte ich durch meinen Swarovski Optik Fernglas, dass mich auf meiner Reise treu begleitet, beobachten.


Berg massive türmen sich mit weißen Zipfeln an der Mittelmeerküste auf.

Meine große Filmdrohne wird nun nach Deutschland zurückgeschickt, da sie in der Türkei und den weiteren Ländern aufgrund der Größe und des Gewichts nicht mehr erlaubt ist. Trotzdem kostet der Express Versand nach Deutschland nicht gerade wenig.

So sieht doch eine erfolgreiche Schlafplatzsuche aus.

Tag 25

Von Nordmazedonien nach Griechenland – Wind, Kälte und Vogelparadies

Am Morgen erwachte ich in der windgeschützten Ruine ohne Dach bei äußerst ungemütlichen Bedingungen: Sturmböen peitschten um die Mauern, und das Thermometer zeigte kaum drei Grad Celsius. Ein schnelles Frühstück aus ein paar Keksen genügte, um mich für die Weiterfahrt zu stärken.

Schon bei den ersten Anstiegen fühlte ich den eisigen Gegenwind unablässig in mein Gesicht schlagen. Tief hingen die Wolken zwischen den Bergen, und an jeder Anhöhe oberhalb von 800 Metern radelte ich mitten durch feuchte Nebelschwaden und stürmische Böen – alles andere als angenehm, doch unvermeidlich.

Nach einigen Kilometern erreichte ich den Dojransee, die erste größere Wasserfläche Nordmazedoniens. Kaum hatte ich das Ufer passiert, stand ich bereits an der Grenze zu Griechenland und damit wieder im Schengen-Raum und in der Europäischen Union.

Nur wenige Kilometer weiter erwartete mich der Kerkini-See – ein wahres Naturparadies und offiziell als Nationalpark ausgewiesen. In den ersten, noch milden Wintertagen erwachte hier die Tierwelt zu neuem Leben: Ich beobachtete zahlreiche Mittelmeermöwen, balzende Haubentaucher, über fünfzig Krauskopfpelikane, einige Seidenreiher, viele Enten – und unzählige Straßenhunde. Tatsächlich stellt streunender Hundebestand in Griechenland ein weitaus größeres Problem dar als in anderen Balkanländern.

Am Abend nutzte ich das klare Wasser des Kerkini-Sees für eine erfrischende Waschung. Doch kaum war ich aus dem Wasser, kroch mir die Kälte in die Glieder, und ich verkrümelte mich rasch in meinen Schlafsack. In der Nacht machte ein streunender Hund die Runde um mein Zelt, angelockt vom Geruch meiner Vorräte. Mit meinem Fahrrad-Alarm und lauten Tönen über die Fernbedienung konnte ich ihn jedoch erfolgreich vertreiben.



 Ab jetzt bin ich in Griechenland und wieder im Schengen Raum


Vorbei am Grenzsee zwischen Nordmazedonien und Griechenland


Ein wahres idyll.

Tag 24

Ein weiterer Tag in Nordmazedonien – zwischen Gipfeln, Hochebene und Regen

Am Morgen startete ich mit einem mulmigen Gefühl in den Tag: Würde das Problem mit den Schrauben heute erneut auftreten? Ich hoffte inständig, dass nicht. Mein Weg führte mich zunächst durch die Berge hinauf auf die Hochebene Mazedoniens.

Der erste große Anstieg brachte mich auf knapp 1.300 Höhenmeter. Während ich mich mühsam hinaufkämpfte, zogen dichte Wolken durch die über 2.000 Meter hohen Gipfel und entluden sich über mir. Den heftigen Regen spürte ich sowohl beim kräftezehrenden Aufstieg als auch beim stürmischen Abstieg, begleitet von Windböen bis 60 km/h. Hinzu kam ein Temperatursturz auf nur noch 12 °C – bei Nieselregen und Sturm war das Radfahren kaum mehr angenehm.

Doch als ich die Hochebene erreichte, vergaß ich die Kälte und den Regen für einen Moment: Überall um mich herum erstreckte sich eine grandiose Berglandschaft mit unzähligen Formen und Farben. Ich wusste gar nicht, wohin ich zuerst schauen sollte. Selbst hier oben blieben Wind und Nieselregen meine ständigen Begleiter, doch die atemberaubende Aussicht machte jeden Tropfen wett.

Schließlich führte mich die Strecke über den letzten großen Berg zurück in tiefere Gefilde: Eine phänomenale Abfahrt ließ mich in kürzester Zeit von 1.000 auf 250 Meter sinken. Kaum hatte ich das Tal erreicht, setzte erneut Regen ein – und hielt an, bis ich gegen 16:30 Uhr einen geeigneten Schlafplatz suchte.

Nach 135 Kilometern und rund 1.300 Höhenmetern suchte ich zunächst vergeblich nach einer alten Baracke mit Dach. Schließlich entdeckte ich jedoch die Ruine eines gemauerten Gebäudes, das ausreichend Schutz vor dem nächtlichen Wind bot. Dort schlug ich mein Zelt auf, kochte mir eine Portion Nudeln und genoss den Blick auf die umliegenden Hügel und Berge. Müde, aber zufrieden, kroch ich in meinen Schlafsack und freute mich auf eine hoffentlich ruhigere Nacht.


Regenbogen bei der Abfahrt von dem Hochplateau, auf dem es sehr geregnet hat.


Mein heutiger Schlafplatz in einer alten Bauruine, die mir guten Windschutz geleistet hat


Meine abendliche Kochroutine

Der Weg von der Straße bis zu meinem Schlafplatz war sehr schlammig. Das sieht man auch am Fahrrad. Wer erkennt noch das Reifenprofil?

Tag 23

Ein Rückschlag im Nationalpark und erneute Hilfsbereitschaft der besonderen Art 
 
Nachdem am Vortag alle Reparaturen erfolgreich abgeschlossen waren, startete ich voller Zuversicht in den neuen Tag. Ich war dankbar für die spontane und großzügige Hilfe, die ich in so kurzer Zeit von völlig Fremden erhalten hatte – und umso motivierter, wieder ein gutes Stück voranzukommen. 
 
Die Route führte mich zunächst über einen größeren Berg im Süden Nordmazedoniens. Nach der Abfahrt gelangte ich in ein abgelegenes Tal mit beeindruckend unberührter Natur. Dort leitete mich Komoot über einen schmalen, stark verwilderten Weg mit extrem steilen Passagen. Warum genau die App gerade diesen Pfad gewählt hatte, erschloss sich mir nicht – doch ich folgte der Route und trat kräftig in die Pedale. 
 
Plötzlich hörte ich ein Knacken – und sofort war mir klar, was geschehen war: Die drei Schrauben, die mein Schaltauge mit dem Rahmen verbanden, waren erneut gebrochen. Vermutlich lag es diesmal an der Materialschwäche der provisorischen Schrauben, die wir mangels Alternativen verwendet hatten. Doch diesmal befand ich mich nicht in der Nähe einer Stadt, sondern mitten in einem abgelegenen Nationalpark, auf einem steilen Anstieg. 
 
In solchen Situationen heißt es: Ruhe bewahren. Nach gründlichem Überlegen entschied ich mich gegen das mühsame Hochschieben des Fahrrads über den Berg und stattdessen dafür, die steile Passage wieder vorsichtig hinabzufahren – in der Hoffnung, unten auf Hilfe zu stoßen. 
 
Tatsächlich traf ich noch vor Erreichen der Straße auf einen Bauern mit seinem Traktor. Ich machte ihm mein Problem verständlich, und er zögerte nicht lange: Nach mehreren Telefonaten forderte er mich auf, ihm zu folgen. So ging es für mich – das Fahrrad schiebend – hinter dem Traktor her bis in ein winziges Dorf mit gerade einmal 18 Einwohnern. 
 
Dort wartete bereits ein Mann auf mich, den der Bauer angerufen hatte. Er sprach Englisch und verstand sofort meine Situation. In den folgenden Minuten wurden zahlreiche weitere Telefonate geführt, doch zunächst war kein Transportfahrzeug aufzutreiben – schließlich war Sonntag, und fast jeder im Land unterwegs oder schwer erreichbar. 
 
Nach einiger Zeit hatte der Englisch sprechende Mann schließlich Erfolg: Sein Cousin, Besitzer eines kleinen Transporters, war bereit zu helfen und machte sich auf den Weg. Während wir auf ihn warteten, lernte ich fast das halbe Dorf kennen. Ich wurde herzlich empfangen, bekam eine mazedonische Spezialität serviert und durfte sogar selbst gebrautes Bier probieren. 
 
Im Gespräch mit Goce, einem der Dorfbewohner, erfuhr ich, dass er 34 Jahre alt ist und in einer Ziegelsteinfabrik arbeitet. Wie bei vielen anderen auch, stellte sich heraus, dass er mehrere Jahre in Deutschland gearbeitet hatte – ein typisches Schicksal vieler Menschen aus dem Balkan, die im Ausland bessere Verdienstmöglichkeiten suchen. 
 
Als der Cousin mit dem Transporter eintraf, war die Runde auf etwa zwölf Personen angewachsen – eine ausgelassene Stimmung herrschte, es wurde gelacht, geraucht und angeregt diskutiert. Schließlich verluden wir mein Fahrrad samt Gepäck, und die Reise ging weiter nach Resen. 
 
Dort angekommen, bezog ich zunächst mein Zimmer im Hostel. Wenig später erschien bereits der erste Helfer, der von den Dorfbewohnern organisiert worden war. Leider konnte er mit meinem speziellen Problem nichts anfangen, da er nur Standardfahrräder kannte – übernahm aber dennoch engagiert die Rolle als Vermittler und Fahrer. 
 
Er brachte mich zu einem Bekannten in Resen, der Erfahrung im Umgang mit beschädigten Gewinden hatte. In dessen Werkstatt konnten tatsächlich zwei der drei beschädigten Gewinde repariert werden – nur das mittlere war durch die abgebrochene Schraube so beschädigt, dass keine gefahrlose Entfernung mehr möglich war. 
 
Im nächsten Schritt ging es auf die Suche nach stabileren Schrauben. Für mich öffnete der örtliche Baumarkt sogar außerhalb der Öffnungszeiten seine Türen. Der Besitzer ließ sich viel Zeit, um passende, robuste Schrauben zu finden und übergab mir schließlich eine kleine Auswahl im Beutel. Gleichzeitig machte er mich darauf aufmerksam, dass nur eines der zwei reparierten Gewinde wirklich frei nutzbar sei. 
 
Zurück in der Werkstatt wurde schließlich das zweite Gewinde vollständig freigedreht, sodass zumindest zwei Schrauben das Schaltauge nun wieder sicher mit dem Rahmen verbanden. Damit war das Fahrrad wieder einsatzbereit. 
 
Im Hostel wartete bereits der Besitzer auf mich, um mir beim Wiedereinbau der Komponenten zu helfen. Nach der erfolgreichen Montage drehte ich eine kurze Testrunde – und alles fühlte sich stabil und zuverlässig an. 
 
Auch wenn dieser Tag durch den erneuten Defekt zunächst frustrierend begann, war ich am Ende wieder tief beeindruckt: Von der Hilfsbereitschaft völlig fremder Menschen, vom Zusammenhalt in einem winzigen Dorf, vom Engagement eines Baumarktbesitzers an seinem freien Tag – und von der Geduld und Ausdauer all jener, die sich meiner annahmen. 
 
Wieder einmal zeigte sich: Man braucht manchmal Glück, ein wenig Improvisationstalent – und vor allem die richtigen Menschen zur richtigen Zeit. 





Nette Gespräche mit den Einwohnern des 18 Personen Dorfes mitten in der Natur in Nordmazedonien


Fahrrad in den Transporter geladen und ab zur nächst größeren Stadt 


Beim Feinmechaniker, der mir die Gewinde aus dem Schaltauge erneut herausgebohrt hat 

Am Sonntag öffnet Murat seinen Baumarkt für mich und wir finden stabile Schrauben. Yuhu!

Mein persönlicher Chauffeur, der mich an diesem Tag zu allen anderen im Dorf gebracht hat und alles organisiert hat, dass ich so schnell wie möglich weiter kann.

Ein Bild, dass die Hilfsbereitschaft der Menschen in Nordmazedonien unterstreicht.

Tag 22

Ein unerwarteter Zwischenfall und unglaubliche Hilfsbereitschaft 
 
Der Tag begann eigentlich vielversprechend. Ich erwachte am Debar-See und lauschte dem morgendlichen Zwitschern der Vögel. Doch bereits am Vortag hatte ich bemerkt, dass mein Hinterreifen Luft verlor. Also stellte ich mich darauf ein, ihn heute zu wechseln. Doch was zunächst nach einer kleineren Reparatur aussah, sollte meinen gesamten Tag auf den Kopf stellen. 
 
Nachdem ich den Schlauch ersetzt hatte, bereitete mir die Befestigung der Rohloff-Nabe Schwierigkeiten. Ich war mir nicht sicher, ob alles korrekt montiert war, doch als ich schließlich weiterfahren wollte, geschah das Unglück: Durch den Widerstand beim Anfahren am Berg verrutschte die Nabe, und die enorme Kraft riss drei Schrauben, die das Schaltauge mit dem Rahmenschloss verbinden, komplett ab. Zudem verbog sich die Aufhängung am Rahmen. Ohne diese speziellen Schrauben und das notwendige Werkzeug war eine Weiterfahrt unmöglich. 
 
Glücklicherweise geschah der Defekt nicht mitten in den Bergen, sondern noch in der Nähe einer Straße. Ich winkte einem Autofahrer zu, der sofort anhielt und mir Hilfe organisierte. Kurz darauf kam ein Taxi, das mich mit meinem Fahrrad nach Debar brachte – in der Hoffnung, dort eine Werkstatt oder einen Fahrradladen zu finden. Doch schnell wurde klar, dass es vor Ort keine Lösung gab. Daher blieb mir nichts anderes übrig, als mit dem Taxi weiter nach Struga zu fahren, wo es sowohl einen Fahrradladen als auch eine Unterkunft gab. 
 
Die Taxifahrt war abenteuerlich: Mein Fahrrad ragte zur Hälfte aus dem Kofferraum, Sicherheitsgurte gab es nicht, und eine Klimaanlage bei den sommerlichen Temperaturen suchte man vergeblich. In Struga angekommen, zeigte mir der Fahrer die wichtigsten Anlaufstellen, bevor er mich am Hotel absetzte. Dort brachte ich mein Gepäck in Sicherheit und begann, meine Lage zu analysieren. Ich aktivierte meine eSIM, um mit meiner Familie und meinem Fahrradladen des Vertrauens – „Radelmal“ in Darmstadt – Kontakt aufzunehmen. 
 
Nach einem längeren Videoanruf mit Max vom Radelmal stand fest: Die entscheidenden Schrauben mussten ersetzt werden. Ich machte mich also auf den Weg zum zwei Kilometer entfernten Fahrradladen. Dort angekommen, wollten die Mechaniker das Rad selbst begutachten, bevor sie eine Lösung vorschlugen. Einer der Mitarbeiter fuhr mich mit seinem Auto zurück zum Hotel, um das Fahrrad zu holen. In der Werkstatt begann dann die mühsame Suche nach den passenden Schrauben – leider ohne Erfolg. 
 
Der Chef der Werkstatt entschied daraufhin, den Mechaniker mit mir zu einem Baumarkt zu schicken. Dort fanden wir zumindest ähnliche Schrauben, die jedoch nicht die ideale Stabilität hatten. In der Werkstatt angekommen, versuchte der Sohn des Chefs, eine dieser Schrauben in mein Ersatz-Schaltauge zu drehen – doch sie brach ab. Die Stimmung war gedrückt, doch aufgeben kam nicht in Frage. 
 
Der Mechaniker machte sich daraufhin auf den Weg zu verschiedenen Läden und Werkstätten, um doch noch eine Lösung zu finden – leider ohne Erfolg. Schließlich blieb nur eine mühsame Handarbeit: Über eine Stunde lang drehte er die abgebrochene Schraube mit Spezialwerkzeug vorsichtig aus dem Gewinde, ohne dieses zu beschädigen. Anschließend wurden die Schrauben mit einer Metallsäge auf die richtige Länge gekürzt und montiert. 
 
Zwar konnten die beschädigten Gewinde des Schaltauges nicht vollständig repariert werden, doch das war ein Problem, das ich später an einem Pausentag in einer besser ausgestatteten Werkstatt beheben lassen konnte. Wichtig war, dass mein Fahrrad wieder funktionstüchtig war. 
 
Nachdem alles montiert war, wurde mein Rad zurück zum Hotel gebracht. Dort stand eine zweite Videoschaltung mit Max an, der mich Schritt für Schritt durch den Zusammenbau führte, um sicherzustellen, dass sich der Vorfall nicht wiederholen würde. Als ich am Abend eine Testfahrt unternahm, lief alles reibungslos – die Erleichterung war riesig. 
 
Zum Abschluss fuhr ich noch einmal zur Werkstatt, um mich zu bedanken – doch sie hatten bereits geschlossen. Wahrscheinlich war mein Fall so zeitintensiv gewesen, dass sie den Arbeitstag früher beendeten. 
 
Die enorme Hilfsbereitschaft der Menschen in der Fahrradwerkstatt hat mich tief berührt. Über fünf Stunden investierten sie in die Reparatur, suchten unermüdlich nach einer Lösung – und verlangten am Ende keinen Cent für ihre Arbeit. Ihnen genügte es, mir geholfen zu haben und mich wieder auf die Reise schicken zu können. 
 
Obwohl der Tag mit einem großen Rückschlag begann, hatte ich am Ende unglaubliches Glück: Ich traf ausschließlich auf hilfsbereite Menschen und konnte meine Reise bereits am nächsten Morgen fortsetzen. Solche Erlebnisse zeigen mir immer wieder, dass Reisen nicht nur aus schönen Landschaften, sondern vor allem aus Begegnungen mit besonderen Menschen besteht. 




Mit dem Taxifahrer durch die Berge rasen 




Im einzigen Fahrradladen, weit und breit in der Stadt Struga

Das demolierte Teil…

Das lange warten, hoffen und bibbern…

Der beste Mechaniker des Balkans. Danke dir, du hast mir den Arsch gerettet !

Juhu !, alles wieder repariert. Ganze 5 Stunden später.

Tag 21

Von der morgendlichen blauen Stunde geweckt, erblickte ich die atemberaubende Szenerie um mich herum. Der Fluss Mat schlängelte sich majestätisch durch die Berge, und die ganze Landschaft wirkte fast surreal. Als schließlich die Sonne hinter den Gipfeln auftauchte und ihre ersten Strahlen über das Tal warf, war der Moment nahezu perfekt.

Ich setzte mich auf meinen Campingstuhl und genoss mein Frühstück, das aus Joghurt, Früchten, einem Apfel, einer Banane und Haferkeksen bestand. Noch einige Minuten ließ ich den beeindruckenden Ausblick auf mich wirken, bevor ich langsam meine Sachen zusammenpackte.

Kaum war ich wieder auf dem Fahrrad, setzte leichter Nieselregen ein – und er sollte mich den ganzen Tag in Intervallen begleiten. Doch da es nicht stark regnete und die Temperaturen bei angenehmen 17 °C lagen, verzichtete ich auf meine Regenjacke. So kühlte ich nicht zu schnell aus.

Meine heutige Strecke führte mich durch das albanische Hinterland, immer wieder über hügeliges Terrain. Die Straßen waren größtenteils holprig und in schlechtem Zustand. Je weiter ich Richtung Nordmazedonien ins Landesinnere fuhr, desto mehr verarmte und heruntergekommene Dörfer passierte ich.

Nach etwa 90 Kilometern und bereits einigen Höhenmetern erreichte ich schließlich die Grenze zu Nordmazedonien. Dieses Land faszinierte mich besonders, weil ich absolut keine Vorstellung davon hatte, was mich erwartete – weder in Bezug auf die Kultur noch auf die Menschen oder die Landschaft. Ich war gespannt, was die nächsten Tage bringen würden.

Am Abend erreichte ich die Stadt Debar in Nordmazedonien und traf in einer Bar auf ein deutsch-österreichisches Pärchen. Wir kamen ins Gespräch, und sie erzählten mir von ihrem spannenden Projekt: Sie arbeiten mit Landwirten zusammen, um ihnen die Prinzipien der Agroforstwirtschaft näherzubringen. Ihr Ziel ist es, den Bauern durch nachhaltige Anbaumethoden und Zertifizierungen eine Möglichkeit zu bieten, ihr Einkommen zu vervielfachen – anstatt nur mit ihren bisherigen, wenig profitablen Anbaumethoden zu wirtschaften.

Plötzlich gesellte sich ein junger Mann dazu, vielleicht 15 Jahre alt. Er erzählte, dass er zwei Jahre lang in Deutschland als Austauschschüler gelebt hatte. Ich war überrascht, wie offen und freundlich die Menschen hier auf mich zukamen – eine ganz andere Erfahrung als in den letzten Ländern, in denen die Menschen eher zurückhaltend und Fremden gegenüber distanziert waren.

Als es dunkel wurde, suchte ich mir einen Platz für mein Zelt am Ufer des Debarsees. Dort nutzte ich die Gelegenheit, mich endlich wieder zu waschen – auch wenn das Wasser auf über 500 Metern Höhe eisig kalt war. Ich hielt es nur so lange aus, wie unbedingt nötig, bevor ich mich wieder aufzuwärmen versuchte.

Zum Abendessen gab es wie gewohnt Nudeln mit Obst. Danach folgte mein tägliches Ritual: Dehnen, Zähne putzen, mich mit der Blackroll ausrollen und eine Nahrungsergänzungstablette nehmen. Zur Entspannung massierte ich meine Knie und Fußgelenke mit Arnika-Öl und trug meine bewährte Sitzcreme auf. Die Pflege half oft, meine beanspruchten Gelenke zu regenerieren.

Schließlich legte ich mich erschöpft, aber zufrieden in mein Zelt – bereit für eine hoffentlich erholsame Nacht.



Wundervolle Aussicht auf die albanische Berglandschaft 




Am Berge beklimmen 

Grenze zu Nord-Mazedonien überschritten 

Schlafplatz bei Vollmond am Debar-See 

Tag 20



Die ersten großen Gebetshäuser 




Die Nacht war leider alles andere als erholsam. Immer wieder wurde ich durch starken Wind und Regen geweckt. Schließlich entschied ich mich bereits um 6:30 Uhr aufzustehen, meine Sachen zu packen und weiterzufahren.

Das Abbauen des Zeltes gestaltete sich äußerst mühsam. Da ich mein Zelt auf dem einzigen kleinen Stück Erde dieser Geröllhalde aufgeschlagen hatte, verwandelte sich der Untergrund durch den Regen in schlammigen Morast. Zudem hatte sich an dieser Stelle eine kleine Senke gebildet, sodass sowohl meine Schutzplane als auch der Zeltboden komplett durchnässt waren. Zum Glück blieb ich selbst trocken, da ich auf meiner Isomatte lag – aber das war wirklich eine unbequeme Erfahrung. Nachdem ich alles provisorisch vom Schlamm befreit und notdürftig getrocknet hatte, konnte ich endlich aufbrechen.

Nach einigen Kilometern entlang der Küste erreichte ich, umgeben von einer beeindruckenden Berglandschaft, die Grenze zu Albanien. Die Grenzkontrolle verlief erneut problemlos. Doch kaum hatte ich die Grenze überquert, spürte ich sofort, dass hier vieles anders war: Ich sah die ersten Straßenhunde, bemerkte überall große Mengen Müll und stellte fest, dass die Menschen hier deutlich ärmer waren. Das zeigte sich vor allem an den einfachen Häusern und der teils maroden Infrastruktur.

Sowohl in Montenegro als auch in Albanien war das Fahren mit dem Fahrrad größtenteils nur auf den großen Straßen möglich – Alternativrouten gab es kaum oder wären mit riesigen Umwegen und kaum befahrbaren Wegen verbunden gewesen.

Am Abend folgte ich dem Fluss Mat, der nordöstlich von Tirana liegt, und fuhr hinauf in die Berge. Ursprünglich hatte ich nicht erwartet, dass ich an diesem Tag so weit kommen würde – doch am Ende standen über 140 Kilometer und 1.400 Höhenmeter auf dem Tacho. Als die Dämmerung einsetzte, fand ich einen kleinen Vorsprung mit atemberaubender Aussicht auf den sich durch das Tal schlängelnden Fluss und baute dort mein Zelt auf.

Erschöpft, aber zufrieden, kochte ich mir Nudeln mit leckerem grünem Barilla-Pesto und aß dazu etwas Obst. Die Kombination ist mir wichtig – eine ausgewogene Ernährung sorgt nicht nur für die richtige Energiezufuhr, sondern hält auch die Verdauung im Gleichgewicht.







Hinterland von Albanien 

Grenze zu Albanien überschritten 

Schlafplatz im albanischen Hochland  

Im albanischen Hochland  

Tag 19



Heute startete ich ganz entspannt in Dubrovnik und fuhr durch wunderschöne Landschaften, abseits der großen Straßen. Nach etwa 40 Kilometern erreichte ich bereits die Grenze zu Montenegro. 
 
Da ich bei der Einreise von Bosnien-Herzegowina nach Kroatien sehr gründlich kontrolliert worden war, hatte ich mich diesmal auf eine ähnlich strenge Kontrolle eingestellt. Doch das blieb aus. Die Grenzbeamten schienen eher gelangweilt und wenig motiviert, ihr Wärterhäuschen zu verlassen – vielleicht auch wegen des leichten Nieselregens und der tiefhängenden Wolken in den Bergen. Mir kam das natürlich sehr gelegen, denn so konnte ich schnell weiterfahren. 
 
Landschaftlich unterscheidet sich Montenegro nicht allzu stark von Kroatien, doch mir fiel auf, dass es hier deutlich grüner und bewachsener ist, während Kroatien eher von felsigen Landschaften geprägt war. Allerdings sind die Straßenverhältnisse für Radfahrer weniger ideal: Viele Strecken führen über große Hauptstraßen, und es gibt zahlreiche lange Baustellen. Oft fährt man als Radfahrer direkt auf einer zweispurigen Fahrbahn zwischen den Autos und wird dabei schnell zum Hindernis. Trotzdem ließ sich die Fahrt gut bewältigen. 
 
Nach 110 Kilometern und 1.300 Höhenmetern erreichte ich schließlich die Gegend um Petrovac na Moru. Dort stellte ich mein Zelt auf einer Art Geröllhalde auf und ließ den Tag ausklingen. 





Grenze zu Montenegro überschritten 


Bericht über mich im Echo vom 11.03.2025

Tag 18



Ausgeschlafen begann ich den Morgen und griff als Erstes zu meinem Handy. Die erste Nachricht, die mich erreichte, war eine Überraschung: Mein Vater hatte mir einen Zeitungsartikel aus dem Darmstädter Echo über meine Reise geschickt. Diese unerwartete Aufmerksamkeit machte meinen Morgen umso schöner.

Bevor ich in den Tag startete, holte ich noch schnell Brötchen und Aufstrich im Supermarkt – dabei wurde ich allerdings komplett durchnässt. Es stürmte und regnete heftig, und ich war einfach nur froh, die Nacht im Trockenen verbracht zu haben, anstatt bei diesem Wetter unterwegs sein zu müssen.

Als sich der Regen etwas legte, fuhr ich mit meinem Fahrrad zum Hafen von Dubrovnik und nutzte die Gelegenheit, mir die Stadt noch einmal genauer anzusehen. Die Architektur ist wirklich beeindruckend, und die Lage direkt am Mittelmeer macht sie besonders reizvoll. Allerdings ist der Straßenverkehr sehr chaotisch und für Fahrräder völlig ungeeignet – ich sah auch kein einziges anderes Fahrrad. Fast alle waren mit dem Auto oder Motorrollern unterwegs.

Am Morgen hatte ich festgestellt, dass mein Fahrradständer vermutlich durch die hohe Belastung meines Gepäcks gebrochen war. Daher suchte ich einen Fahrradladen auf. Leider war der Mechaniker dort äußerst unfreundlich und machte den Eindruck, als wäre ich ihm lästig. Er zeigte wenig Interesse, mir zu helfen, und konnte mir weder eine Lösung noch einen Ersatz anbieten. Das war eine enttäuschende Erfahrung. Nun bleibt mir nichts anderes übrig, als den Schaden in den nächsten Wochen im Auge zu behalten und hoffentlich bald einen passenden Ersatz zu finden.

Nach diesem wenig erfreulichen Erlebnis setzte ich mich in ein Restaurant, bestellte eine Pizza und genoss die wunderschöne Aussicht auf den Hafen von Dubrovnik.

Zurück im Hostel nutzte ich die Zeit, um meine gesamte Radkleidung zu waschen. Zudem überprüfte ich mein Fahrrad gründlich: Ich zog alle Schrauben nach, spannte den Riemen nach, reinigte es und machte es für die kommenden Tage wieder einsatzbereit. Außerdem sicherte ich die Aufnahmen meiner Kameras und erstellte Backups.

Am Abend schnitt ich meine täglichen Kurzvideos, schrieb mein Tagebuch und packte meine Sachen für die nächsten Etappen zusammen.










Dubrovnik bei Regen bei Nacht

Tag 17



Auch an diesem Morgen stand ich wieder sehr früh auf. Der Grund? Ab Mittag war starker Regen vorhergesagt. Der Wind war ohnehin unvermeidbar, doch mit Geschwindigkeiten von 50–70 km/h blies er mir direkt entgegen. Das machte das Fahren enorm anstrengend – insbesondere mit dem gesamten Gepäck, das ich ohnehin schon mit mir herumschleppe. Also blieb mir nichts anderes übrig, als die Zähne zusammenzubeißen und durchzuhalten.

Glücklicherweise bewegte ich mich immer weiter in Richtung Osten, und je weiter ich kam, desto später sollte der Regen eintreffen. Deshalb legte ich trotz des starken Windes, der vielen Höhenmeter und der langen Strecke nur eine kurze Pause ein. Ich wollte auf keinen Fall in die unangenehme Kombination aus Sturm und Regen in den Bergen geraten. Mein Plan ging auf: Ich erreichte Dubrovnik noch trocken. Erst als ich die Stadtgrenze passierte, begann es leicht zu nieseln.

Ich freute mich schon auf die warme Dusche in meinem Hostel, in dem ich die nächsten zwei Nächte verbringen würde. Am Abend gönnte ich mir ein leckeres Essen in einem vegetarischen Restaurant in Dubrovnik und kaufte Vorräte für meinen bevorstehenden Pausentag ein.










Löffler






Dubrovnik bei Regen bei Nacht

Tag 16



Heute Morgen musste ich bereits um 5:30 Uhr aufstehen, da ich rechtzeitig die Fähre nach Hvar erreichen wollte, die um 8:30 Uhr in Split ablegte. Doch das war leichter gesagt als getan. Ich hatte mir vorgenommen, die 30 Kilometer in zwei Stunden zu schaffen. Die anfängliche Abfahrt vom Pass verlief zügig, doch das dichte Stadtgetümmel und der Berufsverkehr machten die Fahrt anstrengend und schweißtreibend. Schließlich musste ich das Tempo anziehen, um es noch rechtzeitig zur Fähre zu schaffen. Zum Glück hat alles geklappt, und ich konnte auf die Insel Hvar übersetzen.

Da ich noch nichts gefrühstückt hatte, kaufte ich mir in einem kleinen Café zwei Brote. Doch da an diesem Tag ein Feiertag war, hatten weder Bäckereien noch Supermärkte oder Eisdielen geöffnet. Besonders daran merkte ich, dass ich mich noch in der Nebensaison befand – viele Geschäfte waren mit Holzbrettern verbarrikadiert, da sie noch nicht wieder geöffnet hatten.

Die Schönheit der Insel war beeindruckend. Ich fuhr sie von Anfang bis Ende durch, ohne eine längere Pause einzulegen – rund 65 Kilometer und 1.000 Höhenmeter. Die Landschaft war einfach zu atemberaubend, um anzuhalten. Am Abend nahm ich dann bereits die nächste Fähre zurück zum Festland.

Noch während der Überfahrt kontaktierte ich einen Campingplatz, der allerdings geschlossen war. Glücklicherweise organisierte die Besitzerin, dass ich dort trotzdem mein Zelt aufbauen konnte. Sie ermöglichte mir zudem den Zugang zu einer Steckdose, warmem Wasser in der Waschküche sowie WLAN. Eine solche Freundlichkeit hatte ich in Kroatien bisher noch nicht erlebt – oft hatte ich den Eindruck, dass die Menschen hier, insbesondere aufgrund der Sprachbarriere, eher zurückhaltend gegenüber Fremden sind.

So konnte ich in Podaca nach einem anstrengenden, aber eindrucksvollen Tag einen angenehmen Abend verbringen.






Tag 15



Am Morgen bemerkte ich, dass der Strand voller Hühnergötter war – Steine mit einem natürlichen Loch in der Mitte, die als Glücksbringer gelten. Manche Menschen fertigen daraus Ketten an. Ich nahm mir ebenfalls ein paar kleinere Steine mit, in der Hoffnung, dass sie mir auf meiner weiteren Reise Glück bringen würden.

Der Start in den Tag verzögerte sich allerdings, da ich die Hülle meiner Zeltheringe nicht finden konnte und mein Garmin-Navigationsgerät nicht richtig funktionierte. Dadurch verpasste ich leider die ursprünglich geplante Fähre. Doch so blieb mir zumindest etwas mehr Zeit für ein entspanntes Frühstück.

Mit der nächsten Fähre setzte ich schließlich wieder zum Festland über und erreichte Biograd. Von dort führte mich meine Route entlang der Küste, über einige Hügel und Berge, durch Šibenik in Richtung Split. Kurz vor Split erwartete mich noch ein anspruchsvoller Anstieg mit vielen Höhenmetern auf ein Hochplateau. Am höchsten Punkt des Passes beschloss ich, mit einer beeindruckenden Aussicht mein Zelt aufzuschlagen.

Mitten in der Nacht wurde ich plötzlich von Heulen geweckt. Da ich bislang keine Straßenhunde in der Gegend gehört hatte und die nächsten Dörfer mehrere Kilometer entfernt waren, mussten es Wölfe sein, die hier in den Bergen lebten. Als ich kurz aufstand, um auf die Toilette zu gehen, scheinen sie mich bemerkt zu haben – ihr Heulen und Bellen wurde lauter und schien in meine Richtung zu kommen. Dieses Erlebnis war besonders eindrucksvoll. Obwohl ich die Wölfe weder sah noch sie sich mir näherten, fühlte ich mich in diesem Moment tief mit der Natur verbunden.








Tag 14



Heute Morgen sehr schön in der Natur aufgewacht, machte ich mich für einen weiteren, sonnigen Fahrradtag fertig. Das übliche Prozedere mit dem Zelt abbauen, alles an seinen Ort wieder in den Fahrradtaschen verstauen und wieder den Po auf den Sattel setzen. Nach einigen Bergen ging es für mich nach Zadar. Dort nahm ich die Fähre auf die Insel Pag. Die Landschaft auf der Insel war noch mal deutlich unterschiedlicher, als am Festland. Es war sehr, sehr steinig, fast wie in einer Wüste. Erst im Inneren der Insel waren dann auch kleinere Wälder vorzufinden. Es war sehr schön auf der Insel, auch auf kleineren Wegchen zu fahren, weil vor allem auch weniger Autoverkehr vorhanden war. Von dieser Insel, gab es eine Brücke wieder auf das Festland. Von Zadar nahm ich die Fähre auf die nächste Insel namens Uglian. Als es dann später am Tag wurde bog ich in  einen kleineren Weg zu einem Strand ein. An diesem Strand war zum Glück niemand und ich konnte mir ein schönes, verstecktes Plätzchen mit meinem Zelt suchen. In der Nacht wachte ich ein paarmal auf, da Fischer mit ihrem Boot in die Bucht fuhren und ihre Scheinwerfer an hatten.

Tag 13

Heute Morgen wachte ich inmitten der Natur auf und bereitete mich auf einen weiteren sonnigen Tag mit dem Fahrrad vor. Das übliche Morgenritual begann: das Zelt abbauen, alle Ausrüstungsgegenstände ordentlich in den Fahrradtaschen verstauen und schließlich wieder in den Sattel steigen.

Nach einigen anspruchsvollen Anstiegen führte mich meine Route nach Zadar, von wo aus ich die Fähre auf die Insel Pag nahm. Die Landschaft dort unterschied sich deutlich vom Festland – sie war äußerst steinig, fast wüstenartig. Erst im Inneren der Insel fanden sich kleinere Wälder. Das Radfahren auf Pag war besonders angenehm, da die kleinen Wege abseits der Hauptstraßen kaum von Autos befahren wurden.

Von der Insel führte eine Brücke zurück aufs Festland. Anschließend nahm ich von Zadar aus eine weitere Fähre zur Insel Ugljan. Später am Tag bog ich auf einen kleinen Weg ein, der zu einem abgelegenen Strand führte. Dort hatte ich Glück: Der Strand war menschenleer, sodass ich mir ein ruhiges und geschütztes Plätzchen für mein Zelt suchen konnte.

In der Nacht wachte ich jedoch mehrfach auf, da Fischer mit ihren Booten in die Bucht einfuhren und ihre Scheinwerfer auf das Wasser richteten.





Tag 12

Heute Morgen führte mich meine Reise von Ljubljana über einige hügelige Etappen nach Kroatien. Nach vielen Kilometern erreichte ich schließlich Rijeka. Dort, am Mittelmeer, das ich nun erstmals mit dem Fahrrad bereise, sprach mich ein Niederländer an. Er erkundigte sich nach meinen Plänen, da er eine ähnliche Tour geplant hatte.

Er erzählte mir, dass er von Amsterdam über Nürnberg nach Linz gefahren sei. Doch in Linz wurden seine Knieschmerzen so stark, dass er sich entschied, mit mehreren Zügen nach Rijeka zu reisen. Dort pausiert er nun bereits seit einer Woche, um sich zu schonen. Ich gab ihm einige Tipps zu Dehntechniken und Methoden zur Faszienentspannung mit auf den Weg. Vielleicht werde ich ihm im Laufe meiner Reise noch einmal begegnen, falls es ihm in den kommenden Tagen besser geht. Dies war meine erste Begegnung mit einem Gleichgesinnten auf dieser Reise.

Da ich nur noch wenig Wasser hatte und einen Schlafplatz suchte, musste ich eine Lösung finden. In einer großen Stadt wie Rijeka sind schöne Schlafmöglichkeiten in der Natur eher selten. Doch dann entdeckte ich ein verlassenes Bahnwärterhäuschen – der perfekte Ort. Mit einer großartigen Aussicht auf Rijeka und das Mittelmeer richtete ich mich dort für die Nacht ein.





Tag 11

Heute bin ich ausgeschlafen aufgewacht, habe ein leckeres Frühstück genossen und bin dann in die Stadt gelaufen. Am Abend zuvor hatte ich mich für eine Free Walking Tour angemeldet. Die Tour war äußerst interessant und bot eine abwechslungsreiche Möglichkeit, Ljubljana näher kennenzulernen. Danach ging ich noch einmal zur Burg und genoss bei wolkenlosem Himmel die Sonne und die angenehme Wärme – vor allem die Wärme, die ich in den letzten Tagen in den Alpen vermisst hatte.



Tag 10


Heute fuhr ich bereits um 8:00 Uhr von Villach los. Da mein Ziel Ljubljana war, konnte ich nicht direkt über die Berge fahren, da der Pass zu steil zum Befahren war. Daher musste ich um den Triglav-Nationalpark herumfahren, um hinter den Bergen stetig nach Ljubljana zu gelangen. Glücklicherweise waren die Passagen nicht extrem steil. 

 

Kurz darauf überquerte ich die italienische Grenze bei Tarvis und wenig später auch die slowenische Grenze bei Ratece. Auch hier fuhr ich wieder durch Skigebiete, nun auf slowenischer Seite. Ab dort ging es zwar hügelig, aber stetig bergab nach Ljubljana. In Ljubljana habe ich mir ein sehr günstiges Airbnb gemietet, in dem ich auch am nächsten Tag bleiben werde, um die Stadt zu erkunden. 

 

Trotz der 135 km war diese längere Etappe sehr schön zu fahren. Es war nun an der Zeit, den Alpen endgültig „Goodbye“ zu sagen. 

Tag 9


Heute fuhr ich von Obertauern los, das komplett verschneit war und mitten im Skibetrieb lag. Zunächst ging es 550 Höhenmeter bergab, durch einige kleine Dörfchen. Danach stand jedoch der nächste steile Anstieg bevor: 6 km mit über 15 % Steigung und knapp 600 Höhenmetern bis hinauf auf die Katschberghöhe. Auch hier befand ich mich wieder mitten im Skitourismusgebiet.


Ich machte eine ausgedehnte Mittagspause mit einer atemberaubenden Aussicht oben auf der Katschberghöhe und genoss das unglaubliche Panorama der schneebedeckten Berge. Danach ging es wieder eine lange Strecke bergab, bis ich nach einer Etappe von 120 km in Villach ankam. Da ich immer noch mitten in den Alpen war und es kaum gute Stellen zum Wildcampen gab, nutzte ich wieder Warmshowers, um bei Rita und ihrer Familie eine warme Dusche und einen Schlafplatz zu bekommen.


Die ganze Familie war an dem Tag, bevor ich bei ihnen ankam, noch Skifahren oder auf Skitour, was mir zeigte, dass Skifahren in den Bergen viel alltäglicher ist, als es bei mir zuhause der Fall ist, wo ich es höchstens einmal im Jahr im Urlaub mache. Ich bemerkte auch, dass in vielen Skigebieten, die unter 1000 m lagen, kaum natürlicher Schnee lag und sich nur ein schmaler Streifen Kunstschnee den Berg hinab schlängelte. Das ließ mich stark hinterfragen, wie ökologisch, nachhaltig und sinnvoll der Skitourismus heutzutage noch ist.

Tag 8


Heute begann meine erste Etappe der Alpendurchquerung. Um 9:00 Uhr morgens startete ich in Salzburg und kam den Bergen Stück für Stück näher. Nach etwa 60 km begann der erste große Berg. Der Anstieg führte 11 km und 750 Höhenmeter hinauf. Die Straße war größtenteils 15 % steil, was den Aufstieg mit viel Gepäck ziemlich anspruchsvoll machte. Doch je weiter ich kam, desto mehr sah ich die schneebedeckten Berge vor mir und konnte die fantastische Aussicht genießen.


Nachdem ich Untertauern durchquert hatte, führte mich Komoot auf einen weiteren Fahrradweg, der nicht an der Hauptstraße entlangging. Das klang zunächst gut, also vertraute ich auf die Route – doch plötzlich stand ich ein paar Kilometer später auf einer Langlaufloipe. Da der Rückweg zu aufwändig gewesen wäre, schob ich mein Fahrrad zweieinhalb Kilometer durch den Schnee. Auch das war ein sehr anstrengendes Unterfangen, aber ich achtete darauf, die Langlaufloipe nicht zu beschädigen. Spätestens ab diesem Moment wurde mir klar, dass ich nun mitten in den Bergen und auf großer Höhe war.


Nach einer schweißtreibenden Auffahrt kam ich um 18:00 Uhr in Obertauern an. Es schneite stark, und die Temperaturen fielen immer weiter in den Minusbereich. Ich war völlig erschöpft von dieser Etappe mit 1800 Höhenmetern und über 100 km Strecke. Also fragte ich einen Einheimischen nach dem günstigsten Hotel und entschied mich, in der Hotel Traverne einzukehren. In der Nacht schneite es weiter, und die Temperatur sank auf -8°C. Im Zelt wäre es bei diesen Bedingungen ziemlich ungemütlich geworden.

Tag 7


Heute stand für mich der letzte Pausetag vor den großen Alpenüberquerungsetappen an. Ich versuchte, mich noch einmal richtig zu regenerieren, was jedoch nicht ganz so gut klappte. Meine Schwester und ich machten einen langen Spaziergang durch Salzburg, wanderten hinauf zur Burg und gingen eine längere Strecke an der Salzach entlang. Am Ende des Tages hatten wir über 10 Kilometer zurückgelegt. Dafür genossen wir ein leckeres Essen und den wunderschönen Ausblick von der Burg – die Anstrengung während der Pause hatte sich also doch noch gelohnt. 

 

Am Abend schnitt ich weiter an meinen Kurzvideos und beantwortete noch einige E-Mails. Später spielte ich mit meiner Schwester noch ein bisschen Karten und genoss die gemeinsame Zeit. Dann hieß es, mich mental auf den nächsten Tag vorzubereiten, der wegen der vielen Höhenmeter sehr anstrengend werden würde. 

Tag 6


Heute setzte ich meine Reise von München in den Süden fort. Zu Beginn des Tages wusste ich noch nicht, wie weit ich es schaffen würde. Ursprünglich hatte ich geplant, am Chiemsee einen Bauern nach einem Schlafplatz zu fragen. Doch da die Straßen aus München heraus so gut befahrbar waren und ich schnell vorankam, änderte ich meine Pläne. Schon um 15:00 Uhr erreichte ich den Chiemsee. Also raffte ich mich auf und fuhr weiter bis nach Salzburg. Damit setzte ich meine Beine einem echten Extremtest aus: 160 km, über 1000 Höhenmeter und etwa 60 Kilo Fahrrad mit Gepäck. Am Ende des Tages war ich ziemlich erschöpft, aber ich merkte, dass sich mein Körper immer mehr an die Belastung gewöhnte. In Salzburg angekommen, kochte ich mir erst einmal eine Portion Nudeln bei meiner Schwester und fiel dann ziemlich schnell müde ins Bett.

Tag 5


An Tag fünf legte ich meinen ersten Pausetag während der Tour ein. Ich organisierte Bestellungen aus meinem Onlineshop, schnitt meine Kurzvideos fertig und gönnte mir am Nachmittag eine Sauna in einem Fitnesscenter in der Nähe von meinem Bruder. Das tat meinen Beinen richtig gut und half mir, mich gut zu regenerieren. Am Abend aßen wir noch einmal ausgiebig, und ich zeigte meinem Bruder die beiden Teile meiner letzten Radreise zum Nordkap. Danach fielen wir beide erschöpft ins Bett.  


Tag 4


Heute fuhr ich nach München zu meinem Bruder Mads. Ich spürte noch deutlich die lange Etappe vom Vortag in meinen Beinen. Carlos hatte mir am letzten Tag eine schöne Strecke am Lech entlang und auf dem AM-Radweg von Augsburg nach München empfohlen. Zwar war dies nicht die schnellste und flachste Route, aber sie bot den wenigsten Verkehr und ein wunderschönes Panorama. So fuhr ich über zahlreiche Hügel und konnte immer mehr die Alpen am Horizont erkennen. 

 

Etwa 20 Kilometer vor München machte ich eine kurze Pause und genoss ein Eis in der Sonne, die gerade hervorkam. Danach stand der letzte Abschnitt in Richtung München Obersendling an, um endlich meinen Bruder zu erreichen. Die letzten Kilometer waren wirklich anstrengend, da meine Knie durch die Belastung vom Vortag stark schmerzten. 

 

Um 14:30 Uhr kam ich schließlich in München an, freute mich über eine warme Dusche und leckeres Essen. Den Rest des Tages verbrachte ich mit Entspannen, schnitt meine Kurzvideos für die Reiseberichte und fiel schließlich müde ins Bett.  

Tag 3


Heute setzte ich meine Reise von Göppingen in Richtung Augsburg fort. Nach etwa 20 Kilometern traf ich auf einen anderen Radfahrer. Auch er hatte Packtaschen an seinem Fahrrad, war jedoch mit seinem Gravel Bike deutlich schneller unterwegs als ich mit meinem Schwerlast-Boliden. Trotzdem wollte er die Strecke nach Augsburg gemeinsam mit mir fahren. Die Zeit mit ihm war sehr angenehm. Wir unterhielten uns über Gott und die Welt. Jannik, 35 Jahre alt, arbeitete als Biochemiker bei Fraunhofer als KI-Integrator. Zuvor hatte er nach seinem Studium fünf Jahre in einem Startup mitgearbeitet, aber bald gemerkt, dass er mehr Entspannung im Beruf brauchte. Deshalb wechselte er zu einem großen Unternehmen wie Fraunhofer. Diese und viele andere Geschichten tauschten wir während der gemeinsamen Fahrt aus. 

 

Nachdem wir mehrere Stunden durch die hügelige Landschaft Süddeutschlands gefahren waren, kamen wir abends um 19:00 Uhr in Augsburg an. Am Abend zuvor hatte ich über Warmshowers, einer Plattform für Radreisende, einen Gastgeber kontaktiert und eine Zusage erhalten. Zunächst hatte ich mich jedoch in der Straße vertan und war in der Bismarckstraße in Augsburg gelandet. Erst als ich Carlos anrief, erfuhr ich, dass er in einem Vorort von Augsburg, ebenfalls in der Bismarckstraße, wohnt. Das bedeutete für mich nach über 125 Kilometern noch einmal 5 Kilometer weiterzufahren – und das merkte ich dann auch ordentlich in den Beinen. 

 

Als ich schließlich bei Carlos ankam, war er schon dabei, leckeres Essen vorzubereiten. Es gab Brot mit Aufstrich und Spiegelei, dazu Kartoffelsalat, Käse und Paprika. Während des Essens und auch danach führten wir noch zahlreiche Gespräche über allerlei Themen. Carlos leitet einen Waldkindergarten und arbeitet dort als Erzieher. Er ist ein sehr entspannter Mensch und freut sich immer, Menschen mit besonderen Geschichten bei sich aufzunehmen. Unsere Gespräche reichten von Radreisen über politische bis hin zu gesellschaftlichen Themen. 

 

Um 0:30 Uhr mussten wir dann ins Bett, weil Carlos am nächsten Morgen wieder zur Arbeit musste und ich meine Reise in Richtung München fortsetzen wollte. 

Tag 2



Heute bin ich aus Gemmingen aufgebrochen und wurde sofort von vielen Hügeln begrüßt. Mein Ziel war Stuttgart. Nach vielen Kilometern und einigen Höhenmetern, die ich deutlich in meinen Beinen spürte, kam ich schließlich in Stuttgart an. Bei einer kurzen Rast traf ich auf Spaziergänger, mit denen ich ins Gespräch kam. Der Mann des Pärchens fragte mich, wohin meine Reise führt. Als ich ihm meine Pläne erzählte, sagte er, dass er diese sehr gut findet und selbst aus der Nähe von Kapadokien stammt, durch das ich ebenfalls fahren möchte. Er gab mir noch einige wertvolle Tipps zur türkischen Kultur und der faszinierenden Landschaft. Nach diesem netten Gespräch setzte ich meine Reise fort, durch den Großraum Stuttgart in Richtung Göppingen. 

 

In Göppingen hoffte ich, endlich von den Vororten und Ausläufern Stuttgarts in eine ländlichere Gegend zu gelangen, aber leider war dem nicht so. Daher konnte ich auch nicht bei einem Bauernhof nachfragen, ob ich dort mein Zelt aufschlagen könnte. Eine Jugendherberge war ebenfalls nicht in erreichbarer Nähe. Da es inzwischen schon dunkel war, holte ich mir eine Portion Pasta bei Domino’s, um mir das Kochen im Dunkeln zu ersparen und direkt in meinen Schlafsack zu fallen. 

 

So machte ich mich auf den Weg zurück, ein Stück vor Göppingen zu einem Feld. In Google Maps hatte ich eine alte Jägerhütte entdeckt, die sich in einer Sackgasse auf einem Hügel über Göppingen befand. Dort wollte ich mein Zelt aufbauen, weil ich davon ausging, dass dort nicht viele Menschen vorbeikommen würden. Auf dem Weg dorthin begegnete ich zwei Spaziergängern mit Hund. Ich sprach kurz mit ihnen und nutzte die Gelegenheit, sie zu fragen, ob sie vielleicht einen guten Schlafplatz für mich wüssten. Die Frau bot mir an, in ihrem Garten zu übernachten. Sie sagte, ich solle zum 100 Meter entfernten Haus ihrer Familie gehen und dem Mann erklären, dass sie mir das erlaubt hatte. Der Mann war jedoch skeptisch und misstrauisch, als ich klingelte. Ich merkte schnell, dass er mit dem Plan seiner Frau nicht einverstanden war und mich weder im Garten noch im Haus haben wollte. 

 

Also setzte ich meinen Weg fort und machte mich auf den Weg zur Jägerhütte am Feldrand. Ich baute mein Zelt geschützt hinter der Hütte auf und konnte beim Aufbauen den klaren Sternenhimmel genießen. 

 

Am nächsten Morgen wachte ich früh um 6:30 Uhr auf, aß zwei Brote, die ich mir am Vortag beim Landwirt geschmiert hatte, und beobachtete, wie die Sonne langsam hinter dem Nebel und den Wolken im Tal der Hügel aufging. Diese besondere Gelegenheit nutzte ich, um die atemberaubende Szene mit meiner Drohne zu filmen. 


Tag 1


Heute bin ich aus Darmstadt aufgebrochen und kam gegen Mittag in Heidelberg an. Dort machte ich eine Mittagspause und schonte mein Knie ein wenig. Danach setzte ich meine Reise in Richtung Sinsheim fort. In Sinsheim kam ich am Technikmuseum vorbei und bewunderte die Concorde. Hinter Sinsheim, in Gemmingen, passierte ich einen Bauernhof. Dort lernte ich einen freundlichen Landwirt kennen und fragte ihn, ob ich auf einer seiner Wiesen mit meinem Zelt übernachten dürfte. Er stimmte sofort zu und ermöglichte mir sogar eine warme Dusche. Nach dem Duschen unterhielt ich mich noch nett mit seiner Mutter, die mich für den nächsten Morgen zum Frühstück einlud. Die Nacht war relativ mild. Am nächsten Morgen baute ich früh um 8:00 Uhr mein Zelt ab und ging zum Frühstücken zu dem Landwirt. Es war wirklich schön, mit der Familie über Gott und die Welt zu plaudern und viele interessante Geschichten zu hören.